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Ausgabe 16/2011

Medizin: Giftige Geschäfte

Von Udo Ludwig, Ansgar Mertin und Barbara Schmid

Eine Tochter des US-Konzerns Johnson & Johnson hat weltweit künstliche Hüftgelenke zurückgerufen. Doch viele der 5500 deutschen Patienten wissen noch gar nichts davon.

Medizin: Giftige Geschäfte Fotos
DPA

Auf dem Esstisch von Martha Hussung stehen acht Flaschen Mineralwasser, daneben liegen mehrere Packungen mit Schmerztabletten. Das Wasser hat ihre Tochter Karin vor zwei Tagen dort hingestellt. Die 74-Jährige braucht diesen Vorrat, denn allein kann sie die Flaschen nicht mehr tragen.

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Martha Hussung schaut die Flaschen an und legt den Kopf in die linke Hand. "Das Leben ist sooo langweilig geworden", sagt die ehemalige Postangestellte dann, "ich häng hier rum wie ein Krüppel, eigentlich ist das kein Leben mehr."

Vor fünf Jahren noch war Martha Hussung eine vitale Frau. Sie wanderte, machte Gymnastik, fuhr Auto. Dann tat auf einmal die linke Hüfte weh, eine Arthrose. Sie erhielt ein künstliches Hüftgelenk.

Die Ärzte bauten ihr eine Prothese der Firma DePuy ein, einer Tochter des amerikanischen Weltkonzerns Johnson & Johnson. Das hätten sie besser nicht gemacht, denn das Produkt hat offenbar Mängel. Und zwar nicht nur im Fall von Martha Hussing, sondern bei vielen Menschen überall in der Welt.

Tausende Prothesen sind inzwischen wieder herausoperiert worden; die Firma hat das Modell vom Markt genommen. Allein in Deutschland wurden in 157 Krankenhäusern 5500 dieser DePuy-Implantate eingesetzt. Fachleute rechnen damit, dass die meisten irgendwann vorzeitig ausgetauscht werden müssen. Es geht um Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Die Affäre könnte sich zu einem der größten Schadensfälle der deutschen Medizingeschichte entwickeln.

In aller Stille verhandelt Johnson & Johnson nun mit deutschen Krankenkassen, um die Fälle zu regulieren. Dabei wissen viele Betroffene noch gar nicht, dass ihr künstliches Hüftgelenk vorzeitig wieder ausgetauscht werden muss. Und kaum jemand hat Interesse daran, es ihnen zu sagen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gab es bisher in Deutschland kein flächendeckendes Register für diese Prothesen. Dabei fordern Ärzte schon seit Jahren eine solche Übersicht, um die Opfer unterschiedlicher Schrottprothesen schnell erreichen zu können. Doch bislang scheiterte das am Geld und am Datenschutz.

"In manchen Krankenhäusern Komplikationsraten bis zu 40 Prozent"

In kaum einem Land wird das Hüftgelenk so häufig ausgetauscht wie in Deutschland. Rund 210.000 Deutsche erhalten jährlich eine Prothese. Die Krankenhäuser verdienen sehr gut an den Eingriffen, und so wird zu häufig, zu früh und zu oft von unerfahrenen Ärzten operiert. Und weil immer mehr künstliche Hüften eingesetzt werden, gibt es auch immer mehr Beschwerden. In manchen Krankenhäusern, hat Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland/Hamburg, festgestellt, "erreichen die Komplikationsraten bis zu 40 Prozent".

Mit dem Boom, der die Kassen Jahr für Jahr zwei Milliarden Euro kostet, drängen ständig neue Produkte auf den Markt. Sie versprechen Fortschritt, bewirken aber oft das Gegenteil. So klagen noch immer über hundert humpelnde Deutsche auf Schadensersatz. Die Mediziner hatten ihnen sanfte und akkurate Operationen mit dem OP-Computer Robodoc versprochen.

