AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2011

Eine Meldung und ihre Geschichte Ein perfekter Tag

Wie ein Brite über 300 Meter tief fiel und überlebte.

Von Julia Prosinger

Getty Images

Es ist Samstag, und Adam Potter steht auf einem Berg in den schottischen Highlands, der Berg heißt Sgurr Choinnich Mor, er ist 1094 Meter hoch, und er gilt unter Bergsteigern als nicht besonders schwierig. Bis heute kann Adam Potter den Namen des Berges, der ihm den Tod so nahe brachte, nicht buchstabieren.

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An diesem Tag zeigt das Thermometer null Grad, es regnet, und Potter, 36 Jahre alt, ein bisschen zu stämmig für einen Kletterer, ist mit seinen beiden Freunden und seiner Freundin Kate frühmorgens aus Glasgow aufgebrochen. Sie haben den Berg routiniert in wenigen Stunden bestiegen, nun lassen sie sich den Wind um die Nase wehen und genießen den Blick über die Highlands.

Wenn Potter keine Berge besteigt, fährt er Kajak in wilden Gewässern, rast mit dem Mountainbike Hänge hinab, klettert ohne Seil auf Felsen. Potter ist der Meinung, dass ein bisschen Aufregung, ein wenig Risiko die Lebensqualität erhöht. Das Risiko glaubt er im Griff zu haben. 85 Prozent sind Kopfsache, sagt Potter immer, den Rest bestimmen die äußeren Umstände. Ein perfekter Tag ist für Potter einer, an dem er die Umstände bezwungen hat.

Nach einer Pause bricht die Gruppe zum nächsten Gipfel auf, ein Berg pro Tour ist nicht genug. Auf der Wegeshälfte wollen sie ihr Nachtlager aufschlagen. Potter trägt den schweren Rucksack voller Campingsachen, mit Pfannen und Keksen. An der schroffen Ostseite des Sgurr Choinnich Mor laufen sie bergab über ein Schneefeld. Potter, erfahrener als die anderen, hält die Gruppe an, sagt, dass sie jetzt besser Steigeisen anziehen sollten.

85 Prozent sind Kopfsache

Um seine Steigeisen anlegen zu können, muss er seinen Rucksack absetzen. Um seinen Rucksack absetzen zu können, braucht Potter festen Stand. Den sucht er mit den Füßen, aber er findet ihn nicht. Stattdessen rutscht er aus, versucht, das Gleichgewicht zu halten, aber auch das klappt nicht. Das Gewicht des Rucksacks ist zu groß, es wirft ihn zu Boden.

Er wird sich fangen, sagt Kate zu sich, ich werde mich irgendwo festhalten, sagt Potter zu sich. 85 Prozent sind Kopfsache.

Er beginnt zu rutschen, langsam zunächst, auf eine Klippe zu. Die anderen Mitglieder der Gruppe versuchen, ihn zu erreichen, aber sie sind zu weit weg, zu langsam.

Potter stemmt seine Absätze in den Schnee, er rammt die Wanderstöcke hinein, aber er schlittert weiter, der schwere Rucksack beschleunigt ihn. Ein Felsvorsprung rast auf ihn zu, dann fällt er. Über 30 Meter geht es hinunter, der kalte Wind brennt in seinen Augen. Potter schlägt auf einem Schneefeld auf und rutscht weiter.

Wieder versucht er, sich zu bremsen, verliert dabei einen Wanderstock, seine Wangen reiben über den kalten Schnee. Ein zweiter Felsvorsprung kommt näher.

Oben am Berg steht Kate, schaut hinunter auf ihren Freund, der fällt, durch Wolkenfetzen hindurch, der kämpft, der aufschlägt.

Potter fällt weitere geschätzte 30 Meter, und diesmal schreit er. Wieder schlägt er auf, wieder setzt er alles daran anzuhalten. Er überschlägt sich, rast nun mit dem Kopf nach vorn weiter, verliert den zweiten Wanderstock, fällt über die dritte Klippe.

