AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2011

Atomkraft GAU auf Raten

AP

Von , Takako Maruga und

3. Teil: Wie zuverlässig sind die Strahlenmessungen überhaupt?


Die Japaner werden lernen müssen, in Millisievert zu denken: Maximal 0,16 Millisievert am Rand der Evakuierungszone; wer sich 25 Tage lang ununterbrochen an einem solchen Ort aufhielte, bekäme die Maximaldosis verpasst, die ein Atomarbeiter im Jahr aushalten muss.

Bei alledem bleibt eine Unsicherheit: Wie zuverlässig sind die Strahlenmessungen überhaupt? Und wie ist zu erklären, dass die höchsten Strahlenwerte um Fukushima zumeist von Polizeikräften gemessen werden und nicht von Tepco oder der japanischen Atombehörde?

Doch selbst wenn das Misstrauen unbegründet sein sollte: Das Tückische an der Strahlung ist, dass sie so schwer berechenbar ist. "Es wird ein inhomogener Flickenteppich von höher und weniger hoch belasteten Flächen", sagt Peter Küppers vom Öko-Institut Darmstadt. Die Verstrahlung hängt ab von der Windrichtung, vom Regen und davon, wo sich das Wasser sammelt. Nach Tschernobyl waren die Unterschiede extrem: "In Nordostbayern und am Königssee gab es Flächen, die stärker kontaminiert waren als manche Stellen in der 30-Kilometer-Zone direkt um Tschernobyl", sagt Küppers.

Zwar ist eine so weiträumige Verteilung in Japan so gut wie ausgeschlossen. Dazu kam es in Tschernobyl nur, weil der Reaktor tagelang brannte und das radioaktive Material dabei in extrem hohe Luftschichten geschleudert wurde.

Aber wo der Fallout niedergeht, hängt auch in Japan maßgeblich vom Wind ab. "Japan hatte anfangs großes Glück mit dem Wetter", sagt König vom Bundesamt für Strahlenschutz. Denn die unheilvollen Schwaden trieben auf den Ozean hinaus. Doch nicht immer wird der Wettergott so gnädig bleiben.

Die Bewohner von Fukushima beginnen das zu ahnen: Yoshihiro Amano besaß einen kleinen Lebensmittelladen sechs Kilometer vom AKW entfernt. Jetzt muss er in einem Evakuierungszentrum für einen Teller Nudelsuppe anstehen und versucht, sich in die Lage zu fügen. "Es hilft ja nichts, wütend zu werden", sagt er. "Aber wir haben Angst. Wir wissen nicht, ob es Tage, Monate oder Jahrzehnte dauert, bis wir wieder nach Hause können."

Die Japaner werden fortan mit der Ungewissheit leben müssen. Denn über die gesundheitliche Wirkung radioaktiver Strahlung ist erschreckend wenig bekannt.

Aus dem Studium der Überlebenden aus Hiroshima und Nagasaki weiß man: Wenn 100 Menschen eine Dosis von 100 Millisievert abbekommen, wird einer dieser Menschen im Laufe seines Lebens deshalb an Krebs erkranken.

Das lässt sich durchaus als tröstliche Nachricht lesen. Denn einerseits heißt es: Wenn normalerweise etwa 40 von 100 Japanern irgendwann an Krebs erkranken, wären es unter jenen, die 100 Millisievert ausgesetzt wurden, einer mehr, also 41. Andererseits sind 100 Millisievert eine enorme Dosis. Bisher waren in Japan nur einige wenige Arbeiter einem solchen Strahlenbombardement ausgesetzt.

Doch was ist mit jenen, die niedrigerer Strahlung ausgesetzt waren? Was ist, wenn jeder der 35 Millionen Einwohner von Tokio einer Strahlung von einigen Millisievert ausgesetzt ist? Es gibt wenige Fragen der Wissenschaft, die heftiger diskutiert würden - ohne dass es irgendwelche verlässlichen Antworten gäbe.

Es gibt keinen Grenzwert, unterhalb dessen Strahlung harmlos wäre

Sicher ist nur: Selbst rund um Tschernobyl konnte nach dem GAU statistisch keine erhöhte Zahl von Leukämie- und Krebskranken nachgewiesen werden; einzig beim Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist ein klarer Zusammenhang erkennbar. Andererseits gilt: Es gibt keinen Grenzwert, unterhalb dessen Strahlung harmlos wäre. "Jedes Quentchen schadet", mahnt Edmund Lengfelder, Leiter des Otto-Hug Strahleninstituts in München. "Und je jünger ein Mensch, umso mehr."

