AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2011

Justiz Einmal Paris und retour

Über viele Monate ermittelte die Münchner Kripo gegen den libyschen Herrschersohn Saif al-Arab al-Gaddafi. Es ging um den Verdacht des Besitzes und des Schmuggels von Waffen. Doch die Staatsanwaltschaft bremste die Polizisten - und stellte das Verfahren ein.

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Der Auftrag ereilte die Sicherheitsfirma plötzlich und galt als streng vertraulich. Dokumente sollten nach Paris gefahren werden, in die Avenue Montaigne, Hôtel Plaza Athénée. In einer Novembernacht 2007 wurde auf dem Hinterhofparkplatz einer Pizzeria in München-Ost eine Reisetasche verladen. Der Chef des Security-Unternehmens stellte persönlich das Gepäck in den Kofferraum eines BMW 760Li.

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Heft 6/2011
Ägyptens Kampf um die Freiheit

Die Tasche war erstaunlich schwer. Misstrauisch zog der mit der Tour beauftragte Fahrer den Reißverschluss auf. Nach Zeugenaussagen sollen darin keine Dokumente gewesen sein, sondern ein vollautomatisches Gewehr der Marke Heckler & Koch, ein silberfarbener Revolver, lose Munition sowie rund 200 schlechte Imitate von Rolex-Armbanduhren. Und mindestens so heikel wie die Fracht war der Auftraggeber des Transports: Saif al-Arab Muammar Mohammed al-Gaddafi, 29, ein Sohn des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi.

Die Fahrt in der auf die Libysche Botschaft in Berlin zugelassenen Limousine, so steht es in den Akten der Münchner Staatsanwaltschaft, endete offenbar wie gewünscht: Am folgenden Nachmittag soll die Tasche im Plaza Athénée abgeliefert worden sein, Gaddafi-Sohn Saif al-Arab und ein Kumpan namens Drago G. sollen sie in Empfang genommen haben.

Der Chauffeur berichtete ihnen, dass er unterwegs vom französischen Zoll angehalten worden sei, das Botschaftsfahrzeug aber nicht durchsucht wurde. Über den Zwischenfall, behaupten Zeugen, sollen Gaddafi und Drago G. nur gelacht haben. Noch im Hotelzimmer soll der Fahrer, so steht es in Protokollen, Gaddafi erklärt haben, er werde sich künftig weigern, Waffen für ihn zu transportieren.

Fünf Monate später bekamen Beamte des Polizeipräsidiums München einen Tipp wegen internationalen Waffenschmuggels. Der Informant nannte den Auftraggeber des angeblichen Transports, Saif al-Arab al-Gaddafi, sowie Mitwisser mit Namen und Adressen.

Gaddafis Sohn genießt das Münchner Nachtleben

Die Beamten hielten den Zeugen für glaubhaft, die Sache galt als dicker Fisch. Es gab den Verdacht, dass das angebliche Sturmgewehr und der Revolver nicht die einzige heiße Ware war, die Security-Leute möglicherweise ins Ausland geschafft haben sollen.

Doch mit den Monaten erwies sich der Fang als zu groß für die Münchner Kripo. Das Verfahren geriet unter Beobachtung diplomatischer Kreise. Im Kanzleramt, im Auswärtigen Amt und im bayerischen Innenministerium hätten sich zwei Dutzend Beamte mit den explosiven Vorwürfen befasst, so heißt es intern, die Angelegenheit galt als "heikel, elektrisierend und gefährlich". Und sie sollte streng geheim bleiben. Das Kanzleramt teilte mit, der Fall sei dort nicht bekannt.

Saif al-Arab al-Gaddafi lebt seit Jahren in München, hat sich 2006 an der Technischen Universität eingeschrieben, doch ob und was er dort lernt, bleibt im Ungefähren. Deutlich mehr Spuren hinterlässt er im Nachtleben der Stadt. Umgeben von breitschultrigen Bodyguards und umschwärmt von eher zwielichtigen Freunden, genießt er das leichte Leben.

Was der prominente Spross abseits von Hörsälen und Discotheken in der Landeshauptstadt treibt, darüber gibt es unter den Sicherheitsorganen unterschiedliche Ansichten. Die Staatsanwaltschaft München I stellte das Verfahren gegen den Libyer und fünf seiner Begleiter Ende 2009 überraschend ein - ohne den Gaddafi-Sohn je vernommen zu haben. Von einer Telefonüberwachung bei ihm hatte man ebenfalls abgesehen. Die Begründung: Es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht.

Offiziell möchte man sich aber weder in den Bundesbehörden noch im bayerischen Innenministerium zu den heiklen Ermittlungen äußern.



insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
McWeb 07.02.2011
1. Einige sind gleicher
Langsam langweilen die ganzen SPON-Geschichten, die doch immer wieder zeigen, dass Normen und Gesetze zwar für die meisten Menschen, aber längst nicht für alle gelten.
haviii 07.02.2011
2. "who cares"
40-50 Edelsturmgewehre von H&K. Hahahaha ich lach mich tot. Da ist soviel Marge drauf wie auf 0,5 kg Kokain. Wird hier eigentlich überhaupt gar nicht mehr recherchiert? Ist doch klar warum die Staatsanwaltschaft einstellt: Wegen Nichtigkeit.
schwester arno 07.02.2011
3. .
Zitat von haviii40-50 Edelsturmgewehre von H&K. Hahahaha ich lach mich tot. Da ist soviel Marge drauf wie auf 0,5 kg Kokain. Wird hier eigentlich überhaupt gar nicht mehr recherchiert? Ist doch klar warum die Staatsanwaltschaft einstellt: Wegen Nichtigkeit.
Sicher? Oder ist es nicht eher das Beispiel Schweiz was zum eingelenken gebietet?
ratem 07.02.2011
4. Bananenrepublik ...
Falls es nicht laengst jedem klar war ... Deutschland ist laengst eine Bananenrepublik geworden. Falls Hr.G. diplomatischen Schutz geniesst, kann er zwar (leider) nicht verfolgt werden, dann gehoert er aber ausgewiesen ... sofort. Geniesst er diesen Schutz nicht, gehoeren seine Taten verfolgt UND bestraft. Aber offenkundig hat man Angst, Hr.G. koennte damit zum Ausloeser diverser Geiselnahmen von deutschen Staatsbuergern in Hr.G.s Heimatland werden ... mit Blick auf das, was Schweizern in Lybien passiert ist, ein betraechtliches Risiko. Was lernen wir daraus? ... Deutschland offenkundig nichts.
Meer$chwein 07.02.2011
5. ...
Warum München? Vermutlich aus dem Grund, weil dort seit der Ära Strauß alles wie geschmiert läuft. Offenbar genügt manchen ein Abendessen als Belohnung für besondere Dienste, was da die wirklich wichtigen Personen als Präsent bekommen, will ich gar nicht wissen. Die Hintergründe wären interessant und nicht der Schlagstock im Kofferraum.
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