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Ausgabe 13/2011

Essay: Sicherheit und Risiko

Von Herfried Münkler

Wir Deutschen haben Technik und Politik an die Kette gelegt - denn wir scheuen stets das Risiko. Deswegen hat Kernkraft nach Fukushima hier auch keine Chance mehr. Doch diese Haltung birgt Gefahren: Sicherheitswahn kann unsere Gesellschaft auch lähmen.

Havarierter Atommeiler Fukushima: Es gibt Katastrophen, die das Innere einer Gemeinschaft zerstören Zur Großansicht
REUTERS/ Air Photo Service

Havarierter Atommeiler Fukushima: Es gibt Katastrophen, die das Innere einer Gemeinschaft zerstören

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen, und das Streben danach ist der vielleicht wichtigste Antrieb zur Vergemeinschaftung. Großgruppenbildung erhöht die Sicherheit, zumindest das Sicherheitsempfinden, und das wiederum begrenzt die Neigung zu Panik und Hysterie im Augenblick der Gefahr.

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Zwar kommen Gesellschaften nicht umhin, ausgewählte Mitglieder erhöhten Gefahren und Risiken auszusetzen; auf Dauer überlebensfähig sind sie aber nur, wenn sie ihren Kernbestand - klassisch ist hier von Frauen und Kindern die Rede - im Augenblick der Gefahr in Sicherheit bringen können. Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildung läuft also darauf hinaus, die Sicherheit im Innern des Verbandes zu erhöhen, indem Spezialisten der Gefahrenabwehr ausgesucht werden, die sich an den Außengrenzen der Gesellschaft erhöhten Gefahren aussetzen. Dafür werden sie mit materiellen Gütern oder Symbolen der Anerkennung entlohnt. Sie gelten als Helden und werden als solche gefeiert.

Gesellschaftsbildung läuft also immer auf eine Ungleichverteilung von Sicherheit und Gefahr hinaus. Das Innen von Gesellschaften entsteht durch Sicherheitserhöhung und das Außen durch Sicherheitsverzicht. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Typen von Katastrophen: solche, die nur die Spezialisten der Gefahrenabwehr treffen, und solche, die auch das Innere einer Gesellschaft zerstören. Ersteres sind Katastrophen, die im kollektiven Gedächtnis unter den Risiken abgespeichert werden, Risiken, die Gesellschaften im Prozess ihrer Selbstbehauptung immer wieder eingehen. Letzteres dagegen sind Zäsuren der Geschichte, historische Wendepunkte, nach denen nichts mehr so ist, wie es vordem war.

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AKW-Katastrophe in Fukushima: Kaskade der Hiobsbotschaften
Aus dem Untergang von Gefahrenabwehrspezialisten erwächst die Forderung, dass ihre Ausbildung und Ausrüstung, vielleicht auch der Modus ihrer Rekrutierung verändert werden müssen. Fachliche Kompetenzen und Equipment haben sich als unzulänglich herausgestellt. Daraus lässt sich lernen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Katastrophen hingegen, die das Innen und Außen von Gesellschaften durcheinanderwirbeln, stellen deren Selbstverständnis als Ganzes in Frage und zwingen, wenn die Gesellschaft die Katastrophe irgendwie überstanden hat, zu grundlegenden Neuorientierungen: zur Neudefinition dessen, was Innen und Außen sind, und zur Neubewertung der Gefahrenabwehrspezialisten. So mancher, der vor der Katastrophe als Held angesehen wurde, gilt danach als Verantwortlicher für den Untergang.

Was in der Vergangenheit das Schicksal des Militärs war, könnte unter dem Eindruck einer von Technik und Wissenschaft zu verantwortenden Katastrophe auch Ingenieure und Wissenschaftler treffen. Sie haben mit falschen Versprechungen die Gesellschaft in Sicherheit gewiegt. Gemeinsam mit dem Gros der Politiker haben sie die Gefahren unterschätzt und die Risiken falsch beurteilt. Damit haben sie die Gesellschaft in die Katastrophe geführt, nachdem sie zuvor die Suche nach Alternativen blockiert haben. Gesellschaften, die gewohnt waren, an der Spitze der sozio-ökonomischen Entwicklung zu marschieren, sind im Wettrennen mit der Konkurrenz dadurch zurückgefallen. Das kann das Selbstbewusstsein einer Gesellschaft in Frage stellen und zu kollektiven Depressionen führen.

