Von Robert Peter Gale
Gestützt auf diese Überlegungen, dürfen wir hoffen, dass in den kommenden Jahren, wenn überhaupt, nur wenige Kinder an Schilddrüsenkrebs erkranken werden, außerdem ist in den nächsten 50 Jahren mit 200 bis 1500 zusätzlichen Fällen von Leukämie und anderen Krebsarten zu rechnen. In diesem Zeitraum werden unabhängig von den Geschehnissen am Kernkraftwerk etwa 18 Millionen Japaner an Krebs sterben. Das Risiko, das sich Fukushima zuschreiben lässt, wäre also kleiner als 0,1 Promille - deutlich unter dem Wahrnehmungshorizont epidemiologischer Studien. Eines aber ist sicher: Würde man den Zigarettenpreis in Japan um 50 Cent erhöhen, ließe sich das Krebsrisiko um sehr viel mehr als 0,1 Promille verringern.
Nicht eingerechnet in diese Risikoabschätzungen sind allerdings die Abklingbecken, die sich in den oberen Stockwerken der Reaktorgebäude in Fukushima befinden. Die dort gelagerten Brennstäbe enthalten noch radioaktives Material, sind aber von keiner schützenden Hülle mehr umgeben. Der Verlust von Kühlwasser oder ein Bruch in einem dieser Pools könnte eine beträchtliche Menge Radioaktivität freisetzen und die Risikoberechnung wesentlich verändern.
Wer jetzt, wie offenbar die meisten Deutschen, aus der Kernenergie aussteigen will, sollte sich die Alternativen genau vor Augen führen: Wir alle wissen, was es für den Klimawandel bedeutet, wenn wir weiterhin fossile Brennstoffe nutzen. Aber wir müssen auch weniger offensichtliche Kosten bedenken. So ist der Preis, den wir für unsere Abhängigkeit vom Öl bezahlen, erschreckend hoch, wenn man überlegt, dass ihm letztlich auch die Beteiligung Europas und der USA in Kriege im Irak und das, was zurzeit in Libyen geschieht, zuzurechnen sind.
Im Kohlebergbau sterben jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen, auch der Transport und die Weiterverarbeitung der Kohle fordern Menschenleben. Ein Land wie Japan besitzt zudem kaum Kohle oder Öl. Was sollen die denn machen ohne Kernenergie?
Selbst regenerative Arten der Energiegewinnung sind nicht ungefährlich: Wer zum Beispiel weiß schon, dass auch bei der Gewinnung von Sonnenenergie Radioaktivität freigesetzt wird? Solarkraftwerke benötigen nämlich Kupferrohre, und bei der Kupfergewinnung entweicht Uran. Auch die Flussblindheit, die sich beim Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten verbreitete, ist eine unerwartete Folge der Nutzung scheinbar "grüner" Energiequellen: Weil sich die Mücke, die diese Krankheit überträgt, im aufgestauten Wasser massiv vermehren konnte, verloren mehr als eine Million Menschen ihr Augenlicht.
Die Menschen folgen dem Motto: Man kann nicht vorsichtig genug sein
Atomkraft ist ein sehr emotionales Thema. Viele Menschen haben eine Meinung dazu und nehmen nur zur Kenntnis, was ihre Ansichten stützt. Vieles ist dabei irrational. Dazu trägt bei, dass kaum einer die vielen Zahlen, Mess- und Grenzwerte, die jetzt veröffentlicht werden, vernünftig einordnet.
In Fukushima zeigt sich das derzeit besonders deutlich. Die Amerikaner haben allen Landsleuten in einem Umkreis von 80 Kilometern empfohlen, das Gebiet zu verlassen. Die Deutschen haben ihre Botschaft nach Osaka verlegt. Auch Menschen, die eigentlich gut informiert sind, haben Tokio verlassen. Sie folgen dem Motto: Man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich kann sie verstehen.
Nur ist die Botschaft an die Japaner, die im Land bleiben müssen, verheerend. Sie beginnen, ihrer eigenen Regierung zu misstrauen. Angst breitet sich aus. Das ist ein schrecklicher Nebeneffekt dieser übertriebenen Besorgnis - und der Panikreaktion aus Deutschland.
Die am schwersten wiegenden Langzeitfolgen eines Atomunfalls sind meist nicht medizinischer, sondern politischer, ökonomischer und psychologischer Natur. Deshalb sollte die deutsche Reaktion auf Fukushima nicht nur von Emotionen bestimmt sein, sondern rücksichtsvoll und bedacht ausfallen.
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© DER SPIEGEL 14/2011
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