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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2011

Kriminalität: "Hey Hase, lebst du noch?"

Von Bruno Schrep

Notwehr oder nicht: Ein Rentner, der in seinem Haus überfallen und ausgeraubt wird, erschießt einen der flüchtenden Täter. Die Familie des getöteten 16-Jährigen fordert jetzt die Bestrafung des Schützen.

Kriminalität: Tödlicher Überfall Fotos
DPA

Vor der einsam am Ortsrand von Sittensen gelegenen Villa, umgeben von Wald und Feldern, quietschen an einem Freitagnachmittag Autoreifen, werden Türen auf- und zugeschlagen, ertönt Stimmengewirr. Alte und junge Frauen, Männer mit ernstem Gesichtsausdruck, auch Kinder versammeln sich an einem Baum, etwa 70 Meter vom Haus entfernt.

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Sie errichten dort eine Art Altar. In der Mitte platzieren sie das Foto eines lachenden Jungen mit dunklen Haaren und braunen Augen. Links und rechts davon dekorieren sie echte und künstliche Blumen, zünden Kerzen und Laternen an. Dazu stellen sie ein handgeschriebenes Schild, auf ihm ist zu lesen: "Du fehlst uns so sehr."

Ein Mann kniet vor der improvisierten Gedenkstätte nieder, zwei Frauen weinen. Sie sind traurig, und sie sind wütend.

Die Trauer gilt dem Jungen auf dem Bild: Labinot S., genannt Lab, geboren im Februar 1994, gestorben hier vor dem Anwesen in Sittensen, in einer frostigen Winternacht im Dezember 2010. Die Wut richtet sich gegen den Mann, der allein in dem reetgedeckten Haus lebt. "Hier wohnt ein Mörder", stößt Hysni S. mit ausgestrecktem Arm hervor, er ist ein älterer Bruder des Verstorbenen.

Labinot S. kam durch einen Pistolenschuss ums Leben, abgefeuert vom Bewohner der Villa, dem Rentner Ernst B.

Die Kugel traf den 16-Jährigen in den Rücken. Für seine Angehörigen ist der Fall deshalb klar: Ihr Sohn, Bruder, Neffe, Cousin wurde hinterhältig umgebracht. Hingerichtet.

"Er hat wahrscheinlich die Polizei und die Justiz bestochen"

Was die Verwandten nicht begreifen können: Der 77-jährige Schütze sitzt nicht im Gefängnis, ist nicht angeklagt, lebt nach wie vor in seinem Haus. "Er ist reich", vermutet ein naher Angehöriger des Toten, "er hat wahrscheinlich die Polizei und die Justiz bestochen." Das sei die Wahrheit.

Es ist die Wahrheit der Familie S. aus Neumünster, einer Familie aus dem Kosovo, die schon fast zwanzig Jahre in Schleswig-Holstein lebt - und sich nun wieder fremd fühlt. Einer Familie, die sich durch den gewaltsamen Tod des Jungen bestätigt sieht in ihrem Verdacht, dass es für Menschen wie sie nicht gerecht zugeht in der neuen Heimat. Dass sie als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.

Nur mit unendlicher Mühe mag die Familie akzeptieren, dass Labinot an seinem frühen Ende durchaus Mitschuld trägt. Der 16-Jährige gehörte zu einer fünfköpfigen Gruppe junger Männer, die den Rentner auf seinem Grundstück überfiel, bedrohte und ausraubte. Ernst B. beruft sich deshalb auf Notwehr. Auch er empfindet sich als Opfer.

Der Fall, angesiedelt zwischen Reizthemen wie Integration, Jugendkriminalität und Selbstjustiz, hat große Emotionen entfacht. Im Internet drohen junge Migranten dem Todesschützen mit Vergeltung: "Der Scheiß-Opa, er soll verrecken." Deutsche Fanatiker hetzen dagegen: "Er hätte gleich alle erschießen sollen. Scheiß-Ausländer."

Labinots Tod zeigt auch, wie schnell das scheinbar unproblematische Zusammenleben mit Menschen, die längst als integriert gelten, umschlagen kann in ein Klima von Zorn, Misstrauen und überwunden geglaubten Vorurteilen.

Die albanischstämmigen Eltern des Jungen flohen Anfang der neunziger Jahre vor den Wirren des Balkan-Krieges in die Bundesrepublik, erhielten Asyl, nahmen später die deutsche Staatsangehörigkeit an. Weitere Verwandte folgten, rund 60 Mitglieder der Großfamilie aus der Region Pristina leben heute in Neumünster und Umgebung, fast alle haben einen deutschen Pass. Ins Kosovo fahren sie nur noch im Urlaub.

Die meisten bemühten sich von Anfang an, Fuß zu fassen. Lernten Deutsch, suchten sich Jobs, wollten mithalten mit den Einheimischen, die so viel Wert legen auf Tugenden wie Fleiß und Tüchtigkeit. "Wir arbeiten auch alle, keiner lebt von Hartz IV", versichert Naser Mirena, ein Onkel des Getöteten.

"Sieht so eine Familie aus, die einen Verbrecher großzieht?"

Mehrere der jungen Clanmitglieder studierten, berichtet er stolz, andere erfüllten wichtige Aufgaben für die Allgemeinheit, als Arzthelferin, als Koch, als Elektriker. Hysni, Labinots ältester Bruder, mache demnächst sein Wirtschaftsabitur, Nadire, die jüngere Schwester, besuche die Realschule. "Sieht so eine Familie aus, die einen Verbrecher großzieht?"

