AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2011

Tiere Neuronengeflüster im Endhirn

Schlechte Nachrichten für Freunde des Angelsports: Fische sind offenbar weit mehr als bloße Reflexmaschinen. Sie nehmen Schmerzen bewusst wahr und leiden unter ihnen. Forscher fordern deshalb, sie mit Vögeln und Säugetieren auf eine Stufe zu stellen.

Von Günther Stockinger

REUTERS

Millionen Hobby-Angler und Sportfischer können nicht irren. Der hässliche Haken im Maul, so glauben sie, tue Fischen nicht weh. Das Nervensystem der Wasserbewohner sei viel zu primitiv, als dass sie echten Schmerz empfinden könnten.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Wenn sie angebissen haben, wehren sie sich zwar oft nach Leibeskräften. Aber bestätigt nicht gerade dies, wie wenig sie die Pein spüren? "Wenn Angelhaken schmerzhaft wären, dann würden die Fische beim Drill nicht kämpfen, sondern dem Zug der Schnur so willig folgen wie ein Stier, der mühelos am Nasenring geführt wird", argumentiert der Wiener Angler Johann Brabenetz im Fachblatt "Der Fliegenfischer".

Bisher begegneten die Freunde der Fischjagd eher selten dem Vorwurf der Grausamkeit: Die Beutetiere gelten als niedere Lebewesen. Gefühle wie bei Säugetieren oder Vögeln traute ihnen kaum einer zu. Außerdem pocht das Herz der meisten Menschen ohnehin nur für Warmblüter.

Inzwischen aber hat das Bild von den angeblich roboterartigen Lebewesen mit dem Drei-Sekunden-Gedächtnis Risse bekommen. Die Erkenntnisse von Fischbiologen, Neuroanatomen und Verhaltensforschern belegen, dass die entwicklungsgeschichtlich alten Wirbeltiere alles andere sind als bloße Reflexmaschinen.

Dass Schmerzreize bei den stummen Wasserbewohnern keineswegs im Rückenmark verebben, haben Forscher von der Queen's University in Belfast nachgewiesen. Bei Goldfischen und Forellen entdeckten sie direkt hinter den Kiemendeckeln sensible Hautareale. Mit implantierten Elektroden konnten sie zeigen, dass die Nervenzellen ihre Signale von dort ins Gehirn der Fische funken.

Als die Wissenschaftler die Tiere mit einer Nadel piksten, setzte lebhaftes Neuronengeflüster in deren Endhirn ein - und mithin in ebenjenem Abschnitt, in dem Schmerzmeldungen auch bei Vögeln und Säugetieren verarbeitet werden.

Für Atlantische Lachse, Karpfen und Kabeljaue liegen inzwischen ähnliche Ergebnisse vor: "Unsere Studien demonstrieren, dass es sich bei den Reaktionen der Fische auf potentiell schmerzhafte Ereignisse nicht nur um simple Reflexe handelt", erklärt Lynne Sneddon, Fischexpertin an der University of Chester.

Ein spanisches Forscherteam konnte sogar einen Teil des Goldfischhirns identifizieren, der in seiner Funktion dem limbischen System zu ähneln scheint. Diese Hirnregion gerät beim Menschen in Wallung, wenn er Angst oder Schmerzen leidet. Wie beim Säugetier besteht auch beim Fisch dieses Gefühlszentrum aus mehreren anatomischen Strukturen: In der Amygdala erhalten eingehende Signale eine emotionale Färbung; der Hippocampus ist fürs Gedächtnis, aber auch für die räumliche Orientierung wichtig.

Hippocampus-ähnliche Strukturen im Endhirn

Lange hatten die Forscher vergebens nach diesen Arealen gefahndet - weil sie offenbar an den falschen Stellen suchten. Denn im Verlauf der Reifung vom Knochenfischembryo zum ausgewachsenen Tier wird das Innerste nach außen gekehrt: Während Amygdala und Hippocampus beim Menschen tief unter den Großhirnhälften schlummern, sitzen die vergleichbaren Strukturen beim fertig entwickelten Fisch direkt an der Oberfläche des Endhirns.

Verhaltenstests haben die hirnanatomischen Befunde mittlerweile eindrucksvoll bestätigt: Goldfische, bei denen die Hippocampus-ähnlichen Strukturen im Endhirn chirurgisch lahmgelegt wurden, konnten sich plötzlich nicht mehr orientieren - ganz ähnlich wie Säugetiere, bei denen die entsprechende Region, wenngleich an ganz anderer Stelle im Kopf gelegen, zum Schweigen gebracht wird.

Setzten die Forscher dagegen die Amygdala-ähnlichen Abschnitte im Endhirn außer Gefecht, waren die Fische nicht mehr in der Lage, aus Elektroschocks zu lernen.

Bewiesen ist damit, dass die angeblich so unsensiblen Wasserbewohner die notwendige Hardware im Kopf besitzen, um Ängste und Schmerzen wahrzunehmen: "Auch wenn die entsprechenden Strukturen und Funktionen sehr viel einfacher sind als im limbischen System des Menschen, ist die Entdeckung des Fischäquivalents eine äußerst wichtige Erkenntnis", erklärt Victoria Braithwaite.

Die an der Pennsylvania State University forschende Zoologin hatte bereits mehrere Jahre zuvor mit einer anderen Entdeckung aus dem Innenleben der Fische für Aufregung gesorgt. Rund um das Maul und den Kopf von Regenbogenforellen fand sie mehr als 20 Schmerzrezeptoren - ironischerweise genau dort, wo sich der Haken der Petrijünger durchs Gewebe der Fische bohrt.

Diese Frontmelder des Nervensystems in der Haut reagieren nicht nur auf Nadelstiche, sondern auch auf Hitze und schädliche Chemikalien. Zusammen mit den spezialisierten Nervenfasern, die für die Weiterleitung der Schmerzimpulse sorgen, funktionieren sie nicht anders als bei höheren Wirbeltieren.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
afxtwin 11.03.2011
1. ...
wenn sich menschen selbst etwas vormachen, wie z. b. einzureden, manche tiere würden keinen schmerz spüren, dann tun sie das wohl am ehesten um ihr gewissen zu beruhigen. genau wie niemand gerne sieht, woher eigentlich das steak auf dem teller kommt, das so lecker schmeckt und wie der kadaver, der da vor einem so duftet, getötet wurde. sowas mag man nicht wissen. steaks wachsen auf bäumen aus ökologischer, naturbelassener zucht und müssen auch keinem tier vom körper geschnitten werden.
zwischendominante 11.03.2011
2. .
Zitat von sysopSchlechte Nachrichten für Freunde des Angelsports: Fische sind offenbar weit mehr als bloße Reflexmaschinen. Sie nehmen Schmerzen bewusst wahr und leiden unter ihnen. Forscher fordern deshalb, sie mit Vögeln und Säugetieren auf eine Stufe zu stellen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,749108,00.html
Wie kommt man eigentlich zu der Annahme, dass Fische KEIN Schmerzempfinden haben könnten und wieso bedarf es der Erkenntnisse von Forschern, um nun ein Schmerzempfinden festzustellen ... nur weil Fische nicht schreien können, wenn ihnen ein Angelhaken den Gaumen brutal aufschlitzt, während ihr ganzes Körpergewicht daran zerrt?.. Der Anblick von Anglern war mir schon immer instinktiv zuwider bei der Vorstellung, was den bedauernswerten kreaturen blüht, verfangen sie sich einmal im Angelhaken.
dieMegamaschine, 11.03.2011
3. Dieser Artikel war bestimmt für den 1.April gedacht.
Wie dumm sind eigentlich Menschen, wenn sie annehmen, dass Fische keinen Schmerz spüren und es Forscher braucht, die das "überraschende"(!) Gegenteil herausfinden. Ich habe ein Aquarium seit über 2 Jahren und brauchte kein Studium zum "Forscher" um dies herauszufinden. So was traut Ihr Euch zu veröffentlichen! Es ist einfach nur jämmerlich, so wie die Politik in diesem Land. HartzIV - Empfänger sind auch schmerzunempfindlich!
Linsengericht@1 11.03.2011
4. Vegane Nachtigall ick hör dir trapsen :-)
Nichts desto trotz ist der Mensch als ernährungsphysiologischer "Allesfresser" selbstverständlich dazu berechtigt, Fische zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung zu fangen, zu halten, zu züchten und auch zu töten. Und natürlich empfinden auch Pflanzen sowas ähnliches wie Schmerz, wenn es ihnen an den Kragen geht. Kein Lebewesen kann auf dieser Welt existieren, ohne ein anderes Lebewesen auszulöschen oder zu verletzen. Und dieses Auslöschen geht nun mal im Allgemeinen nicht ohne "Schmerz" über die Bühne. Menschen, die mit Leiden und Tod im Bezug auf Lebensmittel nicht klar kommen, können ja in Zukunft ihre "Beutetiere" einschläfern lassen, bevor sie sie verzehren. Guten Appetit.
jury 11.03.2011
5. Widerlicher (Selbst-)Belügerei
Zitat von sysopSchlechte Nachrichten für Freunde des Angelsports: Fische sind offenbar weit mehr als bloße Reflexmaschinen. Sie nehmen Schmerzen bewusst wahr und leiden unter ihnen. Forscher fordern deshalb, sie mit Vögeln und Säugetieren auf eine Stufe zu stellen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,749108,00.html
Der Gedanke ist erschütternd, dass es überhaupt Menschen gegeben haben könnte, die andere Ansichten vertreten durften, ohne in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 10/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.