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Ausgabe 14/2011

Debatte Die wahre Gefahr

Schädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr.

Von Robert Peter Gale

Karikatur: "Mein Geiger-Zähler schlägt Alarm"
Greser & Lenz / Stern

Karikatur: "Mein Geiger-Zähler schlägt Alarm"


Sind die Deutschen zu empfindlich, wenn es um Atomkraft geht? Ich glaube: ja. Ich will erklären, warum. Schon vor 25 Jahren, kurz nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, habe ich bei Besuchen in verschiedenen deutschen Ministerien in Bonn versucht, eines deutlich zu machen: Der radioaktive Fallout einer Nuklearkatastrophe birgt zweifellos gesundheitliche Gefahren, aber unter dem Strich fordert die Verwendung fossiler Energiequellen wie Öl oder Gas weit mehr Todesopfer. Das Verständnis der Deutschen für meine Argumente war damals gering. Nun hat der Reaktorunfall in Fukushima die Öffentlichkeit erneut in Aufruhr versetzt. Und wieder werden sich die Deutschen wohl schwer damit tun, die Risiken vernünftig abzuwägen.

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Wie gefährlich ist Fukushima wirklich? Vergangene Woche konnte ich mir ein Bild von der Situation vor Ort machen. Ich war im sogenannten J-Village, wo sich derzeit die Experten versammeln, um die Probleme der havarierten Reaktoren in den Griff zu bekommen. Das J-Village liegt im evakuierten Gebiet. Ein befremdlicher Anblick: Eigentlich erwartet man in einem Katastrophengebiet Zerstörung - verbrannte Städte, eingestürzte Häuser. Dort aber ist alles ganz friedlich, nur menschenleer, wie ausgestorben.

Mit meiner Reise an den Ort der Katastrophe wollte ich ein Zeichen setzen und den Japanern zeigen, dass sie nicht ganz alleingelassen werden. Aber hätte ich mir Sorgen um meine Gesundheit gemacht, wäre ich sicher nicht dorthin gefahren. Die freigesetzte Radioaktivität ist so niedrig, dass ich mich dort bedenkenlos aufhalten konnte. Auch die Plutonium-Mengen, die man bislang gefunden hat, sind sehr gering. Es ist sogar möglich, dass dieses Plutonium in den fünfziger und sechziger Jahren freigesetzt wurde, als im Pazifik Atomwaffen getestet wurden.

Ich rechne nicht damit, dass es viele Todesfälle geben wird

Ich will das, was hier passiert ist, nicht verharmlosen. Prinzipiell ist jede Radioaktivität gefährlich, und das ist ein sehr schwerer Unfall gewesen. Er wird weitreichende Folgen haben - vor allem für die Wirtschaft, für die Politik und für das Seelenheil der Japaner. Ich halte es aber für wichtig festzuhalten, dass ich nicht damit rechne, dass es viele Todesfälle geben wird.

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Fukushima-Effekt: Großaufgebot gegen Atomkraft
Tschernobyl war ganz anders. 31 Menschen wurden direkt durch die Explosion getötet oder starben kurz darauf an den Folgen hochdosierter Radioaktivität. Gewaltige Mengen von Jod 131 und Cäsium 134 und 137 wurden freigesetzt und kontaminierten 195.000 Quadratkilometer. Die radioaktive Wolke wurde bis in die Stratosphäre geschleudert, von Winden verteilt und mit dem Regen zurück auf die Erde gespült. Dass so viel Radioaktivität entweichen konnte, lag unter anderem daran, dass der Kern des ukrainischen Reaktors aufgrund seiner Größe und Bauart keine effektive Schutzhülle besaß. In Fukushima sind die Reaktorkerne deutlich kleiner und, wie in deutschen Kernkraftwerken auch, umhüllt von zwei Behältern.

Ich bin damals als Leiter des internationalen Ärzteteams nach Kiew gereist - übrigens mitsamt meinen drei Kindern, die damals noch klein waren. Vor allem in der Ukraine, in Weißrussland und in Russland erlitten die Menschen gesundheitliche Schäden. Dort haben wir nach dem Unfall 6000 Fälle von Schilddrüsenkrebs vor allem bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert, ausgelöst durch Jod 131 in Milch und Milchprodukten.

Doch selbst hier waren die Folgen der Strahlung für die menschliche Gesundheit weitaus weniger drastisch, als es bis heute fast alle glauben. Es gab in den 25 Jahren, die seit dem Unfall vergangen sind, keine überzeugend dokumentierte Zunahme von Leukämiefällen oder anderen Krebsarten. Um das Ausmaß der Folgen abzuschätzen, greifen wir deshalb zurück auf Daten, die zeigen, wie sich das Krebsrisiko der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki entwickelt hat. Demnach ist damit zu rechnen, dass innerhalb von 50 Jahren nach der Explosion in Tschernobyl insgesamt 2000 bis 15.000 Menschen zusätzlich an Krebs sterben.

Ein Anstieg in dieser Größenordnung ist allerdings schwer nachzuweisen, da in diesem Zeitraum in der EU und der ehemaligen Sowjetunion 80 Millionen Menschen ganz unabhängig von Tschernobyl an Krebs sterben werden. Besonders die Beobachtung, dass die Leukämie-Fälle nicht merklich zunehmen, ist beruhigend.

Aus diesen Daten können wir ableiten, welche gesundheitlichen Folgen Fukushima haben wird. Zwar kann niemand sagen, wie viel Radioaktivität dort in den nächsten Wochen noch entweichen wird. Aber wir können die Schäden abschätzen, die durch die bisher freigesetzte Strahlung entstehen werden.

In Fukushima ist inzwischen etwa ein Zehntel der Menge an Jod 131 und Cäsium 137, die in Tschernobyl ausgetreten ist, in die Umwelt gelangt, wobei sich diese Menge auf viel geringerem Raum verteilt. Ein weiterer, entscheidender Unterschied zur Katastrophe in der Ukraine besteht darin, dass es in Japan gelungen ist, den Verzehr von kontaminierter Milch und Milchprodukten zu unterbinden sowie Jodtabletten zu verteilen.



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insgesamt 1389 Beiträge
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Seite 1
frubi 06.04.2011
1. .
Zitat von sysopSchädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,754931,00.html
Lächerlich. Ich habe mich schon beim Lesen des Artikels in der Printausgabe geärgert. Da wird, ähnlich wie bei den S21 Protesten, den Bürgern etwas angedichtet, was vorne und hinten nicht simmt. Die Gefahr vor der Angst. Die Deutschen haben auch keine Lust auf kriegerisches Geballere. Sind wir deswegen dumm oder ängstliche Höhlenmenschen? Ich finde das Wort Angst auch unangebracht. Vorsicht wäre das bessere Wort. Wieso soll man Risiken eingehen, wenn der Nutzen durch eine gänzlich risikofreie Technik zur Verfügung gestellt wird? Das ist eher vernünftig und nicht ängstlich.
aronsperber 06.04.2011
2. Zum Glück keine Atomreaktoren auf Haiti?
Das Erdbeben in Japan war wesentlich stärker als das Erdbeben von Haiti. Japan ist auch wesentlich dichter besiedelt als Haiti. Auf Haiti standen im Gegensatz zu Japan keine Atomreaktoren, die im Fall eines Erdbebens zu einer unberechenbaren Gefahrenquelle werden konnten. Und trotzdem wird die Opferzahl von Japan weit unter der von Haiti bleiben. Die japanischen Atomreaktoren werden zwar möglicherweise zu Opfern führen, sie sind aber auch ein Teil des Grundes, warum es in Japan wesentlich sicherer als auf Haiti geworden ist. Zivilisation und Fortschritt bringen zwar immer wieder Nachteile mit sich, insgesamt führen sie jedoch zu einer eindeutigen Verbesserung der Lebensumstände. http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/15/zum-gluck-keine-atomreaktoren-auf-haiti/
2cv 06.04.2011
3. Schlimmer als diese Polemik...
...ist die fehlende Initiative der Bundesregierung und anderer Verbände, auf breit angelegter Front für alternative und erneuerbare Technologien Investitionen zu fördern und auf europäischer Ebene gemeinsame Strategien mit den Partnerländern zu entwickeln... Stattdessen entwickeln wir veraltete Konzepte weiter, von denen wir noch nicht einmal wissen, wie wir mit ihren Langzeitfolgen umzugehen wissen.
baggertonia 06.04.2011
4. Alles halb so schlimm
Na klar, alles halb so schlimm. Was man nicht sieht oder hört oder spürt, kann ja nicht sooo schädlich sein. 2.000-15.000 Krebsfälle mehr oder weniger, machen ja echt keinen Unterschied. Zum Glück haben wir Experten. Jetzt bin ich beruhigt. Amen.
syracusa 06.04.2011
5. darum geht es gar nicht!
Zitat von sysopSchädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,754931,00.html
Der Artikel ist wieder mal Unsinn von Atomlobbyisten. Es ist denkbar und IMO sogar wahrscheinlich, dass die Kernthese zutrifft, dass für das Individuum die Angst vor Strahlung physiologisch gefährlicher ist als die Strahlung selbst. Aber darum geht es bei der Ablehnung von Atomstrom gar nicht! Die Menschheit könnte problemlos ein paar tausend Strahlentote jedes Jahr verkraften, oder auch ein paar zehntausend oder hunderttausend alle 20 Jahre. Aber weder Staat noch Gesellschaft Deutschlands könnten das Schadenspotential eines GAUs tragen. Wer soll denn dafür bezahlen wenn das halbe Rhein-Main-Gebiet evakuiert werden muss und auf mindestens 300 Jahre unbewohnbar bleibt?
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