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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2011

Ernährung: Grille statt Gulasch

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Heuschrecken, Ameisen und Spinnen gelten als Delikatesse in Asien, Afrika und Südamerika. Ökologen wollen sie auch in europäische Küchen bringen - um die Natur zu schützen.

REUTERS

Herr Botschafter, könnten Sie mir bitte die gesalzenen Würmer reichen?", sagt Sir David King, ein distinguierter Herr und berühmter Wissenschaftler.

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"Aber probieren Sie auch die köstlichen Ameisen, Sir David!", erwidert Seine Exzellenz Mauricio Rodríguez Múnera, der Botschafter von Kolumbien. Dann prosten sich die beiden zu mit goldschillerndem Mezcal con gusano, einem mexikanischen Agavenschnaps, veredelt durch eine exquisite Zutat: eine Schmetterlingslarve der Gattung Megathymus.

Es ist angerichtet. Zehn furchtlose Gourmets löffeln mutig aus, was ihnen die Promi-Köchin Thomasina Miers eingebrockt hat an diesem sonnigen Frühlingssonntag, an einer langen Festtafel auf dem Rasen vor dem Naturkundemuseum der ehrwürdigen Universität Oxford.

Zum "Grand Banquet of Rainforest Insects" hat die Künstlerin Angela Palmer geladen. Sie will mit dem Insektenmenü für den Schutz des Regenwalds werben. Der Verzehr von Ameisen, Libellen und Heuschrecken sei gut für die Umwelt?

Bis 2030 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich auf über acht Milliarden Menschen anschwellen, und der Fleischkonsum steigt drastisch an. Rinder- und Schweinemast mit Hilfe wertvoller Nahrungsmittel verseuchen das Trinkwasser, produzieren Treibhausgase und treiben die Abholzung von Regenwäldern voran.

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Ernährung: Grille statt Gulasch
"Insekteneiweiß ist nicht nur nahrhaft, sondern vor allem ökologisch", schwärmt Palmer: Die Kerbtierhaltung brauche keine Weiden, kein Kraftfutter, keine Jauchegruben; ihr Fleisch jedoch schmecke mindestens ebenso lecker wie das von Schwein und Rind.

Aber stimmt das auch? Etwa 150 Schaulustige drängen sich um die Tische, mit einer Mischung aus Neugier und Ekel. "Ich fühle mich fast wie in der Sendung 'Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!'", sagt Martha Kearney, Moderatorin bei der BBC. "Die Vorstellung, dass die Insekten noch krabbeln, wenn man sie runterschluckt, ist schrecklich."

Je stärker sie weiterverarbeitet sind, desto besser schmecken sie Kearney. Als Vorspeise nimmt sie etwas von den getrockneten und gesalzenen Mehlwürmern, die wie Mini-Salzstangen aussehen und auch so schmecken: "Sehr lecker."

Filmproduzent Peter Bennett-Jones ("Mr. Bean") ist weniger begeistert. "Das wichtigste Gewürz ist, glaube ich, der Mezcal", meint er und schenkt sich nach - bemüht, dass ihm die fette Raupe am Boden der Flasche nicht ins Schnapsglas rutscht.

"Der Geschmack der Blattschneiderameisen ist großartig"

"Aber der Geschmack der Blattschneiderameisen ist großartig, das müssen Sie zugeben!", sagt der kolumbianische Botschafter neben ihm und greift noch einmal in die Schale mit den dunkelbraunen Kügelchen: den dicken Hinterleibern der Ameisenart "Atta laevigata". "Wir nennen sie ,hormigas culonas'", sagt er, zu Deutsch: Dickpo-Ameisen.

Nun gerät Seine Exzellenz ins Schwärmen: "Für uns als Kinder war es immer ein großes Fest, wenn die Ameisenköniginnen zur Regenzeit zum Hochzeitsflug ansetzten und wir sie eingefangen haben, mit bloßen Händen, mit Tüten und mit Hüten." Dann wurden die Ameisen in Salz eingelegt, gegrillt und wie Erdnüsse gegessen. "Immer wenn ich Dickpo-Ameisen esse, fühle ich mich wieder wie ein kleiner Junge." Atta laevigata ist der unangefochtene Favorit bei diesem Bankett, knackig im Biss, mit rauchiger Blume und nussigem Abgang.

Auch Sir David, der schmale Herr, der einst gemeinsam mit dem deutschen Nobelpreisträger Gerhard Ertl in Cambridge das Fach der Oberflächenchemie aufbaute, schwelgt beim Knuspern von Insekten in Erinnerungen: Als Schulkind in Südafrika habe er lebende Termiten gegessen, um die Mädchen in seiner Klasse zu beeindrucken. Heute lobt er die krabbelnden Köstlichkeiten, weil Insekten im Gegensatz zu Rindern kaum Treibhausgase in die Atmosphäre rülpsen.