Auch DePuy bot angeblich etwas Besonderes. Die sogenannte Oberflächenersatzprothese benötigt keinen Schaft. Sie wird wie eine Zahnkrone befestigt. Große Gleitflächen aus Metall sollen die Last auf das neue Gelenk mindern und den Knochen des Oberschenkels schonen.

Doch die Realität hatte mit den Katalogversprechungen nicht viel zu tun. Vor einem Jahr musste Johnson & Johnson in einem Brief an verschiedene Krankenhäuser einräumen, neuere Daten aus Großbritannien hätten gezeigt, dass mehr Gelenke als erwartet wieder ausgebaut werden müssten. Wenige Monate später, im September, nahm der US-Konzern die Prothese dann ganz vom Markt.

Im Auftrag einiger Mandanten hat der Berliner Rechtsanwalt Jörg Heynemann ein Gutachten erstellt. Der Medizinrechtler vertritt seit Jahren Patienten, die durch fehlerhafte Hüftgelenke geschädigt wurden. Mit seiner Kollegin Annika Zumbansen ackerte er sich durch die Prothesenregister mehrerer Länder.

Bald stellte sich heraus, dass die "Revisionsrate", also die Quote von Patienten, die erneut unters Messer mussten, bei DePuy ungewöhnlich hoch ist. In Australien etwa stieg sie für den Zeitraum von fünf Jahren auf über 13 Prozent. Eine Rate, die frühestens nach zehn Jahren erwartet wird. Deshalb stoppte die Firma den Verkauf dort schon 2009.

