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Ausgabe 5/2011

Gesundheit "Klarheit schaffen!"

Viele Mediziner verbünden sich, um die Versorgung ihrer Patienten zu verbessern. Doch mittlerweile haben sich Arzneimittelhersteller in diese Netzwerke eingekauft - mit ganz anderen Zielen.

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Heinrich Miks, Chef der Ärzte-Netze in Westfalen-Lippe, hatte eine freudige Nachricht für seine Kollegen. Man habe einen "Kooperationsvertrag" mit dem Pharma-Unternehmen Heumann geschlossen, schrieb Mediziner Miks. Dabei übernehme das Netzwerk "teilweise das Marketing für die Präparate von Heumann Pharma". Selbstverständlich sollen die Ärzte das nicht umsonst machen: "Die Einnahmen finden überwiegend für den Ausbau der Netzstrukturen Verwendung."

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Ärzte übernehmen die Reklame für eine Pharma-Firma und lassen sich dafür bezahlen?

Für Eckard Schreiber-Weber ein Unding. Der Hausarzt ist Vorsitzender eines bundesweiten Vereins von Medizinern, die unabhängig sein wollen von den Einflüsterungen der Industrie, keine Pharma-Referenten in ihre Arztpraxis lassen und keine Geschenke annehmen.

Die Ärzte haben ihren Verein MEZIS getauft. Es ist die Abkürzung für "Mein Essen zahl ich selbst". MEZIS-Chef Schreiber-Weber sieht bei Kooperationsverträgen wie denen von Miks die Gefahr, sich im Dickicht der Pharma-Lobbyisten zu verlieren. "Wie werden die Netze reagieren, wenn morgen ein Bestechungsskandal ihres Partners publik wird?"

Rund 400 Ärzte-Netze haben sich in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland gegründet. Der lose Verbund entsteht meist dadurch, dass sich 50 bis 100 niedergelassene Ärzte in einer Stadt oder einer Region zusammenschließen, um die Versorgung vor Ort zu verbessern.

Mit den Netzen lassen sich beispielsweise Behandlungen bei verschiedenen Fachärzten abstimmen und Fortbildungen organisieren. Das Gesundheitsministerium fördert die Zusammenschlüsse, weil es sich dadurch eine bessere Versorgungsqualität verspricht. Bundesweit sind inzwischen rund 30.000 Ärzte Mitglied in einem solchen Netz. Das entspricht rund einem Viertel aller niedergelassenen Ärzte.

Dabei ist es allerdings üblich geworden, dass sich die Praxisbünde von Konzernen sponsern lassen. Etwa um eine Sekretärin zu finanzieren oder um eine eigene Mitgliederzeitschrift starten zu können. Und die Pharma-Hersteller haben im Gegenzug erkannt, wie nützlich es sein kann, statt einzelner Ärzte gleich komplette Netze zu sponsern.

Vor allem die Hersteller günstiger Nachahmerpräparate, sogenannter Generika, buhlen um die Gunst der Mediziner. Da Generika bei den Wirkstoffen identisch sind, egal, ob sie von Heumann oder Sandoz hergestellt werden, versuchen die Firmen auch mit Gefälligkeiten für Ärzte, ihren Marktanteil zu vergrößern.

"Aut idem ankreuzen und Klarheit schaffen!"

Die Frage, in welcher Form Mediziner das Marketing wie in Westfalen-Lippe für die hauseigenen Präparate übernehmen, beantwortete Heumann ebenso wenig wie die, mit wie vielen Ärzte-Netzen das Pharma-Unternehmen zusammenarbeitet. Auch die Höhe der Geldzahlungen bleibt im Dunkeln.

In Westfalen-Lippe scheinen nur wenige Mediziner die merkwürdige Kooperation ihres Verbands mit Arzneimittelherstellern anstößig zu finden. Der dortige Netzwerker Miks schrieb sogar an seine Kollegen, dass "einige Netzvertreter weitere Kooperationsverträge" wünschen. Ende Juni 2009 konnte er Vollzug melden: "Wir sind dem nachgekommen und geben Ihnen hiermit TAD Pharma als unseren neuen Partner bekannt."

Auch hierbei würde ein "großer Anteil der Vertragsgewinne dem Aufbau Ihrer Netzarbeit vor Ort zur Verfügung stehen". Durch die Zusammenarbeit mit den Pharma-Unternehmen könnte es gelingen, schreibt Miks, "die Mitgliedsbeiträge gegebenenfalls auch ganz zu streichen".

Zuvor hatte einer von Miks' Kollegen schriftlich angeregt, im Ärzte-Netz Lippe gezielt die Präparate von zwei Firmen zu verordnen. Damit dürften "in unserem Netz Erlöse im fünfstelligen Euro-Bereich möglich sein. Natürlich wird die Teilnahme freiwillig sein", schrieb der Kollege, "aber nur teilnehmende Gesellschafter können von den Erlösen profitieren". Ärzte-Netz-Geschäftsführer Miks wollte allerdings ebenfalls keine Fragen zur Kooperation mit Pharma-Unternehmen beantworten.

Doch wie können Ärzte den Konzernen überhaupt eine Gefälligkeit erweisen? Gerade bei Generika bestehen doch heute Rabattverträge zwischen den Firmen und den Krankenkassen. Das heißt, dass am Ende der Patient das Medikament jener Firma bekommt, mit der seine Kasse einen solchen Vertrag geschlossen hat - unabhängig davon, welche Firma der Arzt auf das Rezept schreibt.

