AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2011

Fukushima Tagebücher des Versagens

Neue Protokolle des Fukushima-Unfalls zeigen, wie knapp das Kraftwerk einer noch schlimmeren Katastrophe entging.

Reaktor 4 in Fukushima: Die Techniker verloren frühzeitig die Kontrolle
DPA/ TEPCO

Reaktor 4 in Fukushima: Die Techniker verloren frühzeitig die Kontrolle

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Als die Nacht anbrach, durchkämmten die Arbeiter nahe Wohnhäuser nach Taschenlampen. So verzweifelt waren sie, dass sie Batterien aus Autos rissen, um ihre Messgeräte mit Strom zu versorgen.

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Heft 21/2011
Anatomie einer gefährlichen Beziehung

Anfang vergangener Woche veröffentlichte der japanische AKW-Betreiber Tepco neue Protokolle des Nuklearunfalls im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Die mehr als 2000 Seiten umfassenden, von Tepco "Tagebücher" genannten Reports enthüllen desaströse Details aus den ersten 48 Stunden nach dem verheerenden Erdbeben am frühen Nachmittag des 11. März. Demnach spitzte sich die Situation weit schneller zu als bislang bekannt:

  • Ein Notkühlsystem des am schwersten betroffenen Reaktorblocks 1 lief nach dem Beben nur für zehn Minuten - und stoppte damit sogar noch vor dem Eintreffen des Tsunami.
  • Die Techniker verloren frühzeitig die Kontrolle über die Anlagen. "Wasserstände unbekannt", krakelten die Arbeiter bereits eine Stunde nach der Naturkatastrophe hastig in ihre Protokolle. Zwei Stunden später notierten sie: "Reaktorschaltstationen funktionsuntüchtig".
  • Schon fünf Stunden nach dem Beben begann der Kern von Block 1 zu schmelzen. Am Boden des Reaktordruckbehälters sammelte sich radioaktive Schmelze. Kurz nach Mitternacht überstieg der Druck die maximale Belastbarkeit des Sicherheitsbehälters bereits um 50 Prozent.

Um das Bersten von Block 1 zu verhindern, hatten die Techniker zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Chance: das Ablassen radioaktiven Dampfs in die Umwelt. Noch in der Nacht gab Japans Premier Naoto Kan die Erlaubnis, die Sicherheitsventile zu öffnen. Wegen des Stromausfalls ließen sie sich jedoch nicht bedienen.

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Japan: Die Welle erreicht das AKW Fukushima
Daraufhin sei es zu einem "Schreiduell" zwischen Tepco-Vizepräsident Sakae Muto (der inzwischen seinen Rücktritt erklärt hat) und Kraftwerksdirektor Masao Yoshida gekommen, so zitiert die "New York Times" einen Regierungsberater. "Es gab Streit und schiere Verwirrung", berichtet der Mann.

Erst gegen Morgen wurden die Techniker angewiesen, die Ventile von Hand zu öffnen. Die Strahlung in Block 1 war zu diesem Zeitpunkt bereits so hoch, dass sich die Arbeiter nur in Schutzkleidung und mit Sauerstofftank zu den Ventilen vortasten konnten. Einzeln und nur für kurze Zeit machten sie sich auf den Weg - und bekamen dennoch exorbitante Strahlungsmengen ab. Immerhin konnten die Männer die Ventile um ein Viertel öffnen. Um etwa dieselbe Zeit war es endlich gelungen, frisches Kühlwasser in Block 1 zu pumpen.

Dass die Arbeiter die Ventile überhaupt noch öffnen konnten, war Glück im Unglück. Wäre der Sicherheitsbehälter geborsten, wäre vermutlich sehr viel mehr radioaktives Material in alle Winde verteilt worden. Allerdings ist die Gefahr noch nicht gebannt: Die radioaktive Schmelze hat sich offenbar inzwischen durch den Stahlboden des Reaktors gefressen. Es droht eine verheerende Dampfexplosion.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
tomtomtomtomtom 24.05.2011
1. Aha...
"Kurz nach Mitternacht überstieg der Druck die maximale Belastbarkeit des Sicherheitsbehälters bereits um 50 Prozent." Zum Glück hat der Sicherheitsbehälter um diese Uhrzeit gerade geschlafen und darum nicht mitbekommen, daß er eigentlich hätte explodieren müssen. Nochmal Glück gehabt...
Günter Bodendörfer 24.05.2011
2. Was
mich immer wieder wundert, warum das Thema EDV nie erwähnt wird. Hierzulande laufen COBOL-Programme unter Sun Solaris in den AKWs. Wir alle wissen, dass es Sun nicht mehr gibt, dass kein Mensch mehr COBOL beherrscht und dass die Rechner zudem "nie" ausgeschaltet werden dürfen. So schauen die heimlichen Sicherheitsrisiken aus und vermutlich stammt in den alten japanischen Mühlen die EDV aus der Steinzeit, Fortran IV unter VMS auf MicroVax II oder so.
hannohonk 24.05.2011
3. wenn labern zum Selbstzweck wird
Zitat von tomtomtomtomtom"Kurz nach Mitternacht überstieg der Druck die maximale Belastbarkeit des Sicherheitsbehälters bereits um 50 Prozent." Zum Glück hat der Sicherheitsbehälter um diese Uhrzeit gerade geschlafen und darum nicht mitbekommen, daß er eigentlich hätte explodieren müssen. Nochmal Glück gehabt...
Gerade Sicherheitsrelevante Teile werden im Maschinenbau immer sehr großzügig ausgelegt und nochmal mit einer dicken Sicherheit dimensioniert. 100% sind da noch nicht mal viel.
tomtomtomtomtom 24.05.2011
4. interessant
Zitat von hannohonkGerade Sicherheitsrelevante Teile werden im Maschinenbau immer sehr großzügig ausgelegt und nochmal mit einer dicken Sicherheit dimensioniert. 100% sind da noch nicht mal viel.
Dann nennen Sie mir nur ein einziges Bauteil, welches eine Überschreitung seiner maximalen Belastbarkeit unbeschadet übersteht.
Laienschmelze 24.05.2011
5. erst lesen dann posten
Wenn du den Artikel gelesen hättest, wäre dir aufgefallen, daß daß das Notkühlsystem noch vor dem Eintreffen des Tsunamies versagte
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