AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2011

Computer "Da ist niemand zu Hause"

Der Computerpionier David Gelernter über den Sieg des IBM-Rechners Watson in der Quizshow "Jeopardy", die Aussichten auf ein künstlich geschaffenes Bewusstsein und den Glauben zukunftsfroher Visionäre an ein ewiges Leben auf der Festplatte.

AFP/ IBM

SPIEGEL: Herr Gelernter, wir suchen einen Begriff. Der amerikanische Journalist Ambrose Bierce umschrieb ihn als "vorübergehendes Irresein, heilbar durch Heirat". Wissen Sie, was gemeint ist?

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Heft 8/2011
(Dr.) zu Guttenberg und die Wahrheit

Gelernter: Keine Ahnung.

SPIEGEL: Die Liebe.

Gelernter: Oh, die Liebe.

SPIEGEL: Ja, und die Frage stammt aus dem Fundus der TV-Quizshow "Jeopardy". Der IBM-Supercomputer Watson hatte kein Problem, die Lösung zu finden. Dann weiß Watson wohl, was Liebe ist, oder?

Gelernter: Er hat nicht die geringste Ahnung. Die Forschung auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz, der KI, hat noch nicht einmal angefangen, sich mit Gefühlen zu beschäftigen. Das Problem ist: Wir denken nicht nur mit dem Verstand. Denken kann nur ein Geist, der auch einen Körper hat. Ein Gefühl wie Liebe übersteigt Watsons Fähigkeiten bei weitem.

SPIEGEL: Warum kann der Computer trotzdem so gut bei "Jeopardy" mithalten?

Gelernter: Weil dafür kein Körper nötig ist. Nichts von dem, was Sie während des Spiels sagen, müssen Sie glauben oder wirklich verstehen. So ein Quiz ist derart oberflächlich, dass selbst eine Maschine ohne Gefühle, ohne Wahrnehmungen und ohne inneres Selbst gewinnen kann.

SPIEGEL: Watsons Kontrahenten, die "Jeopardy"-Champions Ken Jennings und Brad Rutter, hatten allerdings das Gefühl, gegen einen Menschen zu spielen. Wie kommt es, dass wir überhaupt erwägen, Watson als uns ebenbürtig anzusehen?

Gelernter: Ich glaube, dass sogar mein Papagei Ike mir ebenbürtig ist (lacht und deutet zu seinem Harlekin-Ara hinüber). Aber im Ernst: Ich würde lieber mit Watson plaudern als mit gewissen Leuten an meiner Universität. Jedes Baby vermenschlicht seinen Teddybär. Das ist ein machtvolles menschliches Bedürfnis.

SPIEGEL: Watson hat den großen "Jeopardy"-Wettkampf der vergangenen Woche mit niederschmetterndem Vorsprung gewonnen. Kann er uns zumindest etwas über den menschlichen Geist lehren?

Gelernter: Watson wurde nicht gebaut, um den menschlichen Verstand zu studieren. Die IBM-Entwickler würden das auch niemals behaupten. Ihre Strategie war: Vergesst das Gehirn, lasst uns stattdessen aus roher Rechenkraft etwas erschaffen, das mit einem Menschen wetteifern kann. Das Ergebnis ist ein außerordentliches Stück Technologie, das - anders als IBMs Schachcomputer "Deep Blue" - bedeutende Folgen für die KI-Forschung haben wird.

SPIEGEL: Sie können sich aber nicht dazu durchringen, Watson intelligent zu nennen?

Gelernter: Kommt darauf an, wie oberflächlich Sie Intelligenz definieren. In einem tieferen Sinn erfordert sie ein Selbst, das seine Gedanken fühlt und sich bewusst ist, dass es denkt. Nichts davon trifft auf Watson zu.

SPIEGEL: Angenommen, wir füttern Watson nun mit Unmengen von Poesie und Dichtung statt mit Fakten. Der Computer wäre wohl bald in der Lage, recht kompetent über Gefühle zu sprechen. Macht ihn das uns nicht ähnlicher?

