AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2011

SPIEGEL-GESPRÄCH "Weltfremd und unglaubwürdig"

Meinhard von Gerkan, Architekt des größten Museums der Welt, über die Kritik an seinen Prestigebauten für das Pekinger Regime und die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei

AP

SPIEGEL: Herr von Gerkan, zwei Tage nach der Eröffnung der ersten Ausstellung im Nationalmuseum wurde der chinesische Künstler Ai Weiwei am Pekinger Flughafen festgenommen. Was war Ihr erster Gedanke?

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Heft 15/2011
Wenn Eltern ihre Kinder brauchen

Gerkan: Ich war, ohne es zu wissen, zeitgleich am Flughafen. Da unser Linienflug überbucht war, mussten wir mit der Maschine von Außenminister Guido Westerwelle zurück nach Deutschland fliegen; Westerwelle war ja bei der Ausstellungseröffnung gewesen. Während des Fluges erfuhren wir von der Verhaftung Ais.

SPIEGEL: Die Festnahme Ais hat abermals erwiesen, dass die chinesische Regierung Andersdenkende drangsaliert. Durch Vorkommnisse wie diese geraten auch Deutsche, die mit chinesischen Offiziellen zusammenarbeiten, in die Kritik. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?

Gerkan: Dieser Vorwurf wird von Ihnen erhoben, jetzt und hier. Das heißt ja nicht, dass ihn auch andere anführen.

SPIEGEL: Vielleicht werfen Sie mal einen Blick in die "Frankfurter Allgemeine" oder den "Stern"?

Gerkan: Natürlich hat mich die Festnahme Ais erschrocken. Ich schätze ihn als Künstler sehr, könnte mir auch vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ein Freund von mir ist mit ihm befreundet. Ai provoziert absichtlich, vermutlich weil er meint, er könne damit etwas bewirken.

SPIEGEL: Wie deuten Sie die Festnahme?

Gerkan: Sagen wir so: Die Festnahme ist für alle, die an eine schrittweise Öffnung des Landes durch eine solche Ausstellung wie "Die Kunst der Aufklärung" glauben, ein herber Rückschlag. Wir hatten bei diesem Aufenthalt in Peking den Eindruck, dass die Chinesen recht nervös sind. Das muss mit den Ereignissen in Nordafrika, vor allem in Libyen, zusammenhängen.

SPIEGEL: Auch in China protestieren Mutige.

Gerkan: Statt die Lage zu beruhigen, werden solche Proteste durch so etwas wie die Festnahme Ais noch hochgekocht. Ich verstehe die Chinesen da nicht.

SPIEGEL: Zeigt sich die Nervosität der Offiziellen auch darin, dass Sie als verantwortlicher Architekt bei der Ausstellungseröffnung keine Rede halten durften?

Gerkan: Unser Botschafter hatte sich darum bemüht, dass ich ein paar Worte sagen kann, aber das wollten die Chinesen nicht. Wieso, ist nicht überliefert. Ich glaube, sie wollten lieber selber reden.

SPIEGEL: Was hätten Sie sagen wollen?

Gerkan: Ich hätte gern zur Kenntnis gebracht, dass es ein deutsches Architekturbüro war, das das Gebäude geplant hat, weil das in China nicht sehr bekannt ist.

SPIEGEL: Warum bauen Sie in China, einem so restriktiv geführten Land?

Gerkan: Seit ich vor 13 Jahren mit der deutschen Schule in Peking mein erstes Projekt begann, hat sich China rasant verändert. Es gibt zwar unbestritten noch viele beklagenswerte Ereignisse, aber man muss eines festhalten: Noch nie hat es in der Geschichte Chinas so viel Freiheit für das Individuum gegeben. Obgleich es noch Millionen armer Bauern gibt, ist es bewundernswert, dass in China niemand verhungert.

SPIEGEL: In den vergangenen hundert Jahren mag es Fortschritte gegeben haben, zuletzt hat sich der Umgang wieder verschärft: Regimekritiker werden gefoltert und weggesperrt. Warum kooperieren Sie mit den Regierenden?

Gerkan: Das klingt so konspirativ. Wenn ich ehrlich bin, sitze ich oft mit chinesischen Politikern an einem Tisch und weiß gar nicht, wer welche Funktion hat. Willy Brandt hat gesagt, Wandel sei durch Annäherung möglich, nicht durch Blockade.

SPIEGEL: Der Satz des früheren Bundeskanzlers bezog sich auf dessen Ostpolitik, auf das Verhältnis der damaligen Bundesrepublik zur DDR. Gesetzt den Fall, man hätte ihnen vor 40 Jahren den Bau der Volkskammer in der DDR angeboten, was hätten Sie gesagt?

Gerkan: Die hätte ich nicht gebaut. Es gibt einen großen Unterschied zwischen der DDR und dem heutigen China. Das können Sie mir glauben. Ich habe das System der DDR hinlänglich und ausgiebig erlebt, weil ich in Berlin studiert habe. Was ich damals erlebt habe - dieses Maß an menschenverachtendem Gebaren -, das gibt es in China nicht andeutungsweise.

SPIEGEL: Das sehen Ai Weiwei, der inhaftierte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und viele andere, die es ebenfalls erwischt hat, wohl anders.

Gerkan: In unserem Büro in Peking arbeiten 70 Leute, viele davon sind Chinesen. Wir können uns über alle kritischen Themen unterhalten.

SPIEGEL: Sie wissen aber, dass manche Ihrer chinesischen Mitarbeiter dem Geheimdienst über Ihre Gespräche mit den Deutschen berichten müssen?

