AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2011

Nukleartechnik Der Atomstaat

REUTERS

2. Teil: "Unser Land hat eine regelrechte Gehirnwäsche erlebt"


Immer wieder ist der Aktivist Yamaguchi auf die Mauern gestoßen, die dieses Atomdorf fest umschließen: "Die fühlen sich alle zusammengehörig", sagt er. "Sie haben alle an der Top-Universität in Tokio studiert, und hinterher arbeiten sie bei Tepco oder eben bei der Behörde, die Tepco überwachen soll."

Und beide, Industrie und Behörden, sind wiederum eng mit der Politik verwoben: Das Management von Tepco gehört zu den wichtigen Parteispendern der konservativen Liberaldemokratischen Partei (LDP). Die Gewerkschaft der Beschäftigten in der Stromindustrie wiederum unterstützt die Demokratische Partei (DPJ), der auch Premierminister Kan angehört. Einen atomkritischen Kurs hat sich bislang keine der beiden Parteien geleistet.

Es ist, als wäre Robert Jungks Schreckensvision vom "Atomstaat" Wirklichkeit geworden. Sein Buch mit diesem Titel war einst Pflichtlektüre der deutschen Protestgeneration. Jungk beschreibt darin, wie eine Risikotechnik eine Demokratie zerfressen kann - selbst ohne atomare Katastrophe. Viele Demonstranten, die sich etwa in Brokdorf Wasserwerfern, Schlagstöcken und Nato-Draht gegenübersahen, wähnten sich schon im gefürchteten Überwachungsstaat.

Jungks Vision ist Deutschland am Ende erspart geblieben - für Japan hingegen erweist sie sich als prophetisch. In der japanischen Konsensgesellschaft haben Atomindustrie, Stromversorger, Parteien und Forscher ein unantastbares Refugium geschaffen, das zur Bedrohung für die Demokratie geworden ist.

Das einträchtige Gekungel im Atomdorf, so viel ist sicher, hat der Katastrophe Vorschub geleistet. Maximal 5,70 Meter Höhe könne ein Tsunami in Fukushima erreichen, hatte Tepco errechnet. Das Unternehmen berief sich auf eine Kommission der japanischen Ingenieurgesellschaft. Doch ein Großteil der 35 Mitglieder der Kommission war früher bei Stromversorgern oder von ihnen finanzierten Think-Tanks beschäftigt.

Selbst viele Medien sind, von der Stromindustrie großzügig mit Geld bedacht, Teil des Kartells. "Die japanische Öffentlichkeit ist mitverantwortlich für die Katastrophe in Fukushima", urteilt Aktivist Yamaguchi. Die Natur habe den GAU ausgelöst. Aber die Bedingungen dafür habe Japan selbst geschaffen.

Ehrgeizige Ausbaupläne trotz der Katastrophe

Dabei ist kaum ein Land auf der Welt weniger geeignet für die nukleare Risikotechnik als das bebengeplagte Japan. Einer Legende zufolge ruhen die Inseln auf dem Rücken eines riesigen Fischs im Weltmeer. Und dieser Fisch zuckt und zappelt - keine gute Voraussetzung, um die drittgrößte Reaktorflotte der Welt zu betreiben. Mehr Meiler haben nur die USA und Frankreich.

Trotzdem schmiedete Japan bis zur Katastrophe weitere ehrgeizige Ausbaupläne: Bis 2030 sollte sogar jede zweite Kilowattstunde in Japan atomar produziert werden, eine zweistellige Zahl von neuen Reaktoren war dafür geplant.

Vor allem der Ölschock hatte die aufstrebende Industrienation aufgeschreckt. Die Regierung erklärte damals den Aufbau einer mächtigen Nuklearindustrie zur nationalen Aufgabe; seither haben japanische Politiker den Aufstieg und den Wohlstand Japans untrennbar mit der Atomenergie verknüpft.

Berauscht von der Aussicht auf weitgehende Unabhängigkeit von Energierohstoffimporten, entschied sich die japanische Politik sogar für den Einstieg in die Plutoniumwirtschaft. Zu verführerisch schienen die Schnellen Brüter, die mehr Brennstoff erzeugen, als sie verbrauchen.

