AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2011

Yoga Im Namen des Meisters

Der Amerikaner Bikram Choudhury, geboren in Indien, ist der erfolgreichste Guru der Welt. Seine Methoden sind umstritten, doch seine Anhängerschaft wächst täglich - für Millionen Stressgeplagte und Kranke gilt er als Erlöser.

Von Maik Grossekathöfer


Seid willkommen", ruft der Guru seinen Jüngern vom Thron zu, "willkommen in Bikrams Folterkammer! Ich bin der heilige Yogi, halb Jesus, halb Elvis."

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Heft 18/2011
Die unheimliche Eskalation der Jugendgewalt

Er zeigt auf eine Frau zu seiner Linken. "Hey, du da, Miss Tattoo, wenn ich für einen Tag Präsident der USA wäre, würde ich Tätowierungen verbieten lassen, ich würde dich verbieten lassen... oh, hier ist eine Luft drin, als würden tausend Affen vögeln, wunderbar... hey, Miss Big Boobs, zieh dir morgen bloß etwas anderes an, bitte, ich hab Angst, dass deine Möpse rausfallen... nun geht's weiter, die nächste Übung", sagt der Meister, er singt in sein Headset: "Killing me softly..."

Es folgt Stellung vier, die Adler-Haltung, Garurasana heißt sie auf Sanskrit, in der Sprache der klassischen indischen Kultur, der Sprache des Yoga, und 429 halbnackte Menschen verschlingen auf des Meisters Kommando hin Arme und Beine miteinander, bis ihr Körper aussieht wie eine Brezel.

So verwrungen balancieren sie auf einem Bein, Schweiß tropft auf den Boden, vom Kinn, von den Ellenbogen, den Knien; 105 Grad Fahrenheit heiß ist es im Ballroom des Radisson-Hotels in Los Angeles, das sind 40,6 Grad Celsius, dazu herrschen 40 Prozent Luftfeuchtigkeit, es fühlt sich an wie in den Tropen.

Die Adler-Haltung soll gut sein gegen Stress, flexible Hüften machen und im Rücken den Latissimus Dorsi stärken, aber das ist noch nicht alles, nicht beim Meister.

"Seeeehr gut für Sex, Schaka-Schaka", sagt Bikram Choudhury, "du kannst stundenlang Liebe machen und hast sieben Orgasmen nacheinander. Noch mit 90." Er klatscht in die Hände. "Hey, du, Miss Teeny-Weeny-Bikini, schön locker bleiben, nicht verkrampfen."

Er sitzt im Schneidersitz, in einem weißen Sessel aus Leder, der auf einem zwei Meter hohen Podest steht; Choudhury nennt sich selbst nur Bikram; er ist eine Marke, soll das heißen, und ein Mann, der für jeden da ist. Einer, der seine Rolle gefunden hat: Bikram ist ein Entertainer, ein Verrückter auch, ein Evangelist der Einheit von Leib und Seele.

Bikram trägt eine schwarze Badehose, ein schwarzes Stirnband und eine mit Brillanten und Rubinen besetzte Uhr von Franck Muller. Sonst nichts. Die langen Haare hat er zum Zopf gebunden wie ein Samurai, breites Kreuz, dünne Waden, kaum Fett, reine Haut. Er ist 65, sieht aber aus wie 52, maximal.

Er erzählt irgendwas über seine Mutter, "Mama war Hitler Nummer zwei", dann davon, dass der Körper beim Adler kompakt sein müsse wie ein Honda Civic. Und schließlich: "Am Ende dieses Seminars fahrt ihr nach Hause, rettet die Welt und verdient viel Geld - das ist mein Befehl."

So macht er selbst es ja auch. Bikram, geboren 1946 in Kalkutta, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, ist der erfolgreichste Yoga-Guru der Welt. Er hat Yoga globalisiert und kommerzialisiert, er regiert ein wachsendes Imperium, 549 Bikram-Studios gibt es zurzeit auf der Welt, in New York, Johannesburg und Bogotá, in Hamburg, Peking und Sydney. Bikram-Yoga verbreitet sich wie ein Virus, der Meister hat Millionen Anhänger, und täglich werden es mehr.

