AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2011

Brasilien Die X-Formel für Reichtum

Multimilliardär Eike Batista, der reichste Mann des Landes, will vor Rio Öl fördern, einen Hafen und eine Stadt bauen. Kritiker halten ihn für größenwahnsinnig, andere für einen Visionär.

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Der Hubschrauber erhebt sich über die Guanabara-Bucht, lässt den Zuckerhut hinter sich und fliegt an der Küste entlang Richtung Norden, vorbei an Austernbänken und Fischerstädtchen.

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Heft 15/2011
Wenn Eltern ihre Kinder brauchen

Nach gut einer Stunde taucht ein Pier am Horizont auf, er ragt 300 Meter weit in den blaugrünen Ozean. Arbeiter mit weißen Helmen schrauben an Filteranlagen, ringsherum kilometerweit trockenes, sandiges Brachland. In dieser Einöde entsteht die größte Industrieansiedlung Südamerikas, es ist das bisher ehrgeizigste Projekt des brasilianischen Multimilliardärs Eike Batista, der Superhafen Açu.

"Wir bauen hier einen Hafen für die Tanker, die das Öl von unseren Bohrinseln aufnehmen werden", sagt Leonardo Gadelha, Finanzdirektor von Batistas Logistikfirma LLX, während der Hubschrauber eine Schleife fliegt. "Dort drüben entsteht eine Mole für die Verladung von Eisenerz. Da hinten kommen ein Stahlwerk und zwei Thermo-Kraftwerke hin, ein Stück weiter eine Autofabrik." Die Kosten: geschätzte 28 Milliarden Euro.

250.000 Menschen sollen hier einmal arbeiten, Batista will auch eine neue Stadt für sie bauen, Cidade X, Brasiliens Stararchitekt Jaime Lerner hat sie schon entworfen. Ein Retortenort vom Reißbrett, so wie einst Brasília, die von Oscar Niemeyer erdachte Hauptstadt, Monument der Moderne und des Willens, mitten im Nichts Großes zu erschaffen. Ob die futuristische Siedlung je gebaut wird, hängt noch von den Investoren ab. Kritiker werfen Batista Größenwahn vor, Anhänger loben seine unternehmerische Weitsicht.

"Alle meine Projekte entstehen aus dem Nichts", sagt der Multimilliardär in seinem Büro in Rio de Janeiro und springt vom Schreibtisch auf, hinter ihm geben Panoramafenster den Blick auf den Zuckerhut frei. Für Skeptiker hat Batista kein Verständnis. Warum auch, bei all den Firmen, die in seinen Superhafen investieren: Der italienisch-argentinische Konzern Techint baut das Stahlwerk, am Verladehafen ist der Minenkonzern Anglo American beteiligt, die Chinesen sind an den Kraftwerken interessiert.

Grafik: Der Superhafen Açu
LLX

Grafik: Der Superhafen Açu

Fünf Firmen bilden den Kern seines Imperiums EBX, sie alle sitzen in einem Hochhaus am Strand von Flamengo. Sie suchen nach Öl und Gas, fördern Gold und Erze, bauen Werften und Fabriken. Alle tragen ein X im Namen, das Zeichen für Multiplikation. Wer vor fünf Jahren Anteile an einer seiner Firmen kaufte, konnte den Einsatz versechsfachen, das ist die Formel hinter dem X, Batistas Formel für Reichtum.

Er ist so zum reichsten Mann Brasiliens geworden, weltweit steht er auf Platz acht, "Forbes" schätzt sein Vermögen auf 30 Milliarden Dollar. "Mindestens 30", sagt er, ein Haifischgrinsen im Gesicht: "Slim sollte sich vorsehen." Der Mexikaner Carlos Slim rangiert auf Platz eins der Milliardärsliste von "Forbes". Slim hat in Mexiko sein Geld vor allem mit einer Telefongesellschaft gemacht, er gilt als diskret und konservativ, pflegt beste Verbindungen zur Elite seines Landes. Slim ist der Gegenentwurf zu Batista. Der Brasilianer liebt schnelle Autos und war Weltmeister im Speedboot-Rennen. In seinem Wohnzimmer parkt ein getunter Mercedes gleich neben den Ledersofas, dafür ließ er eigens sein Haus umbauen. Seine Glatze verdeckt er mit einem Echthaartoupet, eine Spezialanfertigung aus Italien.

Batista Aufstieg verlief parallel zu dem Brasiliens

Batista schämt sich nicht für seinen Ruf als Neureicher. Er ist wie sein Land, sein Aufstieg verlief parallel zu dem der Wirtschaftsmacht Brasilien. Der Milliardär verachtet deren Elite, diese konservativen Herren an den Mahagonischreibtischen: "Die hängen doch alle am Tropf der Regierung." Kleinkrämer seien das, verantwortlich dafür, dass sein Land viel zu lang den Aufschwung verpasst habe: "Bis Anfang der neunziger Jahre haben wir alles falsch gemacht, was wir falsch machen konnten. Brasilien ist nur deshalb nicht untergegangen, weil es größer war als das Loch, in das es zu fallen drohte."

