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Ausgabe 17/2011

Demografie: Tod auf Raten

Von , Andrea Brandt, , , Antje Windmann und Steffen Winter

Die Entvölkerung ganzer Landstriche hat den Westen erreicht, Randgebiete und alte Industriestandorte verkümmern. Wie in Ostdeutschland werden die Regierenden ihre Förderpolitik auf wenige Vorzeigeregionen konzentrieren müssen - mit dramatischen Folgen für das platte Land.

Demografie: Tod auf Raten Fotos
DDP

Bloß nicht aufregen - das Herz. Seine Frau schaut schon besorgt um die Ecke. Seit dem Infarkt im vergangenen September muss Josef Daum aufpassen. Aber das ist leicht gesagt. Er ist Bürgermeister von Nordhalben im bayerischen Frankenwald. Wie soll man sich da nicht aufregen?

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Allein die Zahlen. 85 von 820 Häusern stehen leer. Früher lebten hier 3000 Menschen, jetzt sind es 1900. Die alten Leute sind gestorben, niemand kam nach. "Und da drüben", Daum zeigt auf ein mintgrünes Einfamilienhaus, "da wohnt auch keiner mehr."

Die Großbäckerei ist in den Osten gezogen, vor der einstigen Gartenmöbelfabrik wuchert der Löwenzahn, im letzten Jahr hat Edeka dichtgemacht, die Bahnlinie gibt es seit 1994 nicht mehr.

Und dann das Geld. Die meisten Zuweisungen des Staates sind an die Einwohnerzahl gekoppelt, und die Menschen wandern nun einmal ab. Nordhalben hat sich für seinen Verwaltungshaushalt 3,5 Millionen Euro pumpen müssen. "Wir nehmen jetzt Kredite auf, um unsere Kredite zu bezahlen", stöhnt Daum, "in der Wirtschaft ist das eine klassische Insolvenz." Ach ja, und seine Tochter ist inzwischen nach München gezogen. Weil es da Arbeit gibt.

Kriegserklärung an die Provinz

Nordhalben ist ein sterbendes Gemeinwesen. Obwohl es in Bayern liegt. 3,5 Milliarden Euro hat der Freistaat gerade wieder an ärmere Bundesländer überwiesen. Als Land mit der höchsten Kaufkraft, dem größten Wirtschaftswachstum, der niedrigsten Arbeitslosenquote und dem größten Selbstbewusstsein.

Und doch - Bayern erodiert. Für die Schweizer Wirtschaftsforscher von Prognos ist es bereits jetzt das Land "mit den größten Disparitäten zwischen den einzelnen Regionen". Hier die Schickeria, dort die "Problemlagen". In München explodierende Immobilienpreise, in Nordostbayern steigende Landflucht.

Es ist ein Spiegelbild der grandiosen Landschaft: hohe Berge, tiefe Täler.

Die Politik kann kaum noch gegensteuern. Ministerpräsident Horst Seehofer hat einen "Zukunftsrat" mit dem Problem betraut, und dessen Ratschläge versetzen seit Wochen ganze Volksstämme in Aufruhr. Der frühere CSU-Chef Erwin Huber beschwört den "Selbstbehauptungswillen" seiner Landsleute, der Passauer Landtagsabgeordnete Konrad Kobler wütet gegen die drohende "Liquidation Niederbayerns", die Liberalen fürchten eine "Kriegserklärung an die Provinz".

Leerstände ruinieren die Kommunen

Was ist passiert? Der Seehofer-Rat hat vorgeschlagen, "potente Städte" sollten zu überregionalen Leistungszentren ausgebaut werden. Fördergelder müssten in diese "Cluster" fließen und weniger ins weite Land. "Weitermachen wie bisher" könne keine Option mehr sein. "Spezielle Gebiete" sollten sich schon mal grenzübergreifend "orientieren": Oberfranken müsse mit Sachsen zusammenarbeiten, Passau mit Österreich, Würzburg mit Frankfurt. Die "speziellen Gebiete" haben die Botschaft verstanden: Sie fühlen sich aufgegeben.

Es ist ein Gefühl, das in Deutschland um sich greift. Die Verödung ganzer Landstriche, lange Zeit ein Phänomen im Osten Deutschlands, hat den Westen still und leise erreicht. In 38 von 324 westdeutschen Regionen überwiegen laut Prognos inzwischen die Zukunftsrisiken die Zukunftschancen. Die Zahl hat sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt. Randgebiete in Hessen, Niedersachsen und Bayern fallen immer weiter zurück, alte Industriestandorte wie im nördlichen Ruhrgebiet werden wohl schwer wieder auf die Beine kommen. Leerstände ruinieren die Kommunen, die zudem auch noch vergreisen.

