Luftfahrt: Falle aus Eis
War es ein Pilotenfehler, oder versagte die Technik? Der mysteriöse Absturz der Air-France-Maschine vor zwei Jahren steht kurz vor der Aufklärung.
In vier Minuten war das Schicksal von Flug AF 447 besiegelt. So kurz war die Zeitspanne zwischen der ersten Warnmeldung, die auf einem Monitor des Airbus A330 auftauchte, und dem Aufschlag auf den Atlantik zwischen Brasilien und Afrika.
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Das legen erste Informationen nahe, die aus dem Umfeld des Untersuchungsteams durchsickern. Demnach war Pilot Marc Dubois nicht in der Kanzel, als das Unglück seinen Lauf nahm. Auf den Aufzeichnungen jedenfalls soll zu hören sein, wie der 58-Jährige ins Cockpit stürzt. "Er hat den beiden Kopiloten noch Anweisungen zugerufen, um den Flieger zu retten", so ein Insider zum SPIEGEL.
Der Rettungsversuch war vergebens: Alle 228 Menschen an Bord starben, darunter 28 Deutsche.
Flugschreiber aus 4000 Metern Tiefe geborgen
Anfang dieses Monats konnten Roboter im Trümmerfeld in 4000 Meter Tiefe die Flugschreiber bergen. Am vorletzten Wochenende gelang es den Ermittlern, die Daten auszulesen. 24 Stunden später machten Meldungen die Runde, wonach Hersteller Airbus entlastet war, die Fährte war damit Richtung Piloten gelegt.
Doch selbst wenn die Abwesenheit des Kapitäns diese These zu stützen scheint, so finden sich in den Daten auch Indizien, die auf ein sonderbares Verhalten des Flugzeugs deuten. Jetzt steht ein komplizierter Ermittlungskrimi bevor, der noch viele Überraschungen bereithalten dürfte.
Bislang schien es so, als hätte die Crew von Flug AF 447 ihre Maschine direkt in ein Unwettergebiet gelenkt, wo dann die Geschwindigkeitsmesser vereisten.
Die Flugbahn, aufgezeichnet in der Black Box, zeigt nun offenbar deutlich, dass die Besatzung nach einem möglichst glimpflichen Weg durch die Gewitterfront suchte. Zunächst scheint sie Erfolg gehabt zu haben, denn Hinweise auf schlimmere Turbulenzen scheint es in den aufgezeichneten Flugdaten nicht zu geben.
Doch die Unwetter in der sogenannten innertropischen Konvergenzzone sind tückisch. Riesige Wassermengen werden wie in einem gewaltigen Schlot in große Höhen emporgezogen, wo sie sich in Eiskristalle verwandeln. Diese sind auf dem Wetterradar nur schlecht zu erkennen.
Reagierten die Piloten falsch?
In eine solche Falle aus Eis flog wohl auch die Air-France-Maschine hinein.
Die vereisten Geschwindigkeitsmesser jedenfalls brachten die Piloten in eine gefährliche Lage. Denn in so großer Höhe müssen sie peinlich genau eine exakte Geschwindigkeit einhalten. Sonst kann die Strömung an den Tragflächen abreißen.
Piloten nennen diesen gefährlichen Flugzustand "Deep Stall". "Wenn die Maschine nicht abgefangen werden kann, sackt sie in rasantem Tempo durch", erklärt Jean-François Huzen, Air-France-Kapitän und Piloten-Gewerkschafter.
Dass die Maschine in einen fatalen Deep Stall gekommen ist, darüber besteht mittlerweile kaum noch ein Zweifel. Darauf deutet schon der Fundort des Wracks hin, der nur rund zehn Kilometer neben jener letzten Stelle liegt, an der die Maschine ihre letzte Positionsmeldung per Satellit gefunkt hat.
Wie aber kam es zum Strömungsabriss? Reagierten die Piloten falsch auf den Ausfall der Geschwindigkeitsmesser? Selbst wenn diese Hypothese stimmen sollte, wären Hersteller und Fluggesellschaft noch nicht entlastet. Denn die Air-France-Piloten waren zum Zeitpunkt der Katastrophe nur schlecht darüber aufgeklärt worden, dass es eine Häufung solcher Ausfälle der Geschwindigkeitsmesser gegeben hatte - und wie man darauf reagieren muss.
Gravierender noch sind Hinweise, dass die Maschine falsch reagiert haben könnte. "Der Datenschreiber verzeichnet kurz nach dem Ausfall der Geschwindigkeitsanzeigen ein steiles Hochziehen der Maschine", sagt ein Experte aus dem Umfeld der Ermittlungen. Dass könnte den Strömungsabriss verursacht haben.
Pilot könnte Schub verstärkt haben
Denkbar ist, dass der Pilot, weil er die Geschwindigkeit seiner Maschine falsch einschätzte, den Schub der Triebwerke verstärkte, was den Bug aufwärts zieht. Möglich ist aber auch, dass besondere Computer an Bord des Airbus verantwortlich für das Manöver sind. Sie sollen immer dann eingreifen, wenn der Rechner das Flugzeug in einer bedrohlichen Lage wähnt. Ein ähnliches Verhalten konnte ein Team von Luftfahrtforschern vor einigen Monaten im Flugsimulator beobachten. Airbus will sich während der laufenden Untersuchungen nicht zum Flugverhalten der Maschine äußern.
Allerdings preschte der Konzern, kaum dass die letzten Daten des Flugschreibers heruntergeladen waren, mit einer Meldung ("Accident Information Telex") an seine A330-Kunden vor: Man habe bislang keine Hinweise auf ein technisches Versagen finden können, lautete die beruhigende Botschaft vergangenen Montag an alle Airlines, die mindestens eines der fast 800 Flugzeuge des Typs A330 betreiben.
Am gleichen Abend meldete die Website der französischen Zeitung "Le Figaro", dass die Ermittler angeblich nicht an ein Verschulden von Airbus glauben - obwohl zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich niemand so weitreichende Aussagen hätte machen können.
Handelte es sich hier um gezielte Indiskretionen? Hersteller und Airline jedenfalls haben ein dringliches Interesse, jegliche Verantwortung für den Unfall von sich zu weisen. Denn die französische Justiz ermittelt gegen beide wegen fahrlässiger Tötung. Nach dem Maß der Schuld dürften sich später die Schadenssummen für die Hinterbliebenen belaufen.
Die beiden Konzerne haben unterdessen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wann der Untersuchungsbericht erscheinen soll. Airbus hätte die unliebsame Sache gern möglichst schnell vom Tisch, am liebsten noch ehe im Juni die große Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris öffnet. Dort werden viele Kaufverträge unterschrieben. "Einen solchen Absturz ohne Ursache will kein Unternehmen in seinen Büchern stehen haben", sagt William Voss, Präsident der amerikanischen Flight Safety Foundation.
Bei Pierre-Henri Gourgeon, Chef von Air France-KLM indes, steht demnächst die Vertragsverlängerung an. Im Rahmen der Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens letzte Woche in Paris wurde er prompt gefragt, ob ihm der Untersuchungsbericht dabei in die Quere kommen könnte.
Der ausgebildete Kampfpilot blieb ausweichend: "Ich mag das Wort Verantwortung nicht so gern."
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