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Ausgabe 16/2011

Filmkritik: Moralische Kernschmelze

Von Martin Wolf

Der russische Spielfilm "An einem Samstag" erinnert an den Super-GAU von Tschernobyl vor 25 Jahren.

Tschernobyl-Film "An einem Samstag": Tanz auf dem Vulkan Fotos
Bavaria Pictures

Lenin lächelt. Sein Porträt hängt in einem Konferenzraum im Atomkraftwerk von Tschernobyl, sein Blick fällt auf die Kraftwerksmanager und Parteifunktionäre, die sich hier versammelt haben. Es ist ein Krisentreffen von Männern, die Lenins berühmten Satz verinnerlicht haben, Kommunismus sei "Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes". Katastrophen sind in dieser Definition nicht vorgesehen.

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Es ist Samstag früh, der 26. April 1986, draußen ist es noch dunkel. Nur der Block IV des Kraftwerks leuchtet in der Nacht. Ein paar Stunden zuvor ist der Reaktor explodiert, die Hülle ist geborsten, die Strahlung lebensgefährlich, aber das weiß außer den Männern im Konferenzraum und ihren Bossen in Moskau noch niemand.

Wenn es nach ihnen geht, soll auch nie jemand etwas von dem Unfall erfahren, nicht im Westen, nicht in der Sowjetunion, nicht in Pripjat, der 49 000-Einwohner-Stadt, drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Die Feiern zum 1. Mai stehen bevor. "Was wir jetzt am wenigsten gebrauchen können", sagt einer der Funktionäre, "ist Panik."

Mit diesen Szenen einer moralischen Kernschmelze beginnt "An einem Samstag", ein russischer Spielfilm, der noch vor ein paar Wochen - Mitte Februar bei der Weltpremiere auf der Berlinale - als eine Art Pflichtübung zum 25. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl gelten konnte. Ein kleiner Beitrag zum lästigen Jubiläum, bis vor kurzem noch verbunden mit der trügerischen Gewissheit, dass höchstens sowjetischer Schlendrian ein AKW außer Kontrolle bringen kann. In Deutschland hatte die Bundesregierung gerade die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert. Der Strom kam weiterhin aus der Steckdose.

Wenn die Apokalypse von Fukushima tatsächlich "alles verändert" hat, wie die Physikerin Angela Merkel sagt: Gilt das auch für unseren Blick auf Darstellungen von Tschernobyl wie "An einem Samstag", der diese Woche in die deutschen Kinos kommt? Kann ein Spielfilm bestehen gegen die echten Bilder aus Japan, die Explosionen im Atomkraftwerk, live übertragen in alle Welt?

Alexander Mindadze, der in Moskau geborene Regisseur von "An einem Samstag", hat gar nicht erst versucht, das damalige Unglück zu rekonstruieren, auch die Verursacher interessieren ihn nur am Rande. Sein Held ist Valerij, einst Musiker in einer Rockband, jetzt Nachwuchsfunktionär der Kommunistischen Partei in Pripjat bei Tschernobyl, ein Mann mit Zukunft. Bis zu jenem Morgen im April 1986. Da ist er seinen Vorgesetzten hinterhergelaufen, die plötzlich zum AKW mussten. Er belauscht das Krisentreffen, er hört die Beschwichtigungsversuche.

"Hat doch keiner damit gerechnet, dass das mal aus dem Ruder laufen könnte. Und was man sich nicht vorstellen kann, das gibt es auch nicht", sagt einer der Chefs. Eine Logik, die vor kurzem noch sehr russisch klang, inzwischen aber an das Entschuldigungsgemurmel von Tepco erinnert, dem japanischen Endzeitkonzern.

Valerij versucht zu fliehen, er läuft durch die Morgendämmerung nach Pripjat, er holt seine Freundin Vera ab, sie wollen zum Bahnhof, nur weg. Doch dann bricht Vera ein Absatz ihrer Schuhe ab, das Paar verpasst den Zug.

Was jetzt? Die Freundin, genau, braucht neue Schuhe. Es ist Samstag, es ist Frühling, noch ahnt niemand in der Stadt etwas vom Reaktorunglück, und weil nicht sein kann, was man nicht sieht, bleiben sie.

Valerij und Vera landen auf der Hochzeitsfeier eines Freundes, Valerijs alte Band spielt. Es ist der Tanz auf einem Vulkan, der bereits ausgebrochen ist. Mit der Strahlung kontaminieren auch erste Gerüchte die Feier: Der Reaktor, hast du schon gehört? Und dass Rotwein helfen soll gegen Radioaktivität?

Sie feiern, als gäbe es kein Morgen, denn es gibt kein Morgen. Die Welt, die sie kennen, hört gerade auf zu existieren. In ihrem verzweifelten Amüsierwillen ähneln Valerij und die anderen Gäste den Amerikanern auf der Hochzeitsfeier im Kinoklassiker "Die durch die Hölle gehen" von 1978. Damals tanzten und soffen Meryl Streep, Robert De Niro und Christopher Walken, es war ihr Abschied vom Leben, die Männer mussten anschließend nach Vietnam.

Warum sind sie nicht geflohen? Warum sind Valerij, Vera und die anderen Bewohner von Pripjat nicht geflohen?

Weil Angst paralysiert. Und weil der Glaube, irgendwie werde es schon gutgehen, offenbar stärker ist als jede Apokalypse-Phantasie. Regisseur Mindadze erzählt eine großartige Geschichte, die im Kleinen unsere Haltung zur atomaren Gefahr spiegelt. So wie die Menschen in seinem Film um jeden Preis ihre Furcht verdrängen wollen, so haben auch die Menschen in Deutschland und Japan die Gefahr jahrzehntelang verdrängt.

Damals dauerte es 36 Stunden, bis die Stadt Pripjat evakuiert wurde. Es dauerte 25 Jahre und bedurfte eines weiteren GAU, bis aus Tschernobyl die Konsequenzen gezogen wurden.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Noch immer gilt: ohne Haftpflicht, abschalten!
Dr. Martin Bartonitz 23.04.2011
Ich habe einen Beitrag von Prof Dueck aufgegriffen und ein Interview mit Holger Strom in diesem Post, was ziemlich klar macht, das wir abschalten müssen, wenn wir nicht alles aufs Spiel setzen wollen: http://bit.ly/giAv96
2. Leider
rayinb 23.04.2011
ist der Film totaler Mist. Eine wunderbare Gelegenheit völlig verschenkt. Schade.
3. Wo und wann ...
shalom-71 23.04.2011
wird der Film (in D) gezeigt?
4. Thema verfehlt
gaston65 23.04.2011
Zuerst mal vorweg, das Thema des Filmes ist mehr als wichtig, nur die "künstlerische" Umsetzung... Ich konnte den Film schon bei der Premiere auf der Berlinale anschauen und war nur enttäuscht: zum einen den ganzen Film über eine unentwegt wackelnde Handkamera, die wie auch schon im Kultur Spiegel zu lesen war, einen in den Wahnsinn treibt. Die Beweggründe der Protagonisten waren nicht nachvollziehbar: Valerij und Vera verpassen den Zug und anstatt sich Schuhe zu kaufen und den nächsten Zug zu nehmen, bleiben sie einfach da. Obwohl Valerij die Reaktorkatastrophe erlebt hat und Bescheid weiß. Schauspielerisch war es auch keine Offenbarung. Warum der Kritiker Martin Wolf von einer "großartigen Geschichte" spricht, hat sich mir und den meisten anderen Premierengästen nicht erschlossen. Kurz gesagt ein schlechter Film zu einem wichtigen Thema
5. Dokumentation
Käptn Horn 23.04.2011
Ein Spielfilm über dieses schreckliche Ereignis zeigt auch an, dass gesellschaftlich gesehen eine gewisse Verarbeitung stattgefunden hat. Allerdings gibt es, auch nach 25 Jahren immer noch keine systematische Aufarbeitung und Analyse der Katastrophe in der Öffentlichkeit. Die harten Fakten und Statistiken werden nicht präsentiert, die Menschen werden nach wie vor mit Schweigen und Beschwichtigungen anstatt mit Statistiken, Aufklärung und Klartext versorgt. Und diejenigen, die den schlimmsten Dreck weggeräumt haben damals werden allein gelassen heute. Sie sind nur noch Ballast. Man interessiert sich nicht mehr für sie und kürzt ihnen sogar die staatlichen Hilfen. Eine gute Dokumentation, die sicher auch als Hintergrund Info für diesen Film sinnvoll ist, findet sich bei YouTube unter: Die Wahre Geschichte von Tschernobyl (http://www.youtube.com/watch?v=-TgczLGbZSA&feature=player_embedded)
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