AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2011

Debatte: Der US-Hämatologe Robert Peter Gale über deutsche Strahlenangst und japanische Strahlenrisiken

Von Robert Peter Gale

2. Teil: Atomkraft ist ein sehr emotionales Thema

Karikatur: "Mein Geiger-Zähler schlägt Alarm"Zur Großansicht
Greser & Lenz / Stern

Karikatur: "Mein Geiger-Zähler schlägt Alarm"

Gestützt auf diese Überlegungen, dürfen wir hoffen, dass in den kommenden Jahren, wenn überhaupt, nur wenige Kinder an Schilddrüsenkrebs erkranken werden, außerdem ist in den nächsten 50 Jahren mit 200 bis 1500 zusätzlichen Fällen von Leukämie und anderen Krebsarten zu rechnen. In diesem Zeitraum werden unabhängig von den Geschehnissen am Kernkraftwerk etwa 18 Millionen Japaner an Krebs sterben. Das Risiko, das sich Fukushima zuschreiben lässt, wäre also kleiner als 0,1 Promille - deutlich unter dem Wahrnehmungshorizont epidemiologischer Studien. Eines aber ist sicher: Würde man den Zigarettenpreis in Japan um 50 Cent erhöhen, ließe sich das Krebsrisiko um sehr viel mehr als 0,1 Promille verringern.

Nicht eingerechnet in diese Risikoabschätzungen sind allerdings die Abklingbecken, die sich in den oberen Stockwerken der Reaktorgebäude in Fukushima befinden. Die dort gelagerten Brennstäbe enthalten noch radioaktives Material, sind aber von keiner schützenden Hülle mehr umgeben. Der Verlust von Kühlwasser oder ein Bruch in einem dieser Pools könnte eine beträchtliche Menge Radioaktivität freisetzen und die Risikoberechnung wesentlich verändern.

Wer jetzt, wie offenbar die meisten Deutschen, aus der Kernenergie aussteigen will, sollte sich die Alternativen genau vor Augen führen: Wir alle wissen, was es für den Klimawandel bedeutet, wenn wir weiterhin fossile Brennstoffe nutzen. Aber wir müssen auch weniger offensichtliche Kosten bedenken. So ist der Preis, den wir für unsere Abhängigkeit vom Öl bezahlen, erschreckend hoch, wenn man überlegt, dass ihm letztlich auch die Beteiligung Europas und der USA in Kriege im Irak und das, was zurzeit in Libyen geschieht, zuzurechnen sind.

Im Kohlebergbau sterben jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen, auch der Transport und die Weiterverarbeitung der Kohle fordern Menschenleben. Ein Land wie Japan besitzt zudem kaum Kohle oder Öl. Was sollen die denn machen ohne Kernenergie?

Selbst regenerative Arten der Energiegewinnung sind nicht ungefährlich: Wer zum Beispiel weiß schon, dass auch bei der Gewinnung von Sonnenenergie Radioaktivität freigesetzt wird? Solarkraftwerke benötigen nämlich Kupferrohre, und bei der Kupfergewinnung entweicht Uran. Auch die Flussblindheit, die sich beim Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten verbreitete, ist eine unerwartete Folge der Nutzung scheinbar "grüner" Energiequellen: Weil sich die Mücke, die diese Krankheit überträgt, im aufgestauten Wasser massiv vermehren konnte, verloren mehr als eine Million Menschen ihr Augenlicht.

Die Menschen folgen dem Motto: Man kann nicht vorsichtig genug sein

Atomkraft ist ein sehr emotionales Thema. Viele Menschen haben eine Meinung dazu und nehmen nur zur Kenntnis, was ihre Ansichten stützt. Vieles ist dabei irrational. Dazu trägt bei, dass kaum einer die vielen Zahlen, Mess- und Grenzwerte, die jetzt veröffentlicht werden, vernünftig einordnet.

In Fukushima zeigt sich das derzeit besonders deutlich. Die Amerikaner haben allen Landsleuten in einem Umkreis von 80 Kilometern empfohlen, das Gebiet zu verlassen. Die Deutschen haben ihre Botschaft nach Osaka verlegt. Auch Menschen, die eigentlich gut informiert sind, haben Tokio verlassen. Sie folgen dem Motto: Man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich kann sie verstehen.

Nur ist die Botschaft an die Japaner, die im Land bleiben müssen, verheerend. Sie beginnen, ihrer eigenen Regierung zu misstrauen. Angst breitet sich aus. Das ist ein schrecklicher Nebeneffekt dieser übertriebenen Besorgnis - und der Panikreaktion aus Deutschland.

Die am schwersten wiegenden Langzeitfolgen eines Atomunfalls sind meist nicht medizinischer, sondern politischer, ökonomischer und psychologischer Natur. Deshalb sollte die deutsche Reaktion auf Fukushima nicht nur von Emotionen bestimmt sein, sondern rücksichtsvoll und bedacht ausfallen.

