AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2011

SPIEGEL-GESPRÄCH "Weltfremd und unglaubwürdig"

AP

2. Teil: "Wer sagt denn, dass man dort nicht bauen darf?"


SPIEGEL: Bei uns hat ein Wechsel der Machtverhältnisse stattgefunden, in China seit 1989 nicht.

Gerkan: Ach so! Einen Ort kann man wieder entkontaminieren?

SPIEGEL: Die Elbchaussee 139 in Hamburg, wo Ihr Büro steht, gilt in der Weltöffentlichkeit nicht als kontaminierter Ort. Der Platz des Himmlischen Friedens schon.

Gerkan: Was haben Sie als das angesehenste deutsche Nachrichten-Magazin eigentlich davon, das bekannteste deutsche Architekturbüro mieszumachen? Ihre Fragen sind böswillig.

SPIEGEL: Unsere Fragen sind kritisch. Uns geht es nicht darum, die unbestrittene Qualität Ihrer Architektur in Frage zu stellen. Lassen Sie uns umgekehrt fragen: Was haben Sie davon, einen Prestigebau für die chinesische Regierung an diesem furchtbaren und historisch belasteten Ort hinzustellen? Sie könnten Ihren exzellenten Ruf als Architekt gefährden.

Gerkan: Wer sagt denn, dass man dort nicht bauen darf? Oder dass man so bauen muss, dass sich der Bau zur Geschichte des Platzes verhält? Wie können Sie denn diese Meinung als unverrückbar richtig hinstellen?

SPIEGEL: Unter deutschen Architekten gibt es drei Haltungen: gar nicht in China bauen, nur für private Bauherren arbeiten oder eben auch staatliche Aufträge mit einer gewissen Signalwirkung anzunehmen. Sie sind ein Repräsentant letzterer Haltung, die durchaus umstritten ist.

Gerkan: Natürlich! Architekten finden erfolgreichere Architekten nie gut. Das ist wie in der Fabel mit dem Fuchs und den Trauben, die zu sauer sind. Wenn man nicht an die Trauben rankommt, dann will man sie nicht essen, weil sie angeblich nicht schmecken.

SPIEGEL: Die Kritik wird auch von erfolgreichen Architekten angeführt, nicht nur von erfolglosen.

Gerkan: Diese Haltung, nur für Privatleute bauen zu wollen, ist absurd. Wo hört in einem Land wie China privat auf, und wo fängt staatlich an? Der Privatmann ist dann doch staatlich eingebunden, oder der Auftraggeber ist ein Privatmann, der sich den Bau staatlich finanzieren lässt - das ist für uns Architekten kaum durchschaubar. Viele, die uns kritisieren, bauen das fünfhundertste Hochhaus in China und meinen, sie blieben so integer. Das ist doch ein Trugschluss.

SPIEGEL: Sie würden also auch in Zukunft Symbolbauten in China bauen?

Gerkan: Natürlich. Sie dürfen die gesellschaftliche Rolle und Funktion eines Architekten nicht überschätzen - auch wenn er, wie ich, in der öffentlichen Wahrnehmung etwas mehr Bedeutung hat. Die Handlungswirksamkeit eines Architekten ist beschränkt.

SPIEGEL: Jetzt sind Sie sehr bescheiden.

Gerkan: Sich hinzustellen und zu brüsten: "Ich baue nicht, also mache ich nichts falsch!", halte ich für weltfremd und unglaubwürdig.

SPIEGEL: Viele Architekten verweigern sich.

Gerkan: Viele Architekten verweigern sich auch nicht. Das deutsche Architekturbüro KSP Engel & Zimmermann hat in Peking die Nationalbibliothek gebaut. Unser Museum ist ein moderater Bau, der sich in die Umgebung einfügt.

SPIEGEL: Genau das ist doch das Problem. Er fügt sich ein, weil er sich hinter einer alten Fassade totalitärer Architektur versteckt. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass das Ihren ästhetischen Prinzipien entspricht.

Gerkan: Wir machen ja keinen Hehl daraus, dass dieses ganze Ensemble nicht typisch ist für uns, es ist aber eine falsche Akzentuierung, wenn man meint, der Architekt müsse sich in jedem Gebäude selbst verwirklichen. Architektur muss in erster Linie auf den Ort reagieren. Wenn überhaupt etwas regimeunterstützend ist, dann sind es solche Bauten wie die Senderzentrale von CCTV in Peking.

