AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2011

Medizintechnik Wunder der Fleischwerdung

Am Stuttgarter Fraunhofer-Institut nimmt eine Hautfabrik den Betrieb auf. Die Forscher wollen einem neuen Gewerbe den Weg ebnen: der industriellen Fertigung von Menschengewebe.

Von Johann Grolle


Ein Greifarm schnappt sich ein Plastiktöpfchen, in dem eine rosa Lösung schwappt. Ein Laserstrahl huscht über die Flüssigkeit hinweg. Dann schnurrt auf einer stählernen Schiene ein anderer Roboter herbei und träufelt ein paar Tröpfchen durch haarfeine Pipetten. Ein Monitor protokolliert Temperatur, Kohlendioxid, Luftfeuchtigkeit.

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Nur ein leises Surren ist zu hören in dem Laborraum des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts. Steril hinter Glas verriegelt haben die Maschinen soeben mit der Herstellung eines außergewöhnlichen Produkts begonnen: menschlicher Haut.

Allmonatlich wird die Stuttgarter Hautfabrik künftig 5000 kreisrunde, etwa centgroße Gewebeläppchen fertigen. Ein Stückpreis von 50 Euro ist anvisiert. Das Produkt ist weißlich, fast durchsichtig. Doch bei Bedarf, sagt Projektleiterin Heike Walles, seien auch Brauntöne lieferbar.

Unscheinbar sehen die kleinen Gewebestückchen aus, wie sie da in ihrer Nährlösung schwimmen. Aber bei dem Stuttgarter Pilotprojekt geht es ja auch um mehr als nur die Hautproduktion. Die Apparatur soll den Weg ebnen in eine neue Ära, in der Menschengewebe zum Industrieprodukt wird. Das Wunder der Fleischwerdung, das die Natur ins Dunkel der Gebärmutter verlegt hat, vollzieht sich hier Roboter-gesteuert im kalten Neonlicht einer Montagehalle.

"Anfangs haben die Forscher viel zu viel versprochen"

Endlich ist Heike Walles, 48, damit am Ziel. Ihre ganze Forscherkarriere hat sie der Gewebezucht gewidmet. Nicht zuletzt das berühmte Bild aus dem Vacanti-Labor war es, das die Biochemikerin einst für dieses Zukunftsthema begeistert hat: Vor nunmehr 15 Jahren hatten die beiden Brüder Jay und Chuck Vacanti an der Harvard University ein Menschenohr modelliert und einer Maus auf den Rücken montiert. Das Foto dieser Kreatur präsentierten sie dann zusammen mit der kühnen Vision einer zukünftigen Medizin der Weltöffentlichkeit.

Ein neues Kapitel in der Geschichte der Transplantation breche an, so lautete ihr Versprechen. Nie wieder werde es Mangel an Spenderorganen geben. Denn schon bald werde menschliches Gewebe nach Maß herstellbar sein.

Die Vacantis sprachen davon, wie funktionstüchtige Menschenherzen in Glaskolben heranreifen und wie Lebern in Wärmeöfen wie Hefekuchen aufgehen würden. Ganze Gliedmaßen ließen sich in der Retorte züchten, schwärmte Chuck Vacanti und zeigte die Skizze eines synthetischen Arms herum. "Tissue Engineering", Gewebezucht, nannten die Vacantis ihr neues Gewerbe.

Gelockt von solchen Verheißungen heuerte Walles damals bei den Herzchirurgen an der medizinischen Hochschule Hannover an, um sich an die Herstellung von Blutgefäßen oder Herzklappen zu machen - doch bald musste sie einsehen, wie naiv die Träume der Visionäre gewesen waren. "Anfangs haben die Forscher viel zu viel versprochen", sagt sie. "Damals half das, Akzeptanz für die neue Technik zu bekommen. Aber heute sind Patienten und Gesellschaft zu Recht enttäuscht."

Erste Erfolge blieben Einzelfälle

Zwar sorgten die Gewebezüchter immer wieder für Schlagzeilen: Die Forscher des Vacanti-Labors legten nach und führten der Öffentlichkeit ein kirschgroßes Herz vor, das volle 40 Tage lang im Brutkasten vor sich hin wummerte. Einer Ratte bauten sie sogar eine Lunge aus der Bioretorte ein, die das Tier einige Stunden lang am Leben hielt. Und auch einen Künstler wiesen sie in die Kunst der Gewebezucht ein, so dass der ein Steak in der Petrischale aufpäppeln konnte (die Konsistenz des Kunstfleisches freilich, so gestand er nach der Verkostung, sei grausig und der Geschmack undefinierbar).