Während sich die meisten Atomstaaten der Welt von dieser riskanten und teuren Option verabschiedeten (und Deutschland den Schnellen Brüter in Kalkar zum teuersten Freizeitpark aller Zeiten umwidmete), weihte Japan seinen Brutreaktor in Monju ein und legte 1993 den Grundstein zu einer Wiederaufarbeitungsanlange an der Nordspitze von Japans Hauptinsel. Die Anlage in Rokkasho hat bislang über 14 Milliarden Euro gekostet und ist damit eine der teuersten Industrieanlagen der Welt. Regulär gearbeitet hat die Anlage noch nie.

Atomenergie ist Kult

"Unser Land hat eine regelrechte Gehirnwäsche erlebt", sagt Taro Kono, Abgeordneter der konservativen LDP im japanischen Unterhaus. "Atomenergie ist in Japan ein Kult."

Kono, 48, entstammt einer der großen Politikerdynastien Japans. Seit fast 15 Jahren sitzt er im Parlament, und er ist berüchtigt für seine unabhängige Meinung. Als einer der wenigen seiner Fraktion wagt er es, Japans Atompolitik anzuzweifeln. Gestärkt sieht er sich dabei durch eines der besten Wahlergebnisse Japans. "Nur deshalb kann ich mir meinen atomkritischen Kurs überhaupt leisten", sagt er und lacht.

"Tepco sagt jetzt, dass der Tsunami viel größer war als erwartet", so Kono. "Aber was war denn zu erwarten?" Festgelegt habe dies eine von den Stromkonzernen dominierte Kommission, in der kaum Erdbeben- und Tsunami-Fachleute saßen. "Sie hat bestimmt, wie groß der Tsunami sein sollte", schimpft Kono. "Deshalb sind die Stromfirmen die Hauptverantwortlichen, so einfach ist das."

Doch Kono hat es schwer, Verbündete zu finden. Denn jede Kritik an der Atomenergie kann in Japan Karrieren von Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern beenden.

Auch bis in die Labors der Forscher reicht der Einfluss des Konzerns. Viele Wissenschaftler, vor allem die der Universität von Tokio, sind Tepco zugetan. Denn das Unternehmen fördert die Uni mit Millionenbeträgen und alimentiert eine Vielzahl von Verbänden, Think-Tanks und Kommissionen. Bisher bewährt sich diese Form der Kontaktpflege: Noch ist kein einziger Naturwissenschaftler oder Ingenieur der Universität von Tokio durch kritische Äußerungen zu Tepco aufgefallen.

Millionen für Imagepflege

"Als Atomkritiker wirst du nicht befördert, du wirst nicht einmal Professor, und ganz bestimmt wirst du nicht in wichtige Kommissionen berufen", sagt Kono.

Manchmal immerhin regen sich kurzzeitig Zweifel am System der Kungel-Kommissionen - so, als der Seismologe Katsuhiko Ishibashi vor fünf Jahren aus dem Gremium zurücktrat, das die Sicherheitsregeln für japanische Kernkraftwerke überarbeiten sollte. Von 19 Komiteemitgliedern waren 11 auch Mitglieder in Ausschüssen der japanischen Stromlobby. Die Entscheidungsfindung dort sei "unwissenschaftlich", klagte Ishibashi. "Wenn wir unsere technischen Standards für Atomkraftwerke nicht fundamental verbessern, könnte Japan eine nukleare Katastrophe nach einem Erdbeben erleben", mahnte er schon seinerzeit.

Doch in Japans Öffentlichkeit haben es solche Warnungen schwer. Denn Tepco schüttet sein Atomgeld auch über den Medien aus. Zig Millionen Euro im Jahr lässt sich der Konzern die Imagepflege kosten. Darunter fällt das Sponsoring von Nachrichtensendungen: "News 23" beim Tokioter Sender TBS, "Mezamashi TV" bei Fuji oder "Hodo Station" bei TV Asahi - jeder bekommt etwas ab vom großen Atomkuchen.