Gerkan: Sie haben eine vorgefasste Meinung.

SPIEGEL: Nein, das sind Erkenntnisse.

Gerkan: Wissen Sie, ich habe das sowjetische Regime erlebt, ich war mit meiner Frau in Moskau und Riga, und wir sind permanent während unseres Aufenthalts beschattet worden. Wenn wir ins Restaurant gingen, saß auf einmal eine fremde Dame am selben Tisch. Das alles ist doch kein Vergleich zu dem, was ich nun seit über zehn Jahren in China beobachte.

SPIEGEL: Das Nationalmuseum, das Sie entworfen haben, ist ein Repräsentationsbau des chinesischen Regimes. Es steht am Platz des Himmlischen Friedens, wo 1989 das Massaker stattfand, bei dem die chinesische Regierung Tausende Studenten töten ließ. Gab es in der Planungsphase Ideen, im Entwurf auf die spezifische Geschichte des Platzes einzugehen?

Gerkan: Gar nicht.

SPIEGEL: Der Platz als historisch belastete Kulisse hat für den Entwurf keine Rolle gespielt? Wollten Sie keinen visuellen Kontrapunkt aufzeigen?

Gerkan: Nein. Der Platz spielte keine Rolle, das war nicht die Aufgabenstellung. Wir sollten ein Museum bauen, das als Schaufenster der 5000-jährigen Geschichte Chinas dienen sollte, eines, das eine Million Exponate beherbergt und 20.000 Besucher gleichzeitig aufnehmen kann. Die Aufgabe bestand darin, ein Gebäude von 1959 möglichst behutsam und respektvoll zu erweitern.

SPIEGEL: Aber der Platz ist historisch kontaminiert.

Gerkan: Nach dieser Argumentation müsste man schlussfolgern, dass man auch in Deutschland nicht mehr bauen darf. Deutschland ist insgesamt kontaminiert.

insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
politicker 11.04.2011
1. Deutsche Autos auf dem Tiananmen-Platz sind aber p.c., oder was?
Zitat von sysopMeinhard von Gerkan, Architekt des größten Museums der Welt, über die Kritik an seinen Prestigebauten für das Pekinger Regime und die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756259,00.html
Was eigentlich hat denn der Gerkan dem Spiegel-Paralleluniversum angetan, dass Weltfremdlinge Eurer Redaktion, ihn nicht zu mögen scheinen?
timewalk 11.04.2011
2. Au Weia
Zitat von sysopMeinhard von Gerkan, Architekt des größten Museums der Welt, über die Kritik an seinen Prestigebauten für das Pekinger Regime und die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756259,00.html
Echte größe zeigt man, indem man soetwas ignoriert. Der Imageschaden ist bedeutend größer und die aufstauende Energie...
edelamsee 11.04.2011
3. Ai Weiwei provoziert absichtlich
vermutlich hat Gerkan noch nie von Chen Guido und Wu Chuntaos Studie "Zur Lage der Chinesischen Bauern", 2006, gehört, geschweige darin gelesen, obwohl es das authorativste Werk ist, welches je zu diesem Sujet verfasst wurde. Seine Äußerung, in China gäbe es keine hungernden Bauern, ist milde gesagt, abstrus. Beide schreiben Von etwa 800.000.000 hungernden und verhungernden, verelenden Bauern die das Wohl einer vegleichsweise winzigen Schicht von megareichen Chinesen finanzieren.
Chatzi 11.04.2011
4. Weltfremd?
Zitat von politickerWas eigentlich hat denn der Gerkan dem Spiegel-Paralleluniversum angetan, dass Weltfremdlinge Eurer Redaktion, ihn nicht zu mögen scheinen?
Wer bitte schön ist hier weltfremd? Bitte mal die Kirche im Dorf lassen! Wenn jemand behauptet, er könne Kraft seines Ruhmes und Amtes doch ruhig Geschäfte mit den Chinesen machen, die ihn dann um eben diesen Ruhm bringen, indem sie ihn nicht mal eine Eröffnungsrede zugestehen und ihn kaum erwähnen, dann auch noch seine Entwürfe klauen und von anderen (billigeren Chinesen) umsetzen lassen, der kann doch nicht wirklich behaupten, daß er die Tassen noch alle im Schrank hat! Schon die Behauptung, in China geht es NICHT so zu wie in der DDR ist ein dämlicher KRACHER! Wie blöd muss dieser Mann eigentlich sein und Berufsidiot, daß er nicht erkennt, daß Feind in China ist, wer anders denkt. Der Satz stammt von Erich Mielke, übrigens!
wahlossi_80 11.04.2011
5. Totalitarismus
---Zitat von SPON--- Was haben Sie als das angesehenste deutsche Nachrichten-Magazin eigentlich davon, das bekannteste deutsche Architekturbüro mieszumachen? Ihre Fragen sind böswillig. ---Zitatende--- Hehe, klar, dass ihm die Fragen nicht gefallen. Tatsächlich zeigt sich an Gerkan eine latente Nähe von Architekten zu totalitäten Ideen. Glücklicherweise ist der Übervater Le Corbusier inzwischen in der Kritik wegen seiner totalitären Auffassung von Architektur und Gesellschaft. Die heutige Generation von Architekten passt sich auch anderen Totalitarismen an, Hauptsache die Kohle stimmt. Andererseits geht mich das China-Bashing der "westlichen" Länder gege den Strich, als würden hier keine Menschenrechte verletzt werden.
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