AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2011

Psychologie Schlacht am Venushügel

Vor allem in den USA wird Sexsucht zunehmend als Massenleiden angesehen, das therapiert werden muss wie Alkoholismus. Auch in Deutschland gründen sich Selbsthilfegruppen. Doch Psychologen sehen darin eine von konservativen Moralaposteln erfundene Krankheit.

REUTERS

Von Frank Thadeusz


Mit zehn Jahren begann Crystal Renaud, regelmäßig zu masturbieren. Auslöser war ein Pornoheft, das sie im Zimmer ihres älteren Bruders entdeckt hatte. Die darauffolgenden acht Jahre brachte der Backfisch nach eigener Aussage mit der gierigen Suche nach aufreizendem Material im Internet zu.

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Heft 19/2011
Die geheime Jagd auf Osama Bin Laden

Rettung kam erst in Sicht, als Crystals Mutter sie in ein christliches Ferienlager steckte. "Ich traf Jesus und sah, dass er mir einen anderen Weg aufzeigte", berichtet Renaud.

Die junge Amerikanerin mit den pinkfarbenen Haarsträhnen und schwarzlackierten Fingernägeln ist auf dem besten Weg, eine Art Ikone zu werden - in doppelter Hinsicht. Ihre vorwiegend weiblichen Fans verehren Renaud, weil sie für sich beansprucht hat, was bislang nur Kerlen wie dem Golfstar Tiger Woods, dem einstigen Präsidenten Bill Clinton oder dem Schauspieler Charlie Sheen zuzustehen schien: das Recht, süchtig nach Sex zu sein.

Zugleich aber klingt sie seit ihrer Bekehrung wie eine jener ultrakonservativen amerikanischen Vorstadtmütter, die selbst die Beatles wegen zu großer Anzüglichkeit aus dem Plattenregal verbannen. Ihren moralischen Feldzug führt Renaud in Talkshows, aber auch an Universitäten. Ihre Botschaft gleicht den Tiraden der Ultrakonservativen und christlichen Fundamentalisten, die zur letzten Schlacht am Venushügel blasen und softe Nackthefte wie "Playboy" und "Penthouse" als Teufelszeug brandmarken.

Wie stark die religiöse Rechte in den USA die Marschrichtung vorgibt, zeigt sich an den immer zahlreicheren Selbsthilfegruppen für Sexsüchtige. Organisationen wie die Sex Addicts Anonymous oder die inzwischen auch in Deutschland operierenden Sex and Love Addicts Anonymous sind durchdrungen von erzkonservativem Gedankengut und halten eine liberale Einstellung zu Sex und Partnerschaft schlicht für eine Krankheit.

"Sexuelle Begierde ist ein zügelloses Gefühl"

So warnen die Vordenker der Sexaholics Anonymous: "Sexuelle Begierde ist ein zügelloses Gefühl, das uns dazu treibt, uns selbst, andere oder Dinge für selbstbezogene, zerstörerische Zwecke zu missbrauchen." Angelehnt an den Läuterungsweg der Anonymen Alkoholiker, propagieren die Sexaholiker eine Reinigung in zwölf Schritten.

Crystal Renaud bezeichnet sich inzwischen als "clean". Sie lebt völlig enthaltsam und teilt ihre Wohnung nur mit einem Hund.

Doch nun formiert sich Widerstand aus der Wissenschaft gegen die lustfeindlichen Kreuzzügler. Ist Sexsucht wirklich ein behandlungsbedürftiges Leiden wie Alkoholismus? Gibt es diese Krankheit überhaupt?

"Sie machen eine Krankheit aus einem Verhalten, das sich in aller Regel völlig im Rahmen einer normalen Sexualität bewegt", kritisiert der US-Therapeut Marty Klein. In seinem zuletzt erschienenen Buch "America's War on Sex" attackiert Klein frontal die Gralshüter der Moral. "Gieriges Verlangen nach sexuellem Genuss und dunkle Phantasien sind Teil einer normalen Sexualität", konstatiert der Therapeut - und spottet über seine prüden Gegner: "Diese Leute sind Missionare, die uns alle in die Missionarsstellung bringen wollen."

Der Sexualtrieb gehört zu einem gesunden Menschen

Weil die Hardliner für etliche ihrer vorgeblich sexkranken Anhänger keine andere Rettung als völlige Enthaltsamkeit im Sinn haben, rebellieren inzwischen weitere Forscher: Der Sexualtrieb gehöre zu einem gesunden Menschen, argumentieren sie; selbst in seiner übersteigerten Form sei er nicht krankhaft.

Die Symptome einer aufgeputschten Libido hatte vor über hundert Jahren schon der Psychiater Richard von Krafft-Ebing in seinem Werk "Verwirrungen des Geschlechtslebens" recht drastisch beschrieben: "Diese krankhafte Sexualität ist eine fürchterliche Plage für ihr Opfer, das in ständiger Gefahr lebt, die Gesetze des Staates und die Moral zu verletzen oder seine Ehre zu verlieren oder gar sein Leben", warnte der Gelehrte.

