AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2011

Medizin Land ohne Arzt

Patienten bleiben unversorgt, der Apotheker wird zum Ersatztherapeuten - im Wendland suchen die Bürger auf Flugblättern nach einem Allgemeinmediziner.

Von Bruno Schrep


So verzweifelt und hilflos hatte sich Wolfgang Kalkowska in seinen fast 80 Lebensjahren nur selten gefühlt. "Ich muss den Doktor persönlich sprechen", flehte er am Tresen der Arztpraxis, "es ist ganz dringend." "Leider unmöglich", bedauerte die Arzthelferin. "Aber meine Frau sitzt draußen im Rollstuhl, es geht ihr schlecht", setzte der Rentner nach. "Hier warten noch 20 Patienten, der Doktor hat keine Zeit", wehrte die Angestellte ab. "Nur einen Moment, bitte." - "Keine Chance."

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Heft 18/2011
Die unheimliche Eskalation der Jugendgewalt

"Da hab ich zu meiner Frau gesagt, lass uns bloß wegziehen, sonst sterben wir hier, und keiner merkt es", erinnert sich Wolfgang Kalkowska. Das Ehepaar wohnt in tiefer Provinz, in der niedersächsischen Gesamtgemeinde Gartow, Landkreis Lüchow-Dannenberg, der ehemalige Todesstreifen der DDR ist ganz nah.

Der oft beklagte Ärztemangel auf dem Land gehört hier im Wendland, in Orten wie Gorleben, Höhbeck und Schnackenburg, längst zum Alltag. Selbst Schwerkranke wie die Eheleute Kalkowska müssen oft wochen- oder monatelang auf einen Termin warten - wenn sie überhaupt einen bekommen. Der einzige Arzt weit und breit, zuständig für rund 4000 Einwohner, ist hoffnungslos überlastet. Mehr als ein halbes Jahr lang blieb Wolfgang Kalkowskas schweres Herzleiden unbehandelt, er hat vier Bypässe; die Schmerzmittel für die kaputte Wirbelsäule seiner gleichaltrigen Frau brachten die Kinder aus Berlin mit.

Es sind Zustände wie in Gartow, die Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler Anfang April zum Handeln zwangen. Rund 3600 Landarztstellen sind nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Deutschland vakant, und es werden ständig mehr. Rösler will deshalb angehende Mediziner mit einem Belohnungssystem in die Provinz locken: Wer sich verpflichtet, auf dem Land zu praktizieren, soll schneller einen Studienplatz kriegen, später besser bezahlt werden, nicht mehr wie bisher auch am Praxisort wohnen müssen. Und wer als Arzt Elternzeit nehmen will, soll für drei Jahre einen Assistenten einstellen dürfen.

Viele Ärzte fehlen dort, wo sie gebraucht werden

Ob das Maßnahmenpaket, auf das sich die schwarz-gelbe Regierungskoalition vor kurzem geeinigt hat, wirklich reicht, ist fraglich. Versuche in Bundesländern wie etwa in Sachsen, Medizinstudenten mit Stipendien bis zu 600 Euro pro Semester zu ködern, waren bisher wenig erfolgreich. Zwar gibt es in der Bundesrepublik so viele praktizierende Ärzte wie noch nie, derzeit sind es über 320.000. Doch die meisten haben zur Landluft ein betont distanziertes Verhältnis, wohnen und arbeiten lieber in Großstädten - und fehlen dort, wo sie gebraucht werden.

Im Wendland zum Beispiel. Viele Einheimische sind weit über 60, Bauernhöfe liegen brach, weil die Kinder die unrentablen Anwesen nicht übernehmen wollen. Auch viele Zuwanderer aus Berlin und Hamburg, die Anfang der siebziger Jahre die malerischen historischen Runddörfer als schickes Ausweichquartier entdeckten, haben ihre Partner verloren, sind alt und hilfsbedürftig.

Angelika Rex, einst aus Hamburg zugezogen, ist so ein Fall. Sie lebt in Höhbeck und hat gerade eine Fußamputation hinter sich. Die feine alte Dame, schon lange verwitwet, hat keine Freude mehr an ihrem sorgfältig restaurierten Haus mit den freigelegten Fachwerkbalken, keinen Blick mehr für die Möbel im britischen Kolonialstil. Seit der Operation kann sie sich kaum noch bewegen, schon mehrmals ist sie zusammengebrochen, brauchte dringend ständige medizinische Versorgung - doch die gibt es nicht.

Der Traum von einem sorgenfreien alternativen Leben im Einklang mit der Natur, vom gemeinsamen Marmeladekochen und von Begegnungen in der Malwerkstatt, für Menschen wie Angelika Rex ist er schon lange ausgeträumt. Sie hat Angst vor der Zukunft.

"Nur Privatpatienten, keine Kasse"

Vor drei Jahren praktizierten in der Region noch mehrere Allgemeinmediziner. Doch einer starb an einem Herzinfarkt, ein Nachfolger fand sich nicht. Ein anderer, schon über 60 und amtsmüde, schockierte seine Patienten im Sommer 2010 mit einem unerwarteten Entschluss: Jürgen S. gab nach 25 Jahren seine Kassenzulassung zurück, änderte von heute auf morgen sein Praxisschild: "Nur Privatpatienten, keine Kasse". Und selbst für die private Kundschaft hält er nur noch montags Sprechstunde, von 10 bis 12 und von 17 bis 18 Uhr.

