Von Manfred Dworschak
Dieser Computer muss auf wahrlich verzwickte Fragen gefasst sein: Was begann am 4. November 1979 und dauerte 444 Tage? Für welchen Beweis ist der heilige Anselm berühmt? Welche Büroartikel heißen in Frankreich ihrer Form wegen auch Posaunen*?
Einen gewöhnlichen Computer überfordert schon die Frage, wie spät es ist; er hat von natürlicher Sprache keine Ahnung. Watson dagegen schlägt sich, nach vier Jahren Vorbereitung, beängstigend gut. Mitte Januar gewann er bereits ein Test-Match gegen seine beiden Kontrahenten Ken Jennings und Brad Rutter.
"Der Essenz menschlichen Sprachvermögens kommen wir nicht näher"
Im Jahr 1997 verfiel die halbe Welt in Trübsal, nur weil Schachweltmeister Garri Kasparow gegen Watsons Vorfahr "Deep Blue" verlor. Droht nun dem Menschengeschlecht eine weit schlimmere Kränkung? Damals ging es nur um das schnöde Vorausberechnen von Zügen. Diesmal steht viel mehr auf dem Spiel: die Sprache, Daseinsform und Gefäß des Denkens.
Was bedeutet es, wenn Watson gewinnt? Kann ein Computer, der eine solche Show bestreitet, mit seinen Nutzern bald auch über sinnvolle Geldanlagen, Fragen der Kindererziehung oder das Wetter am Urlaubsort parlieren?
Damit ist nicht zu rechnen. "Der Essenz menschlichen Sprachvermögens kommen wir damit leider nicht näher", meint der Saarbrücker Computerforscher Hans Uszkoreit, ein Experte für maschinelle Sprachverarbeitung. Und die meisten Fachleute sehen das ähnlich.
Seit Jahrzehnten streben Forscher weltweit nach "Künstlicher Intelligenz" (KI), aber die Computer wurden immer nur besser und schneller im Berechnen. Auch Watsons Chefkonstrukteur David Ferrucci hütet sich, von menschenähnlicher Intelligenz zu sprechen.
Watson vergleicht lediglich eine Unzahl gespeicherter Muster
Watson ist eine famose Suchmaschine, die sich rasend schnell durch gewaltige Textmassen frisst: Seine Speicher sind gefüllt mit Romanen, Zeitungen, Faktensammlungen aller Art und der gesamten Wikipedia. Der Bestand umfasst 200 Millionen Seiten, großteils aus dem Internet eingesogen. Binnen Augenblicken kann der Computer das alles durchwühlen. Er sucht dabei nach Textpassagen, die ähnlich formuliert sind wie die Rätselaufgabe - mit Glück lässt sich darin dann auch der gesuchte Begriff aufspüren.
Anders als seine menschlichen Gegner vergleicht Watson nur eine Unzahl gespeicherter Muster - das aber mit imposanter Findigkeit. Der Kandidat kann dafür auf mehrere Unterprogramme und Hilfsmodule zurückgreifen; er nutzt ein Potpourri der besten gängigen Methoden aus der automatischen Sprachverarbeitung. Für das nötige Tempo sorgen 2880 Prozessoren, verteilt auf zehn Rechenschränke.
Mit diesem gewaltigen Aufgebot täuscht Watson über seinen mangelnden Sprachverstand hinweg. Er mag herausfinden, dass es sich bei dem gesuchten Utensil in Posaunenform um eine Büroklammer handelt. Aber er verbindet keine Vorstellung mit diesem Wort. Deshalb wird er auch keine neuen Sätze damit bilden. Nur ein Mensch kann auf die Idee kommen, einem Finanzminister "das Charisma einer Büroklammer" nachzusagen.
Soll ein Computer seine Antworten auch verstehen?