Gelernter: Gut möglich. Aber die Kluft zwischen menschenähnlichem und menschlichem Verhalten ist gigantisch. Füttern Sie Watson ruhig mit Keats. Da liest er dann "Mein Herz tut weh, und schläfriges Erlahmen quält mich". Was um Himmels willen soll ihm das denn bedeuten? Wenn ein Poet "mein Herz tut weh" schreibt, entspringt das einem Gefühl mitten in der Brust. Oder ein "schläfriges Erlahmen quält mich": Watson war niemals schläfrig oder wach, er weiß auch nicht, was Schmerz ist. Er versteht nichts von Poesie. Natürlich könnte er immer noch "Jeopardy" gewinnen, etwa in der Kategorie "Britische Dichter". Auch Literaturwissenschaft basiert auf einer Menge Daten, mit denen ein Computer nun mal sehr gut umgehen kann. Aber es ist und bleibt ein großer Schwindel.

SPIEGEL: Was ist so besonders am menschlichen Gehirn, dass es von einer Maschine nicht nachgebildet werden kann?

Gelernter: Das Gehirn ist radikal anders aufgebaut als ein Computer. Physik und Chemie sind fundamental für seine Aktivität. Das Gehirn bewegt Signale mit Hilfe einer Reihe unterschiedlicher Neurotransmitter von Neuron zu Neuron. Es besteht aus Zellen mit bestimmten Eigenschaften, gebaut aus bestimmten Proteinen. Es ist ein ausgesprochen kompliziertes Stück Biologie. Der Computer dagegen ist eine rein elektronische Maschine, die aus Halbleitern und anderem Krimskrams besteht. Ich kann das Gehirn genauso wenig auf einem Computerchip replizieren wie Orangensaft. Für den Saft brauche ich eben eine Orange.

SPIEGEL: Sie haben einmal behauptet, eine Maschine müsse erst Tagträume haben und halluzinieren, bevor man von Denken sprechen könne. Ist das Ihr Ernst?

Gelernter: Absolut. Menschen schwanken zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen hin und her, und es ist unmöglich, den Verstand zu verstehen, ohne dieses Spektrum zu verstehen. Es gibt Phasen, in denen wir äußerst wach und konzentriert sind, da können wir sehr gut analytische Probleme lösen. Am anderen Ende des Spektrums jedoch, etwa wenn wir erschöpft sind, driften unsere Gedanken davon. In diesem Zustand funktioniert der Verstand völlig anders. Wir beginnen, frei zu assoziieren. Nehmen Sie Rilke: Urplötzlich fiel ihm auf, dass der Flug einer Fledermaus dem Sprung in einer Tasse gleicht. Ein merkwürdiges, ein starkes Bild. Niemand vor ihm hat das gesagt. Aus solchen neuen Analogien entsteht Dichtung, aber auch wissenschaftliche Einsicht. Gefühle haben eine Menge damit zu tun. Warum sollte man ein fliegendes Tierchen mit einem gesprungenen Stück Porzellan kombinieren? Weil die beiden Dinge - zumindest für Rilke - mit vergleichbaren Gefühlen aufgeladen sind.

SPIEGEL: Wir sind aber doch auch in der Lage zu denken, ohne gleich poetisch zu werden.

Gelernter: Das ist wahr. Am oberen Ende des Spektrums, dort, wo die Gedanken durch logische Regeln diszipliniert werden, spielen Analogien keine Rolle. Dort habe ich Hypothesen und arbeite mich durch bis zu meinen Schlussfolgerungen. Diese Art von Intelligenz braucht keine Gefühle und keinen Körper. Doch hat sie auch fast überhaupt keine Bedeutung für den Menschen. Rein analytisch und logisch denken wir so gut wie nie. Und um kreativ und erfinderisch zu sein, brauchen wir Gefühle. Daran wiederum ist der Körper intensiv beteiligt, der sie hervorbringt.