SPIEGEL: Einem Propaganda-Fernsehsender eine moderne Fassade zu schenken, wie es Ihr niederländischer Kollege Rem Koolhaas gemacht hat, so einen Auftrag würden Sie ablehnen?

Gerkan: Wir bauen ebenfalls einen Fernsehsender, der ist sogar noch größer. Aber anders. Das Koolhaas-Gebäude ist grauenvoll, unfunktional, stadtbeleidigend, hochmütig. Es spielt mit dem chinesischen Ehrgeiz, avantgardistischer als alle anderen zu sein.

SPIEGEL: Bei dem Wettbewerb für das Nationalmuseum haben Sie sich 2004 mit einem sensationellen Entwurf gegenüber zehn weltweit renommierten Architekten durchgesetzt. Die historische Fassade wollten Sie zunächst ja mit einem modernen bronzenen Dach versehen, in dem sich die Verbotene Stadt gespiegelt hätte. Das Museum steht, aber das Herzstück des Entwurfs, das Dach, ist weg.

Gerkan: Sicher - das tut weh. Aber kurz nachdem wir den Wettbewerb gewonnen hatten, fragten chinesische Architekten auf einmal: Wieso bauen Deutsche unser Nationalmuseum? Die Beschwerde der chinesischen Architekten wurde ernst genommen und auf eine vermeintlich sachliche Ebene gehievt. Die Auftraggeber äußerten plötzlich Angst, dass unser Dachkörper die Fassade von 1959 entwertet hätte. Zum anderen befürchteten sie, dass der Bau zu unchinesisch sei.

SPIEGEL: Sehen Sie! Warum haben Sie die Einwände hingenommen? Sie sind doch ein temperamentvoller, streitbarer Mann.

Gerkan: Ich weiß noch, wie ich mit meinem Partner Stephan Schütz im Hotelzimmer in Peking saß. Wir haben eine ganze Nacht lang diskutiert, wie wir uns verhalten sollen. Wo ist die Grenze? Wie weit darf man seinen Entwurf beschneiden lassen?

SPIEGEL: Als die Deutsche Bahn, für die Sie den Berliner Hauptbahnhof gebaut haben, Ihre Decke verschandelte, haben Sie diese Frage ziemlich eindeutig beantwortet. Sie haben geklagt - und waren in erster Instanz erfolgreich. Bauen Sie in China zu Bedingungen, die Sie in Deutschland nie akzeptieren würden?

Gerkan: Beim Hauptbahnhof in Berlin hat die Bahn meine Urheberrechte hinter meinem Rücken grob missachtet. Beim Nationalmuseum in Peking waren die Veränderungen ein diskursiver Prozess.

SPIEGEL: Fanden die chinesischen Auftraggeber den Bau dann chinesisch genug?

Gerkan: Ja, wir wurden mit Lob überschüttet, die Chinesen waren sehr zufrieden mit dem Museum. Es gibt viele chinesisch anmutende Elemente in dem klaren Bau, wie den steinernen Sockel, der sich immer in chinesischer Tempelarchitektur findet, oder das traditionelle Kirschholz.

SPIEGEL: Zurzeit haben Sie um die 50 Projekte in China. Viele Ihrer deutschen Kollegen klagen darüber, dass sie sich an Wettbewerben in China beteiligen, dann nie wieder etwas hören und schließlich ihren Entwurf realisiert sehen, ohne je Geld dafür bekommen zu haben. Sind auch Sie beklaut worden?

Gerkan: Gerade erst vergangene Woche haben wir durch Zufall im Internet unseren Entwurf für ein Messegelände in Wuhan in Zentralchina entdeckt. Die Ausführung wird jetzt von jemand anderem geplant. Die Messe ist unverwechselbar, weil sie kreisrund ist, mit einer Einfahrt von innen. Wir hatten unseren Entwurf bei einem Wettbewerb eingereicht und nicht einmal Feedback bekommen. Dagegen ist man leider machtlos.

SPIEGEL: Weshalb?

Gerkan: Als wir ein Finanzzentrum an der dritten Ringstraße in Peking entworfen haben, hat man uns mehr oder weniger deutlich gesagt, dass chinesische Architekten das billiger ausführen können. Der Bau steht jetzt - mehr oder weniger so, wie wir ihn geplant haben -, aber er sieht grässlich aus. Wie ein Huhn, dem man die schönsten Federn ausgerupft hat.

SPIEGEL: Haben Sie geklagt?

