AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2011

Luftfahrt Falle aus Eis

War es ein Pilotenfehler, oder versagte die Technik? Der mysteriöse Absturz der Air-France-Maschine vor zwei Jahren steht kurz vor der Aufklärung.

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DPA

In vier Minuten war das Schicksal von Flug AF 447 besiegelt. So kurz war die Zeitspanne zwischen der ersten Warnmeldung, die auf einem Monitor des Airbus A330 auftauchte, und dem Aufschlag auf den Atlantik zwischen Brasilien und Afrika.

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Seit vergangener Woche liegen den französischen Ermittlern von der Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA die Flugdaten und die Stimmenaufzeichnung aus dem Cockpit der Air-France-Maschine vor, die am 1. Juni 2009 auf dem Flug von Rio de Janeiro nach Paris verunglückt war. Und was sich ihnen da präsentiert, scheint auf eine gleichermaßen technische wie menschliche Tragödie hinzudeuten.

Das legen erste Informationen nahe, die aus dem Umfeld des Untersuchungsteams durchsickern. Demnach war Pilot Marc Dubois nicht in der Kanzel, als das Unglück seinen Lauf nahm. Auf den Aufzeichnungen jedenfalls soll zu hören sein, wie der 58-Jährige ins Cockpit stürzt. "Er hat den beiden Kopiloten noch Anweisungen zugerufen, um den Flieger zu retten", so ein Insider zum SPIEGEL.

Der Rettungsversuch war vergebens: Alle 228 Menschen an Bord starben, darunter 28 Deutsche.

Flugschreiber aus 4000 Metern Tiefe geborgen

Anfang dieses Monats konnten Roboter im Trümmerfeld in 4000 Meter Tiefe die Flugschreiber bergen. Am vorletzten Wochenende gelang es den Ermittlern, die Daten auszulesen. 24 Stunden später machten Meldungen die Runde, wonach Hersteller Airbus entlastet war, die Fährte war damit Richtung Piloten gelegt.

Doch selbst wenn die Abwesenheit des Kapitäns diese These zu stützen scheint, so finden sich in den Daten auch Indizien, die auf ein sonderbares Verhalten des Flugzeugs deuten. Jetzt steht ein komplizierter Ermittlungskrimi bevor, der noch viele Überraschungen bereithalten dürfte.

Bislang schien es so, als hätte die Crew von Flug AF 447 ihre Maschine direkt in ein Unwettergebiet gelenkt, wo dann die Geschwindigkeitsmesser vereisten.

Die Flugbahn, aufgezeichnet in der Black Box, zeigt nun offenbar deutlich, dass die Besatzung nach einem möglichst glimpflichen Weg durch die Gewitterfront suchte. Zunächst scheint sie Erfolg gehabt zu haben, denn Hinweise auf schlimmere Turbulenzen scheint es in den aufgezeichneten Flugdaten nicht zu geben.

Doch die Unwetter in der sogenannten innertropischen Konvergenzzone sind tückisch. Riesige Wassermengen werden wie in einem gewaltigen Schlot in große Höhen emporgezogen, wo sie sich in Eiskristalle verwandeln. Diese sind auf dem Wetterradar nur schlecht zu erkennen.

Reagierten die Piloten falsch?

In eine solche Falle aus Eis flog wohl auch die Air-France-Maschine hinein.

Die vereisten Geschwindigkeitsmesser jedenfalls brachten die Piloten in eine gefährliche Lage. Denn in so großer Höhe müssen sie peinlich genau eine exakte Geschwindigkeit einhalten. Sonst kann die Strömung an den Tragflächen abreißen.

Piloten nennen diesen gefährlichen Flugzustand "Deep Stall". "Wenn die Maschine nicht abgefangen werden kann, sackt sie in rasantem Tempo durch", erklärt Jean-François Huzen, Air-France-Kapitän und Piloten-Gewerkschafter.

Dass die Maschine in einen fatalen Deep Stall gekommen ist, darüber besteht mittlerweile kaum noch ein Zweifel. Darauf deutet schon der Fundort des Wracks hin, der nur rund zehn Kilometer neben jener letzten Stelle liegt, an der die Maschine ihre letzte Positionsmeldung per Satellit gefunkt hat.

Wie aber kam es zum Strömungsabriss? Reagierten die Piloten falsch auf den Ausfall der Geschwindigkeitsmesser? Selbst wenn diese Hypothese stimmen sollte, wären Hersteller und Fluggesellschaft noch nicht entlastet. Denn die Air-France-Piloten waren zum Zeitpunkt der Katastrophe nur schlecht darüber aufgeklärt worden, dass es eine Häufung solcher Ausfälle der Geschwindigkeitsmesser gegeben hatte - und wie man darauf reagieren muss.

Gravierender noch sind Hinweise, dass die Maschine falsch reagiert haben könnte. "Der Datenschreiber verzeichnet kurz nach dem Ausfall der Geschwindigkeitsanzeigen ein steiles Hochziehen der Maschine", sagt ein Experte aus dem Umfeld der Ermittlungen. Dass könnte den Strömungsabriss verursacht haben.

Pilot könnte Schub verstärkt haben

Denkbar ist, dass der Pilot, weil er die Geschwindigkeit seiner Maschine falsch einschätzte, den Schub der Triebwerke verstärkte, was den Bug aufwärts zieht. Möglich ist aber auch, dass besondere Computer an Bord des Airbus verantwortlich für das Manöver sind. Sie sollen immer dann eingreifen, wenn der Rechner das Flugzeug in einer bedrohlichen Lage wähnt. Ein ähnliches Verhalten konnte ein Team von Luftfahrtforschern vor einigen Monaten im Flugsimulator beobachten. Airbus will sich während der laufenden Untersuchungen nicht zum Flugverhalten der Maschine äußern.