Erst der sozialdemokratische Präsident Fernando Henrique Cardoso leitete 1994 die Wende ein, mit einem Paket schmerzhafter Wirtschaftsreformen, das die Hyperinflation stoppte. Nachfolger Luiz Inácio Lula da Silva öffnete den Markt für die Massen: Mit Subventionen für die Armen sorgte er dafür, dass der Wohlstand auch sie erreichte. Mindestens 20 Millionen stiegen während Lulas Regierungszeit in die Mittelschicht auf.

Die 10 reichsten Menschen der Welt (2011)

Rang Name Land Alter geschätztes Vermögen
in Milliarden Dollar
1 Carlos Slim Helú Mexiko 71 74,0
2 Bill Gates USA 55 56,0
3 Warren Buffett USA 80 50,0
4 Bernard Arnault Frankreich 62 41,0
5 Lawrence Ellison USA 66 39,5
6 Lakshmi Mittal Indien 60 31,1
7 Amancio Ortega Spanien 75 31,0
8 Eike Batista Brasilien 54 30,0
9 Mukesh Ambani Indien 53 27,0
10 Christy Walton USA 66 26,5

Quelle: "Forbes"

"Brasilien hat alles, wonach die Welt süchtig ist", sagt Batista, "Mineralien, Öl, Lebensmittel, Wasser, dazu demokratische Verhältnisse und eine konsumfreudige Mittelschicht, wir haben eine große Zukunft vor uns." Die Wirtschaft wuchs im vorigen Jahr um 7,5 Prozent, das Land ist zur siebtgrößten Wirtschaftsmacht aufgestiegen.

Batista hat sein Vermögen mit Rohstoffen gemacht wie viele hier. Er wuchs in der Bergbauregion Minas Gerais auf, sein Vater war Präsident der staatlichen Minengesellschaft. Seine Mutter stammt aus Hamburg. Als er zwölf war, zog die Familie in die Schweiz, später nach Düsseldorf. Sein Ingenieurstudium in Aachen brach er nach zwei Jahren ab, weil er fand, "dass es Besseres zu tun gab".

"Ich bin ein Trüffelschwein, ich habe eine Nase für gute Geschäfte"

Er ging nach Sibirien, China und Kanada, investierte in Minen, schlug sich mit der russischen Mafia herum, verdiente viel Geld und verlor es wieder. Anfang der achtziger Jahre kehrte er nach Brasilien zurück. Im Urwald kaufte er eine Goldmine. "Mein Vater war dagegen, er sagte, ich sei ein Idiot", so Batista, "dabei bin ich ein Trüffelschwein, ich habe eine Nase für gute Geschäfte."

Die Mine warf eine Million Dollar pro Monat ab. Mit Goldgeschäften erwirtschaftete Batista bis zur Jahrtausendwende einen Gewinn von 20 Milliarden Dollar. "19 waren für meine Anleger, eine habe ich behalten." Batista kaufte neue Minen dazu, acht besitzt er heute.

Lange Zeit nahm die Öffentlichkeit den neuen Milliardär nicht zur Kenntnis. Erst als er Luma de Oliveira heiratete, eine Karnevalsschönheit aus Rio, änderte sich das. Die schöne Luma und der Superreiche wurden zum Traumpaar von Rio. Inzwischen haben sich die beiden getrennt, sind aber Freunde geblieben: "Sie werden von ihr kein böses Wort über mich in der Öffentlichkeit hören."

Sein Aufstieg in die Schlagzeilen von "Financial Times" und "Wall Street Journal" begann Ende des vergangenen Jahrzehnts, als er anfing, in Öl zu investieren. Im Jahr 2007 erwarb Batista Konzessionen für Offshore-Vorkommen, die er dem Staatskonzern Petrobras im Poker um den Preis wegschnappte.

"Anfangs waren wir die hässlichen Entlein", sagt Paulo Mendonça, Generaldirektor der Ölfirma OGX. Das änderte sich, als sie in den seichten Gewässern vor Rio gigantische Ölfelder entdeckten. Der Börsenwert von OGX explodierte, Batistas Vermögen vervielfachte sich.