Allerdings findet sich schon im Schreiben des Mediziners Miks an seine Kollegen ein Hinweis, wie die Rabattverträge der Krankenkassen umgangen werden können. Zunächst wird darin für ein damals noch rezeptpflichtiges Magenmittel mit dem Wirkstoff Pantoprazol geworben, natürlich aus dem Hause "unseres neuen Partners" TAD. In dem Schreiben wird den Ärzten erklärt, was sie tun müssen, um TAD zu unterstützen: "Aut idem ankreuzen und Klarheit schaffen!"

TAD-Geschäftsführer Jure Kapetan lässt seine Assistentin lediglich per E-Mail mitteilen, "wir arbeiten mit Ärzte-Netzen zusammen". Ansonsten erklärt er nur recht allgemein: "Die Verschreibung von TAD-Produkten und das Setzen des ,aut-idem'-Kreuzes fördert die Kostensenkung in der Arzneimittelversorgung."

Das Kästchen "aut idem" findet sich heute auf jedem rosa Rezept, das ein Kassenpatient beim Arzt erhält. Es heißt übersetzt "Oder Gleiches" und bedeutet, dass erst der Apotheker diejenige Packung auswählen soll, die am günstigsten ist. Für den Patienten ist dies kein Nachteil, weil der Wirkstoff des Medikaments ja der gleiche ist, egal, welcher Firmenname auf der Packung steht.

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
alocasia 01.02.2011
1. Korruptes Pack
mehr fällt mir nicht mehr dazu ein. Aber das ist eines der größten Probleme des Gesundheitsystems. Die allgegenwärtige Korruption. Sicher kommen gleich wieder die Herren Mediziner und klagen wie sie alle am Hungertuch nagen, dass die Frau sich mit einem Boxter zufrieden geben muß anstatt einem Standesgemäßen 911 usw.
christoph. 01.02.2011
2. Legalisierte Korruption
Für das beschriebene Geschehen fällt mir der Begriff ein, den jemand im Zusammenhang mit den gerne genutzten "Anwendungsstudien" gebraucht hat, mit denen sich Ärzte gerne ein Zubrot verdienen: Legalisierte Korruption. Meine Achtung für die Ärzte, die sich diesem Treiben konsequent verweigern und für ihre Prinzipien einstehen. Viele sind es anscheinend nicht, umos mehr gilt ihnen meine Achtung. Und sämtliche Parteien schauen diesem Treiben zu.
christoph. 01.02.2011
3. Mediziner verbünden sich, um die Versorgung zu verbessern
Und wozu sich die Mediziner in den genannten Netzen "verbünden", das stelle ich mal zur Diskussion. Gute Kontakte sind halt immer von Vorteil für diejenigen, die sie haben. Bestenfalls ist das eine win-win-Konstellation, von der, hoffentlich, Patienten und Ärzte etwas haben.
wkilikidoo 01.02.2011
4. Was bitteschön ist daran neu?
Zitat von sysopViele Mediziner verbünden sich, um die Versorgung ihrer Patienten zu verbessern. Doch mittlerweile haben sich Arzneimittelhersteller in diese Netzwerke eingekauft - mit ganz anderen Zielen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,742691,00.html
Was bitteschön ist daran neu? Das weiß doch jeder der auch nur im Entferntesten mit dem Bund der Ärzte zu tun hat! Das geht seit Jahrzehnten so. Incentives, Golfen auf Hawaii, 1st Class Kreuzfahrten etc. Die Medizipreise sind doch nicht so horend hoch weil sie tatsächlich soviel kosten. Da ist Gewinn und 1st Class Behandlung aller Ärzte vom Volk schon finanziert.
mitbürger 01.02.2011
5. Röslers AMNOG und seine Folgen
Beispiele zur Verdeutlichung: - Wirkstoff-Verordnung von Omeprazol 40 mg Kapseln 98 Stück: Das Rabattarzneimittel von xxx-Pharma muss in der Apotheke abgegeben werden. - Wirkstoff-Verordnung von Omeprazol 40 mg Kapseln 100 Stück: Das Rabattarzneimittel von xxx-Pharma wird nicht in der Apotheke abgegeben. Der AOK-Rabattvertrag wird nicht wirksam, da die Verordnung hinsichtlich der Packungsgröße nicht mit dem Rabattarzneimittel von xxx- Pharma (98 Stück) identisch ist. - Wirkstoff-Verordnung von Omeprazol 40 mg Kapseln N3: Die kleinere der beiden N3-Packungen des Rabattarzneimittels von xxx- Pharma (56 Stück) muss in der Apotheke abgegeben werden. - Namentliche Verordnung von Omeprazol xxx-Pharma 40 mg Kapseln N3: Die kleinere der beiden N3-Packungen des Rabattarzneimittels von xxx- Pharma (56 Stück) muss in der Apotheke abgegeben werden. - Namentliche Verordnung von Omeprazol 40 mg Kapseln N3 eines anderen Herstellers: Das Rabattarzneimittel von xxx-Pharma wird nicht in der Apotheke abgegeben. Der AOK-Rabattvertrag wird nicht wirksam, da die Verordnung hinsichtlich der Packungsgröße nicht mit dem Rabattarzneimittel von xxx- Pharma (98 Stück) identisch ist. Bürokratiewahnsinn hoch drei. Danke Herr Rösler. Gutes Gesetz gemacht. Nicht umsetzbar in vielen Fällen. Viel Arbeit für Retax-Stellen und Rechtsanwälte.
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