AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2011

Bildung "Ohne Üben geht nichts"

Die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich über die pädagogischen Ratschläge der Bestseller-Autorin Amy Chua und das gestörte Verhältnis deutscher Eltern zur Leistung

DPA

SPIEGEL: Das Buch der US-chinesischen Professorin Amy Chua, die mit Strenge ihre Töchter zu musikalischen Höchstleistungen treibt, hat auch in Deutschland gewaltige Aufregung und entsetzte Abwehr ausgelöst. Warum eigentlich?

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Elschenbroich: Die Hellhörigkeit in der Leistungsfrage liegt schon länger in der Luft. Ich bekomme viele Anfragen von verunsicherten Eltern. Sie klagen über den enormen Leistungsdruck, der um sie herum aufgebaut werde - angeblich immer von den anderen Eltern. Da ist es natürlich beunruhigend, wenn diese moderne Mutter so vehement in die Förderung ihrer Kinder einsteigt.

SPIEGEL: Aber vieles davon ist doch Drill, der den Kindern aufgezwungen wird.

Elschenbroich: Da ist viel westliche Abwehr dabei. Übrigens gibt es in China heute durchaus eine Diskussion, den Kindern Spielräume zu verschaffen und kreative Möglichkeiten. Zum anderen gilt: Dass geübt werden muss, um es zu etwas zu bringen, ist eine Einsicht, der man sich schwer verschließen kann.

SPIEGEL: Wir sollen also das Büffeln rehabilitieren?

Elschenbroich: Wenn man zuguckt, mit welcher Beharrlichkeit Einjährige das Laufen üben, können Eltern sich vor Augen führen: Ohne Üben geht eben nichts. Man braucht mindestens 10.000 Stunden, um in einem Sport oder an einem Instrument souverän zu werden.

SPIEGEL: Sollten sich deutsche Eltern die chinesischen zum Vorbild nehmen?

Elschenbroich: Vor allem sollten wir überhaupt mehr auf die Eltern schauen. Frau Chua lässt sich ein auf die Förderung ihrer Kinder und nimmt es in Kauf, unbeliebt zu sein. Das fällt uns als Eltern schwer, weil wir immer populär bei unseren Kindern sein wollen - oft aus eigener Bedürftigkeit. Keiner möchte als Eislaufmutti verschrien werden. Obwohl wir alle mit unseren Kindern durchaus ehrgeizig sind, verstecken wir das - ein Eiertanz, der viel Energie kostet.

SPIEGEL: Es wäre besser, wenn deutsche Eltern sagten: "Ich will, dass du Einsen schreibst?"

Elschenbroich: Es geht ja nicht in erster Linie um die Schule, auch bei Frau Chua nicht. Ich weiß nicht, ob es Angst ist oder Bequemlichkeit: Aber der Versuch, den Kindern nicht als autoritärer Vater oder als fordernde Mutter gegenüberzutreten, nimmt den Eltern manchmal die Kraft der Vision, was ihr Kind schaffen kann.

SPIEGEL: Frau Chua ist Juraprofessorin an der Elite-Uni Yale. Sie hält Vorlesungen, betreut Studenten, dazu übte sie den halben Tag mit ihren Mädchen Geige und Klavier. Sind das die Anforderungen an die moderne Mutter?

Elschenbroich: ...und nebenbei hat sie auch noch zwei Bücher geschrieben, von denen eins in sechs Sprachen übersetzt ist. Kinder können enormen Druck eher akzeptieren, wenn sie sehen, dass es sich die Erwachsenen auch nicht bequem machen.

SPIEGEL: Welche Mutter, welcher Vater kann neben dem Beruf so viel Zeit aufbringen?

Elschenbroich: Worauf Frau Chua wahrscheinlich verzichten musste, ist das Wellness-Wochenende mit ihren Freundinnen. Aber sie hat auch etwas gewonnen dabei: Sie hat eine spannende Materie, nämlich die Musik, für sich erschlossen. Und sie beschreibt gemeinsame Glücksmomente mit den Töchtern.

SPIEGEL: Was unterscheidet Frau Chua von der vom Ehrgeiz zerfressenen Eislaufmutter, die ihre Kinder zum Erfolg schindet?

Elschenbroich: Auf den ersten Blick nichts. Aber sie braucht ihre Kinder nicht, um eigene, unerfüllte Karriereträume zu delegieren. In einer Hinsicht habe ich allerdings ein anderes Kinderbild als sie: Chua glaubt, Kinder seien von Natur aus faul. Ich glaube, Kinder suchen gar nicht immer die Bequemlichkeit. Kinder sind aktive, erkenntnishungrige Wesen. Darauf sollten Eltern aufbauen und später dann nicht alles der Schule überlassen.

