AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2011

Psychologie: Schlacht am Venushügel

Von Frank Thadeusz

2. Teil: Schadet zu viel Sex?

Fotostrecke: Schlacht am Venushügel Fotos
REUTERS

Das Dilemma der Psychologen beginnt schon mit der Definition eines kritischen Quantums. Beim Alkohol liegt der Fall klar: Eine Flasche Schnaps täglich wird den Konsumenten auf Dauer mit großer Wahrscheinlichkeit ins Verderben führen.

Aber schadet auch zu viel Sex? Der menschliche Körper kann selbst eine Dosis von einem halben Dutzend Orgasmen täglich völlig schadlos überstehen. Dennoch fahnden die Apologeten des Sexsucht-Konzepts nach einer Orgasmus-Zahl, die auf krankhafte sexuelle Gier hinweist - eine recht willkürliche Grenze, die meist einfach nur vom Überschreiten des Durchschnittswerts abgeleitet ist.

Damals noch frei von jeglicher moralischen Wertung, hatte der Sexforscher Alfred Kinsey 1948 die Anzahl der Orgasmen ermittelt, die die US-Bürger durch Beischlaf oder Masturbation insgesamt innerhalb einer Woche erreichten. Der Durchschnitt kam etwa ein- bis dreimal die Woche. Spitzenwerte verbuchten vor allem Männer bis zur Altersgrenze von 30 Jahren: Mindestens siebenmal pro Woche brachte sich diese Gruppe - vorzugsweise mit der Hand - zum Höhepunkt.

Neuere Studien haben Kinseys Befund erhärtet: Zwischen fünf und zehn Prozent der amerikanischen Männer arbeiten sich demnach siebenmal in der Woche oder gar öfter zum Klimax vor.

"Bei allem, was über sechs liegt, spitze ich die Ohren", folgert daraus Martin Kafka, Psychiater von der Harvard Medical School. Mit scheinbar wissenschaftlicher Präzision hat Kafka vorgegeben: Sexabhängig sind all diejenigen Menschen, die über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich mindestens sieben Orgasmen erlebten und sich täglich "ein bis zwei Stunden mit solchen Aktivitäten beschäftigen".

Jüngst hat der Psychiater den Katalog um weitere Kriterien ergänzt. Als pathologisch seien demnach solche Personen einzustufen, deren sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen

  • so viel Raum einnehmen, dass sie für sonstige, nichtsexuelle Aktivitäten und Pflichten kaum noch Zeit finden;
  • als Reaktion auf Angstzustände, Missstimmung und Langeweile auftreten;
  • wiederholt als Antwort auf nervenaufreibende Ereignisse erfolgen.

Immerhin schränkt Kafka ein: "Exzessives hypersexuelles Verhalten ohne persönliche Not kann nicht als krankhaft bezeichnet werden." Entscheidend sei der mit dem übersteigerten sexuellen Verlangen verbundene Leidensdruck.

"Das mit dem Leidensdruck ist ein etwas windiges Konzept", widerspricht Sexforscher Briken. "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein sexuell freizügiger Mensch, aber Sie sind mit jemandem zusammen, der ziemlich prüde ist. Dann entwickeln Sie natürlich schnell einen Leidensdruck. Aber das bedeutet nicht, dass das ein Störungsbild ist."

Auch in Amerika stößt das Konstrukt Sexsucht in Fachkreisen auf höchste Skepsis. Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung erarbeitet derzeit eine neue Version ihres "Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen". Doch weigert sich das Expertengremium bislang standhaft, die vermeintliche Pein als diagnostische Kategorie in ihren Leitfaden aufzunehmen.

Therapie in der Hand von Laien

Die Therapie vorgeblich Sexsüchtiger befinde sich überwiegend in der Hand von Laien, analysiert denn auch Buchautor Klein. Häufig handle es sich um ehemalige Abhängige von Alkohol und anderen Drogen, die die Genesung von einer Sucht zu ihrem Lebensprinzip erkoren hätten.

Bezeichnend für deren mitunter zweifelhafte Geisteshaltung ist jener Offenbarungseid, den Hilfesuchende leisten müssen, die sich an die Sex Addicts Anonymous wenden: "Wir gaben zu, dass wir der Sex- und Liebessucht gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern können. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann."

Was wie die Worte aus einem religiösen Kitschroman klingt, ist für anonyme Sexsüchtige der unabdingbare erste Schritt in ein Leben ohne störenden Beischlaf und lästige Selbstbefriedigung.

Belächelt werden von ernsthaften Triebforschern boulevardeske Possen wie jene um die mäßig erfolgreiche Aktrice Lindsay Lohan, deren nymphomane Neigungen von einem Ex-Liebhaber vor laufender Kamera bezeugt wurden: "Wir gingen ran wie die Karnickel."

Die Suchtklinik erinnert an ein Fünf-Sterne-Ferienresort

Auch der Fall Tiger Woods erzeugt bei Fachleuten vor allem Heiterkeit: Der Golf-Millionär checkte zur Behandlung seiner verhängnisvollen Neigung zum gleich dutzendfachen Seitensprung mit diversen Schönheiten ins Pine Grove Behavioural Centre in Hattiesburg (Mississippi) ein. Die Suchtklinik im Grünen erinnert an ein Fünf-Sterne-Ferienresort, in welchem sich die erlesenen Patienten feine Häppchen am Pool servieren lassen und Arbeitsgruppen sich in Landhäuschen zusammenfinden.

Üblicherweise verbleiben Therapiebedürftige meist für sechs Wochen auf dem Gelände. Die vom Sexdrang Bedrängten praktizieren Yoga oder bilden gemeinsam eine "spirituelle Gruppe". Mutmaßlich würden Schlammpackungen im Zweifel die gleiche Wirkung entfalten - nämlich gar keine. Den ominösen Heilern der Sexsucht zum Trotz ist der Glaube an die angebliche Krankheit und deren Behandlung in den USA bis in höchste politische Kreise verbreitet.

Bei diversen öffentlichen Anlässen hatte etwa der ehemalige US-Präsident Gerald Ford seinen Nachfolger Bill Clinton ins Visier genommen. "Der verpasst keinen hübschen Rock", berichtete der Republikaner nachher einem Journalisten und diagnostizierte kurzerhand: "Er ist krank, er hat eine Sucht." Auch Fords Frau Betty war mit diskretem Rat zur Stelle: "Wissen Sie, es gibt eine Behandlung für diese Art von Abhängigkeit."

Nach Schätzung des Sexsucht-Lagers leiden zwischen drei und sechs Prozent einer Bevölkerung unter zwanghafter Triebabfuhr. Allein in Deutschland wären demnach bis zu fünf Millionen Menschen anzutreffen, deren Gedanken von morgens bis abends vor allem einem Thema gewidmet sind: Sex.

Droht etwa Schaden für die Volkswirtschaft?

Auch Crystal Renaud pocht in Vorträgen und Podiumsdiskussionen darauf, dass sie "nur eine von Millionen" sei. Auf www.dirtygirlsministries.com vertreibt sie im Internet T-Shirts mit dem aufgedruckten Konterfei einer Frau, deren Mund zugeklebt ist. Darüber der Spruch: "Break the Silence" ("Brich das Schweigen").

Die Aktivistin meint auch im Sinne einer künftigen Massenbewegung zu sprechen, wenn sie verkündet: "Pornografie ist nicht okay!"

Glaubt man aufgeklärteren Zeitgenossen, dürfte Renaud kaum die Mehrheit des weiblichen Geschlechts hinter sich haben. Sexforscher Briken: "Frauen können auf dem Markt inzwischen eine Art von Pornografie bekommen, die sie auch erregt, und das ist doch erfreulich."