Am stärksten gefährdet sind Embryonen im Mutterleib während ihrer frühesten Entwicklung. Durch Strahlung können Downsyndrom entstehen, ein offener Rücken, Gaumenspalten und andere Fehlbildungen. Erbgutveränderungen sind auch in der folgenden Generation noch nachweisbar. Das haben DNA-Untersuchungen an gesunden Kindern der Aufräumhelfer von Tschernobyl gezeigt.

Gerade hat die nukleare Sicherheitskommission Japans eine beunruhigende Simulationsrechnung veröffentlicht: Auch außerhalb des 30-Kilometer-Radius rund um die havarierten Kernkraftwerke hätten Kleinkinder durch das ausgetretene Jod möglicherweise bereits eine Schilddrüsendosis von 100 Millisievert aufgenommen. Das verfünffacht bei Zweijährigen das Risiko, bis zum 15. Lebensjahr einen Schilddrüsenkrebs zu entwickeln.

Langfristig noch gefährlicher als das radioaktive Jod ist das strahlende Isotop Cäsium 137. Es zerfällt erst in 30 Jahren zur Hälfte und reichert sich im Boden und in Tieren an. "Cäsium 137 verteilt sich im ganzen Körper und kann so an verschiedenen Stellen die Krebsentstehung fördern", sagt der Essener Strahlenbiologe Wolfgang-Ulrich Müller.

Bis es dazu kommt, kann es Jahre oder gar Jahrzehnte dauern. Der Chef des Bundesamts für Strahlenschutz Wolfram König ist sich trotzdem sicher, dass es schon heute die ersten Strahlentoten in Fukushima gibt: Nur sind sie nicht Opfer der Strahlen, sondern der Angst davor. König: "Viele Verschüttete sind womöglich umgekommen, weil sich niemand mehr traute, ihnen zu helfen."



insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
doc 123 28.03.2011
1. Meinung!
Zitat von sysopDie zerstörten Reaktorblöcke in Fukushima setzen seit Wochen Radioaktivität frei. Nach Modellrechnungen könnte bereits ein Zehntel der Strahlenmenge von Tschernobyl ausgetreten sein. Arbeiter sind verstrahlt, die Belastung für Einwohner steigt - wie gefährdet ist deren Gesundheit? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,753586,00.html
Es dürfte doch wohl mittlerweile klar geworden sein, dass die japanische Regierung und Tepco von Beginn an über die Katastrophe Bescheid gewusst haben. Insbesondere wenn man bedenkt, dass jetzt Fakten bestätigt werden, wie die Kernschmelze in Reaktor 2, die UNS hier doch wohl längst klar waren (insbesondere Forist Bodenhöfer hatte hierauf ausdrücklich hingewiesen). Wieso dann keine ordentliche Aufklärung der eigenen Bevölkerung oder der Weltgemeinschaft? Ich vermute, zum einen will man das Gesicht nicht verlieren, zum anderen jedoch gilt es wohl tatsächlich eine Panik zu vermeiden. Japan ist doch ein ziemlich kleines Land, zudem eine Insel, und in weiten Teilen bereits durch Erdbeben und Tsunami zerstört. Wohin wollt man denn da die Bevölkerung auch hin evakuieren. Man verschleiert lieber so lange, bis die Faktenlage so eindeutig ist und hofft, dass die eigene Bevölkerung dies dann leidenschaftslos und ergeben hinnimmt, da eh nichts mehr zu ändern ist. ABER die Weltgemeinschaft. Hofft man hier etwa die Pfründe der 3. größten Wirtschaftsnation zu übernehmen, um die eigene Wirtschaft zu fördern? Wie ist es sonst zu erklären, dass man sich lieber um einen kleinen Dikatator kümmert als um das vollständig sicher absehbare Leid von Millionen von Menschen. Ich nenne dies einfach nur ERBÄRMLICH!
klugdoris 28.03.2011
2. gehts noch?
"Nach Modellrechnungen könnte bereits ein Zehntel der Strahlenmenge von Tschernobyl ausgetreten sein." -Was für ein Quatsch! Tschernobyl war nur 1 Reaktor. In Japan sind es 5, wo es kritisch ist. 3 GAUs bis jetzt waren es. ES IST JETZT SCHON WEITAUS SCHLIMMER! Die Bundesregierung hat allen Wetterstationen verboten über die Strahlungswerte zu berichten, obwohl laut Gesetzt keine Zensur stattfinden dürfte! Der Spiegel und andere "Qualitätsmedien" (Das ich nicht lache...) reden alles schön. Was soll diese selbstverarsche? Wer von euch Redakteuren, hat eine Eintrittskarte in die Unterirdischen Atombunkerstädte die Weltweit verteilt sind? Denkt ihr, wir checken das nicht??
sappelkopp 28.03.2011
3. Ups...
Zitat von klugdoris"Nach Modellrechnungen könnte bereits ein Zehntel der Strahlenmenge von Tschernobyl ausgetreten sein." -Was für ein Quatsch! Tschernobyl war nur 1 Reaktor. In Japan sind es 5, wo es kritisch ist. 3 GAUs bis jetzt waren es. ES IST JETZT SCHON WEITAUS SCHLIMMER! Die Bundesregierung hat allen Wetterstationen verboten über die Strahlungswerte zu berichten, obwohl laut Gesetzt keine Zensur stattfinden dürfte! Der Spiegel und andere "Qualitätsmedien" (Das ich nicht lache...) reden alles schön. Was soll diese selbstverarsche? Wer von euch Redakteuren, hat eine Eintrittskarte in die Unterirdischen Atombunkerstädte die Weltweit verteilt sind? Denkt ihr, wir checken das nicht??
...wieso, haben Sie keine? Aber mal ernsthaft, natürlich findet in Fukushima ein Gau statt, bereits seit mehr als zwei Wochen. Interessant finde ich nur die Feststellung, dass 1/10 der Strahlungsmenge von Tschernobyl dort bisher ausgetreten ist, wie wurde das denn gemesen?
Deali, 28.03.2011
4. .
Zitat von doc 123Es dürfte doch wohl mittlerweile klar geworden sein, dass die japanische Regierung und Tepco von Beginn an über die Katastrophe Bescheid gewusst haben. Insbesondere wenn man bedenkt, dass jetzt Fakten bestätigt werden, wie die Kernschmelze in Reaktor 2, die UNS hier doch wohl längst klar waren (insbesondere Forist Bodenhöfer hatte hierauf ausdrücklich hingewiesen). Wieso dann keine ordentliche Aufklärung der eigenen Bevölkerung oder der Weltgemeinschaft? Ich vermute, zum einen will man das Gesicht nicht verlieren, zum anderen jedoch gilt es wohl tatsächlich eine Panik zu vermeiden. Japan ist doch ein ziemlich kleines Land, zudem eine Insel, und in weiten Teilen bereits durch Erdbeben und Tsunami zerstört. Wohin wollt man denn da die Bevölkerung auch hin evakuieren. Man verschleiert lieber so lange, bis die Faktenlage so eindeutig ist und hofft, dass die eigene Bevölkerung dies dann leidenschaftslos und ergeben hinnimmt, da eh nichts mehr zu ändern ist. ABER die Weltgemeinschaft. Hofft man hier etwa die Pfründe der 3. größten Wirtschaftsnation zu übernehmen, um die eigene Wirtschaft zu fördern? Wie ist es sonst zu erklären, dass man sich lieber um einen kleinen Dikatator kümmert als um das vollständig sicher absehbare Leid von Millionen von Menschen. Ich nenne dies einfach nur ERBÄRMLICH!
Es wird einzig und allein aus Kostengründen gelogen. Wenn man jetzt zu gibt das alles doch nicht so sicher ist dann müsste man die anderen Meiler auch abschalten! Am schlimmsten ist das Merkel erst nach dem Super GAU "umdenkt". Das lässt einen zweifeln ob wir nicht sofortige Neuwahlen brauchen. Wenn alles so sicher ist warum bauen die dann nicht die Atommeiler mitten in die Städte? Dann könnten sie sich Leitungsverluste ersparen. This is the end! Aber halt, man kann die Grenzwerte doch einfach anheben.
doc 123 28.03.2011
5. Super Erkenntnis!
"Fukushima könnte sich durchaus als noch schlimmer erweisen als Tschernobyl!" Das dürfte doch nun einmal wirklich seit mehreren Tagen bereits bekannt sein!
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