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insgesamt 1394 Beiträge
frubi 06.04.2011
Lächerlich. Ich habe mich schon beim Lesen des Artikels in der Printausgabe geärgert. Da wird, ähnlich wie bei den S21 Protesten, den Bürgern etwas angedichtet, was vorne und hinten nicht simmt. Die Gefahr vor der Angst. Die [...]
Zitat von sysopSchädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,754931,00.html
Lächerlich. Ich habe mich schon beim Lesen des Artikels in der Printausgabe geärgert. Da wird, ähnlich wie bei den S21 Protesten, den Bürgern etwas angedichtet, was vorne und hinten nicht simmt. Die Gefahr vor der Angst. Die Deutschen haben auch keine Lust auf kriegerisches Geballere. Sind wir deswegen dumm oder ängstliche Höhlenmenschen? Ich finde das Wort Angst auch unangebracht. Vorsicht wäre das bessere Wort. Wieso soll man Risiken eingehen, wenn der Nutzen durch eine gänzlich risikofreie Technik zur Verfügung gestellt wird? Das ist eher vernünftig und nicht ängstlich.
aronsperber 06.04.2011
Das Erdbeben in Japan war wesentlich stärker als das Erdbeben von Haiti. Japan ist auch wesentlich dichter besiedelt als Haiti. Auf Haiti standen im Gegensatz zu Japan keine Atomreaktoren, die im Fall eines Erdbebens zu einer [...]
Das Erdbeben in Japan war wesentlich stärker als das Erdbeben von Haiti. Japan ist auch wesentlich dichter besiedelt als Haiti. Auf Haiti standen im Gegensatz zu Japan keine Atomreaktoren, die im Fall eines Erdbebens zu einer unberechenbaren Gefahrenquelle werden konnten. Und trotzdem wird die Opferzahl von Japan weit unter der von Haiti bleiben. Die japanischen Atomreaktoren werden zwar möglicherweise zu Opfern führen, sie sind aber auch ein Teil des Grundes, warum es in Japan wesentlich sicherer als auf Haiti geworden ist. Zivilisation und Fortschritt bringen zwar immer wieder Nachteile mit sich, insgesamt führen sie jedoch zu einer eindeutigen Verbesserung der Lebensumstände. http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/15/zum-gluck-keine-atomreaktoren-auf-haiti/
2cv 06.04.2011
...ist die fehlende Initiative der Bundesregierung und anderer Verbände, auf breit angelegter Front für alternative und erneuerbare Technologien Investitionen zu fördern und auf europäischer Ebene gemeinsame Strategien mit den [...]
...ist die fehlende Initiative der Bundesregierung und anderer Verbände, auf breit angelegter Front für alternative und erneuerbare Technologien Investitionen zu fördern und auf europäischer Ebene gemeinsame Strategien mit den Partnerländern zu entwickeln... Stattdessen entwickeln wir veraltete Konzepte weiter, von denen wir noch nicht einmal wissen, wie wir mit ihren Langzeitfolgen umzugehen wissen.
baggertonia 06.04.2011
Na klar, alles halb so schlimm. Was man nicht sieht oder hört oder spürt, kann ja nicht sooo schädlich sein. 2.000-15.000 Krebsfälle mehr oder weniger, machen ja echt keinen Unterschied. Zum Glück haben wir Experten. Jetzt bin ich [...]
Na klar, alles halb so schlimm. Was man nicht sieht oder hört oder spürt, kann ja nicht sooo schädlich sein. 2.000-15.000 Krebsfälle mehr oder weniger, machen ja echt keinen Unterschied. Zum Glück haben wir Experten. Jetzt bin ich beruhigt. Amen.
syracusa 06.04.2011
Der Artikel ist wieder mal Unsinn von Atomlobbyisten. Es ist denkbar und IMO sogar wahrscheinlich, dass die Kernthese zutrifft, dass für das Individuum die Angst vor Strahlung physiologisch gefährlicher ist als die Strahlung [...]
Zitat von sysopSchädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,754931,00.html
Der Artikel ist wieder mal Unsinn von Atomlobbyisten. Es ist denkbar und IMO sogar wahrscheinlich, dass die Kernthese zutrifft, dass für das Individuum die Angst vor Strahlung physiologisch gefährlicher ist als die Strahlung selbst. Aber darum geht es bei der Ablehnung von Atomstrom gar nicht! Die Menschheit könnte problemlos ein paar tausend Strahlentote jedes Jahr verkraften, oder auch ein paar zehntausend oder hunderttausend alle 20 Jahre. Aber weder Staat noch Gesellschaft Deutschlands könnten das Schadenspotential eines GAUs tragen. Wer soll denn dafür bezahlen wenn das halbe Rhein-Main-Gebiet evakuiert werden muss und auf mindestens 300 Jahre unbewohnbar bleibt?
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Zum Autor
Thilo Thielke / DER SPIEGEL
Robert Peter Gale, 65, ist Hämatologe und Onkologe. Der Mediziner leitete das internationale Ärzteteam, das nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl tätig wurde. Nach der Havarie in Fukushima berät er jetzt die japanische Regierung. Er lehrt in Los Angeles und London und ist beteiligt an der Entwicklung neuer Krebsmedikamente.
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Umstrittene Atomkraft

Soll der Ausstieg beschleunigt werden?

  • Ja, die Laufzeitverlängerung muss rückgängig gemacht werden.
  • Ja, die Laufzeitverlängerung muss rückgängig gemacht werden und die alten Meiler müssen sofort vom Netz.
  • Nein, die deutsche Atomkraft ist sicher.

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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.

Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.


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