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insgesamt 198 Beiträge
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Seite 1
Xeno87 24.02.2011
1. ...
Naja, Watson versteht zwar nichts von Poesie, das tun aber 90% aller Menschen auch nicht. Menschen können aber wunderbar nachäffen und reproduzieren. Und ob eine künstliche Intelligenz mit Gefühlen besser wäre als eine ohne, wage ich zu bezweifeln. Objektivität ist das einzige Maß, Gefühle sind nur die Hilfsmittel unserer niederen Instinkte, um uns das tun zu lassen, was sie möchten. Der einzige Unterschied zwischen Watson und einem Menschen ist, dass Watson sich seiner nicht bewusst ist, und das ist eine der schwierigsten auf dem Weg zur echten K.I.
emiliolojo 24.02.2011
2. jajjajjaa
Zitat von Xeno87Naja, Watson versteht zwar nichts von Poesie, das tun aber 90% aller Menschen auch nicht. Menschen können aber wunderbar nachäffen und reproduzieren. Und ob eine künstliche Intelligenz mit Gefühlen besser wäre als eine ohne, wage ich zu bezweifeln. Objektivität ist das einzige Maß, Gefühle sind nur die Hilfsmittel unserer niederen Instinkte, um uns das tun zu lassen, was sie möchten. Der einzige Unterschied zwischen Watson und einem Menschen ist, dass Watson sich seiner nicht bewusst ist, und das ist eine der schwierigsten auf dem Weg zur echten K.I.
Was ist nur aus uns geworden, und was steht uns noch bevor. Wie koennen sie nur sowas behaupten. Unter menschlichem Denken verstehe ich, dass am Ende es bewertet werden muss, inwiefern es dem Menschen nützt, also eine Ethik mit impliziert. Maschinelles Kalkulieren hat ja nur den eigenen Selbstzweck der maximalen Gewinnoptimierung. Wie sonst sind solche Dinge moeglich wie Schinkenimitat ( Gel-Schinken), Analog-Käse, Industriefisch und Dioxin Ei. Ich neige nicht zu Übertreibungen wenn ich behaupte der Deutsche an und für sich hat keine Kultur. Deutsche sind von Grund auf unmenschlich, da sein Agieren auf ein rein maschinelles abarbeiten von Prozessabläufen bestimmt ist, also absolut unfähig einer menschlichen Reflexion. Ganz deutlich wird das beim Essen. Der Deutsche ist was er isst und das schert ihn einen Dreck. Essen ist für ihn ein Muss eine Notwendigkeit, das da zwangsläufig die Qualität auf der Strecke bleiben muss erklärt sich von selbst. http://cruisenbcn.wordpress.com/2011...n-deutschland/
petit_fleur 24.02.2011
3. Seit 35 Jahren nichts wirklich neues...
Zitat von sysopDer Computerpionier David Gelernter über den Sieg des IBM-Rechners "Watson" in der Quizshow "Jeopardy", die Aussichten auf ein künstlich geschaffenes Bewusstsein und den Glauben zukunftsfroher Visionäre an ein ewiges Leben auf der Festplatte http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,746570,00.html
bei der Nachbildung der Gehirnfähigkeiten durch was auch immer. Einer meiner Bekannten der sich an der Stanford Uni mit der Adaptierung von Gehirnfähigkeiten beschäftigt hatte besuchte nach langer Zeit den dortigen Bookstore. Bei der Suche nach "Artifical Intelligence" fand er fast nur Literatur zu diesem Thema die es vor 35 Jahren auch schon gab. Aus meiner Sicht ist der aus einer veknüpften Riesenregistratur bestehende Watson eine tolle Maschine, aber kein Weg zur diesem Ziel. Dankenswerter Weise versucht man in Lausanne mittels eines aufwendigen Projektes einen Weg dorthin zu finden.
carlos451 24.02.2011
4. Grad der Komplexität
Zitat von sysopDer Computerpionier David Gelernter über den Sieg des IBM-Rechners "Watson" in der Quizshow "Jeopardy", die Aussichten auf ein künstlich geschaffenes Bewusstsein und den Glauben zukunftsfroher Visionäre an ein ewiges Leben auf der Festplatte http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,746570,00.html