Gern hält sich Tepco Journalisten auch mit Luxusreisen gewogen. Am Tag etwa, als der Tsunami das Kraftwerk Fukushima Daiichi überrollte, war Tepcos Verwaltungsratschef nicht in Japan. In einem schicken chinesischen Hotel leistete er gerade Journalisten auf einer "Studienreise" Gesellschaft.



insgesamt 94 Beiträge
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Ali Mente 24.05.2011
1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an! NEIN!!!
Zitat von sysopBedingungslos verschrieb sich Japan nach der Ölkrise der Kernkraft. Seitdem hat die Branche das ganze Land korrumpiert, allen voran Fukushima-Betreiber Tepco. Politik, Wissenschaft und Medien sind Mittäter - eine Großtechnologie hat eine Demokratie unterwandert. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,764069,00.html
Und bei uns sollte das anders sein?? Unser Land ist ebenso korrumpiert, durch Energieversorger-, Banken- und Pharmalobbyisten.....
Berta, 24.05.2011
2. Auch
Zitat von Ali MenteUnd bei uns sollte das anders sein?? Unser Land ist ebenso korrumpiert, durch Energieversorger-, Banken- und Pharmalobbyisten.....
Filz genannt.
iyami 24.05.2011
3. 1984
Zitat von Ali MenteUnd bei uns sollte das anders sein?? Unser Land ist ebenso korrumpiert, durch Energieversorger-, Banken- und Pharmalobbyisten.....
Ich stimme Ihnen zu. Aber die Qualitaet ist eine andere. Das Zusammenspiel von Medien, Kraftwerksbetreibern und Buerokratie verlaeuft hier viel effektiver. Zum Beispiel wird hier auch sehr wenig ueber die Eltern berichtet die in Fukushima gegen die 3.8microSv/h Regelung protestieren. Die meisten Artikel die ueber den Ruecktritt eines Beraters wegen dieser Regelung berichtet haben sind von den japanischen Webseiten verschwunden. Das Wissenschafts/erziehungs-ministerium weist alle Staedte an in den Schulen nicht ueber Fukushima zu diskutieren um eine Schaedigung der Gesundsheit durch 'Stress' zu vermeiden. Wissenschaftlern wird verboten relevante Daten zu veroeffentlichen, ...
gewiko 24.05.2011
4. Atomophobie und Technologieangst
Der Artikel ließt sich so, als ob man die Gehirnwäsche in Deutschland beschreibt und dabei einfach die Grünen (Nichtwähler mitgerechnet, bei gerade mal 10% der Wahlberechtigten) gegen "Atomlobby" ausgetauscht hätte. Tja ist halt doof, wenn der Rest der Welt bei dem neuen grünen ideologischen Irrweg Deutschlands nicht mitmachen will. Richtig ist allerdings das es in Japan einen unerträglichen Filz und Schlamperei um Fukushima gegeben hat, da muss die Konsequenz eben lauten die Sicherheitsvorschriften strenger und transparenter zu machen, Atomenergie kann man nunmal nicht schlampig behandeln. Aber in Deutschland passiert das selbe mit Windenergie, die französischen Atomkonzernen beim Stromexport ins unterversorgte Deutschland nutzen und Deutschland und seinen Bürgern schaden und mit astronomischen Abgaben und Kosten drücken wird. Also warten wirs ab, bis die Leute sich die von Hochspannungsleitungen und Windrädern verschandelte Landschaft lange genug angesehen haben und wegen dem Elektrosmog die Krebserkrankungen zunehmen und das BIP zurück geht, weil sich die Leute wegen hoher Strompreise nichts mehr kaufen können.
gunman, 24.05.2011
5. Zu mehr taugt die Spezis eben nicht ...
Zitat von Ali MenteUnd bei uns sollte das anders sein?? Unser Land ist ebenso korrumpiert, durch Energieversorger-, Banken- und Pharmalobbyisten.....
Dito, zu mehr taugt die Spezis Mensch eben nicht. Das wird mittelfristig auch ihr Untergang sein. Da kann man so viele Kernkraftwerke abschalten, wie man will.
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