AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2011

Psychopathologie Unwucht der Seele

Warum sind fast alle Psychopathen männlich? Eine Berliner Psychologin hat deutsche Frauengefängnisse besucht. Ihr Befund: Auch Frauen sind vor dieser schweren Persönlichkeitsstörung nicht gefeit. Doch gelingt es ihnen besser, ihre Seelenkälte zu verbergen.

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Irgendetwas stimmte nicht mit dieser jungen Frau. Schon nach der ersten Begegnung hatte der Psychiater Hervey Cleckley bei seiner Patientin Roberta eine gewisse seelische Verwahrlosung ausgemacht.

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Heft 6/2011
Ägyptens Kampf um die Freiheit

In mehreren Gesprächen fiel ihm besonders die Willkür auf, mit der Roberta ihre Entscheidungen fällte. Selbst Angelegenheiten von größter Tragweite behandle sie wie "ein Mensch, der in den Spiegel guckt und dann spontan beschließt, zum Friseur zu gehen".

Verzweifelt hatten Robertas Eltern den Nervenarzt um Rat gefragt. Ihre Tochter hatte sie an den Rand des finanziellen Bankrotts und des seelischen Zusammenbruchs gebracht. Roberta fälschte Schecks, log das Blaue vom Himmel herunter und riss immer wieder von zu Hause aus.

"Ich verstehe dieses Mädchen einfach nicht", klagte der Vater. "Es ist nicht so, dass Roberta absichtlich Böses täte. Sie kann dir nur geradeheraus ins Gesicht lügen und scheint doch völlig mit sich im Reinen zu sein."

Auch die Mutter war verwirrt: "Sie hat die herzigsten Gefühle, aber die zählen nicht viel. Sie ist nicht herzlos, aber alles bei ihr geschieht an der Oberfläche."

Rätselhafte Seelenkälte

"So ein Mädchen kann sich und anderen mehr Schaden zufügen als ein durchschnittlicher Patient mit Schizophrenie", urteilte Cleckley. Der Gelehrte war unsicher, ob eine Einweisung in die Psychiatrie geboten sei: "Es kann kaum gesagt werden, ob sie in einer Anstalt sicherer ist oder ob man sich besser zu Hause um sie kümmert."

Cleckley wusste damals nicht, dass eine Art Blaue Mauritius der Psychopathologie vor ihm auf der Couch lag. Sein Bericht aus dem Jahr 1941 gilt heute als erste Fallstudie einer Psychopathin in der Geschichte der Psychiatrie. Wenig neue Erkenntnisse sind seitdem hinzugekommen.

Das Innenleben des männlichen Psychopathen ist vergleichsweise gut ausgeleuchtet. In großer Zahl bevölkern Betroffene dieser wohl dramatischsten aller Persönlichkeitsstörungen die Gefängnisse - bis zu 25 Prozent der Insassen sind nach Einschätzung von Experten Psychopathen.

Wie aber steht es um die Frauen? Sind sie gefeit davor, zu emotionslosen Monstern zu werden? Und falls es doch Psychopathinnen gibt - wie sehen sie aus?

Als hervorstechendes Merkmal der Psychopathen gilt ihre rätselhafte Seelenkälte: Sie verhalten sich gewissenlos und können Gefühle wie Angst oder auch Freude überhaupt nicht nachvollziehen. Selbst nach schlimmsten Verbrechen quält diese Menschen kein Funken Reue.

"Die Psychopathin stellt ein schwarzes Loch der Wissenschaft dar"

Auch Strafe fürchten sie nicht, weil sie keine Angst empfinden. Und doch sind sie Meister darin, die Erwartungen ihrer Umwelt zu erkennen und zumindest vordergründig zu bedienen. Die Kombination dieser Eigenschaften macht den prototypischen Psychopathen zu einem gefährlichen, antisozialen Raubtier.

Von männlichen Psychopathen ist bekannt, dass sie Gesprächspartner mit viel Charme um den Finger wickeln. Sie sind extrem auf Kontrolle und Machtausübung erpicht, können ihre Impulse aber nur schwer unter Kontrolle halten.

