Von Udo Ludwig, Ansgar Mertin und Barbara Schmid
Auf dem Esstisch von Martha Hussung stehen acht Flaschen Mineralwasser, daneben liegen mehrere Packungen mit Schmerztabletten. Das Wasser hat ihre Tochter Karin vor zwei Tagen dort hingestellt. Die 74-Jährige braucht diesen Vorrat, denn allein kann sie die Flaschen nicht mehr tragen.
Vor fünf Jahren noch war Martha Hussung eine vitale Frau. Sie wanderte, machte Gymnastik, fuhr Auto. Dann tat auf einmal die linke Hüfte weh, eine Arthrose. Sie erhielt ein künstliches Hüftgelenk.
Die Ärzte bauten ihr eine Prothese der Firma DePuy ein, einer Tochter des amerikanischen Weltkonzerns Johnson & Johnson. Das hätten sie besser nicht gemacht, denn das Produkt hat offenbar Mängel. Und zwar nicht nur im Fall von Martha Hussing, sondern bei vielen Menschen überall in der Welt.
Tausende Prothesen sind inzwischen wieder herausoperiert worden; die Firma hat das Modell vom Markt genommen. Allein in Deutschland wurden in 157 Krankenhäusern 5500 dieser DePuy-Implantate eingesetzt. Fachleute rechnen damit, dass die meisten irgendwann vorzeitig ausgetauscht werden müssen. Es geht um Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Die Affäre könnte sich zu einem der größten Schadensfälle der deutschen Medizingeschichte entwickeln.
In aller Stille verhandelt Johnson & Johnson nun mit deutschen Krankenkassen, um die Fälle zu regulieren. Dabei wissen viele Betroffene noch gar nicht, dass ihr künstliches Hüftgelenk vorzeitig wieder ausgetauscht werden muss. Und kaum jemand hat Interesse daran, es ihnen zu sagen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gab es bisher in Deutschland kein flächendeckendes Register für diese Prothesen. Dabei fordern Ärzte schon seit Jahren eine solche Übersicht, um die Opfer unterschiedlicher Schrottprothesen schnell erreichen zu können. Doch bislang scheiterte das am Geld und am Datenschutz.
"In manchen Krankenhäusern Komplikationsraten bis zu 40 Prozent"
In kaum einem Land wird das Hüftgelenk so häufig ausgetauscht wie in Deutschland. Rund 210.000 Deutsche erhalten jährlich eine Prothese. Die Krankenhäuser verdienen sehr gut an den Eingriffen, und so wird zu häufig, zu früh und zu oft von unerfahrenen Ärzten operiert. Und weil immer mehr künstliche Hüften eingesetzt werden, gibt es auch immer mehr Beschwerden. In manchen Krankenhäusern, hat Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland/Hamburg, festgestellt, "erreichen die Komplikationsraten bis zu 40 Prozent".
Mit dem Boom, der die Kassen Jahr für Jahr zwei Milliarden Euro kostet, drängen ständig neue Produkte auf den Markt. Sie versprechen Fortschritt, bewirken aber oft das Gegenteil. So klagen noch immer über hundert humpelnde Deutsche auf Schadensersatz. Die Mediziner hatten ihnen sanfte und akkurate Operationen mit dem OP-Computer Robodoc versprochen.
Auch DePuy bot angeblich etwas Besonderes. Die sogenannte Oberflächenersatzprothese benötigt keinen Schaft. Sie wird wie eine Zahnkrone befestigt. Große Gleitflächen aus Metall sollen die Last auf das neue Gelenk mindern und den Knochen des Oberschenkels schonen.
Doch die Realität hatte mit den Katalogversprechungen nicht viel zu tun. Vor einem Jahr musste Johnson & Johnson in einem Brief an verschiedene Krankenhäuser einräumen, neuere Daten aus Großbritannien hätten gezeigt, dass mehr Gelenke als erwartet wieder ausgebaut werden müssten. Wenige Monate später, im September, nahm der US-Konzern die Prothese dann ganz vom Markt.
Im Auftrag einiger Mandanten hat der Berliner Rechtsanwalt Jörg Heynemann ein Gutachten erstellt. Der Medizinrechtler vertritt seit Jahren Patienten, die durch fehlerhafte Hüftgelenke geschädigt wurden. Mit seiner Kollegin Annika Zumbansen ackerte er sich durch die Prothesenregister mehrerer Länder.
Bald stellte sich heraus, dass die "Revisionsrate", also die Quote von Patienten, die erneut unters Messer mussten, bei DePuy ungewöhnlich hoch ist. In Australien etwa stieg sie für den Zeitraum von fünf Jahren auf über 13 Prozent. Eine Rate, die frühestens nach zehn Jahren erwartet wird. Deshalb stoppte die Firma den Verkauf dort schon 2009.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Medizin | RSS |
| alles zum Thema Medizintechnik | RSS |
© DER SPIEGEL 16/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH