AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2011

Karrieren Schlicht schön

Lange galten Äußerlichkeiten in der Politik als Nebensache. Doch ohne ansprechende Optik hat man es dort heute schwer. Zuweilen ermöglicht Attraktivität sogar steile politische Laufbahnen - SPD-Vizechefin Manuela Schwesig ist das beste Beispiel dafür.

Von Christoph Hickmann

Pete Souza / White House

Der Chef hat gute Laune, es gibt etwas zu feiern, das kommt nicht mehr ganz so häufig vor in seiner Partei. Die Sozialdemokratie hat soeben die Hansestadt Hamburg zurückerobert, Sigmar Gabriel steht in der Parteizentrale und dröhnt sich allmählich in Fahrt. Man weiß nie genau, wo das endet.

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Er gratuliert, er dankt, zählt sozialdemokratische Ministerpräsidenten auf, und als er bei Mecklenburg-Vorpommern angekommen ist, röhrt er: "Der Erwin Sellering, der kann leider heute Abend nicht hier sein. Aber der Erwin hat sein bestes Stück geschickt!"

Gemeint ist Manuela Schwesig, die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende Bundesvorsitzende.

Auf dem Podium neben Gabriel lächelt Schwesig jetzt, als hätte sie das nicht gehört. Vor dem Podium schauen sich die Leute an, ein paar Männer grinsen, einer murmelt: Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

Hat er doch, und um den Parteichef herum stehen in diesem Moment unter anderem der gerade mal nicht so übergewichtige Fraktionsvorsitzende, ein paar weitere Anzugmenschen, die stets etwas graue Schatzmeisterin und ein ehemaliger Generalsekretär, der noch gar nicht so alt ist, aber eher alt aussieht. Und es steht dort Manuela Schwesig, 36, blond, akkurat geschminkt, hübsch, charmant.

Wie Deutschland sich den Adel vorstellt

Sigmar Gabriel hat das wahrscheinlich mal wieder nicht gewollt, aber er hat an diesem Abend eine Wahrheit ausgesprochen, eine ziemlich wichtige sogar. Sie reicht über Manuela Schwesig hinaus.

Etwas hat sich verändert im Verhältnis von Politik und Schönheit. Sie sind einander lange eher fremd gewesen, die optische Schönheit hatte in der Politik keinen festen Platz, keine Funktion. Es hat Ausnahmen gegeben, aber es scheint jetzt so weit zu sein, dass daraus eine Regel wird. Die Schönheit hat sich ihren Platz in der Politik erobert, sie ist wichtig geworden. Optik zählt jetzt, immer mehr.

Man hat zuletzt ein paar erstaunliche politische Karriereverläufe beobachten können, die Protagonisten haben kaum etwas gemeinsam. Nur dass sie mindestens angenehm aussehen. Karl-Theodor zu Guttenberg, schlank, markantes Kinn, brachte es vor seiner Selbstvernichtung innerhalb kürzester Zeit zum Verteidigungsminister und einer Art Ersatzkanzler. Guttenberg stammt nicht nur aus altem Adel, er sieht auch noch so aus, wie Deutschland sich wohl den Adel vorstellt.

Nie war die Optik wichtiger in der Politik

Die Hamburger PR-Beraterin Katja Suding, Rehaugen, Zahnpastalächeln, rettete Guido Westerwelle kurzzeitig seinen Posten als FDP-Chef, indem sie aus dem Nichts in die Hamburger Bürgerschaft einzog. Ihren Vorgänger als Spitzenkandidaten hatten die Liberalen gar nicht erst auf Großflächenplakaten gezeigt.

Die Schweriner Finanzwirtin Schwesig schaffte es innerhalb weniger Jahre von der Stadtvertretung ins Schattenkabinett des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier und in die Spitze der Bundespartei. Als Steinmeier seine Mannschaft vorstellte, lief Schwesig vorneweg, gleich neben ihm. Das haben ihr manche übelgenommen, aber es war ein hübsches Bild. Steinmeier brauchte damals dringend hübsche Bilder, wenigstens das. Außerdem brauchte er ein sozialdemokratisches Gesicht, das er gegen die madonnenhaft lächelnde Ministerin Ursula von der Leyen stellen konnte.

In Rheinland-Pfalz gibt es die Christdemokratin Julia Klöckner, die nach mehr als 16 Jahren beinahe Kurt Beck aus dem Amt gekippt hätte. Beim Mainzer Rosenmontagszug war auf einem Wagen über die beiden zu lesen: "Sind wir ehrlich, bitte sehr: Sie sieht auch besser aus als er!"

Über FDP-Generalsekretär Christian Lindner schrieb schon kurz nach seinem Amtsantritt eine Zeitung, er könne sein Geld auch als Doppelgänger von Jude Law verdienen - einem ebenso attraktiven wie begehrten Schauspieler. Und Lindners Parteifreundin Silvana Koch-Mehrin bekannte bereits vor Jahren: "Gutes Aussehen ist ein Hilfsmittel für Aufmerksamkeit, das genutzt werden kann."