"Wir Kassenpatienten konnten unsere Unterlagen in der Praxis abholen", berichtet Inge Melzer, die ihren querschnittsgelähmten Ehemann allein pflegt, "es gab keinen Kommentar, nicht einmal ein Abschiedswort." Bei den immer häufiger auftretenden Krampfanfällen ihres Mannes ruft sie seitdem meistens einen Notarzt. Neulich sei ein Kinderarzt aus dem 24 Kilometer entfernten Lüchow gekommen, "der war völlig hilflos, hatte keine Ahnung, was er machen sollte", klagt die 78-Jährige. "Demnächst schicken sie womöglich einen Veterinär."

Dass sich ihre Misere kurzfristig ändert, glauben die Eheleute nicht. Selbst wenn Forderungen der gesetzlichen Krankenkassen umgesetzt werden, Jungmediziner durch Honorarkürzungen in den Metropolen und ein Übernahmeverbot großstädtischer Altpraxen quasi in die Provinz zu zwingen - für Betroffene wie die Melzers kommen solche Maßnahmen, wenn sie je durchgesetzt werden, zu spät. "Ich brauche jetzt einen Arzt, heute, morgen, übermorgen", sagt Kassenpatient Hans-Joachim Melzer. "Aber bis sich hier etwas ändert, leben wir nicht mehr."

Im Touristenort Gartow, bekannt durch sein gräfliches Barockschloss und einen künstlich angelegten See, hat der Ärztenotstand zu bizarren Resultaten geführt. In der Rosenapotheke, die seit 275 Jahren existiert, in der uralte medizinische Gefäße als Dekoration dienen, wird Apotheker Helmut Krabusch häufig um ärztlichen Rat gefragt. Ob heftiges Herzklopfen, ein dickes Knie oder Rückenschmerzen - viele Kunden wollen wissen, was ihnen wohl fehlt und was sie dagegen nehmen sollen. Der Apotheker, der nur rezeptfreie Mittel verkaufen darf, fühlt sich überfordert: "Ich kann doch keinen Arzt ersetzen."



insgesamt 195 Beiträge
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Seite 1
chrome_koran 03.05.2011
1.
Die Polen und Tschechen werden's schon richten (und das sage ich durchaus akzeptierend und befürwortend!)
alocasia 03.05.2011
2. Golfplatz
einfach einen Golfplatz einrichten, dann kommen auch die Ärzte.
Hador, 03.05.2011
3. Nein, keinen Titel....
Um sowas zu erleben muss man nicht im Wendland wohnen. Habe bis vor ein paar Jahren in der Nähe von Bielefeld gewohnt (ja, die Witze sind bekannt). Kurz nachdem wir dorthingezogen sind bekam meine Frau eine schwere Kehlkopfentzündung und machte sich auf die Suche nach einem Allgemeinmediziner bzw. einem HNO-Arzt. Nachdem wir von 5 Ärzten zu hören bekamen, dass keine neuen Patienten angenommen würden und wir uns woanders hinwenden sollen haben wir uns zum Schluss einfach ins Auto gesetzt, sind zu einer Praxis gefahren und dort solange nicht weggegangen bis sich der Arzt bequemt hat sie zu untersuchen. Und wie gesagt, das war nicht irgendwo am Arsch der Welt sondern im direkten Umfeld einer mittleren deutschen Großstadt mit mehr als 300.000 Einwohnern.
doc 123 03.05.2011
4. Und der nächste Artikel....
Zitat von sysopPatienten bleiben unversorgt, der Apotheker wird zum Ersatztherapeuten - im Wendland suchen die Bürger auf Flugblättern nach einem Allgemeinmediziner. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,760219,00.html
Un der nächste, wöchentliche Artikel, der auf dieses vollständig verkommene deutsche Gesundheitswesen hinhweist." "Für die Behandlung von Kleinkindern zahlt ihm die Kasse 35,05 Euro pro Quartal, für Erwachsene werden 31,54 Euro fällig, für über 60-Jährige 35,75 Euro. Weil im ersten Vierteljahr 2011 fast doppelt so viele Kranke seine Praxis stürmten wie im vergangenen Jahr, hat Kretschmer die Patienten im März wochenlang gratis kuriert - Folge eines komplizierten Abrechnungsschlüssels, den Minister Rösler jetzt zumindest für Provinzdoktoren reformieren will Man kann Patienten NIEMWALS mit Pauschalen behandeln, das sollte doch wohl mittlerweile dem allergrößten Ignoranten klar geworden sein, insbesondere wenn die häufig genug nicht einmal eine einzige Behandlung finanzieren, geschweige denn die Versorgung für ein ganzes Quartal. Wie oft MUSS man auf diesen Umstand eigentlich noch hinweisen. Solange jedenfalls nicht die tatsächliche Behandlung des Patienten, die einfach Zeit benötigt, alleine schon für das Gespräch mit dem Patienten sondern für vollständig UNNÖTIGSTE Operationen und äußerst fragwürdige diagnostische Methoden, die häufig genug auch vollständig unnötig sind, Milliarden an bestimmte Ärzte, die mittlerweile vor gar nichts mehr zurückschrecken, veschwendet und vergeudet werden, wird sich an diesem System rein gar nicht ändern. Der gefühlte 10.000 SPON-Artikel zu diesem Thema, erneut ohne JEGLICHSTEN Lösungsansatz, wird jedenfalls nicht ändern oder gar bewirken. Oder ist dies vielleicht gar nicht beabsichtigt?
tweety81 03.05.2011
5. kT
Was sagt uns das... DE hat ein mega Problem und keiner kann und/oder will es wirklich lösen?? Warum nicht die gerade ausgelernten allgemein Mediziner dazu verpflichten für 3 Jahre in diese Region zu gehen..es hilft den Menschen und den Ärzten weil sie erfahrungen sammeln können
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