AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2011

Umwelt Schreckhafte Monster

Das US-Militär soll einen Feind besiegen, der die Großen Seen zu erobern droht: Karpfen aus Asien. Die Riesenfische verdrängen einheimische Arten und springen Ausflüglern an den Kopf.

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AP/ Illinois River Biological Station

Die Fische, die das Weiße Haus, die US-Armee, den Obersten Gerichtshof, Bewohner des Mittleren Westens und neuerdings auch die Kanadier in Aufregung versetzen, verhalten sich in diesen Tagen unauffällig. Die Kälte macht sie träge; wer auf dem Mississippi oder seinen Nebenflüssen Boot fahren möchte, ohne sich von asiatischen Riesenkarpfen Rippen, Nase oder Kiefer brechen zu lassen, sollte dies jetzt tun.

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Denn schon in wenigen Wochen werden die Tiere wieder meterhoch springen, sobald ein Geräusch sie aufscheucht: bis zu 40 Kilogramm schwere schleimige Geschosse fernöstlicher Herkunft, die, seit sie vor rund 20 Jahren bei Überschwemmungen aus Fischfarmen in Arkansas und Mississippi entwischt sind, anscheinend unaufhaltsam das größte Flusssystem Nordamerikas erobern.

Wo sie hinkommen, verdrängen die Killerkarpfen die einheimischen Fische, brechen arglosen Fischern und Bootfahrern die Knochen und schlagen ihnen Zähne aus - zwar nicht aus Angriffslust oder Niedertracht, sondern nur, weil sie eben so schreckhaft sind; aber ist das ein Trost? Mit geradezu unheimlicher Zielstrebigkeit rücken die Fremdlinge gen Norden vor - in Richtung der Großen Seen.

Eine "Schneise der Zerstörung" hätten Silber- und Marmorkarpfen im Einzugsgebiet des Mississippi hinterlassen, klagt der Umweltrat des Weißen Hauses. Drängen sie bis in die Großen Seen vor, die größte zusammenhängende Süßwasserfläche der Erde, Lebensgrundlage von Millionen Menschen und ein Paradies für Fischer, Wassersportler und Naturliebhaber, wäre das, ökologisch wie ökonomisch, ein Desaster. So läuft es nun auf einen ungleichen Kampf hinaus: US-Armee vs. Karpfen. Ein Karpfenkrieg.

Fotostrecke

8  Bilder
Fotostrecke: Kampf gegen die Karpfeninvasion
Gegenüber von Nerissa Michaels' Arbeitsplatz in der Illinois River Biological Station in Havana, eine knapp vierstündige Autofahrt südwestlich von Chicago, glitzert der Fluss im Licht der Mittagssonne. Der Feind lauert unter der Oberfläche: Der Illinois River ist der Fluss mit der höchsten Karpfendichte der Welt. Michaels, 29, blondes Haar, lila bemalte Augenlider, dicker Anorak und Gummistiefel, ist Biologin. Sie liebt alternde Boygroups, die Natur und den Fluss, an dessen Ufer sie aufgewachsen ist. Jetzt bricht sie mit zwei Kollegen auf zur Karpfenjagd.

"Alles auf diesem Boot ist schon mal in die Brüche gegangen", erzählt Michaels, während ihr Kollege Steve Tyszko die Leinen des Aluminiumbootes löst und die Elektroschocker am Bug einschaltet, mit denen Fische kurzzeitig gelähmt und zur Bestandsaufnahme gefangen werden sollen. "Wir alle haben ständig blaue Flecken und Fischabdrücke am ganzen Körper", fährt die Biologin fort, "Mike hat es letztes Jahr brutal am Kiefer erwischt. Und mir ist einer so hart in den Brustkorb geprallt, dass ich keine Luft mehr bekam."

Mike McClelland, 37, der hinter einem Schutzgitter am Steuer steht, zieht die Brauen zusammen und brummt: "Vor ein paar Jahren fanden wir das noch lustig. Heute nicht mehr."