SPIEGEL: Aber viele Eltern quälen sich doch schon jetzt mit Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung.

Elschenbroich: Die Eltern werden zu Hilfslehrern, weil die Erwartungen an die Leistung in der Schule gestiegen sind. Frau Chua hingegen hat sich Bildungsziele selbst gesetzt und lebt sie mit. Da kommt etwas in Gang zu Hause.



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insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
Gabri, 09.02.2011
1. Titel
Freut mich, dass das Amy-Chua-Buch ausnahmsweise nicht völlig zerrissen wird. Hört sich vielleicht komisch an, aber ich fand es ungemein rührend wegen seiner gnadenlosen Ehrlichkeit und ich muss zugeben, dass ich viele von Chuas Ansichten teile. Die vielleicht beste ist mMn, dass man seinen Kindern niemals gestatten darf aufzugeben. Auch bin ich der Meinung, dass sich Eltern nie zu viel um ihre Kinder kümmern können, nur zu wenig. Die Art des Kümmerns ist durchaus diskutabel. Da ist Chua bestimmt kein Vorbild in der Wahl ihrer Mittel und in der Auswahl ihrer Ziele. Dennoch bleibt ihre Hingabe an ihre Kinder, ihr Selbstanpruch an Pflichterfüllung, ihr vorausschauendes generationübergreifendes Denken in Bezug auf Bildung und Erziehung bewundernswert.
vatervontheoundgreta 09.02.2011
2. ohne üben geht nichts
Ich glaube wirklich, dass einige nicht mehr ganz bei Trost sind. Also zunächst das Wichtigste für Kinder: Liebe! Dann kommt: Erziehen ohne Angst! Dann kommt: Eigenes Denken fördern, Dinge und Regeln hinterfragen, und vieles mehr. Und dann erst kommt: Üben. Guten Abend noch.
Rosgiles 09.02.2011
3. Au weia
Was mich am meisten bei solchen Debatten nervt, ist das häufige "Entweder/Oder-Denken", das letzendlich recht dümmlich wirkt. Vielleicht vermuten manche "Experten", sie können sich selbst und ihre Meinungen besser verkaufen, wenn sie nur eine Extremposition vertreten. Es ist vermutlich für den eigenen Experternprofil nicht so gut, wenn man eine gesunde Mischung aus Liebe, Förderung, der nötigen Strenge, Grenzen, Raum fürs Träumen und Spielen, Spaß, Unterstützung und einem gelegentlichen (sinnbildlichen) Arschritt empfiehlt. Viel zu langweilig und unpolemisch... :-/ Was diese Frau Elschenbroich betrifft: Bei mir lässt ihre Vermeidung und Verharmlosung von manch kritischen Aspekten ein übles Nachgeschmack hinter. Zum Beispiel: "SPON: Sie loben Frau Chua sehr. Aber beispielsweise die Drohung, Stofftiere zu verbrennen, wenn die Tochter nicht richtig übt, ist doch sehr drastisch. Elschenbroich: Ach, da praktiziert Chua doch bloßen Verbalradikalismus...." Da müsste ich fast lachen, wenn es nicht so schlimm wäre. Jeder, der ein einigermaßen sensibles (Klein)kind hat, und der selbst nicht völlig abgestumpft oder gefühlskalt ist, wird wissen, wie verstörend eine solche Drohung - von der eigenen Mutter oder eigenem Vater - wirkt. Und so was sollte in Konfliktsituationen wohl regelmäßig aus der Trickkiste geholt werden... (?) Danke, "Frau Expertin", für diese kompetente Einschätzung. Tut mir leid um dem Sarkasmus... Und ansonsten einen schönen Tag allerseits.
wanderprediger, 09.02.2011
4. Donata Elschenbroich - eine qualifizierte Kindheitsforscherin
Zitat von sysopDie Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich über die pädagogischen Ratschläge der Bestseller-Autorin Amy Chua und das gestörte Verhältnis deutscher Eltern zur Leistung http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,744032,00.html
Aus Spiegel: Elschenbroich: Mir geht die Unterstellung auf die Nerven, dass Kinder es immer lustig haben wollen. So viel lachen Kinder gar nicht. Oh doch, nur nicht bei ihnen Frau Donata Elschenbroich. Überlegen sie mal warum. Wie wäre es mit Leistung und Lachen?
Meer$chwein 09.02.2011
5. ...
Die goldene Mitte zwischen Drill und "Lob um jeden Preis" ist vermutlich der richtige Weg. Außerdem müssen die Eltern authentisch bleiben. Nur die Supermutti spielen bringt es nicht, da Kinder solch ein Schauspiel spätestens in der Pubertät durchschauen.
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