Die Katastrophe wird zum kollektiven Trauma

Bemerkenswert ist, dass sich hier die Vorstellung von Innen und Außen radikal verändert hat und der Ort der alles entscheidenden Gefahrenabwehr nicht länger an den Außengrenzen der Gesellschaft zu suchen ist, sondern in den Laboren und Planungsbüros in deren Innerem. Diese Veränderung hat sich seit langem abgezeichnet; in ihrer Tragweite wird sie aber erst deutlich, wenn das System der Naturbeherrschung, das im Verlauf der Zeit errichtet worden ist, mit einem Schlag kollabiert und eine Gesellschaft sich als hilflos erfährt. Dann wird die Katastrophe zum kollektiven Trauma.

Gesellschaften können jedoch nicht nur an übergroßen Gefahren und einem Zuviel an Risikobereitschaft scheitern, sondern ebenso an einem Übermaß der Sicherheit. Das Emblem solchen Scheiterns heißt "1989": Die realsozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas sind - auch - deswegen kollabiert, weil sie vor lauter Sicherheitsapparatur und Sicherungsversprechen jegliche Flexibilität und Reaktionsfähigkeit eingebüßt hatten. Das Innere dieser Gesellschaften ist vom Übergewicht der Sicherheitseinrichtungen erdrückt worden.

Sicherheit ist also nicht bloß als ein Draußenhalten von Gefahren und eine Entlastung von Sorge zu begreifen, sondern kann sich auch als Dispens vom Lernen darstellen, was schließlich zu Immobilität und Erstarrung führt. Die realen wie imaginierten Panzerungen sind hier so groß, dass jede Sensibilität für Veränderung verschwunden ist. Auch das kann in Katastrophen enden, freilich seltener in plötzlichen als in schleichenden Katastrophen.

Übermäßiges Sicherheitsbedürfnis lässt Gesellschaften beschleunigt altern. Sie verlieren den Anschluss an die Entwicklung. Risikobereitschaft ist immer auch eine Art gesellschaftlicher Jungbrunnen; eine Form der Erneuerung, bei der alte durch neue Eliten abgelöst werden oder neue Köpfe in ihre Reihen aufgenommen werden müssen, um sich behaupten zu können. Nicht von ungefähr waren es alte Männer, die 1989 aus dem Amt gejagt wurden. In modernen Gesellschaften darf sich die Risikobereitschaft nicht auf die gesellschaftlichen Außengrenzen beschränken, sondern muss auch im Innern von Politik und Gesellschaft anzutreffen sein. Ein hypertrophes Sicherheitsbedürfnis verhindert das. Es fordert "keine Experimente!" und erweckt den Eindruck, es könne alles so bleiben, wie es gegenwärtig ist. Sicherheit im Übermaß lähmt.

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1. Wie wäre es dann...
ich-hätt-da-mal-ne-Frage 31.03.2011
das Risiko einzugehen und ab sofort auf den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien zu setzen?
2. Unterschwelliges Fazit des Beitrages:
Magentasalex 31.03.2011
Zitat von sysopZu viel? Zu wenig? Und wann scheitert eine Gesellschaft? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,753623,00.html
Unterschwelliges Fazit des Beitrages: Sie wird scheitern, wenn sie den Bau von AKW's absolut einstellt. Die Atomlobby wird nun mit allen Bandagen kämpfen...
3. Thema verfehlt
griedemann 31.03.2011
Es geht ja nicht um die 'Dampfkraftverordnungen des 19. Jahrhunderts', sondern um die leider realistische Gefahr der Verstrahlung dicht besiedelter Lebensräume. Und es gibt einen gangbaren Weg, dieses Risiko zuverlässig auszuschalten: Der Verzicht auf die Nutzung der Kernkraft, einschließlich einer nuklearen Abrüstung. Beides ist so notwendig wie machbar.
4. sauber
PhysikerTeilchen 31.03.2011
sehr schoen geschrieben. ein wahrer genuss, dieses essay zu lesen.
5. Wie wäre es dann...
ich-hätt-da-mal-ne-Frage 31.03.2011
das Risiko einzugehen und jetzt massiv auf die erneuerbaren - im Vergleich zur Nukleartechnik riskolosen - Energien zu setzen?
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Herfried Münkler, 59, ist Professor für Politikwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität. Im September 2010 erschien sein Buch "Mitte und Maß".
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Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.

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