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Forum - Medizin - ist Sexsucht eine Krankheit?
insgesamt 209 Beiträge
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    Seite 1    
1. schreibe und forsche auch schon seit langem
roterschwadron 06.05.2011
Zitat von sysopÜber die ständig wachsende Sexualisierung von Gesellschaft und sozialem Leben schreiben und forschen Sozial- und Sexualwissenschaftler seit langem. Führt aber die zunehmende Präsenz der Sexualität in Öffentlichkeit und Medien zu einer gravierenden Veränderung menschlichen Verhaltens? Ist etwa Sexsucht - vergleichbar mit der Spielsucht - eine Krankheit?
Kann ich nicht mitreden. Bin auflagen- und klickspielsüchtig...
2. ...mit und ohne Partner?
eikfier 06.05.2011
Zitat von sysopÜber die ständig wachsende Sexualisierung von Gesellschaft und sozialem Leben schreiben und forschen Sozial- und Sexualwissenschaftler seit langem. Führt aber die zunehmende Präsenz der Sexualität in Öffentlichkeit und Medien zu einer gravierenden Veränderung menschlichen Verhaltens? Ist etwa Sexsucht - vergleichbar mit der Spielsucht - eine Krankheit?
...schwieriges Thema für mich, aber ich glaube, daß die zunehmde Liberalisierung, manche nennen es wohl zurecht auch Zügellosigkeit, hier in unseren westlichen Demokratien, die Menschen ihre (geheimen?) sexuellen Wünsche zunehmend ausleben läßt und da denke ich, kann nur der jeweilige einverständliche und zufriedene Partner den Übergang zur Krankheit benennen, bei der Partner-Sexualität! Bei der partnerlosen Sexualität ist es für mich ungleich schwieriger Stellung zu nehmen, fühle ich...
3.
Thomas Müntzer 06.05.2011
Natürlich ist sie eine Krankheit, wie alle anderen Suchtformen/spezialisierten Begierdeformen auch. Es geht dabei um die Produktion bestimmter Hirnchemiestoffe, die wir aus eigener Kraft,/Fähigkeit, die uns Liebe vermitteln, nicht produzieren können. Die vorher fehlten, und eine zu füllende Leere darstellten. Die Sexsucht beinhaltet sehr viele unterschiedliche Ebenen und Verhalten gleichzeitig. So kann man denke ich jedes "RoterArsch" verhalten schon so verstehen, dass man sich zur Auswahl anbietet. Selbst der Putzfimmel wird dann eine sexuell motivierte Handlung. Teil des Vorspiels in der Fantasie des Putzenden. Man wird wenn man sich die Mühe geben würde, in einem Sexsüchtigen sie zu messen, eine vergeleichbare Hirnchemie wie beim direkten Morphinisten finden. Daran ändert auch das Dopaminlastige Verhalten des Sexsüchtigen nichts. Ich behaupte, dass man immer chronischen psychischen Stress messen wird. Psychischer Stress ist immer Angst. Und Angst ist immer Todesangst. Diese wird erst nach dem Impuls im Grosshirn relativiert und interpretiert. Hat man dem nichts entgegenzusetzen, hat man diese Todesangst auch ohne eigentlichen Anlass. Die Hochgefühle, die mit Sexualität verbunden sind, sind natürlich ein Mittel, sich eine, wenn auch nur temporäre Erleichterung von dieser Todesangst, zu verschaffen. Diese Sucht ist auch schon vor dem ersten Sexkonsum vorhanden. Sex macht nicht Süchtig, wie andere Drogen auch nicht, kann aber ein Suchtobjekt werden, wie andere Drogen auch. Es ist immer die Selbe Sucht. Sex, Heroin, Rasen, Gewalt, Alkohol, Kugelschreiber Kauen, natürlich nur eine Sorte, der Partner, sind nur einige der bisher undiagnostizierten und daher auch untherapierten Suchtformen. Sucht ist ja als wissenschaftlicher Begriff abgeschafft worden. Kann gar nicht mehr dargestellt werden. Heute müsste man Sexsucht korrekt psychische oder physische Abhängigkeit von Sex, die durch Sex entstanden ist, nennen. So ist auch "alles", was von offizieller Seite über Sucht und Drogen verlautet wird als Falsch vorzubeurteilen. Ursache und Wirkung vertauschend. Nur selbst Denken hilft.