Kate sieht ihn fallen, rutschen, drehen, hört ihn schreien. Sie ist erstarrt, stumm vor Angst, fürchtet das, was nun kommen muss.

Ein Rettungshubschrauber fliegt Potter ins nächste Krankenhaus

Wieder schlägt Potter auf, wieder rutscht er weiter, doch die Flanke des Berges ist weniger steil, es gelingt ihm, das Rutschen, Schlittern, den irren Ritt halbwegs zu kontrollieren, zu verlangsamen, mit seinen Händen, seinen Füßen, Knien, dem ganzen Körper, und schließlich bleibt er liegen, ungefähr 15 Meter vor dem nächsten Abgrund.

Sein Gesicht ist blutig, drei Rippen sind gebrochen, er hat ein Schleudertrauma, aber sonst geht es ihm gut.

Er kann aufstehen, und er tut es auch. Er kramt eine Landkarte aus dem Rucksack hervor, um sich zu orientieren. Dann schaut er nach oben, zu seinen Freunden, zu seiner Freundin. Sie winken, er ruft ihnen zu, dass er jetzt hochkommen werde und dass sie dann weiterwandern könnten. 85 Prozent Kopfsache.

Kate schreit ihm zu, er solle bleiben, wo er ist. Dann ruft sie die Polizei.

Ein Rettungshubschrauber fliegt Potter ins nächste Krankenhaus, Ärzte machen Röntgenaufnahmen. Knapp hundert Meter ist Potter im freien Fall gewesen. Ein Experte sagt: Der Rucksack hat ihn gerettet, er hat seinen Kopf gestützt. Ein anderer sagt: Er ist in weichen Tiefschnee gefallen.

Kate und die beiden Freunde müssen den Berg hinabsteigen, es ist dunkel, bis sie ihr Auto erreichen. Sie sorgt sich, ja, aber sie hat ihn winken sehen, sie fürchtet, er sei vielleicht zu schnell aufgestanden. Sie kennt ihn erst seit sechs Monaten, sie weiß, dass seine Frau bei einem Autounfall gestorben ist, sie weiß, dass er immer wieder aufsteht. Lächelnd sitzt er in seinem Krankenhausbett.

Potter konnte das Krankenhaus nach kurzer Zeit verlassen, und er ging als glücklicher Mann. Er hatte die Umstände bezwungen, in den Highlands, an diesem Berg, alles Kopfsache. Es war ein perfekter Tag.

Bald könnte er noch einmal einen solchen Tag erleben. Er und Kate planen den Aufstieg auf den Mount Everest.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
fiutare 01.04.2011
1. Wer's braucht.
Ich brauch sowas nicht.
werauchimmer 01.04.2011
2. 300 Meter oder Fuss?
Es fiel mir schon im Print-Spiegel auf: Überschrift und Inhalt passen nicht zusammen: ...er ruscht und fällt 30m, dann nochmal 30m, dann 15m... Zitat: Knapp hundert Meter ist Potter im freien Fall gewesen. Ja wo ist er denn die anderen zweihundert Meter gewesen?
ofelas 01.04.2011
3. wiedermal ganz vorn
Danke Frau Prosinger, war gestern genauso in GB zu lesen.
jp' 01.04.2011
4. ...
Zitat von sysopWie ein Brite über 300 Meter tief fiel und überlebte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,753621,00.html
na toll, das einzige was hier spektakulär ist, ist die überschrift. er fällt 1. nicht 300 meter sondern nur 100 (und auch die sind sicher übertrieben) und die fällt er auchnicht in einem stück, sondern in mehreren (30, 30, 15m = 75m) naja, mal eben ums zehnfache vertan. aber ich bin mir bei SPON sicher. jeder andere artikel ist hundertprozentig recherchiert und weist keine inhaltlichen fehler auf, oder ist gar mit einer reisserischen überschrift versehen. das einzige was ich mich frage, ob SPON seinen freien fall auch überleben wird...
cphistrauss@aol.com 01.04.2011
5. Eine Meldung und ihre Geschichte: Ein perfekter Tag
APRIL APRIL, besten gruss ausm Flachland!!!
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