SPIEGEL: Herr Professor Sigusch, Sie haben 33 Jahre lang das Institut für Sexualwissenschaft in Frankfurt geleitet und als Therapeut gearbeitet. Sagen Menschen über Sex eigentlich jemals die Wahrheit?
SPIEGEL: Sie gelten als einer der Theoretiker der sexuellen Revolution Ende der sechziger Jahre. Wie nachhaltig hat sich unser Sexleben damals verändert?
Sigusch: Ich werde immer ein Theoretiker genannt, war aber als bereits Examinierter nur ein freundlicher Mitläufer. Die Revolte hat kulturelle Erschütterungen erzeugt, die im 20. Jahrhundert ihresgleichen suchen. Das weibliche Geschlecht wurde historisch sexualisiert und erstmals orgasmuspflichtig. Sexuell Abweichende wie vor allem Homosexuelle errangen eine Teilemanzipation.
SPIEGEL: Freie Liebe produziert freie Menschen und eine freie Gesellschaft. Das war die Idee. Das hat nicht funktioniert.
Sigusch: Damals erschien der Gedanke, dass die ganze verachtete Gesellschaft stürzt, wenn die Verhältnisse sexuell befreit würden, durchaus einleuchtend. Aber in Wahrheit wurde ein König Sex installiert. Und es wurde maßlos überschätzt, was man aus der sexuellen Sphäre herausziehen kann: Glück, unendlichen Spaß und das Ende des Kapitalismus. Die symbolische Überhöhung war geradezu unerträglich.
SPIEGEL: Haben Sie als Sexualwissenschaftler damals nicht auch gegen die Verkrampfungen der fünfziger und sechziger Jahre gekämpft?
Sigusch: Das stimmt. Doch von den Nachbetern eines Wilhelm Reich war ich weit entfernt. Die sexuelle Revolution der Sechziger war vor allem eine Bewegung der jungen Leute. Die sogenannten freien Verhältnisse hielt ich für verschmockt. Ich kam ja aus der DDR und hatte dort zwangsweise auch einige Semester Polit-Ökonomie studiert.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass trotz des Aufbruchs die Mehrzahl der Menschen bis heute das Ideal der festen und monogamen Beziehung verfolgt?
Sigusch: Weil diese am weitesten vereinbar ist mit unserer seelischen Herkunft. Vater, Mutter, Kleinfamilie, so haben wir unsere Seele entwickelt, so sind wir geworden, so fühlen wir uns sicher, geborgen, geliebt.
SPIEGEL: Trotzdem gibt es in vielen Beziehungen auf die Dauer Probleme.
Sigusch: Nach vier bis sieben Jahren sinkt das sexuelle Begehren. Das ist erwiesen.
SPIEGEL: Gottfried Benn hat geschrieben, die Ehe sei eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs.
Sigusch: Es gibt in einer Ehe viele Möglichkeiten. Wenn das Paar ein gewisses Alter hat und eine gewisse Liberalität oder Lebenserfahrung, dann kann man aus solch einer Beziehung heraus auch mal einen Seitensprung wagen. Und es wird verziehen. Das kommt im Durchschnitt nur alle 13 Jahre vor, aber es kommt natürlich vor.
SPIEGEL: So selten? Vielleicht ist es da mit der Wahrheit und den empirischen Befunden etwas schwierig.
Sigusch: Noch immer finden 95 Prozent aller Sexualkontakte in festen Beziehungen statt. Das ist eine eindrucksvolle Zahl. Trotzdem ist Unlust natürlich ein Thema. Bei einem intelligenten Paar sollte es möglich sein, dass der Mann oder die Frau ihre Befriedigungen auch außerhalb der Partnerschaft suchen. Immer mit Rücksicht auf den Partner, also in Offenheit, aber trotzdem diskret. Man hat geheiratet mit 25, ist jetzt 45 und findet vielleicht so eine Regelung. Und wenn ein Paar dann weiterhin zusammen ist oder vielleicht wieder zusammenfindet, dann sage ich gern: Das ist für die Ewigkeit. Die gehören dann zusammen, das passt, das ist das richtige Paar. Da kriege ich fast eine Gänsehaut.
SPIEGEL: Aber ist die Idee der offenen Beziehung nicht gescheitert, weil sich die Konsequenzen nur schwer ertragen lassen?
Sigusch: Das ist korrekt beschrieben. Das gesellschaftliche Problem liegt darin, dass wir keine alternativen Modelle entwickelt haben. Unsere Kultur hat keine Ars erotica entfaltet. Denken Sie zum Beispiel mal an indische Verhältnisse oder die japanische Kultur, wie man dort das Erotische gepflegt hat. Dort herrscht nicht dieses Kulturbeutelhafte und Kaninchenartige wie bei uns.
SPIEGEL: Das ist ein Klischee.
Sigusch: Nein, das ist es nicht. Rein und raus und fertig. So ist das immer noch. Ende der Durchsage. Ein Trauerspiel.
SPIEGEL: Unsere Gesellschaft redet seit 40 Jahren über Sex, und eigentlich hat sich nichts geändert?
Sigusch: Ich behaupte, wir sind sexuell immer noch eine weitgehend unwissende Gesellschaft. Wir reden falsch und oberflächlich über Sexualität. Und wenn man zu viel redet, besteht die Gefahr, das Geheimnisvolle zu zerstören.
SPIEGEL: Einerseits reden die Paare zu wenig und kennen ihre Wünsche nicht gut genug, andererseits reden sie zu viel?
Sigusch: Da haben Sie mich jetzt erwischt. Es ist wichtig für ein Paar, über seine sexuellen Vorlieben zu sprechen. Auf der anderen Seite sollte die Aura des Geheimnisvollen bestehen bleiben.
SPIEGEL: Woraus besteht denn diese Aura des Geheimnisvollen?
Sigusch: Zum Beispiel in einer kleinen Perversion, die ein Paar verbindet. Eine von beiden Partnern lustvoll erlebte Fetischisierung oder eine spezielle sexuelle Szene. Mir fällt eine Patientin ein, die vor allem erregt wurde durch die Art und Weise, wie die Schulter ihres Mannes geformt war. Und dieser Hauch von Perversion sollte idealerweise für beide Partner ein Geheimnis bleiben. Es geht um eine seelische Verdichtung im Unbewussten. Phantasien müssen schmutzig sein. Sauberkeit, Gewissenhaftigkeit und Rationalität sind Gift für jede Erotik.
SPIEGEL: Wie verändert die millionenfach besuchte Internetseite YouPorn die Sexualität?
Sigusch: Sie ist ein Teil der neosexuellen Revolution, die Ende der siebziger Jahre begann und weiterhin anhält. Ein wesentliches Merkmal dieser Revolution ist die gewaltige Veröffentlichung bisher geheimer Details und deren Kommerzialisierung. Das Sexuelle ist banalisiert worden. Interessant dabei ist, dass die übertriebene Inszenierung das Begehren offenbar wirksamer zerstört als alle Repressionen.
SPIEGEL: Können sich sexuelle Schuldgefühle durch YouPorn verringern?
Sigusch: Nur oberflächlich. Für Verzweifelte und Suchende ist das Sexuelle im Internet aber ein ungeheurer Befreiungsschlag. Früher dachte jeder Perverse, er sei der Einzige, der ein abstruses Verlangen hat. Heute erfährt er im Internet, da gibt es noch einen auf Neuseeland und in Patagonien. Andererseits zeigt die Internetsexualität, dass wir immer selbstbezüglicher werden, ich spreche da von Self-Sex.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Sexualität | RSS |
© DER SPIEGEL 9/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH