AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2011

Atomkraft GAU auf Raten

AP

Von , Takako Maruga und

2. Teil: Wie viel Radioaktivität frei wird, hängt vom Zustand der Brennelemente ab


Die französischen Physiker und Ingenieure gründeten ihre Annahmen auf ihre Kenntnis der Menge an Spaltmaterial in den Reaktoren, auf eigene Forschung über den Zustand ungekühlter Brennstäbe und auf die Messungen in der Umgebung von Fukushima. Der deutsche Atomexperte Helmut Hirsch hat für Greenpeace selbst Modellrechnungen angestellt. Sein Fazit: "Das ist keine Übertreibung." Immerhin befinden sich in Fukushima mehr als 2500 Tonnen Uran und Plutonium, ein "gigantisches radioaktives Inventar, gut das 20-fache von Tschernobyl", sagt Atomkritiker Schneider.

Tatsächlich könnte alles sogar noch schlimmer sein, als es die Rechnung der Franzosen glauben macht. Denn die französischen Forscher gehen davon aus, dass die meisten der jetzt gemessenen Strahlenpartikel aus den Reaktorbehältern 1, 2 und 3 stammen. Die kaum gekühlten Brennstäbe hatten den Reaktorbehälter so sehr aufgeheizt, dass die Kraftwerks-ingenieure über ein Ventil radioaktive Luft aus dem Reaktorinneren ablassen mussten. In Deutschland und den USA sind in diese Notventile Filter eingebaut, die Strahlenpartikel abfangen. In Japan gab es einen solchen Filter nicht.

Trotzdem wäre es unter den gegebenen Umständen noch das beste Szenario, wenn die Verstrahlung auf diesem Weg in die Umwelt gelangt wäre: Schon mehr als eine Woche lang mussten die Kraftwerksingenieure keinen solchen Dampf mehr ablassen. Stimmen die Annahmen der Franzosen, dann könnte der schlimmste Austritt von Radioaktivität bereits überstanden sein.

Andere Experten jedoch vertreten eine andere Theorie. Bill Borchardt von der US-Atombehörde NRC etwa macht auch die abgebrannten Brennstäbe in den Abklingbecken für die hohen Strahlungswerte um Fukushima verantwortlich.

Das wäre ein viel schwerer einzudämmendes Problem: Die abgebrannten Brennstäbe, normalerweise unter Wasser und durch das Reaktorgebäudedach geschützt, strahlen jetzt unter freiem Himmel vor sich hin. Nur Kühlwasser kann verhindern, dass sich die Stäbe entzünden, gleichzeitig aber lässt es immer neuen radioaktiven Dampf entstehen. Vor allem aber: Wie lassen sich die Abklingbecken je wieder füllen, zumal sie möglicherweise durch das Beben leckgeschlagen sind?

Wie viel Radioaktivität bei alledem frei wird, hängt vom Zustand der Brennelemente ab. Jedes von ihnen besteht aus knapp 100 vier Meter langen, nur daumendicken Brennstäben. Diese wiederum sind von außen mit einer Zirkoniumlegierung überzogen, drinnen stecken, wie in einem Medikamentenröhrchen, rundliche Tabletten aus Uranoxid. Die Metallhülle aber, so fürchten Experten, könnte inzwischen oxidiert und angeschmolzen sein. Dann dringen größere Mengen Spaltprodukte nach außen.

Bei einem Hubschrauberflug über die Anlage maßen die Geräte in der Höhe von 40 Metern über der Dachkante Strahlung von 80 Millisievert, 200 Meter höher waren es nur noch 4 Millisievert - das spricht für direkte Strahlung aus dem Brennelementbecken.

Oder ist doch alles ganz anders? "Ich glaube, wir haben nicht mal ansatzweise eine Ahnung, wie die Bedingungen in den Reaktorgebäuden sind", sagt Borchardt von der NRC.

Längst hat die unheimliche Strahlung das Werksgelände verlassen

Als Amerikaner kennt er das Problem: Nach dem Reaktorunglück von Three Mile Island bei Harrisburg 1979 dauerte es sechs Jahre, bis die Techniker den Reaktorkern öffnen konnten. Erst dann sahen sie, wie weit die Kernschmelze fortgeschritten war. Seitdem ist in den USA ein Überwachungssystem für Unfälle vorgeschrieben: Es misst, wie viel Radioaktivität frei wird und in welchem Zustand die Brennstäbe sind. Auch das gibt es in Japan nicht.

Stattdessen veröffentlichte der Kraftwerksbetreiber Tepco Bilder, die während des Stromausfalls entstanden waren: Sie zeigen, wie Arbeiter mit Taschenlampen und Klemmbrettern im stockdusteren Kontrollraum von Reaktorblock 1 und 2 umhertappen, um irgendwelche Messgeräte zu kontrollieren.

Ansonsten blieb nur, die Rauchzeichen zu deuten: Dunkle Schwaden, so vermuten die Experten, rühren von brennenden Kabeln und Schrott. Steigt weißer Rauch auf, so heißt dies, dass Wasser über den heißen Brennelementen verdampft.

Unterdessen maß Tepco in der Nähe von Reaktor 2 einen neuen Rekordwert: 500 Millisievert pro Stunde. Wer sich hier zwölf Stunden lang aufhält, stirbt an der Strahlenkrankheit. Das mag ein vereinzelter Extremwert sein, doch in der Nähe der verstrahlten drei Elektriker war die Belastung kaum weniger hoch.

Längst hat die unheimliche Strahlung das Werksgelände verlassen: In Kohlgemüse aus einer Region 40 Kilometer nordwestlich von Fukushima fanden Lebensmittelüberwacher 82.000 Bequerel pro Kilogramm. Erlaubt sind 500. Der Spitzenwert für Spinat lag bei 54.000 Bequerel pro Kilogramm.

Wie lange sich die Radioaktivität in der Nahrungskette halten kann, zeigen, wieder einmal, die Erfahrungen von Tschernobyl: Auch 25 Jahre nach dem Reaktorunfall muss in bestimmten Regionen Bayerns noch heute das Fleisch jedes fünften geschossenen Wildschweins weggeworfen werden, weil es mit mehr als 1000 Bequerel pro Kilogramm belastet ist.

Und auch im Trinkwasser fanden die Behörden radioaktives Jod. Zwar blieb die Belastung vergleichsweise gering. Doch als die Regierung empfahl, Babys nur noch Nahrung mit Mineralwasser zu geben, waren innerhalb kurzer Zeit die Regale in den Tokioter Supermärkten leergekauft. "Es gibt keine einzige Flasche im Regal", berichtet Philip White vom Citizens Nuclear Information Center, dem Zentrum von Japans zaghafter Atomkritik.

Schon jetzt erschweren die Hamsterkäufe in Tokio die Trinkwasserversorgung der Menschen in den Tsunami-Gebieten, wo viele Wasserleitungen zerstört sind. Was aber wird erst geschehen, wenn die Strahlung im Trinkwasser wirklich besorgniserregende Werte erreicht?



insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
doc 123 28.03.2011
1. Meinung!
Zitat von sysopDie zerstörten Reaktorblöcke in Fukushima setzen seit Wochen Radioaktivität frei. Nach Modellrechnungen könnte bereits ein Zehntel der Strahlenmenge von Tschernobyl ausgetreten sein. Arbeiter sind verstrahlt, die Belastung für Einwohner steigt - wie gefährdet ist deren Gesundheit? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,753586,00.html
Es dürfte doch wohl mittlerweile klar geworden sein, dass die japanische Regierung und Tepco von Beginn an über die Katastrophe Bescheid gewusst haben. Insbesondere wenn man bedenkt, dass jetzt Fakten bestätigt werden, wie die Kernschmelze in Reaktor 2, die UNS hier doch wohl längst klar waren (insbesondere Forist Bodenhöfer hatte hierauf ausdrücklich hingewiesen). Wieso dann keine ordentliche Aufklärung der eigenen Bevölkerung oder der Weltgemeinschaft? Ich vermute, zum einen will man das Gesicht nicht verlieren, zum anderen jedoch gilt es wohl tatsächlich eine Panik zu vermeiden. Japan ist doch ein ziemlich kleines Land, zudem eine Insel, und in weiten Teilen bereits durch Erdbeben und Tsunami zerstört. Wohin wollt man denn da die Bevölkerung auch hin evakuieren. Man verschleiert lieber so lange, bis die Faktenlage so eindeutig ist und hofft, dass die eigene Bevölkerung dies dann leidenschaftslos und ergeben hinnimmt, da eh nichts mehr zu ändern ist. ABER die Weltgemeinschaft. Hofft man hier etwa die Pfründe der 3. größten Wirtschaftsnation zu übernehmen, um die eigene Wirtschaft zu fördern? Wie ist es sonst zu erklären, dass man sich lieber um einen kleinen Dikatator kümmert als um das vollständig sicher absehbare Leid von Millionen von Menschen. Ich nenne dies einfach nur ERBÄRMLICH!
klugdoris 28.03.2011
2. gehts noch?
"Nach Modellrechnungen könnte bereits ein Zehntel der Strahlenmenge von Tschernobyl ausgetreten sein." -Was für ein Quatsch! Tschernobyl war nur 1 Reaktor. In Japan sind es 5, wo es kritisch ist. 3 GAUs bis jetzt waren es. ES IST JETZT SCHON WEITAUS SCHLIMMER! Die Bundesregierung hat allen Wetterstationen verboten über die Strahlungswerte zu berichten, obwohl laut Gesetzt keine Zensur stattfinden dürfte! Der Spiegel und andere "Qualitätsmedien" (Das ich nicht lache...) reden alles schön. Was soll diese selbstverarsche? Wer von euch Redakteuren, hat eine Eintrittskarte in die Unterirdischen Atombunkerstädte die Weltweit verteilt sind? Denkt ihr, wir checken das nicht??
sappelkopp 28.03.2011
3. Ups...
Zitat von klugdoris"Nach Modellrechnungen könnte bereits ein Zehntel der Strahlenmenge von Tschernobyl ausgetreten sein." -Was für ein Quatsch! Tschernobyl war nur 1 Reaktor. In Japan sind es 5, wo es kritisch ist. 3 GAUs bis jetzt waren es. ES IST JETZT SCHON WEITAUS SCHLIMMER! Die Bundesregierung hat allen Wetterstationen verboten über die Strahlungswerte zu berichten, obwohl laut Gesetzt keine Zensur stattfinden dürfte! Der Spiegel und andere "Qualitätsmedien" (Das ich nicht lache...) reden alles schön. Was soll diese selbstverarsche? Wer von euch Redakteuren, hat eine Eintrittskarte in die Unterirdischen Atombunkerstädte die Weltweit verteilt sind? Denkt ihr, wir checken das nicht??
...wieso, haben Sie keine? Aber mal ernsthaft, natürlich findet in Fukushima ein Gau statt, bereits seit mehr als zwei Wochen. Interessant finde ich nur die Feststellung, dass 1/10 der Strahlungsmenge von Tschernobyl dort bisher ausgetreten ist, wie wurde das denn gemesen?
Deali, 28.03.2011
4. .
Zitat von doc 123Es dürfte doch wohl mittlerweile klar geworden sein, dass die japanische Regierung und Tepco von Beginn an über die Katastrophe Bescheid gewusst haben. Insbesondere wenn man bedenkt, dass jetzt Fakten bestätigt werden, wie die Kernschmelze in Reaktor 2, die UNS hier doch wohl längst klar waren (insbesondere Forist Bodenhöfer hatte hierauf ausdrücklich hingewiesen). Wieso dann keine ordentliche Aufklärung der eigenen Bevölkerung oder der Weltgemeinschaft? Ich vermute, zum einen will man das Gesicht nicht verlieren, zum anderen jedoch gilt es wohl tatsächlich eine Panik zu vermeiden. Japan ist doch ein ziemlich kleines Land, zudem eine Insel, und in weiten Teilen bereits durch Erdbeben und Tsunami zerstört. Wohin wollt man denn da die Bevölkerung auch hin evakuieren. Man verschleiert lieber so lange, bis die Faktenlage so eindeutig ist und hofft, dass die eigene Bevölkerung dies dann leidenschaftslos und ergeben hinnimmt, da eh nichts mehr zu ändern ist. ABER die Weltgemeinschaft. Hofft man hier etwa die Pfründe der 3. größten Wirtschaftsnation zu übernehmen, um die eigene Wirtschaft zu fördern? Wie ist es sonst zu erklären, dass man sich lieber um einen kleinen Dikatator kümmert als um das vollständig sicher absehbare Leid von Millionen von Menschen. Ich nenne dies einfach nur ERBÄRMLICH!
Es wird einzig und allein aus Kostengründen gelogen. Wenn man jetzt zu gibt das alles doch nicht so sicher ist dann müsste man die anderen Meiler auch abschalten! Am schlimmsten ist das Merkel erst nach dem Super GAU "umdenkt". Das lässt einen zweifeln ob wir nicht sofortige Neuwahlen brauchen. Wenn alles so sicher ist warum bauen die dann nicht die Atommeiler mitten in die Städte? Dann könnten sie sich Leitungsverluste ersparen. This is the end! Aber halt, man kann die Grenzwerte doch einfach anheben.
doc 123 28.03.2011
5. Super Erkenntnis!
"Fukushima könnte sich durchaus als noch schlimmer erweisen als Tschernobyl!" Das dürfte doch nun einmal wirklich seit mehreren Tagen bereits bekannt sein!
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