AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2011

Tiere Neuronengeflüster im Endhirn

REUTERS

Von Günther Stockinger

2. Teil: "Schmerz und Leiden der Fische sind nicht belegt"


Doch sind Fische auch in der Lage, aus diesen Signalen die komplexe Wahrnehmung eines bewusst empfundenen Schmerzes zusammenzusetzen? Eine ganze Reihe von Verhaltenstests deutet zumindest darauf hin:

  • Regenbogenforellen, denen rund ums Maul Bienengift oder Essigsäurelösung injiziert wurde, ventilierten fast dreieinhalb Stunden lang heftig mit den Kiemendeckeln, stellten das Fressen ein, wiegten sich am Boden des Aquariums oder rieben ihre Lippen an den Glaswänden - sie zeigten mithin weit mehr als nur Sekundenreflexe.
  • Mit schädlichen Chemikalien gepeinigte Forellen nahmen einen knallbunten Lego-Turm im Aquarium kaum zur Kenntnis, während sie sonst auf unbekannte Gegenstände mit Scheu reagieren - die Qual unterdrückt offenbar ihre normalen Verhaltensroutinen.
  • Versuchstiere, denen gleichzeitig mit den Chemikalien Schmerzmittel verabreicht wurden, legten dagegen die übliche Vorsicht vor fremdartigen Objekten an den Tag - die Wirkung des Morphins bändigt also den Schmerz.

Ein 20-köpfiges Expertengremium wertete kürzlich im Auftrag der Brüsseler EU-Kommission alle bekannten Experimente aus. Sein Fazit: Zwar stammen alle Erkenntnisse über die Leidensfähigkeit der Fische bisher von nur wenigen Arten wie Forellen, Karpfen, Zebra- oder Goldfischen; Verallgemeinerungen seien deshalb vorerst unzulässig. Dennoch nehmen die Sachverständigen die Einblicke in den Emotionshaushalt der Wasserbewohner ernst: "Es gibt Hinweise darauf, dass die neuronalen Bausteine für Empfindungsvermögen bei einigen Fischarten existieren."

Nicht nur Ängste und Schmerzen, sogar Gefühle des Wohlbehagens trauen die Gutachter den Wasserbewohnern zu: Immerhin lässt sich auch das oft als "Liebeshormon" bezeichnete Oxytocin im Fischorganismus nachweisen.

Verfechter der Sportfischerei geißeln solche Aussagen als unzulässige Anthropomorphismen. Allzu naiv würden hier menschliche Maßstäbe auf Tiere übertragen.

Zwar kann auch die Anglerlobby nicht mehr abstreiten, dass Fische offenbar über ein funktionierendes System zur Schmerzwahrnehmung verfügen. Doch nur die hochentwickelte Großhirnrinde der Säuger sei fähig, die registrierten Schmerzreize auch mit Bewusstseinsqualität zu versehen: "Im Fischhirn verbirgt sich kein menschenähnliches Wesen", beteuert der US-Forscher James Rose, ein vielzitierter Kronzeuge der Anglerzunft.

"Schmerz und Leiden der Fische sind nicht belegt", urteilt auch Robert Arlinghaus, Fischexperte am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. "Wir wissen einfach nicht, ob Fische solche Gefühle haben."

Das Fehlen der Großhirnrinde allein scheint vielen Experten jedenfalls inzwischen nicht mehr ausreichend zu sein, um bewusste Empfindungen ausschließen zu können. Zweifel an der alten Lehrmeinung nähren nicht zuletzt verblüffende medizinische Fallgeschichten: Gelegentlich berichten Neurologen von Menschen mit nur halbem Großhirn. Wo bei anderen graue Zellen schwatzen, schwappt bei ihnen nur Nervenwasser - und dennoch sind sie nicht selten hochintelligent und sozial unauffällig.

Andere Forscher gehen unterdessen noch weiter: Sie wollen sogar bei Wirbellosen eine Art Schmerzempfinden entdeckt haben. Der Tierverhaltensforscher Robert Elwood von der Queen's University in Belfast etwa beträufelte die empfindlichen Fühler von Steingarnelen mit Essigsäurelösung. Ergebnis: Bis zu fünf Minuten lang rieben die Krustentiere die misshandelten Körperteile - Elwood zufolge eine Reaktion, die an das Schmerzverhalten von Säugetieren erinnere.

Sportangler fürchten, dass die Fischjagd weiter reglementiert wird

Ein womöglich noch differenzierteres Gefühlsleben ist besonders den Kraken zuzutrauen, den intelligentesten der Kopffüßer. Die Verrenkungskünstler versetzen die Forscher immer wieder in Erstaunen: So schaffen sie es oft schon nach kurzer Zeit, kindersichere Arzneimittelbehälter zu knacken, wenn sie wissen, dass Leckereien darin versteckt sind; auch Berichte über nächtliche Ausbüxsaktionen aus vermeintlich gutgesicherten Aquarien sind Legion.

"Es gibt aber eine Menge Gründe, weshalb die Leute nicht wollen, dass über Schmerz bei Wirbellosen nachgedacht wird", konstatiert Elwood.

Besonders Hobbyfischer und Sportangler fürchten, dass Gesetze ihr einst grenzenloses Vergnügen an der Fischjagd weiter reglementieren könnten.