Andernorts verkündeten Chirurgen auch bei Versuchen am Menschen Erfolge: In North Carolina zum Beispiel züchteten Ärzte aus Stammzellen eine Blase, die sie missgebildeten Kindern implantierten. Noch spektakulärer mutet das Experiment an, das Mediziner in Kiel wagten, um einen tumorzerfressenen Unterkiefer zu rekonstruieren: Sie entwarfen am Computer das gewünschte Knochenstück und fertigten nach diesem Vorbild ein Geflecht aus Titandraht, welches sie dann mit Knochenmarkszellen des Patienten besiedelten. Das Ganze ließen sie sieben Wochen lang im Rückenmuskel des 56-jährigen Mannes reifen, bis sie es ihm dann ins Gesicht montierten.

Doch all das sind Einzelfälle geblieben - heroische Pioniertaten, die nie Eingang in den klinischen Alltag fanden. Noch immer ist die Gewebezucht ein raffiniertes Kunsthandwerk, das viel Bastelei und viel Herumprobieren erfordert. Zwar ranken in den Labors der Bioingenieure inzwischen Dutzende verschiedener Zelltypen auf schwamm-, gummi- oder gallertartigen Gerüsten. Doch für den Einsatz im Menschen eignen sich die meisten dieser Konstrukte noch nicht.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Scarlet Pimpernell 13.04.2011
1. ach
zitat aus dem artikel: "Gerade hat er sich einen gewebespezifischen Zelltyp im Herzen patentieren lassen, mit dem er chronische Herzmuskelschwäche zu behandeln hofft" heilverfahren sollten allen zugänglich sein. mit patenten auf zellen und ähnlichem wird erreicht, dass dieses verfahren nur einem bestimmten patientenkreis zur verfügung steht. unsozial. oder verbrecherisch? oha, unsere hehren weisskittel doch nicht!! wacht auf.
testthewest 13.04.2011
2.
Zitat von Scarlet Pimpernellzitat aus dem artikel: "Gerade hat er sich einen gewebespezifischen Zelltyp im Herzen patentieren lassen, mit dem er chronische Herzmuskelschwäche zu behandeln hofft" heilverfahren sollten allen zugänglich sein. mit patenten auf zellen und ähnlichem wird erreicht, dass dieses verfahren nur einem bestimmten patientenkreis zur verfügung steht. unsozial. oder verbrecherisch? oha, unsere hehren weisskittel doch nicht!! wacht auf.
Und welchen Lohn soll also jemand erhalten, der sein Leben (denn es ist ein Lebenswerk) der Erfindung eines solchen Produkts widmet? Diese Heilverfahren werden wie alle anderen Heilverfahren auch eine Entwicklung durchlaufen. Erst für wenige, es wird dabei Erfahrung gesammelt, dann bei Erfolg für immer mehr Leute bis hin zur ubiquitären Verfügbarkeit. Penicillin wurde anfangs fast mit Gold aufgewogen, es war so wertvoll, das man es aus dem Urin der Patienten zurückgewann. Heute kostet die Tablette kaum ein Euro. Also wischen sie sich den Geifer vom Mund. Schliesslich fordern sie ja auch nicht, dass Lebensmittelhersteller ihre Waren nach Afrika verschenken, obwohl die Leute dort hungern, und auch sie selber arbeiten nicht für lau (ansonsten geben sie mal brav ihr H4 zurück).
frigor 13.04.2011
3. Forschung
Zitat von Scarlet Pimpernellzitat aus dem artikel: "Gerade hat er sich einen gewebespezifischen Zelltyp im Herzen patentieren lassen, mit dem er chronische Herzmuskelschwäche zu behandeln hofft" heilverfahren sollten allen zugänglich sein. mit patenten auf zellen und ähnlichem wird erreicht, dass dieses verfahren nur einem bestimmten patientenkreis zur verfügung steht. unsozial. oder verbrecherisch? oha, unsere hehren weisskittel doch nicht!! wacht auf.
Haben Sie sich auch schon überlegt, dass Forschung Geld kostet?
127.0.0.1 13.04.2011
4. Fragt sich, wer lieber wach bleiben sollte...
...um sich mal durch die regaleweise Zulassungs- und Regulatorischen Vorschriften zu arbeiten. Um eine klinische Studie zu durchlaufen in allen Phasen und eine Anwendung an irgend einem Patienten durchführen zu dürfen, muss nämlich die IP generiert, getestet und patentiert werden. Dann nach Erstattungs- und Zulassungsverhandlungen kommts irgendwann nach 15 Jahren endlich am Menschen an. Wer mit EMA, PEI, LaGeSo, Inek etc zu tun hat, weiss wozu Patente nötig sind. Ganz abgesehen vom Ideenklau, der jahrzehntelange Grundlagenforschung zunichte macht. Zu kurz gedachte Polemik ist kontraproduktiv.
Matthias Franz 13.04.2011
5. Patente
Sich etwas patentieren zu lassen, heisst ja nicht zwangsläufig, dass damit das grosse Geld verdient werden soll. Ein Patent sichert dem Inhaber zunächst lediglich die Kontrolle darüber, wer was mit seiner Erfindung macht. Alles weitere liegt im Ermessen des Inhabers. Also immer schön langsam mit den diversen Vermutungen.
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