"Batista ist ein Genie"

Drei Stockwerke unter seinem Büro hat der Milliardär einen Vorführsaal eingerichtet, um die laufenden Sondierungsbohrungen live verfolgen zu können. Ein Labor versorgt den Computer mit frischen Daten aus dem Untergrund, der Besucher setzt eine Spezialbrille auf und kann in 3-D-Technik die Bohrmeißel verfolgen. In der zweiten Jahreshälfte werde das erste Öl sprudeln, versichert Manager Mendonça, ein Ex-Petrobras-Angestellter wie viele hier. Der Milliardär hat dem Staatskonzern etliche seiner besten Manager abgeworben. "Batista ist ein Genie", schwärmt Mendonça. "Er entscheidet schnell und ist flexibler als die Petrobras-Leute."

In den vergangenen Monaten aber verließen einige seiner besten Leute die Firma, mit einem ehemaligen Partner streitet sich Batista seither vor Gericht, es geht um eine Abfindung in Höhe von 190 Millionen Euro. Die Abwanderungen verunsicherten die Anleger, der Börsenwert seiner Firma OGX sackte um knapp zehn Milliarden Euro ab. Drei Monate lang hörte man nichts von Brasiliens reichstem Mann, es hieß, er sei krank. "Nur weil ich mal nicht jeden Tag getwittert habe", so Batista, "hat man mir sofort einen Nervenzusammenbruch angedichtet."

Anfang Februar meldete er sich per Telefonkonferenz bei seinen Investoren zurück, die Börsenkurse erholten sich. In Kolumbien hat er seither Anteile an einer Goldmine und an mehreren Kohlegruben erworben. In Rio renoviert er das große Traditionshotel Gloria, er betreibt ein Luxusrestaurant und investiert in einen Yachthafen: "Rio wird boomen, hier entsteht gerade das neue Houston."

Zehn Millionen Euro hat Batista für die Ausrichtung der Olympischen Spiele gestiftet, der Polizei von Rio schenkte er einige hundert neue Streifenwagen, mit denen sie in den jüngst befriedeten Elendsvierteln patrouilliert. Auch die Sanierung einer verdreckten Lagune im touristischen Süden der Stadt finanziert er.

Erst vor kurzem hat der Milliardär mit Ex-Präsident Lula zu Abend gegessen. Er versteht sich hervorragend mit dem einstigen Gewerkschaftsführer, beide haben sich nach oben gekämpft, beide lieben Superlative, beide haben einen Hang zur Megalomanie.

Nach dem Essen, so der Unternehmer, habe Lula nur einen Satz zu ihm gesagt: "Verliere deinen Wagemut nicht!" Denn der sei sein größtes Kapital.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
pragmat 13.04.2011
1. Kommunisten etc.
Zitat von sysopMultimilliardär Eike Batista, der reichste Mann des Landes, will vor Rio Öl fördern, einen Hafen und eine Stadt bauen. Kritiker halten ihn für größenwahnsinnig, andere für einen Visionär. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756330,00.html
Nur Kommunisten und Sozialdemokraten können auf die Idee kommen, ein Kapitalist alleine könne solche Projekte nicht in Gang setzen, nur der Staat könne so etwas.
manta 13.04.2011
2. ---
---Zitat--- bei all den Firmen, die in seinen Superhafen investieren: Der italienisch-argentinische Konzern Techint baut das Stahlwerk, am Verladehafen ist der Minenkonzern Anglo American beteiligt, die Chinesen sind an den Kraftwerken interessiert. ---Zitatende--- Da sind wir ja mal wieder richtig groß dabei :-/////
Moebius07 13.04.2011
3. Greenpeace : Bitte Kommen!
Zitat von sysopMultimilliardär Eike Batista, der reichste Mann des Landes, will vor Rio Öl fördern, einen Hafen und eine Stadt bauen. Kritiker halten ihn für größenwahnsinnig, andere für einen Visionär. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,756330,00.html
Bin mal gespannt wie lange Greenpeace auf sich warten lässt. Wer mit soviel TamTam in Deutschland gegen bestehende Kraftwerke und Bauten protestiert, müsste bei diesem größenwahnsinnigen und ökologischen Selbstmord sofort Gewehr bei Fuß sein. Jetzt will ich aber mal ein Feuerwerk von den Öko-Rächern sehen. Aber sehr wahrscheinlich verpufft das ganze aus Feigheit von Greenpeace wie beim Drei-Schluchten Staudamm in China in einem Buschfeuer. Nachtigall ick hör Dir trappsen....
Ambermoon 13.04.2011
4. Willkommen, Ambermoon.
Zitat von pragmatNur Kommunisten und Sozialdemokraten können auf die Idee kommen, ein Kapitalist alleine könne solche Projekte nicht in Gang setzen, nur der Staat könne so etwas.
Auf die wo noch mal geäußerte Idee?
haberdachs 13.04.2011
5. Wer seid ihr denn?
Zitat von mantaDa sind wir ja mal wieder richtig groß dabei :-/////
Würde mich echt interessieren wer ihr Mantas seid. Habt ihr denn vorher nichts mitbekommen?
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