"Was ist schon der Unterschied zwischen Garnelen und Heuschrecken? Nur dass die einen im Wasser leben und die anderen an Land", sagt Köchin Miers. In London betreibt sie vier mexikanische Restaurants namens Wahaca, sie hat Kochbücher geschrieben und Kochshows moderiert. Christopher Gray, Restaurantkritiker bei der "Oxford Times", beißt beherzt einer sautierten Grille den Kopf ab. "Ich weiß nicht, schmeckt mir zu erdig", nörgelt er, "fast nach Kuhstall."

Skurrile Dinner mit exotischen Speisen haben eine Tradition in Oxford. Vor rund 150 Jahren sorgte Francis Trevelyan Buckland, ein bekannter Zoologe, für Aufsehen durch seine kulinarischen Expeditionen. Ohrwürmer, so stellte er fest, schmecken "furchtbar bitter", fast so schlimm wie Maulwurf oder Schmeißfliegen.

Es war die Ära, als man die von Thomas Robert Malthus vorhergesagte Bevölkerungsfalle befürchtete: Der Ökonom hatte Hungersnöte und menschliches Elend prophezeit, weil die Landwirtschaft nicht so schnell wachsen könne wie die Menschheit. Buckland gründete 1860 die sogenannte Acclimatisation Society, um die britische Küche zu erweitern um Seidenraupe, Biber und Papagei.

Kaum jemand folgte seinem Beispiel, doch die Idee überlebte: "Ein schön gebackener dicker Falter schmeckt und riecht einfach köstlich", schrieb der britische Entomologe Vincent Holt 1885 im Buch "Why Not Eat Insects?", fünf Jahre nach Bucklands Tod: "Seien Sie Epikureer! Was spricht gegen den Genuss eines Lebewesens, das außen so wunderschön und innen so süß ist - ein Wesen, das sich von Nektar ernährt, der legendären Nahrung der Götter?" Auch Holt gelang es nicht, die Europäer zu Insektenessern zu machen - doch die Abneigung ist nur im Westen stark verbreitet.

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1. Die Welt ist krank
bunterepublik 13.04.2011
Zitat von sysopHeuschrecken, Ameisen und Spinnen gelten als Delikatesse in Asien, Afrika und Südamerika. Ökologen wollen sie auch in europäische Küchen bringen - um die Natur zu schützen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756052,00.html
Am besten wir ernähren uns von Plankton. Das dürfte das am wenigsten schädliche sein.
2. Wohl kaum...
emmelmann 15.04.2011
Probieren würde ich es grundsätzlich mal. Aber ob man das in Europa durchsetzen könnte? Wohl eher nicht. Der Europäische Gaumen schluckt nicht bei Heuschrecken. Er würgt eher… „Filmproduzent Peter Bennett-Jones ("Mr. Bean") ist weniger begeistert. "Das wichtigste Gewürz ist, glaube ich, der Mezcal", meint er und schenkt sich nach - bemüht, dass ihm die fette Raupe am Boden der Flasche nicht ins Schnapsglas rutscht.“ Da wäre ich zu gern dabei gewesen!
3. Produktivität
Roana, 15.04.2011
Also ich überlege gerade, wie ökologisch es ist, dann auch entsprechende marktgängige Mengen statt dem Rind- und Schweinefleisch als Insekten zu produzieren... da reicht es nämlich nicht mehr. einfach die Krabbler im Regenwald von den Bäumen zu lesen... Davon abgesehen, wenn man Heuschrecken so wie Krabben puhlt, schmecken sie ganz lecker... der Chitinpanzer ist mir zu hart und die Beine zu hakelig.
4. Ökowahn
1thomas, 15.04.2011
Zitat von sysopHeuschrecken, Ameisen und Spinnen gelten als Delikatesse in Asien, Afrika und Südamerika. Ökologen wollen sie auch in europäische Küchen bringen - um die Natur zu schützen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756052,00.html
Dieser neue Ernährungsunsinn wird sicher ohne mich stattfinden.
5. Not ist nicht das gleich wie Bevorzugen
jin_fenghuang 15.04.2011
So zu tun als ob die Menschen diese Dinge essen weil sie ihnen besser schmecken als Rind oder Schwein ist mehr as zynisch. Was aus Not gegessen wird ist nicht representatif fuer Geschmack. Wenn die Wahl ist: Heuschrecke oder nichts, dann ist die Wahl relativ einfach.
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