Von Samiha Shafy
Die Fische, die das Weiße Haus, die US-Armee, den Obersten Gerichtshof, Bewohner des Mittleren Westens und neuerdings auch die Kanadier in Aufregung versetzen, verhalten sich in diesen Tagen unauffällig. Die Kälte macht sie träge; wer auf dem Mississippi oder seinen Nebenflüssen Boot fahren möchte, ohne sich von asiatischen Riesenkarpfen Rippen, Nase oder Kiefer brechen zu lassen, sollte dies jetzt tun.
Wo sie hinkommen, verdrängen die Killerkarpfen die einheimischen Fische, brechen arglosen Fischern und Bootfahrern die Knochen und schlagen ihnen Zähne aus - zwar nicht aus Angriffslust oder Niedertracht, sondern nur, weil sie eben so schreckhaft sind; aber ist das ein Trost? Mit geradezu unheimlicher Zielstrebigkeit rücken die Fremdlinge gen Norden vor - in Richtung der Großen Seen.
Eine "Schneise der Zerstörung" hätten Silber- und Marmorkarpfen im Einzugsgebiet des Mississippi hinterlassen, klagt der Umweltrat des Weißen Hauses. Drängen sie bis in die Großen Seen vor, die größte zusammenhängende Süßwasserfläche der Erde, Lebensgrundlage von Millionen Menschen und ein Paradies für Fischer, Wassersportler und Naturliebhaber, wäre das, ökologisch wie ökonomisch, ein Desaster. So läuft es nun auf einen ungleichen Kampf hinaus: US-Armee vs. Karpfen. Ein Karpfenkrieg.
"Alles auf diesem Boot ist schon mal in die Brüche gegangen", erzählt Michaels, während ihr Kollege Steve Tyszko die Leinen des Aluminiumbootes löst und die Elektroschocker am Bug einschaltet, mit denen Fische kurzzeitig gelähmt und zur Bestandsaufnahme gefangen werden sollen. "Wir alle haben ständig blaue Flecken und Fischabdrücke am ganzen Körper", fährt die Biologin fort, "Mike hat es letztes Jahr brutal am Kiefer erwischt. Und mir ist einer so hart in den Brustkorb geprallt, dass ich keine Luft mehr bekam."
Mike McClelland, 37, der hinter einem Schutzgitter am Steuer steht, zieht die Brauen zusammen und brummt: "Vor ein paar Jahren fanden wir das noch lustig. Heute nicht mehr."
Es dauert keine fünf Minuten, bis unzählige silberne Fischleiber neben dem Boot auftauchen. Manchen gelingt, trotz der Kälte, schon ein kleiner Hüpfer. Mit Keschern ziehen die Forscher mehrere Dutzend Fische aus dem Wasser und werfen sie in ein Becken. Ein paar einheimische Exemplare sind dabei: eine Alse etwa, ein Schwarzer Crappie und ein Stahlblauer Sonnenbarsch, der Staatsfisch des Bundesstaats Illinois. Ansonsten: Silberkarpfen und Marmorkarpfen in allen Größen.
"Diese Viecher sind wirklich nervig", murmelt McClelland und blickt finster auf die zappelnden Tiere. "Und sie vermehren sich wie die Karnickel." Asiatische Karpfen sind nicht nur fortpflanzungsfreudig, sondern auch gefräßig. Täglich verschlingen sie rund 20 Prozent ihres Körpergewichts an Plankton. Dieser Eigenschaft verdanken sie es, dass sie vor rund 40 Jahren von Fischfarmern in die USA importiert wurden; sie sollten Aquakulturen von Algen befreien. Seit sie von dort entflohen sind, gedeihen sie, fast unbehelligt von Feinden, in ihrer neuen Heimat. Für anderes Getier bleibt da kaum Platz: Im Mississippi und Illinois River machen Karpfen inzwischen mancherorts über 90 Prozent der Fischbestände aus.
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© DER SPIEGEL 14/2011
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