Schon jetzt dürfen sie in Deutschland nur zu Nahrungserwerb und Hege mit der Angelrute ausrücken. Turniere, bei denen die Beute nach dem Wiegen wieder ins Wasser geworfen wird, oder die Verwendung von Kleinfischen als Lebendköder sind untersagt.

Doch der Grausamkeitsverdacht der Fischbiologen richtet sich weniger gegen die einsamen Jäger an Flüssen und Seen. Ihre Aufmerksamkeit gilt eher den Fischfarmen und der industriell betriebenen Hochseefischerei.

In 20 Jahren wird laut Braithwaite rund die Hälfte aller Fischmahlzeiten des Menschen aus riesigen Aquafarmen rund um den Erdball stammen. "Wenn wir uns bei der industriellen Nahrungsmittelproduktion Gedanken über den Schutz von Schweinen und Hühnern machen, sollten wir die Fische nicht ausklammern", moniert die Wissenschaftlerin.

Auch auf den riesigen Fangflotten, die die Weltmeere befahren, müsse mehr als bisher darauf geachtet werden, die Tiere "schnell und sauber zu töten - die meisten von uns fühlen sich bestimmt nicht wohl angesichts der Riesenmengen von Fischen, die auf den Decks der Schiffe langsam ersticken", glaubt Braithwaite.

Ins Visier gerät auch die Forschung.

Fische ersetzen in Versuchslabors immer häufiger Mäuse und Ratten. Sneddon hält es deshalb für geboten, künftig auch bei Experimenten mit den stummen Wesen "menschliche Endpunkte" anzusetzen: "Alle chirurgischen Eingriffe zum Beispiel sollten wir wie bei Säugetieren nur unter Betäubung durchführen."



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
afxtwin 11.03.2011
1. ...
wenn sich menschen selbst etwas vormachen, wie z. b. einzureden, manche tiere würden keinen schmerz spüren, dann tun sie das wohl am ehesten um ihr gewissen zu beruhigen. genau wie niemand gerne sieht, woher eigentlich das steak auf dem teller kommt, das so lecker schmeckt und wie der kadaver, der da vor einem so duftet, getötet wurde. sowas mag man nicht wissen. steaks wachsen auf bäumen aus ökologischer, naturbelassener zucht und müssen auch keinem tier vom körper geschnitten werden.
zwischendominante 11.03.2011
2. .
Zitat von sysopSchlechte Nachrichten für Freunde des Angelsports: Fische sind offenbar weit mehr als bloße Reflexmaschinen. Sie nehmen Schmerzen bewusst wahr und leiden unter ihnen. Forscher fordern deshalb, sie mit Vögeln und Säugetieren auf eine Stufe zu stellen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,749108,00.html
Wie kommt man eigentlich zu der Annahme, dass Fische KEIN Schmerzempfinden haben könnten und wieso bedarf es der Erkenntnisse von Forschern, um nun ein Schmerzempfinden festzustellen ... nur weil Fische nicht schreien können, wenn ihnen ein Angelhaken den Gaumen brutal aufschlitzt, während ihr ganzes Körpergewicht daran zerrt?.. Der Anblick von Anglern war mir schon immer instinktiv zuwider bei der Vorstellung, was den bedauernswerten kreaturen blüht, verfangen sie sich einmal im Angelhaken.
dieMegamaschine, 11.03.2011
3. Dieser Artikel war bestimmt für den 1.April gedacht.
Wie dumm sind eigentlich Menschen, wenn sie annehmen, dass Fische keinen Schmerz spüren und es Forscher braucht, die das "überraschende"(!) Gegenteil herausfinden. Ich habe ein Aquarium seit über 2 Jahren und brauchte kein Studium zum "Forscher" um dies herauszufinden. So was traut Ihr Euch zu veröffentlichen! Es ist einfach nur jämmerlich, so wie die Politik in diesem Land. HartzIV - Empfänger sind auch schmerzunempfindlich!
Linsengericht@1 11.03.2011
4. Vegane Nachtigall ick hör dir trapsen :-)
Nichts desto trotz ist der Mensch als ernährungsphysiologischer "Allesfresser" selbstverständlich dazu berechtigt, Fische zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung zu fangen, zu halten, zu züchten und auch zu töten. Und natürlich empfinden auch Pflanzen sowas ähnliches wie Schmerz, wenn es ihnen an den Kragen geht. Kein Lebewesen kann auf dieser Welt existieren, ohne ein anderes Lebewesen auszulöschen oder zu verletzen. Und dieses Auslöschen geht nun mal im Allgemeinen nicht ohne "Schmerz" über die Bühne. Menschen, die mit Leiden und Tod im Bezug auf Lebensmittel nicht klar kommen, können ja in Zukunft ihre "Beutetiere" einschläfern lassen, bevor sie sie verzehren. Guten Appetit.
jury 11.03.2011
5. Widerlicher (Selbst-)Belügerei
Zitat von sysopSchlechte Nachrichten für Freunde des Angelsports: Fische sind offenbar weit mehr als bloße Reflexmaschinen. Sie nehmen Schmerzen bewusst wahr und leiden unter ihnen. Forscher fordern deshalb, sie mit Vögeln und Säugetieren auf eine Stufe zu stellen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,749108,00.html
Der Gedanke ist erschütternd, dass es überhaupt Menschen gegeben haben könnte, die andere Ansichten vertreten durften, ohne in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden.
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