Von Robert Peter Gale
Sind die Deutschen zu empfindlich, wenn es um Atomkraft geht? Ich glaube: ja. Ich will erklären, warum. Schon vor 25 Jahren, kurz nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, habe ich bei Besuchen in verschiedenen deutschen Ministerien in Bonn versucht, eines deutlich zu machen: Der radioaktive Fallout einer Nuklearkatastrophe birgt zweifellos gesundheitliche Gefahren, aber unter dem Strich fordert die Verwendung fossiler Energiequellen wie Öl oder Gas weit mehr Todesopfer. Das Verständnis der Deutschen für meine Argumente war damals gering. Nun hat der Reaktorunfall in Fukushima die Öffentlichkeit erneut in Aufruhr versetzt. Und wieder werden sich die Deutschen wohl schwer damit tun, die Risiken vernünftig abzuwägen.
Mit meiner Reise an den Ort der Katastrophe wollte ich ein Zeichen setzen und den Japanern zeigen, dass sie nicht ganz alleingelassen werden. Aber hätte ich mir Sorgen um meine Gesundheit gemacht, wäre ich sicher nicht dorthin gefahren. Die freigesetzte Radioaktivität ist so niedrig, dass ich mich dort bedenkenlos aufhalten konnte. Auch die Plutonium-Mengen, die man bislang gefunden hat, sind sehr gering. Es ist sogar möglich, dass dieses Plutonium in den fünfziger und sechziger Jahren freigesetzt wurde, als im Pazifik Atomwaffen getestet wurden.
Ich rechne nicht damit, dass es viele Todesfälle geben wird
Ich will das, was hier passiert ist, nicht verharmlosen. Prinzipiell ist jede Radioaktivität gefährlich, und das ist ein sehr schwerer Unfall gewesen. Er wird weitreichende Folgen haben - vor allem für die Wirtschaft, für die Politik und für das Seelenheil der Japaner. Ich halte es aber für wichtig festzuhalten, dass ich nicht damit rechne, dass es viele Todesfälle geben wird.
Ich bin damals als Leiter des internationalen Ärzteteams nach Kiew gereist - übrigens mitsamt meinen drei Kindern, die damals noch klein waren. Vor allem in der Ukraine, in Weißrussland und in Russland erlitten die Menschen gesundheitliche Schäden. Dort haben wir nach dem Unfall 6000 Fälle von Schilddrüsenkrebs vor allem bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert, ausgelöst durch Jod 131 in Milch und Milchprodukten.
Doch selbst hier waren die Folgen der Strahlung für die menschliche Gesundheit weitaus weniger drastisch, als es bis heute fast alle glauben. Es gab in den 25 Jahren, die seit dem Unfall vergangen sind, keine überzeugend dokumentierte Zunahme von Leukämiefällen oder anderen Krebsarten. Um das Ausmaß der Folgen abzuschätzen, greifen wir deshalb zurück auf Daten, die zeigen, wie sich das Krebsrisiko der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki entwickelt hat. Demnach ist damit zu rechnen, dass innerhalb von 50 Jahren nach der Explosion in Tschernobyl insgesamt 2000 bis 15.000 Menschen zusätzlich an Krebs sterben.
Ein Anstieg in dieser Größenordnung ist allerdings schwer nachzuweisen, da in diesem Zeitraum in der EU und der ehemaligen Sowjetunion 80 Millionen Menschen ganz unabhängig von Tschernobyl an Krebs sterben werden. Besonders die Beobachtung, dass die Leukämie-Fälle nicht merklich zunehmen, ist beruhigend.
Aus diesen Daten können wir ableiten, welche gesundheitlichen Folgen Fukushima haben wird. Zwar kann niemand sagen, wie viel Radioaktivität dort in den nächsten Wochen noch entweichen wird. Aber wir können die Schäden abschätzen, die durch die bisher freigesetzte Strahlung entstehen werden.
In Fukushima ist inzwischen etwa ein Zehntel der Menge an Jod 131 und Cäsium 137, die in Tschernobyl ausgetreten ist, in die Umwelt gelangt, wobei sich diese Menge auf viel geringerem Raum verteilt. Ein weiterer, entscheidender Unterschied zur Katastrophe in der Ukraine besteht darin, dass es in Japan gelungen ist, den Verzehr von kontaminierter Milch und Milchprodukten zu unterbinden sowie Jodtabletten zu verteilen.
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© DER SPIEGEL 14/2011
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