Von Frank Thadeusz
Das Dilemma der Psychologen beginnt schon mit der Definition eines kritischen Quantums. Beim Alkohol liegt der Fall klar: Eine Flasche Schnaps täglich wird den Konsumenten auf Dauer mit großer Wahrscheinlichkeit ins Verderben führen.
Aber schadet auch zu viel Sex? Der menschliche Körper kann selbst eine Dosis von einem halben Dutzend Orgasmen täglich völlig schadlos überstehen. Dennoch fahnden die Apologeten des Sexsucht-Konzepts nach einer Orgasmus-Zahl, die auf krankhafte sexuelle Gier hinweist - eine recht willkürliche Grenze, die meist einfach nur vom Überschreiten des Durchschnittswerts abgeleitet ist.
Damals noch frei von jeglicher moralischen Wertung, hatte der Sexforscher Alfred Kinsey 1948 die Anzahl der Orgasmen ermittelt, die die US-Bürger durch Beischlaf oder Masturbation insgesamt innerhalb einer Woche erreichten. Der Durchschnitt kam etwa ein- bis dreimal die Woche. Spitzenwerte verbuchten vor allem Männer bis zur Altersgrenze von 30 Jahren: Mindestens siebenmal pro Woche brachte sich diese Gruppe - vorzugsweise mit der Hand - zum Höhepunkt.
Neuere Studien haben Kinseys Befund erhärtet: Zwischen fünf und zehn Prozent der amerikanischen Männer arbeiten sich demnach siebenmal in der Woche oder gar öfter zum Klimax vor.
"Bei allem, was über sechs liegt, spitze ich die Ohren", folgert daraus Martin Kafka, Psychiater von der Harvard Medical School. Mit scheinbar wissenschaftlicher Präzision hat Kafka vorgegeben: Sexabhängig sind all diejenigen Menschen, die über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich mindestens sieben Orgasmen erlebten und sich täglich "ein bis zwei Stunden mit solchen Aktivitäten beschäftigen".
Jüngst hat der Psychiater den Katalog um weitere Kriterien ergänzt. Als pathologisch seien demnach solche Personen einzustufen, deren sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen
Immerhin schränkt Kafka ein: "Exzessives hypersexuelles Verhalten ohne persönliche Not kann nicht als krankhaft bezeichnet werden." Entscheidend sei der mit dem übersteigerten sexuellen Verlangen verbundene Leidensdruck.
"Das mit dem Leidensdruck ist ein etwas windiges Konzept", widerspricht Sexforscher Briken. "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein sexuell freizügiger Mensch, aber Sie sind mit jemandem zusammen, der ziemlich prüde ist. Dann entwickeln Sie natürlich schnell einen Leidensdruck. Aber das bedeutet nicht, dass das ein Störungsbild ist."
Auch in Amerika stößt das Konstrukt Sexsucht in Fachkreisen auf höchste Skepsis. Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung erarbeitet derzeit eine neue Version ihres "Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen". Doch weigert sich das Expertengremium bislang standhaft, die vermeintliche Pein als diagnostische Kategorie in ihren Leitfaden aufzunehmen.
Therapie in der Hand von Laien
Die Therapie vorgeblich Sexsüchtiger befinde sich überwiegend in der Hand von Laien, analysiert denn auch Buchautor Klein. Häufig handle es sich um ehemalige Abhängige von Alkohol und anderen Drogen, die die Genesung von einer Sucht zu ihrem Lebensprinzip erkoren hätten.
Bezeichnend für deren mitunter zweifelhafte Geisteshaltung ist jener Offenbarungseid, den Hilfesuchende leisten müssen, die sich an die Sex Addicts Anonymous wenden: "Wir gaben zu, dass wir der Sex- und Liebessucht gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern können. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann."
Was wie die Worte aus einem religiösen Kitschroman klingt, ist für anonyme Sexsüchtige der unabdingbare erste Schritt in ein Leben ohne störenden Beischlaf und lästige Selbstbefriedigung.
Belächelt werden von ernsthaften Triebforschern boulevardeske Possen wie jene um die mäßig erfolgreiche Aktrice Lindsay Lohan, deren nymphomane Neigungen von einem Ex-Liebhaber vor laufender Kamera bezeugt wurden: "Wir gingen ran wie die Karnickel."
Die Suchtklinik erinnert an ein Fünf-Sterne-Ferienresort
Auch der Fall Tiger Woods erzeugt bei Fachleuten vor allem Heiterkeit: Der Golf-Millionär checkte zur Behandlung seiner verhängnisvollen Neigung zum gleich dutzendfachen Seitensprung mit diversen Schönheiten ins Pine Grove Behavioural Centre in Hattiesburg (Mississippi) ein. Die Suchtklinik im Grünen erinnert an ein Fünf-Sterne-Ferienresort, in welchem sich die erlesenen Patienten feine Häppchen am Pool servieren lassen und Arbeitsgruppen sich in Landhäuschen zusammenfinden.
Üblicherweise verbleiben Therapiebedürftige meist für sechs Wochen auf dem Gelände. Die vom Sexdrang Bedrängten praktizieren Yoga oder bilden gemeinsam eine "spirituelle Gruppe". Mutmaßlich würden Schlammpackungen im Zweifel die gleiche Wirkung entfalten - nämlich gar keine. Den ominösen Heilern der Sexsucht zum Trotz ist der Glaube an die angebliche Krankheit und deren Behandlung in den USA bis in höchste politische Kreise verbreitet.
Bei diversen öffentlichen Anlässen hatte etwa der ehemalige US-Präsident Gerald Ford seinen Nachfolger Bill Clinton ins Visier genommen. "Der verpasst keinen hübschen Rock", berichtete der Republikaner nachher einem Journalisten und diagnostizierte kurzerhand: "Er ist krank, er hat eine Sucht." Auch Fords Frau Betty war mit diskretem Rat zur Stelle: "Wissen Sie, es gibt eine Behandlung für diese Art von Abhängigkeit."
Nach Schätzung des Sexsucht-Lagers leiden zwischen drei und sechs Prozent einer Bevölkerung unter zwanghafter Triebabfuhr. Allein in Deutschland wären demnach bis zu fünf Millionen Menschen anzutreffen, deren Gedanken von morgens bis abends vor allem einem Thema gewidmet sind: Sex.
Droht etwa Schaden für die Volkswirtschaft?
Auch Crystal Renaud pocht in Vorträgen und Podiumsdiskussionen darauf, dass sie "nur eine von Millionen" sei. Auf www.dirtygirlsministries.com vertreibt sie im Internet T-Shirts mit dem aufgedruckten Konterfei einer Frau, deren Mund zugeklebt ist. Darüber der Spruch: "Break the Silence" ("Brich das Schweigen").
Die Aktivistin meint auch im Sinne einer künftigen Massenbewegung zu sprechen, wenn sie verkündet: "Pornografie ist nicht okay!"
Glaubt man aufgeklärteren Zeitgenossen, dürfte Renaud kaum die Mehrheit des weiblichen Geschlechts hinter sich haben. Sexforscher Briken: "Frauen können auf dem Markt inzwischen eine Art von Pornografie bekommen, die sie auch erregt, und das ist doch erfreulich."
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© DER SPIEGEL 19/2011
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