4.
SIR-ENE 08.05.2011
So mächtig sind Medien auch wieder nicht. Dauerhafte Wohlgefühldefizite provozieren auch noch viele andere Störungen und Krankheiten. Daß Streicheln gesund ist, ist inzwischen auch wissenschaftliche nachgewiesen. Aber nach wie vor sieht unsere Gesellschaft mehr im Utilitarismus eine Krankheit, der ja nur einen kleinen, wenn auch folgenschweren Denkfehler hat: Glücksmaximierung um jeden Preis. Würden wir unsere unersättliche Gier nach Wohlgefühlen (im weitesten Sinne) so nehmen, wie sie ist, könnten man auch vernünftiger damit umgehen. Beispielsweise etwas anstreben, was nach dem Erreichen noch steigerungsfähig ist.
5. Sexsucht als Kulturleiden?
Jörn Bünning 09.05.2011
Zitat von Thomas MüntzerNatürlich ist sie eine Krankheit, wie alle anderen Suchtformen/spezialisierten Begierdeformen auch. Es geht dabei um die Produktion bestimmter Hirnchemiestoffe, die wir aus eigener Kraft,/Fähigkeit, die uns Liebe vermitteln, nicht produzieren können. Die vorher fehlten, und eine zu füllende Leere darstellten. Die Sexsucht beinhaltet sehr viele unterschiedliche Ebenen und Verhalten gleichzeitig. So kann man denke ich jedes "RoterArsch" verhalten schon so verstehen, dass man sich zur Auswahl anbietet. Selbst der Putzfimmel wird dann eine sexuell motivierte Handlung. Teil des Vorspiels in der Fantasie des Putzenden. Man wird wenn man sich die Mühe geben würde, in einem Sexsüchtigen sie zu messen, eine vergeleichbare Hirnchemie wie beim direkten Morphinisten finden. Daran ändert auch das Dopaminlastige Verhalten des Sexsüchtigen nichts. Ich behaupte, dass man immer chronischen psychischen Stress messen wird. Psychischer Stress ist immer Angst. Und Angst ist immer Todesangst. Diese wird erst nach dem Impuls im Grosshirn relativiert und interpretiert. Hat man dem nichts entgegenzusetzen, hat man diese Todesangst auch ohne eigentlichen Anlass. Die Hochgefühle, die mit Sexualität verbunden sind, sind natürlich ein Mittel, sich eine, wenn auch nur temporäre Erleichterung von dieser Todesangst, zu verschaffen. Diese Sucht ist auch schon vor dem ersten Sexkonsum vorhanden. Sex macht nicht Süchtig, wie andere Drogen auch nicht, kann aber ein Suchtobjekt werden, wie andere Drogen auch. Es ist immer die Selbe Sucht. Sex, Heroin, Rasen, Gewalt, Alkohol, Kugelschreiber Kauen, natürlich nur eine Sorte, der Partner, sind nur einige der bisher undiagnostizierten und daher auch untherapierten Suchtformen. Sucht ist ja als wissenschaftlicher Begriff abgeschafft worden. Kann gar nicht mehr dargestellt werden. Heute müsste man Sexsucht korrekt psychische oder physische Abhängigkeit von Sex, die durch Sex entstanden ist, nennen. So ist auch "alles", was von offizieller Seite über Sucht und Drogen verlautet wird als Falsch vorzubeurteilen. Ursache und Wirkung vertauschend. Nur selbst Denken hilft.
Sexsucht wird zumindest unter Psychiatern und Psychologen unter "Zwangsstörungen" (http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsst%C3%B6rung) abgehandelt. In dem Wiki-link sind unter "biologische Modelle" auch die Neurotransmitter-Hypothesen erwähnt. Was allerdings die "tatsächliche Ursache", (wenn's denn "eine" ganz bestimmte und nicht viele unterschiedliche gibt) betrifft: sie hat mit Sicherheit nichts mit der aktuellen gesellschaftlichen Auffassung von Sexualität zu tun. Sicher lässt sich (wie in der Anmoderation) fragen, ob "die zunehmende Präsenz der Sexualität in Öffentlichkeit und Medien zu einer gravierenden Veränderung menschlichen Verhaltens" beiträgt, aber mit der psychischen Störung hat das nur indirekt zu tun: "man" spricht jetzt eher darüber.
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