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1. Bananenrepublik Deutschland, mal wieder
propagandhi 22.04.2011
Zitat von sysopEine Tochter des US-Konzerns Johnson & Johnson hat weltweit künstliche Hüftgelenke zurückgerufen. Doch viele der 5500 deutschen Patienten wissen noch gar nichts davon. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,758035,00.html
Es ist eine unglaubliche Sauerei, wie in der Kungelrepublik Deutschland tatsächlich hinter dem Rücken der Betroffenen Stillschweigevereinbarungen und Millionenzahlungen getätigt werden, die dem einzigen Zweck dienen, den Betroffenen den Rechtsweg zum Ersatz der ihnen entstandenen Schäden so schwer wie möglich oder am besten gleich ganz unmöglich zu machen. Jeder Politiker, Anwalt, Richter, sonstiger Verwaltungskasper, der diese Mafia schützt, und erst recht die Verantwortungsträger der Konzerne sollten sofort zwei diese minderwertigen Hüftgelenke eingebaut bekommen. Nachdem die Schadenersatzansprüche aus deren persönlichen Besitz beglichen wurden. Wir brauchen *keine* Gesetze, die die Wirtschaft vor den Verbrauchern schützt, sondern endlich Gesetze, die die Verbraucher wirksam vor der Wirtschaft schützen. Die kriminelle Energie ist nämlich eindeutig und fast immer auf der Seite der Konzerne zu finden. Aber die angeblich gewählten Volkszertreter sehen das natürlich anders. Man kann ihnen nicht mal vorwerfen, dass sie denen in den Ar*** kriechen, die sie bezahlen. Wir bezahlen denen nämlich weiss Gott genug. Nein, diese unterste Klasse menschlicher Existenz geht noch einen Schritt weiter, und lässt sich einfach von allen bezahlen, und bedient schliesslich den, der am meisten bietet. Auf jedem erdenklichen Gebiet. Verbraucherschutz, Urheberrecht, Mindestlohn, Kündigungsschutz, Atomkraft/Energiepolitik, der herbeigelogene 'Facharbeitermangel', Einwanderungspolitik, Europapolitik, Bankenrettung usw. Immer wird Politik *gegen* das eigene Volk gemacht. Was in Deutschland läuft ist alles, aber keine Demokratie. Und mir wird angst und bange, wenn ich daran denke, was danach kommt. Wenn in Deutschland wieder die Nazis oder sonstige Schlächter an die Macht kommen, dann *ausschliesslich* deshalb, weil unsere jetzige korrupte Politiker- und Wirtschaftskaste ihnen den Weg so schön geebnet hat. Das muss man schon fast als Vorsatz ansehen.
2. Riesenschweinerei
Michael Giertz 22.04.2011
Zitat von sysopEine Tochter des US-Konzerns Johnson & Johnson hat weltweit künstliche Hüftgelenke zurückgerufen. Doch viele der 5500 deutschen Patienten wissen noch gar nichts davon. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,758035,00.html
Besonders perfide finde ich ja die Absprachen, dass möglichst dem deutschen Patienten verschwiegen werden soll, wenn er eine entsprechend mangelhafte Prothese eingesetzt bekommen hat - um Kosten zu sparen und einen Imageschaden zu vermeiden! Wann endlich kommt mal die notwendige "Krankenkassenreform", welche Hersteller von Pharmazie und medizinischen Geräten und Prothesen in die Pflicht nimmt? Nicht nur, dass in Deutschland Medikamente zu völlig überhöhten Preisen angeboten werden, so dass Patienten und Krankenkassen unnötig belastet werden, sind auch medizinische Geräte bzw Prothesen oftmals überteuert und nicht immer den Normen entsprechend. Ich meine, prüft keiner diese Dinger in Langzeittests? Oder werden heutzutage derart verschleißanfällige Prothesen "frei Schnauze" entwickelt und man hofft, dass es irgendwie passt? Wie sieht's aus bei anderen Gelenkprothesen? Wird da auch gepfuscht? Es ist zwar nur EIN Hersteller. Aber das reicht eigentlich auch aus, weil dadurch die Unsicherheiten wachsen. Ich weiß nichtmal, ob ein Patient Herstellerwahlrecht hat und sich selbstständig über die zur Verfügung stehenden Prothesen informieren kann - oder ob er dem Gutdünken des Arztes ausgesetzt ist, dessen oberste Weisung es ist, billig zu arbeiten. Manchmal ist billig aber teurer als teuer ... gerade dann, wenn man mit der Gesundheit für bezahlen darf.
3. ...
kölnerexil 22.04.2011
Ich freue mich grade extrem darüber, dass ich verschiedenen deutschen Professoren im Alter von 18 Jahren nicht nachgeben habe und immer noch meine eigene Hüfte habe im Alter von 30. Aber wieder mal ein Beispiel dafür wie eigentlich eine gutgemeinte und richtige Sache wie Datenschutz von der Industrie dazu benutzt wird um daraus Vorteile zu schlagen...
4. Warum agiert das verbraucherministerium nicht?
morinaarlt 22.04.2011
Dieser Fall zeigt wieder einmal, dass unsere Regierung und die Ministerien komplett versagen - schlicht ihr Geld nicht wert sind. Hier müssten doch zumindest 2 Ministerien aktiv werden: Röslers Krankheitsverwaltung und Aigners Verbraucher(täuschungs)laden. Und zwar nicht nur mit beschwichtigenden Sonntagsreden, sondern knallhart im Sinne der Patienten. Konkret: Schadensersatz von Johnson & Johnson fordern für die Patienten, für die Krankenhäuser, für die Krankenkassen. Und was wird passieren? Das Schweigen in Walde. Schöne neue Republik.
5. Schlimme Geschichte
viwaldi 22.04.2011
Zitat von sysopEine Tochter des US-Konzerns Johnson & Johnson hat weltweit künstliche Hüftgelenke zurückgerufen. Doch viele der 5500 deutschen Patienten wissen noch gar nichts davon. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,758035,00.html
Eine üble Sache, die nur mit Anwälten zu lösen sein wird. Trotzdem wundere ich mich immer wieder über so blöde (Journalisten-)Formulierungen wie:"Es hat sich kein Arzt bei mir entschuldigt". Das dürfen die gar nicht, selbst wenn sie wollten. Das gilt als Schuldeingeständnis und kann versicherungsrechtliche Komplikationen auslösen. Bei einem Verkehrsunfall dürfen sie ja auch nicht sagen:"tut mir leid,war meine Schuld",selbst wenn es offensichtlich war-sonst ist ihre Versicherung von der Leistungspflicht befreit.
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