Ruhe, Sicherheit und ein bisschen gepflegte Langeweile

In Frankreich amtiert der Präsident mit einem ehemaligen Model an seiner Seite, in den USA wurde zu Beginn von Barack Obamas Präsidentschaft die Oberarmmuskulatur seiner Frau diskutiert, und in Italien ist das Ausmaß an plastischer Chirurgie im Gesicht des Ministerpräsidenten kaum weniger grotesk als die Art seiner Freizeitgestaltung.

Nie war die Optik wichtiger in der Politik. Es musste so kommen in einer Zeit, die von Bildern dominiert wird, in einer Gesellschaft, in der das Schöne allgegenwärtig ist und einem in jedem Kaufhaus, an jeder zweiten Bushaltestelle optimiert und retuschiert ins Gesicht springt.

Der Sozialdemokrat Olaf Scholz hat die Wahl in Hamburg gewonnen, ein kleiner Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf. Der Grüne Winfried Kretschmann hat die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen, man kann sich bei seiner Anmutung nicht recht zwischen kauzig und schratig entscheiden. Doch für beide Ausnahmen gab es spezielle Gründe.

Scholz und Kretschmann passten exakt in das Wunschprofil der Wähler. Hamburg wollte Ruhe, Sicherheit, ein bisschen gepflegte Langeweile. Baden-Württemberg wollte ein bisschen Wechsel, aber bitte bürgerlich. Dann kam Fukushima. Es wird solche Fälle weiterhin geben, doch das wird seltener werden. Und das wird etwas mit der Politik machen. Es macht schon jetzt etwas mit ihr.

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Forum - Politik - hilft attraktives Aussehen bei der Karriere?
insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
klauss53 06.05.2011
1.
Zitat von sysopSeit die FDP mit einer neuen, optisch attraktiven Spitzenkandidatin in den Hamburger Wahlkampf ging, sind die Liberalen der Hansestadt wieder im politischen Geschäft. Die Maßanzüge und das sorgfältig gestylte Äußere von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg wurden ebenfalls stets zu seinen Pluspunkten gerechnet, die auch politische Wirkung unterfütterten. Hilft auch in der Politik ein attraktives Aussehen bei der Karriere?
Na klar, sieht man doch an unserer Bundeskanzlerin.
realistano 06.05.2011
2. Ja!
Zitat von sysopSeit die FDP mit einer neuen, optisch attraktiven Spitzenkandidatin in den Hamburger Wahlkampf ging, sind die Liberalen der Hansestadt wieder im politischen Geschäft. Die Maßanzüge und das sorgfältig gestylte Äußere von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg wurden ebenfalls stets zu seinen Pluspunkten gerechnet, die auch politische Wirkung unterfütterten. Hilft auch in der Politik ein attraktives Aussehen bei der Karriere?
Auf jeden Fall ja! in einer Zeit ,in der die Sachthemen immer weniger große Rolle bei der Beurteilung der Kompetenz der Politiker spielen, wird das Aussehen und Charisma viel größere Rolle spielen, das war bei Gerd Schröder auch nicht anders.
klauss53 06.05.2011
3.
Zitat von realistanoAuf jeden Fall ja! in einer Zeit ,in der die Sachthemen immer weniger große Rolle bei der Beurteilung der Kompetenz der Politiker spielen, wird das Aussehen und Charisma viel größere Rolle spielen, das war bei Gerd Schröder auch nicht anders.
Na Schröder war doch wohl höchstens für Zwergenliebhaber attraktiv.
Loddamaddaeus 06.05.2011
4. Immer
Zitat von sysopSeit die FDP mit einer neuen, optisch attraktiven Spitzenkandidatin in den Hamburger Wahlkampf ging, sind die Liberalen der Hansestadt wieder im politischen Geschäft. Die Maßanzüge und das sorgfältig gestylte Äußere von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg wurden ebenfalls stets zu seinen Pluspunkten gerechnet, die auch politische Wirkung unterfütterten. Hilft auch in der Politik ein attraktives Aussehen bei der Karriere?
Attraktives Aussehen ist wohl nirgends von Nachteil. Allenfalls kann ZU attraktives Aussehen die Klischees auf den Plan rufen, aber auch dann würde ich immer noch glauben wollen, dass die Vorteile überwiegen.
Rainer Helmbrecht 06.05.2011
5. Ohne Titel ist man freier.
Zitat von realistanoAuf jeden Fall ja! in einer Zeit ,in der die Sachthemen immer weniger große Rolle bei der Beurteilung der Kompetenz der Politiker spielen, wird das Aussehen und Charisma viel größere Rolle spielen, das war bei Gerd Schröder auch nicht anders.
Der schlagende Beweis ist doch Mutti, hätte sie nicht so gut ausgesehen, wäre sie heute nicht da, wo sie ist;o). MfG. Rainer
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