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insgesamt 17 Beiträge
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PromotorFidei 05.05.2011
1. Ahem
40% Luftfeuchtigkeit? Das ist Wüste, nicht Tropen. Tropen sind hohe Luftfeuchtigkeit ~ 90%+.
Phil2302 05.05.2011
2. Man muss nicht verstehen
warum Leute sich das freiwillig antun, oder? Also nicht Yoga, sondern die Sprüche von dem "Guru".
schmidti43 05.05.2011
3. .
Aus dem Artikel: "das sind 40,6 Grad Celsius, dazu herrschen 40 Prozent Luftfeuchtigkeit, es fühlt sich an wie in den Tropen." Nicht "es ist wie in den Tropen". Ein wenig Klugscheisserei soll erlaubt sein.
best1964 05.05.2011
4. Yoga-Guru???
Bikram ist wahrlich ein Guru. Aber meiner Meinung nach im schlechten Sinne. Sein Verhalten gegenüber seinen Schülern ist überhaupt nicht yogisch. Der 8-fache Yogaweg des Yoga-Weisen Patanjali auf dem sämtliche seriöse Yoga-Schulen sich berufen, wird von Bikram ein ums andere mal unterhöhlt. Da wäre zunächst Ahimsa: Unter Ahimsa versteht man Gewaltlosigkeit, aber auch Freundlichkeit, Zugewandtheit und Rücksichtnahme – einen wohlüberlegten Umgang mit allen Lebewesen und mit sich selbst. Ahimsa soll in Gedanken, Worten und Taten praktiziert werden. Das bedeutet, nicht negativ über jemanden zu sprechen oder zu denken. Die anzüglichen Bemerkungen Bikrams gegenüber seinen Schülern verletzen diesen Grundsatz erheblich. Ebenfalls verletzt er den Grundsatz von santosha. Santosha bedeutet im Sanskrit Genügsamkeit, Bescheidenheit, Zufriedenheit. Der Lebenswandel von Bikram spricht da eine andere Sprache. Von Genügsamkeit und Bescheidenheit ist da nichts zu erkennen. Ebenfalls ein Grundsatz den Bikram oft verletzt ist Satya. Satya bedeutet im Sanskrit Wahrhaftigkeit, Wahrheit. Gemeint ist, in Worten, Taten und Gedanken wahrhaftig zu sein und stets die Wahrheit zu sagen. Ein bewusster Umgang mit Worten also, und das bedeutet auch, dass es manchmal besser ist, zu schweigen. Yoga ist dazu da die Menschen in ihren Gesellschaften besser zu machen. Nicht nur körperlich gesünder sondern auch auf geistiger Ebene. Raja Yoga oder die geistige Hygiene ist der wesentliche Bestandteil eines ganzheitlichen Yoga-Weges. Der Yoga-Guru Bikram ist leider nicht der Erste, der mit seinem Charisma viele Jünger(Innen) blendet und die Grundsätze des Ashtanga-Yoga verletzt.
linke32 05.05.2011
5. Ahimsa für den eigenen Körper
Zitat von best1964Bikram ist wahrlich ein Guru. Aber meiner Meinung nach im schlechten Sinne. Sein Verhalten gegenüber seinen Schülern ist überhaupt nicht yogisch. Der 8-fache Yogaweg des Yoga-Weisen Patanjali auf dem sämtliche seriöse Yoga-Schulen sich berufen, wird von Bikram ein ums andere mal unterhöhlt. Da wäre zunächst Ahimsa: Unter Ahimsa versteht man Gewaltlosigkeit, aber auch Freundlichkeit, Zugewandtheit und Rücksichtnahme – einen wohlüberlegten Umgang mit allen Lebewesen und mit sich selbst. Ahimsa soll in Gedanken, Worten und Taten praktiziert werden. Das bedeutet, nicht negativ über jemanden zu sprechen oder zu denken. Die anzüglichen Bemerkungen Bikrams gegenüber seinen Schülern verletzen diesen Grundsatz erheblich. Ebenfalls verletzt er den Grundsatz von santosha. Santosha bedeutet im Sanskrit Genügsamkeit, Bescheidenheit, Zufriedenheit. Der Lebenswandel von Bikram spricht da eine andere Sprache. Von Genügsamkeit und Bescheidenheit ist da nichts zu erkennen. Ebenfalls ein Grundsatz den Bikram oft verletzt ist Satya. Satya bedeutet im Sanskrit Wahrhaftigkeit, Wahrheit. Gemeint ist, in Worten, Taten und Gedanken wahrhaftig zu sein und stets die Wahrheit zu sagen. Ein bewusster Umgang mit Worten also, und das bedeutet auch, dass es manchmal besser ist, zu schweigen. Yoga ist dazu da die Menschen in ihren Gesellschaften besser zu machen. Nicht nur körperlich gesünder sondern auch auf geistiger Ebene. Raja Yoga oder die geistige Hygiene ist der wesentliche Bestandteil eines ganzheitlichen Yoga-Weges. Der Yoga-Guru Bikram ist leider nicht der Erste, der mit seinem Charisma viele Jünger(Innen) blendet und die Grundsätze des Ashtanga-Yoga verletzt.
Danke, best1964, für Deinen guten Beitrag zum 8-fachen Weg des Yoga und den Yamas. Ich stehe dem Bikram Yoga ebenfalls skeptisch gegenüber. Ich denke, Ahimsa bedeutet auch Gewaltlosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, d.h. kein Sich-Quälen bis zur Perfektion bei 40 Grad Hitze, sondern ein liebevoller Umgang mit sich selbst.
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