Allerdings preschte der Konzern, kaum dass die letzten Daten des Flugschreibers heruntergeladen waren, mit einer Meldung ("Accident Information Telex") an seine A330-Kunden vor: Man habe bislang keine Hinweise auf ein technisches Versagen finden können, lautete die beruhigende Botschaft vergangenen Montag an alle Airlines, die mindestens eines der fast 800 Flugzeuge des Typs A330 betreiben.

Am gleichen Abend meldete die Website der französischen Zeitung "Le Figaro", dass die Ermittler angeblich nicht an ein Verschulden von Airbus glauben - obwohl zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich niemand so weitreichende Aussagen hätte machen können.

Handelte es sich hier um gezielte Indiskretionen? Hersteller und Airline jedenfalls haben ein dringliches Interesse, jegliche Verantwortung für den Unfall von sich zu weisen. Denn die französische Justiz ermittelt gegen beide wegen fahrlässiger Tötung. Nach dem Maß der Schuld dürften sich später die Schadenssummen für die Hinterbliebenen belaufen.

Die beiden Konzerne haben unterdessen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wann der Untersuchungsbericht erscheinen soll. Airbus hätte die unliebsame Sache gern möglichst schnell vom Tisch, am liebsten noch ehe im Juni die große Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris öffnet. Dort werden viele Kaufverträge unterschrieben. "Einen solchen Absturz ohne Ursache will kein Unternehmen in seinen Büchern stehen haben", sagt William Voss, Präsident der amerikanischen Flight Safety Foundation.

Bei Pierre-Henri Gourgeon, Chef von Air France-KLM indes, steht demnächst die Vertragsverlängerung an. Im Rahmen der Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens letzte Woche in Paris wurde er prompt gefragt, ob ihm der Untersuchungsbericht dabei in die Quere kommen könnte.

Der ausgebildete Kampfpilot blieb ausweichend: "Ich mag das Wort Verantwortung nicht so gern."



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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
sponner_hoch2 23.05.2011
1. Titel
---Zitat--- 24 Stunden später machten Meldungen die Runde, wonach Hersteller Airbus entlastet war, die Fährte war damit Richtung Piloten gelegt. Doch selbst wenn die Abwesenheit des Kapitäns diese These zu stützen scheint. ---Zitatende--- Bitte? Wo stützt denn die Abwesenheit des kommandierenden Piloten die These einer Schuld? Das ist bei Langstrecke ganz normal und uach vorgesehen, dass er nicht 100% der zeit im Cockpit. Genau dafür saßen ja noch zwie andere im Cockpit.
ddg28 23.05.2011
2. Flugschreiber...
Was man sich mal fragen sollte, auch wenn es vom eigentlichen Thema abweicht: Zwei Jahre nach dem AirFrance-Absturz findet und birgt man nun also Flug- und Stimmenrekorder, mitten im Atlantik in 4000m Tiefe, Bauteile in etwa so groß wie ein vergrößerter Schukarton. Von den vier Flugzeugen, die am 11.09.2001 jedoch über den USA verschwanden, fand man weder Flug- noch Stimmenrekorder. Schon irgendwo merkwürdig.
Werner M. 23.05.2011
3. Eine Frage an die ausgewiesenen Luftfahrtexperten von SPON...
... denn die muss es ja angesichts der häufigen und mit Fachausdrücken gespickten Artikel zum AF-Absturz (und der Luftfahrt allgemein) bestimmt geben: Wie kann eigentlich ein A330 in einen "Deep Stall" kommen? Ich dachte immer, die klassische "Drachenkonfiguration" mit Kreuzleitwerk wäre dagegen weitestgehend gefeit. Und ich lerne immer gerne dazu.
chassespleen 23.05.2011
4. Ja was denn nun?
„Der mysteriöse Absturz der Air-FranceMaschine vor zwei Jahren steht kurz vor der Aufklärung.“ „Jetzt steht ein komplizierter Ermittlungskrimi bevor, der noch viele Überraschungen bereithalten dürfte.“ Headline mal wieder wichtiger als der Inhalt?
fuzzi-vom-dienst 23.05.2011
5. ja, ja "die Piloten"
Unmittelbar nach dem Unfall schrieb hier bei SPON irgendein Forist sinngemäß: "Auch wenn die Flugschreiber gefunden werden, sind die bestimmt unlesbar oder sonstwas. Dann wird die Schuld den Piloten zugeschrieben, denn die sind tot." - Zitat Ende - Genau DAS scheint sich jetzt zu bewahrheiten! Man erinnere sich btiie an den Absturz eines A 320 im Elsass (war es der erste übverhaupt?), wo ein sehr, sehr seltsamer Flugschreiber "ausgewertet" worden war. So etwas wird HIER bestimmt nicht noch mal passieren. Aber immer daran denken: Vive la France, la GRANDE nation! Denn faktisch ist AIRBUS Frankreich und Frankreich ist AIRBUS! Die übrigen Nationen sind nur "quantités négligeables"! Im übrigen, Ihr lieben Leute von SPON: Es waren ZWEI Piloten im Cockpit! Was soll dauernd der Quatsch "Pilot war nicht am Platz"? Holt Ihr Euer Wissen aus der Micky Maus? Selbst dort würde man solch einen Nonsens nicht lesen!
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