Doch ist es nicht auch egal, ob ein Computer versteht, was er als Antwort ausgibt? Kommt es, wie im Quiz, nicht allein auf das richtige Ergebnis an? Nicht wenige KI-Forscher sehen das so. Für sie spielt es keine Rolle, ob ein Computer jemals wirklich ein Bewusstsein hervorbringen kann - Hauptsache, er schwindelt es erfolgreich vor.
"Die Frage ist aber, wie weit wir mit unseren konventionellen Methoden noch kommen", sagt der Bremer KI-Experte Frank Kirchner. "In den letzten zehn Jahren haben wir kaum mehr nennenswerte Fortschritte gesehen; wir drehen an den Feineinstellungen, und wir steigern die Rechenleistung, das ist alles."
Die Geschichte der KI war schon immer eine Folge von furiosen Aufbrüchen und quälenden Krisen. Einst gefeierte Erfindungen führten dann doch nicht weiter; ihr Nutzen erschöpfte sich früher als gedacht.
Vor wenigen Jahren noch schwärmte alle Welt von "neuronalen Netzen". Das sind Programme, die angeblich Hirnzellen nachbilden. Sie lernen, indem sie, wie ihre biologischen Vorbilder, Verknüpfungen untereinander verstärken, die sich als nützlich erwiesen haben. So können sie mit der Zeit eine "2" ganz gut von einem "Z" unterscheiden, selbst wenn die Ziffer je nach Type oder Handschrift sehr unterschiedlich aussieht.
Von Intuition keine Spur
Gut möglich, dass in solchen neuronalen Computern schon bald der Geist aus der Platine erwache, hieß es damals - heute traut ihnen das kaum mehr jemand zu. Komplexere Aufgaben lassen sich den neuronalen Netzen auch nach Jahrzehnten der Forschung noch nicht antrainieren. Mit echten Hirnzellen teilen diese Programme ja auch nur ein paar simple Äußerlichkeiten - die Forscher hatten sich an ihrer eigenen Metapher berauscht.
Das statistische Lernen, das Watson sich zunutze macht, hat ebenfalls schon einiges von seinem Zauber verloren. Auf dieser Methode beruht zum Beispiel auch der Dienst "Translate" von Google, der Texte aus 57 Sprachen übersetzt. Der Computer kommt dabei ganz ohne eigenes Sprachwissen aus. Er sieht einfach für jedes Wort im Internet nach, ob es irgendwo bereits in ähnlichem Zusammenhang übersetzt worden ist. Der Trick ergibt oft ganz brauchbare Resultate; deren durchschnittliche Qualität aber hat sich seit Jahren kaum verbessert.
Die Forscher mussten einsehen, dass die Sprache voller ungewöhnlicher Wendungen steckt, für die noch nirgendwo eine Übersetzung aufzutreiben ist. Schon das Wort "Kurzarbeit" stellt den Computer vor große Probleme: Weil andere Sprachen keine Entsprechung kennen, müsste er eine kreative Umschreibung erfinden - unmöglich für eine Maschine.
Selbst im Schach, der Königsdisziplin der Zahlenfresser, ging es schleppender voran als ehedem gedacht. "Die Computer spielen wie vor 50 Jahren, nur eben viel schneller", sagt KI-Experte Uszkoreit. "Noch immer berechnen sie nur stur Millionen möglicher Züge - von Intuition keine Spur."
Uszkoreit leitet den Bereich Sprachtechnologie am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Mit gut 400 Wissenschaftlern in Saarbrücken, Kaiserslautern und Bremen ist das DFKI eine der weltgrößten Einrichtungen auf diesem Gebiet. Dort werden intelligente Suchmaschinen entwickelt, automatische Übersetzer und Programme, die in Callcentern - zumindest ansatzweise - auf Kundenanfragen antworten. Nur das menschliche Sprachverständnis entzieht sich allen Annäherungsversuchen. "Können wir die Vernunft eines zweijährigen Kindes erreichen? No way", sagt Uszkoreit.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gadgets | RSS |
| alles zum Thema Künstliche Intelligenz | RSS |
© DER SPIEGEL 7/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH