AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2011

Internet Das chinesische Paket

Die Entstehungsgeschichte von WikiLeaks zeigt: Die ersten geheimen Daten und Dokumente, mit denen die Enthüllungsplattform 2006 startete, stammten aus einem Hackerangriff.

Von und

AFP

"Wir planen, einen neuen Stern am Firmament der Menschheit zu platzieren." Das sagt Julian Assange, er sagt es im Dezember 2006, kurz vor Weihnachten, er trägt dick auf, wie so häufig. WikiLeaks ist bereit, Assange ist bereit, und es scheint, als sei auch die Zeit bereit.

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Noch agiert Assange aus der Deckung. Im Oktober 2006 schickt er eine Mail an John Young, den Szene-Veteranen, der die Web-Seite "cryptome.org" betreibt, die ein ähnliches Ziel wie WikiLeaks hat: die Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten. Young kenne ihn "unter einem anderen Namen aus den Cypherpunk-Tagen", schreibt Assange. Er arbeite an einem Projekt, dessen Namen er noch nicht verraten wolle. "Es ist ein Projekt zum massenhaften Veröffentlichen geleakter Dokumente, das jemanden mit Rückgrat braucht, der die Domain registriert", erläutert Assange. "Wir erwarten, dass die Domain unter den üblichen politischen und rechtlichen Druck gerät." Er fragt Young direkt: "Wirst du diese Person sein?"

Assange hat sich für das Anschreiben die anonyme E-Mail-Adresse "anon1984 @fastmail.to" eingerichtet. Wie vieles bei ihm hat auch diese E-Mail-Adresse eine zweite Bedeutung: "1984" ist das Jahr, in dem George Orwells Buch über den allmächtigen Überwachungsstaat spielt. Young sagt zu und registriert am 4. Oktober 2006 die Adressen "wikileaks.org", "wikileaks.cn" und "wikileaks.info".

WikiLeaks harter Kern

Assange hat eine kleine Gruppe um sich geschart, einen ersten Kern von WikiLeaks. Nach außen behauptet er, WikiLeaks bestehe aus "22 Leuten, die direkt in das Projekt eingebunden sind". Tatsächlich besteht der harte Kern eher aus "fünf Freunden" und diversen Unterstützern. Dazu gehört eine alte Bekannte, die wie er aus Melbourne stammt und mit der er in verschiedenen sozialen Gruppen aktiv war. Der Polit-Aktivist Daniel Mathews aus Australien ist dabei, und schon damals gibt es jemanden aus Berlin, der Starthilfe leistet. Sogar seinen ebenfalls computerversierten Sohn fragt Assange, ob er sich einbringen wolle. Doch der Teenager lehnt ab, da er sich nicht vorstellen konnte, dass aus der Sache etwas würde, wie er später in einem Interview sagt.

Die Freunde träumen von einer "weltweiten Bewegung" von Informanten, die die Mächtigen bloßstellen werden, es scheint ihnen die effektivste Möglichkeit zu sein, politischen Einfluss zu erlangen. Bei dem linken Kollektiv riseup.net in Seattle richten sie eine interne Mailing-Liste ein. Es ist darauf spezialisiert, sicheren Mail-Verkehr für Aktivisten anzubieten. Die Angst vor Überwachung ist von Anfang an allgegenwärtig. In jeder Rundmail wird darauf hingewiesen, man möge bitte den Namen "WikiLeaks" nicht ausschreiben, sondern nur das Kürzel WL verwenden - damit soll verhindert werden, dass die amerikanischen Überwachungsbehörden die Post automatisiert mitlesen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass WikiLeaks bereits in das Visier der Behörden geraten ist, aber eine Prise Verschwörungstheorie ist von Anfang an Teil des Projekts.

In jenem Winter Ende 2006 formt sich der Charakter der Gruppe, der sich bis heute kaum verändert hat. WikiLeaks ist keine Organisation im herkömmlichen Sinn, mit festen Orten und Strukturen, sondern eher ein Netz von Einzelpersonen rund um die Welt, deren Aktivitäten am Computer stattfinden und die sich über Mails und Chat-Räume absprechen. Persönliche Treffen sind nicht vorgesehen und eher selten. Das erleichtert es Assange, intern wie extern den Eindruck zu vermitteln, dass die Organisation größer ist. Unter anderem operiert er dafür mit verschiedenen Pseudonymen.

Die Rolle Daniel Mathews'

Assange sagt heute, die zweite wichtige Figur neben ihm sei Daniel Mathews gewesen. Tatsächlich bringt Mathews etwas mit, das Assange nicht hat: Er ist klar im klassischen politischen Spektrum verankert, er ist ein überzeugter Linker.

Wie Assange stammt Mathews aus Melbourne, aber er ist kein Programmierer, sondern Mathematiker, der mehrmals für Australien an der Mathematik-Olympiade teilnahm und heute Assistenzprofessor am Boston College ist. Die beiden kennen sich aus der Universität, von MUMS: der Mathematischen und Statistischen Gesellschaft der Universität Melbourne. Mathews ist Präsident, Assange Vize.

Mathews steht nicht für den Nerd-Flügel, sondern für den gesellschaftspolitischen Ansatz bei WikiLeaks, der sich mit Menschenrechten beschäftigt. 2006, in der Gründungsphase von WikiLeaks, studiert er an der Universität in Stanford, in den USA, wo er 2009 seinen Abschluss machen wird.

Als Student ist er politisch aktiv. Er brandmarkt das Gefängnislager in Guantanamo als einen "Hafen für Menschenrechtsverletzungen" und ruft seine Kommilitonen in Stanford bei einer Demonstration auf dem Campus öffentlich dazu auf, sich gegen den Irak-Krieg zu engagieren: "Ich bitte euch, nicht passiv zu sein, sondern etwas zu tun - und damit ist nicht gemeint, die Demokraten zu wählen. Arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation mit oder lest die Dokumente auf WikiLeaks!"

Mathews träumt von einer besseren Welt, er liest sozialistische und anarchistische Literatur, Michail Bakunin, Noam Chomsky, Daniel Guerin, und als am 21. April 2006 der damalige US-Präsident George W. Bush nach Stanford kommen will, beteiligt sich Mathews an einer Sitzblockade. Die Knüppel der Polizei gehen auf die Studenten nieder, auch Mathews wird getroffen, aber am Ende gelingt es ihnen, den Auftritt von Bush zu verhindern. Mathews empfindet das als großen Erfolg, und als er gefragt wird, ob er sich bei WikiLeaks beteiligen möchte, sagt er zu.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
genugistgenug 01.02.2011
1. .
---Zitat--- "Wir planen, einen neuen Stern am Firmament der Menschheit zu platzieren." Das sagt Julian Assange, er sagt es im Dezember 2006, kurz vor Weihnachten, er trägt dick auf, wie so häufig. WikiLeaks ist bereit, Assange ist bereit, und es scheint, als sei auch die Zeit bereit.http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,742723,00.html ---Zitatende--- das ist nicht dick aufgetragen, das nennt man Ideen und die Tragweite hat er immerhin damals bereits erkannt. Wie sagte man ein Dichter (ungefähr) 'in einer zugigen Dachkammer, im tiefen Winter kann eine Schreibfeder die Welt in Brand versetzen' Das war SaintEx und so wie ich es sehe, hatte er mit der Dachkammer recht. United we conquer - *'I'm a democrat - I'm WikiLeaks'* picture (artwork) found on http://wp.me/PTfDT-1h
-mowgli- 01.02.2011
2. ...
---Zitat--- Deshalb wird Assange nur eine Handvoll Dokumente aus dem "chinesischen Paket" verwenden. Der Rest ist bis heute unter Verschluss. ---Zitatende--- Nachdem Assange selbst eingesteht auch andere Daten zu verheimlichen, scheint ein besonderes Kalkül dahinter zu stecken. Oder er hält die Öffentlichkeit für zu unreif für diese Informationen. Die Leute und Organisationen, die er damit vermeintlich deckt, wird es freuen.
chatter 01.02.2011
3. Manchen kann man es nie recht machen...
Zitat von -mowgli-Nachdem Assange selbst eingesteht auch andere Daten zu verheimlichen, scheint ein besonderes Kalkül dahinter zu stecken. Oder er hält die Öffentlichkeit für zu unreif für diese Informationen. Die Leute und Organisationen, die er damit vermeintlich deckt, wird es freuen.
Würde WL alles veröffentlichen, so würden sie Informanten gefährden und dafür kritisiert werden. Tun sie es nicht, werden sie dafür kritisiert. Sie haben sich dafür entschieden, das zu tun, was sie im Einzelfall mit ihrem Gewissen vereinbaren können und für richtig halten. C
hokie 01.02.2011
4. ...
Zitat von genugistgenugdas ist nicht dick aufgetragen, das nennt man Ideen und die Tragweite hat er immerhin damals bereits erkannt. Wie sagte man ein Dichter (ungefähr) 'in einer zugigen Dachkammer, im tiefen Winter kann eine Schreibfeder die Welt in Brand versetzen' Das war SaintEx und so wie ich es sehe, hatte er mit der Dachkammer recht. United we conquer - *'I'm a democrat - I'm WikiLeaks'* picture (artwork) found on http://wp.me/PTfDT-1h
Ich bin Demokrat aber gegen Wikileaks und deren Methoden und mit Sicherheit nicht alleine! Daher argumentative Sackgasse! btw jeden parkenden Prius den ich mit diesem Sticker an der Stossstange sehe bekommt beim Ausparken einen freundlichen Gruss von mir ...
-mowgli- 01.02.2011
5. ...
Zitat von chatterWürde WL alles veröffentlichen, so würden sie Informanten gefährden und dafür kritisiert werden. Tun sie es nicht, werden sie dafür kritisiert. Sie haben sich dafür entschieden, das zu tun, was sie im Einzelfall mit ihrem Gewissen vereinbaren können und für richtig halten. C
Es zeigt die Beliebigkeit der Argumente. Wenn die USA Dokumente unter Verschluss halten, dann wollen diese natürlich Verbrechen vertuschen. Wenn Assange Dokumente unter Verschluss hält, dann ist das natürlich ein gewissenhaftes Verhalten. Zumindest ist mal das Märchen vom Tisch, dass WL alle Daten veröffentlicht. Assange wird schon wissen warum er bei einigen Staaten und Organisationen kneift.
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