Deutschland schrumpft - allein in den vergangenen acht Jahren um 770.000 Menschen. Seriöse Studien prophezeien, dass es in 50 Jahren bis zu 17 Millionen Deutsche weniger geben wird als heute. 2060 wird jeder Siebte zudem 80 oder älter sein. Zuwanderer, die den mangelnden Fortpflanzungswillen der Deutschen bisher ausgeglichen haben, bleiben aus. Seit 2008 verlassen mehr Menschen das Land als neu dazukommen.

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1.
Zelot, 27.04.2011
Zitat von sysopDie Entvölkerung ganzer Landstriche hat den Westen erreicht, Randgebiete und alte Industriestandorte verkümmern. Wie in Ostdeutschland werden die Regierenden ihre Förderpolitik auf wenige Vorzeigeregionen konzentrieren müssen - mit dramatischen Folgen für das platte Land. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,759062,00.html
Die Verödung ganzer Landstriche in Bayern ist das Ergebnis von jahrzehntelanger einseitiger Politik zugunsten von München. Es ist doch längst bekannt, dass fast alles Geld nach München fließt, um dort die besten Universitäten, die besten Schulen und die teuersten Clubs zu behalten. Der Rest des Landes ist Diaspora. Wenn man auf ehemals blühende Städte wie Passau, Würzburg, Coburg, Bamberg, Regensburg oder Augsburg schaut, dann kann einem schon das Grausen kommen. Seit Jahrzehnten werden dort schon Geldmittel nach München abgezogen. Bayern ist außerhalb von München das Bundesland mit den wenigsten Gymnasien, aber den meisten Hauptschulen.
2. Abwandern
crocodil 27.04.2011
na, ist das verwunderlich, was hier so alles läuft. Öl- Strom- Benzinpreise sind doch schon lange ausser Kontrolle. Wenn meine Frau nicht so ortsansässig wäre, würde ich auch heute schon in Südfrankreich oder in der Türkei leben.
3. so what?
uboot84 27.04.2011
was spricht dagegen, dass es in deutschland entzivilisierte gebiete gibt. entwässerung auf klärgruben umstellen infrastruktur verkommen lassen (die lieben verwandten haben doch mittlerweile suv`s und kommen schon irgendwie zu oma und opa). den rest erledigt die natur von allein! ist doch herrlich wenn es in deutschland mal wieder richtige wildniss gibt....
4. a
Dirty Diana 27.04.2011
Zitat von sysopDie Entvölkerung ganzer Landstriche hat den Westen erreicht, Randgebiete und alte Industriestandorte verkümmern. Wie in Ostdeutschland werden die Regierenden ihre Förderpolitik auf wenige Vorzeigeregionen konzentrieren müssen - mit dramatischen Folgen für das platte Land. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,759062,00.html
War ja schon Artikel im aktuellen Spiegel. Frage ich mich: *Wo ist eigentlich das Problem???* Menschen, die zuvor auf dem Dorf lebten, ziehen in die Großstädte? Ja und? Gibt es eben weniger oder kleiner Dörfer? Who cares? Mehr Platz auf'm Land bedeutet mehr Natur! Und wir brauchen den Platz für Windräder. Stichtwort: *Energiewende!!!* Also: Was soll der Artikel? Warum die Aufregung? In Alaska wohnt auf 1000 Quadratmeilen gerade mal 1 Mensch. Stört dort auch keinen. Nur der Deutsche kriegt die Panik, wenn sich mal was ändert.
5. Gut so!
josh67 27.04.2011
Deutschland ist eines der dichtbesiedeltsen Länder dieser Erde. Das haben wir schon in der Schule gelernt. Also kann es nur gut sein, wenn die Bevölkerung weniger wird. Es gibt so wie so keine Arbeit für alle. Außerdem ist der gesamte Planet hoffnungslos überbevölkert. Auch die wenigen Menschen weniger die wir beisteuern können sind richtig. Also liebe Menschen und vor allem Journalisten, ein Umdenken ist bitter nötig. Nicht ständig mehr Wachstum, sondern weniger ist mehr! In allen Belangen.
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