Es dauert keine fünf Minuten, bis unzählige silberne Fischleiber neben dem Boot auftauchen. Manchen gelingt, trotz der Kälte, schon ein kleiner Hüpfer. Mit Keschern ziehen die Forscher mehrere Dutzend Fische aus dem Wasser und werfen sie in ein Becken. Ein paar einheimische Exemplare sind dabei: eine Alse etwa, ein Schwarzer Crappie und ein Stahlblauer Sonnenbarsch, der Staatsfisch des Bundesstaats Illinois. Ansonsten: Silberkarpfen und Marmorkarpfen in allen Größen.

"Diese Viecher sind wirklich nervig", murmelt McClelland und blickt finster auf die zappelnden Tiere. "Und sie vermehren sich wie die Karnickel." Asiatische Karpfen sind nicht nur fortpflanzungsfreudig, sondern auch gefräßig. Täglich verschlingen sie rund 20 Prozent ihres Körpergewichts an Plankton. Dieser Eigenschaft verdanken sie es, dass sie vor rund 40 Jahren von Fischfarmern in die USA importiert wurden; sie sollten Aquakulturen von Algen befreien. Seit sie von dort entflohen sind, gedeihen sie, fast unbehelligt von Feinden, in ihrer neuen Heimat. Für anderes Getier bleibt da kaum Platz: Im Mississippi und Illinois River machen Karpfen inzwischen mancherorts über 90 Prozent der Fischbestände aus.

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
Kamillo 07.04.2011
1. Fangen und nach Japan exportieren
In Japan sind alle Fische verstrahlt, dort wird man sich über so viel frischen Fisch freuen.
niepmann 07.04.2011
2. Alles klar!
Nun dämmert mir, warum die Amerikaner sich aus Libyen zurückziehen müssen: Sie haben an einer Heimatfront zu kämpfen! Leider is der Bericht zur Fischversorgung in den USA unvollständig. Wie schmecken die Biester eigentlich? Man kennt hier den Wabbelkarpfen aus der Zucht, auch Spiegelkarpfen genannt, während der Wildkarpfen, meist als Schuppenkarpfen bekannt, das trübe Dasein einer Rarität führen muss. Hier haben wir endlich mal Wildkarpfen, die ein ordentliches Filet liefern, und das aus festem Fleisch, und ohne nach überlagertem Schellfisch zu stinken - und man will ihn wider loswerden! Ich habe ausgewachsene Biester in China beobachtet -die schlucken ein halbes Weissbrot ohne zu kauen. Der Silberkarpfen ist auch in DE zu Hause. Rekordfang 57 kg / 144 cm. Man hält den Bestand aber so kurz, wie's irgend geht, der Ökologie wegen. In Massen ruinieren sie maritime Biotope in Windeseile.
hesk 07.04.2011
3. ..
Na dann bin ich mal gespannt, wann der erste Forist Öl in den Flüssen vermutet..
Bins 07.04.2011
4. Titel zum über die Schulter blicken
Zitat von sysopDas US-Militär soll einen Feind besiegen, der die Großen Seen zu erobern droht: Karpfen aus Asien. Die Riesenfische verdrängen einheimische Arten und springen Ausflüglern an den Kopf. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,754932,00.html
Mann, Sie haben Nerven, so einen Beitrag hier zu posten ! Wenn unsere Knutis und Karnickels mitkriegen, dass in Amerika Fische VERGIFTET werden, machen die den Amerikanern die Hölle heiß. Ich überlege, den tierärztlichen Notarzt bzw. Rettungsdienst zu alarmieren .....
docker 07.04.2011
5. Ernst gemeinter Vorschlag
Zitat von sysopDas US-Militär soll einen Feind besiegen, der die Großen Seen zu erobern droht: Karpfen aus Asien. Die Riesenfische verdrängen einheimische Arten und springen Ausflüglern an den Kopf. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,754932,00.html
(wundert einen, dass die Amerikaner da nicht selbst drauf kommen ) : Karpfen abfischen, schlachten, auf Eis legen oder tiefgefrieren und nach China und andere karpfenessende Länder exportieren.
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