Mir scheint nur der Grad der Komplexität ist der Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Warum sollte ein Android, der über ein künstliches ausreichend grosses Gehirn und eine Unmenge an Sensoren an allen Körperteilen verfügt, nicht auch Müdigkeit und Schmerz empfinden. Nach einer Weile der Erfahrung seiner eigenen Sensorik und der fremden Umwelt wird er auch Bewusstsein, Liebe und Hass erfahren. Von daher steht für mich ausser Frage, ob man langfristig den Menschen nachbauen kann. Die Frage ist vielmehr, ob es möglich ist bessere weil ethischere "Menschen" zu bauen. Vermutlich wird eine hochintelligente Maschine, die dem Menschen nachempfunden ist, in einer Zwangslage sich durchaus aus Ratio für das Töten entscheiden und dies dann auch noch ethisch rechtfertigen.
Alderamin 24.02.2011
5. Pessimist
Gelernter scheint mir ein wenig zu pessimistisch eingestellt zu sein: ---Zitat von Gelernter--- Schon möglich, dass sie einen sehr akkuraten Gehirnsimulator schaffen. Mit so einem Modell könnten sie das Verhalten des Gehirns bis hin zur Übertragung von Signalen exakt voraussagen. Aber sie werden damit genauso wenig einen Verstand erzeugen wie ein Wettermodell einen Hurrikan erzeugt. ---Zitatende--- Der Unterschied zwischen Wettermodell und Hurrikan ist der, dass die Simulation nicht mit der Umwelt interagiert, es wird keine Luft bewegt, und schon gar nicht genug, das wäre völlig unmöglich. Ein Gehirn interagiert mit seiner Umgebung durch Wahrnehmung und Sprache/Bewegung, und das wäre durchaus von einer Hardware, die durch eine Hirn-Simulation gesteuert würde, umsetzbar. Ich denke, dass am Gehirn nichts mystisches ist. Es basiert auf anderen Schaltmechanismen und arbeitet massiv parallel mit hunderten Milliarden von Zellen; eine CPU arbeitet hingegen schön getaktet seriell und auch Mehrprozessorkerne oder Multiprozessor-Rechner arbeiten letztlich seriell an verschiedenen Teilen des gleichen Problems (Vektoroperationen, Grafikverarbeitung) oder an verschiedenen seriellen Programmen. Dennoch spricht nichts dagegen, die Funktionsweise des Gehirns in einem schnellen Rechner exakt zu simulieren. Wenn man nur die exakte Verschaltung wüsste und reproduzieren könnte. Wenn an einer Nervenzelle nichts magisches ist, dann ist es dass auch nicht an vielen. Und wenn man eine simulieren kann, kann man auch ein Gehirn simulieren. Und der Input/Output dieser Simulation könnte ebensogut wie ein echtes Gehirn sein. Wenn es keine Seele gibt (und dafür gibt es keinen Grund, siehe http://www.gottlosgluecklich.de/?page_id=676), dann muss eine exakte Simulation eines Gehirns auch ein Bewusstsein hervorbringen. Vermutlich gibt es dann auch eine einfachere Möglichkeit, z.B. über neuronale Netze simplere "Nervenzellen" abzubilden und es wäre eine effizientere Generierung von Bewusstsein machbar. Die Frage ist allerdings, ob es einen intellektuellen Sinn hätte, ein künstliches Bewusstsein zu schaffen. Wir benutzen Rechner doch einfach als Helfer, und das sollen sie auch bleiben. Es wäre schön, wenn man mit ihnen per Sprache kommunizieren könnte, und sie könnten auf Zuruf Routineaufgaben zu Hause erledigen (putzen, einkaufen, eine Frage beantworten, sich Dinge für uns merken, Fremdsprachen übersetzen), aber fühlen und denken müssen sie dafür nicht. Daher ist der Watson-Ansatz vielleicht der für die Praxis relevantere.
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