Für seine Sammlung von "Perversionen und Anomalien" konnte Krafft-Ebing offenbar aus dem Vollen schöpfen. So berichtete der Mediziner etwa über den Fall "P., Hausbesorger, 53 Jahre alt": "Beim Koitus war er 'tierisch, ganz wild, zitterte am ganzen Körper, schnaubte', so dass die etwas frigide Partnerin davon angewidert war und die Leistung der ehelichen Pflicht als Qual empfand."

Über die Motive der Erkrankten hatte Krafft-Ebing wundersame Erkenntnisse parat: "Der Einfluss der Rasse, der Jahreszeiten, des Klimas, ja sogar der Witterung spielt hier ebenso eine Rolle wie der Genuss von Reizmitteln."

Seit den Tagen des deutsch-österreichischen Nervenarztes hat der Erkenntnisgewinn nur unwesentlich zugenommen. Deutsche Analytiker halten die vermeintliche Pein mehrheitlich für eine erfundene Krankheit. "Selbst unter Therapeuten, die sich auf die Behandlung sexueller Probleme spezialisiert haben, gibt es kaum Übereinstimmung, wie man eine Sexsucht diagnostizieren könnte", sagt etwa Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Weil die diagnostischen Kriterien zu schwammig sind oder sogar schlicht fehlen, verweigern sich die hiesigen Experten der amerikanischen Modediagnose. 36 von 43 Spezialisten, die Briken für eine Untersuchung befragte, sind überzeugt, dass Sexsucht überhaupt keine eigenständige Krankheit ist.