Gerkan: Das wollten wir zunächst, wir waren damals noch naiv genug zu glauben, wir könnten auf dem Rechtsweg etwas erreichen. Wir wandten uns an den ehemaligen deutschen Botschafter, der inzwischen eine Anwaltskanzlei in Peking leitet. Der sagte uns: "Der Auftraggeber ist ein Tycoon aus Hongkong, der die ganze Bauszene beherrscht. Falls Sie den verklagen, bekommen Sie nie wieder einen Fuß auf die Erde." Das sind aber zum Glück seltene Einzelfälle.

SPIEGEL: Gezahlt wird in China aber pünktlich?

Gerkan: Zumindest pünktlicher als bei der Deutschen Bahn.

SPIEGEL: Herr von Gerkan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer, Martin Doerry und Nora Reinhardt



insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
politicker 11.04.2011
1. Deutsche Autos auf dem Tiananmen-Platz sind aber p.c., oder was?
Zitat von sysopMeinhard von Gerkan, Architekt des größten Museums der Welt, über die Kritik an seinen Prestigebauten für das Pekinger Regime und die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756259,00.html
Was eigentlich hat denn der Gerkan dem Spiegel-Paralleluniversum angetan, dass Weltfremdlinge Eurer Redaktion, ihn nicht zu mögen scheinen?
timewalk 11.04.2011
2. Au Weia
Zitat von sysopMeinhard von Gerkan, Architekt des größten Museums der Welt, über die Kritik an seinen Prestigebauten für das Pekinger Regime und die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756259,00.html
Echte größe zeigt man, indem man soetwas ignoriert. Der Imageschaden ist bedeutend größer und die aufstauende Energie...
edelamsee 11.04.2011
3. Ai Weiwei provoziert absichtlich
vermutlich hat Gerkan noch nie von Chen Guido und Wu Chuntaos Studie "Zur Lage der Chinesischen Bauern", 2006, gehört, geschweige darin gelesen, obwohl es das authorativste Werk ist, welches je zu diesem Sujet verfasst wurde. Seine Äußerung, in China gäbe es keine hungernden Bauern, ist milde gesagt, abstrus. Beide schreiben Von etwa 800.000.000 hungernden und verhungernden, verelenden Bauern die das Wohl einer vegleichsweise winzigen Schicht von megareichen Chinesen finanzieren.
Chatzi 11.04.2011
4. Weltfremd?
Zitat von politickerWas eigentlich hat denn der Gerkan dem Spiegel-Paralleluniversum angetan, dass Weltfremdlinge Eurer Redaktion, ihn nicht zu mögen scheinen?
Wer bitte schön ist hier weltfremd? Bitte mal die Kirche im Dorf lassen! Wenn jemand behauptet, er könne Kraft seines Ruhmes und Amtes doch ruhig Geschäfte mit den Chinesen machen, die ihn dann um eben diesen Ruhm bringen, indem sie ihn nicht mal eine Eröffnungsrede zugestehen und ihn kaum erwähnen, dann auch noch seine Entwürfe klauen und von anderen (billigeren Chinesen) umsetzen lassen, der kann doch nicht wirklich behaupten, daß er die Tassen noch alle im Schrank hat! Schon die Behauptung, in China geht es NICHT so zu wie in der DDR ist ein dämlicher KRACHER! Wie blöd muss dieser Mann eigentlich sein und Berufsidiot, daß er nicht erkennt, daß Feind in China ist, wer anders denkt. Der Satz stammt von Erich Mielke, übrigens!
wahlossi_80 11.04.2011
5. Totalitarismus
---Zitat von SPON--- Was haben Sie als das angesehenste deutsche Nachrichten-Magazin eigentlich davon, das bekannteste deutsche Architekturbüro mieszumachen? Ihre Fragen sind böswillig. ---Zitatende--- Hehe, klar, dass ihm die Fragen nicht gefallen. Tatsächlich zeigt sich an Gerkan eine latente Nähe von Architekten zu totalitäten Ideen. Glücklicherweise ist der Übervater Le Corbusier inzwischen in der Kritik wegen seiner totalitären Auffassung von Architektur und Gesellschaft. Die heutige Generation von Architekten passt sich auch anderen Totalitarismen an, Hauptsache die Kohle stimmt. Andererseits geht mich das China-Bashing der "westlichen" Länder gege den Strich, als würden hier keine Menschenrechte verletzt werden.
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