Trotzdem wird keineswegs jeder Psychopath zum Mörder. Die meisten fallen eher durch Betrug und Manipulation auf. Nur wenn sich die Vereisung der Seele mit einer krankhaften Neigung zum Sadismus verbindet, regt sich im Psychopathen die Mordlust.

Ist all das der weiblichen Seele fremd, oder tritt es nur weniger offensichtlich zutage?

"Die Psychopathin stellt ein schwarzes Loch der Wissenschaft dar", sagt die Berliner Psychologin Anja Lehmann von der Freien Universität Berlin. Diese Lücke wollte sie nun gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern schließen. Lehmann machte sich daran, in deutschen Frauengefängnissen das Profil der prototypischen Psychopathin zu erstellen - "ein zumindest in Deutschland bislang einzigartiges Projekt", urteilt die Berliner Psychologin Angela Ittel.



insgesamt 131 Beiträge
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simie 11.02.2011
1. .
Interessanter Artikel. Jedoch ist es etwas befremdlich gerade einen Fall, welcher derzeit noch verhandelt wird und bei dem viele Fragezeichen (auch und gerade über die Aussagekraft der Indizien und dem Verhalten der Staatsanwaltschaft/Polizei) offen sind, als Aufhänger zu verwenden. Auch widersprechen sich die Aussagen über das Verhalten der Angeklagten beim Schuldspruch in diesem Artikel im Vergleich zu anderen Medienberichten. Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein prominenter und aktueller Fall genommen wird, um den Artikel etwas mehr "Pfeffer" zu verpassen. Ist so etwas nötig?
egils 11.02.2011
2. naja...
Alaso bei Faru Know, handlet es sich ja wohl eher um einen typus der medien-psychopathin, oder? ich bin ja kein fachmann, aber das wa scih bisher mitbekommen habe, da waren es wohl eher die medien, die diesen unsinn ueber "eiskalte Augen" und das"Eisengel"-geschwaetz verbreitet haben. Vieleicht haben sie damit auch eine faire Verhandlung zunichte gemacht, aber auch ddies weiss ich nateurlcih nicht. Dennoch gab oder gibt es gerade in diesem fall so viele Ungereimtheiten, dass man schon vorsichtig sein sollte mit frau Knox' buldern eine Psychopathinnen-Artile zu "aschmuecken", meinen sie nicht?
sivalovic 11.02.2011
3. ..
und was ist jetzt mit roberta passiert?
a.weishaupt 11.02.2011
4. Karla Watch
Bezeichnend, dass überhaupt der Gedanke aufkommt, das "Frauentum zu verunglimpfen" durch die Betrachtung der Realität. Der Fall Karla Homolka & Paul Bernardo ist nur einer von etlichen, die zeigen, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Andere Beispiele sind Cameron und Janice Hooker (Komplizin verlässt das Gericht als freier Mensch) oder Mary Winkler (erschießt ihrem Mann im Schlaf mit der Schrotflinte und wird auf der Basis von absurden Behauptungen im Prinzip von jeglicher Verantwortung freigesprochen). Inzwischen haben Öffentlichkeit und Medien allerdings vielfach den Braten gerochen und wehrten sich z.B. mit einer "Karla Watch" genannten Kampagne gegen das unerkannte Weiterleben von Homolka mit einer neuen Identität..
carlosowas, 11.02.2011
5. Seelsorger und Psychiater
Die Methoden dieser Psychiater sind allerdings antiquiert und für einen Laien keineswegs verschieden von denen der sog. Seelsorger (vgl. etwa Ohrenbeichte mit der Freudschen Couch), die schon seit Jahrtausenden tätig sind und die Menschen vor allem tyrannsiert haben. Unterschied: die einen versprechen das Paradies auf Erden, die anderen das Paradies im Jenseits. Viele Menschen werden durch sie noch mehr verkorkst als sie vorher schon waren.
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