Forum - Medizin - ist Sexsucht eine Krankheit?
insgesamt 209 Beiträge
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roterschwadron 06.05.2011
1. schreibe und forsche auch schon seit langem
Zitat von sysopÜber die ständig wachsende Sexualisierung von Gesellschaft und sozialem Leben schreiben und forschen Sozial- und Sexualwissenschaftler seit langem. Führt aber die zunehmende Präsenz der Sexualität in Öffentlichkeit und Medien zu einer gravierenden Veränderung menschlichen Verhaltens? Ist etwa Sexsucht - vergleichbar mit der Spielsucht - eine Krankheit?
Kann ich nicht mitreden. Bin auflagen- und klickspielsüchtig...
eikfier 06.05.2011
2. ...mit und ohne Partner?
Zitat von sysopÜber die ständig wachsende Sexualisierung von Gesellschaft und sozialem Leben schreiben und forschen Sozial- und Sexualwissenschaftler seit langem. Führt aber die zunehmende Präsenz der Sexualität in Öffentlichkeit und Medien zu einer gravierenden Veränderung menschlichen Verhaltens? Ist etwa Sexsucht - vergleichbar mit der Spielsucht - eine Krankheit?
...schwieriges Thema für mich, aber ich glaube, daß die zunehmde Liberalisierung, manche nennen es wohl zurecht auch Zügellosigkeit, hier in unseren westlichen Demokratien, die Menschen ihre (geheimen?) sexuellen Wünsche zunehmend ausleben läßt und da denke ich, kann nur der jeweilige einverständliche und zufriedene Partner den Übergang zur Krankheit benennen, bei der Partner-Sexualität! Bei der partnerlosen Sexualität ist es für mich ungleich schwieriger Stellung zu nehmen, fühle ich...
Thomas Müntzer, 06.05.2011
3.
Natürlich ist sie eine Krankheit, wie alle anderen Suchtformen/spezialisierten Begierdeformen auch. Es geht dabei um die Produktion bestimmter Hirnchemiestoffe, die wir aus eigener Kraft,/Fähigkeit, die uns Liebe vermitteln, nicht produzieren können. Die vorher fehlten, und eine zu füllende Leere darstellten. Die Sexsucht beinhaltet sehr viele unterschiedliche Ebenen und Verhalten gleichzeitig. So kann man denke ich jedes "RoterArsch" verhalten schon so verstehen, dass man sich zur Auswahl anbietet. Selbst der Putzfimmel wird dann eine sexuell motivierte Handlung. Teil des Vorspiels in der Fantasie des Putzenden. Man wird wenn man sich die Mühe geben würde, in einem Sexsüchtigen sie zu messen, eine vergeleichbare Hirnchemie wie beim direkten Morphinisten finden. Daran ändert auch das Dopaminlastige Verhalten des Sexsüchtigen nichts. Ich behaupte, dass man immer chronischen psychischen Stress messen wird. Psychischer Stress ist immer Angst. Und Angst ist immer Todesangst. Diese wird erst nach dem Impuls im Grosshirn relativiert und interpretiert. Hat man dem nichts entgegenzusetzen, hat man diese Todesangst auch ohne eigentlichen Anlass. Die Hochgefühle, die mit Sexualität verbunden sind, sind natürlich ein Mittel, sich eine, wenn auch nur temporäre Erleichterung von dieser Todesangst, zu verschaffen. Diese Sucht ist auch schon vor dem ersten Sexkonsum vorhanden. Sex macht nicht Süchtig, wie andere Drogen auch nicht, kann aber ein Suchtobjekt werden, wie andere Drogen auch. Es ist immer die Selbe Sucht. Sex, Heroin, Rasen, Gewalt, Alkohol, Kugelschreiber Kauen, natürlich nur eine Sorte, der Partner, sind nur einige der bisher undiagnostizierten und daher auch untherapierten Suchtformen. Sucht ist ja als wissenschaftlicher Begriff abgeschafft worden. Kann gar nicht mehr dargestellt werden. Heute müsste man Sexsucht korrekt psychische oder physische Abhängigkeit von Sex, die durch Sex entstanden ist, nennen. So ist auch "alles", was von offizieller Seite über Sucht und Drogen verlautet wird als Falsch vorzubeurteilen. Ursache und Wirkung vertauschend. Nur selbst Denken hilft.
SIR-ENE 08.05.2011
4.
So mächtig sind Medien auch wieder nicht. Dauerhafte Wohlgefühldefizite provozieren auch noch viele andere Störungen und Krankheiten. Daß Streicheln gesund ist, ist inzwischen auch wissenschaftliche nachgewiesen. Aber nach wie vor sieht unsere Gesellschaft mehr im Utilitarismus eine Krankheit, der ja nur einen kleinen, wenn auch folgenschweren Denkfehler hat: Glücksmaximierung um jeden Preis. Würden wir unsere unersättliche Gier nach Wohlgefühlen (im weitesten Sinne) so nehmen, wie sie ist, könnten man auch vernünftiger damit umgehen. Beispielsweise etwas anstreben, was nach dem Erreichen noch steigerungsfähig ist.
Jörn Bünning 09.05.2011
5. Sexsucht als Kulturleiden?
Zitat von Thomas MüntzerNatürlich ist sie eine Krankheit, wie alle anderen Suchtformen/spezialisierten Begierdeformen auch. Es geht dabei um die Produktion bestimmter Hirnchemiestoffe, die wir aus eigener Kraft,/Fähigkeit, die uns Liebe vermitteln, nicht produzieren können. Die vorher fehlten, und eine zu füllende Leere darstellten. Die Sexsucht beinhaltet sehr viele unterschiedliche Ebenen und Verhalten gleichzeitig. So kann man denke ich jedes "RoterArsch" verhalten schon so verstehen, dass man sich zur Auswahl anbietet. Selbst der Putzfimmel wird dann eine sexuell motivierte Handlung. Teil des Vorspiels in der Fantasie des Putzenden. Man wird wenn man sich die Mühe geben würde, in einem Sexsüchtigen sie zu messen, eine vergeleichbare Hirnchemie wie beim direkten Morphinisten finden. Daran ändert auch das Dopaminlastige Verhalten des Sexsüchtigen nichts. Ich behaupte, dass man immer chronischen psychischen Stress messen wird. Psychischer Stress ist immer Angst. Und Angst ist immer Todesangst. Diese wird erst nach dem Impuls im Grosshirn relativiert und interpretiert. Hat man dem nichts entgegenzusetzen, hat man diese Todesangst auch ohne eigentlichen Anlass. Die Hochgefühle, die mit Sexualität verbunden sind, sind natürlich ein Mittel, sich eine, wenn auch nur temporäre Erleichterung von dieser Todesangst, zu verschaffen. Diese Sucht ist auch schon vor dem ersten Sexkonsum vorhanden. Sex macht nicht Süchtig, wie andere Drogen auch nicht, kann aber ein Suchtobjekt werden, wie andere Drogen auch. Es ist immer die Selbe Sucht. Sex, Heroin, Rasen, Gewalt, Alkohol, Kugelschreiber Kauen, natürlich nur eine Sorte, der Partner, sind nur einige der bisher undiagnostizierten und daher auch untherapierten Suchtformen. Sucht ist ja als wissenschaftlicher Begriff abgeschafft worden. Kann gar nicht mehr dargestellt werden. Heute müsste man Sexsucht korrekt psychische oder physische Abhängigkeit von Sex, die durch Sex entstanden ist, nennen. So ist auch "alles", was von offizieller Seite über Sucht und Drogen verlautet wird als Falsch vorzubeurteilen. Ursache und Wirkung vertauschend. Nur selbst Denken hilft.
Sexsucht wird zumindest unter Psychiatern und Psychologen unter "Zwangsstörungen" (http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsst%C3%B6rung) abgehandelt. In dem Wiki-link sind unter "biologische Modelle" auch die Neurotransmitter-Hypothesen erwähnt. Was allerdings die "tatsächliche Ursache", (wenn's denn "eine" ganz bestimmte und nicht viele unterschiedliche gibt) betrifft: sie hat mit Sicherheit nichts mit der aktuellen gesellschaftlichen Auffassung von Sexualität zu tun. Sicher lässt sich (wie in der Anmoderation) fragen, ob "die zunehmende Präsenz der Sexualität in Öffentlichkeit und Medien zu einer gravierenden Veränderung menschlichen Verhaltens" beiträgt, aber mit der psychischen Störung hat das nur indirekt zu tun: "man" spricht jetzt eher darüber.
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