Bei einem Familientreffen im Wohnzimmer von Labinots Eltern gibt es nur ein Thema: Was für ein liebenswerter, hilfsbereiter Mensch der Sohn gewesen sei. Ein Sonnyboy, ein guter Schüler, ein Supersportler, nie unfreundlich, nie böse, nie falsch gegen irgendwen. Beliebt bei den Mädchen. Stets respektvoll gegenüber den Eltern und den drei Geschwistern. Über die letzten Jahre hingegen, die so schwierig waren, sprechen die Angehörigen nur ungern. Der Schmerz und die Scham sitzen tief.

Wann genau die Probleme begannen, wissen die Angehörigen nicht mehr genau. Als der Halbwüchsige anfing zu rauchen? Als er wegen mangelnder Leistungen von der Realschule flog? Als er nicht mehr pünktlich nach Hause kam?

Der Vater, als Lastwagenfahrer oft die ganze Woche lang unterwegs, bekam vieles nicht mit, die Mutter war oft überfordert. Labinot hatte zwar noch einen passablen Hauptschulabschluss geschafft, aber für seine Zukunft keinen richtigen Plan. Den Vorsatz, Automechaniker zu lernen, gab er schnell auf, weil er nicht auf Anhieb einen Ausbildungsplatz fand. "Er hat sich alles viel zu leicht vorgestellt", vermutet sein ältester Bruder.

Seit dem Frühjahr 2010 lebt der inzwischen 16-Jährige nur noch in den Tag hinein, arbeitet nicht, schläft oft bis mittags. Die Ermahnungen der Mutter ignoriert er. "Lab, steh endlich auf." "Lab, schreib deine Bewerbungen." "Lab, räum deine Sachen weg."

Nachts ist Lab oft unterwegs, mit Freunden, die meist aus Einwandererfamilien stammen, sich aber nicht wie ihre Eltern widerspruchslos anpassen wollen an die deutsche Gesellschaft. Jugendliche, die sich oft ausgegrenzt und an den Rand gedrängt fühlen, die nach einer eigenen Identität suchen, eigene Rituale entwickeln, eine eigene Sprache sprechen.

Jugendliche, die auffallen, wenn sie nachts auf den Straßen und Plätzen Neumünsters unterwegs sind, die immer mal wieder ins Visier der Polizei geraten. Sie kiffen und trinken in aller Öffentlichkeit, und wer nicht mitmacht, den lachen die anderen aus. Es kommt zu Keilereien und zu Überfällen, und Labinot, der einst so brave Junge, ist mit dabei. Die Kripo ermittelt gegen ihn wegen Raubes und Körperverletzung, im Wiesbadener Bundeskriminalamt werden seine Fingerabdrücke gespeichert.

In Discotheken lernt Labinot vier neue Kumpane kennen, alle wesentlich älter als er, alle erheblich vorbestraft. Zwei türkischstämmige Deutsche sind dabei, ein Iraker, ein Kongolese. Die vier suchen noch einen fünften Mann für ihren ganz großen Coup. Einen Coup, der sie mit einem Schlag reich und unabhängig machen soll.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Natürlich keine 'normale' Notwehr, ABER ...
rkinfo 28.05.2011
Zitat von sysopNotwehr oder nicht: Ein Rentner, der in seinem Haus überfallen und ausgeraubt wird, erschießt einen der flüchtenden Täter. Die Familie des getöteten 16-Jährigen fordert jetzt die Bestrafung des Schützen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,765294,00.html
Muß den heute jeder Rentner so geistig fit bleiben wie *Sylvester Stallone oder Bruce Willis* bleiben wenn er hart am eigenen Tod sich befindet ? Zudem - hätte der 16-jährige den Rentner getötet wäre 'schwere Kindheit' plus Jugendstrafrecht zur Anwendung gekommen. Bei guter Führung einige Jahre Jugendknast mit Resozialisierung. Natürlich sinnvoll aber auch nicht wirklich angesichts des fiktiven Opfers. 'Wer sich in Gefahr begibt' ... kommt eben auch als 16-Jähriger ggf. dabei zu Tode. So ist eben das Leben ... Es ist daher ein Skandal wie dieses Überfallopfer Rentner auch noch von der Familie des Agressors verfolgt wird. Der Rentner schoß wahrscheinlich zu Unrecht aber das war in seiner Situation als Restrisiko Überreaktion psychologisch und menschlich nachvollziehbar. Im Unterschied zu Rentner hatte die Angreifer viel länger Zeit diese Tat incl. Risiken vorzubereiten. Der Rentner wurde hingegen in körperlich geschwächter Phase überrascht und brutal in *Todesangst* versetzt. Da wird keine Justiz im Land, in der Welt und auch jener unserer Vor- und Nachfahren je so einem gequälten Menschen auch noch rechtlich angehen. Im Bericht lese ich eher zwischen den Zeilen dass der Anwalte und die Familien sich Vorteile versprechen den Rentner weiter zu quälen. Da bleibt mein Verständnis klar beim gequälten Opfer.
2. Es ist die ewig...
polizeiphilosoph 28.05.2011
...gleiche Leier. Der arme Sohn, das gefallene Bambi. Ich kann es nicht mehr hören. Der Herr Sohnemann war ein Schwerstkrimineller, der sich zu einem derartig feigen und brutalen Überfall hat hinreißen lassen. Nur das Opa nun nicht so ganz wehrlos war, wie ursprünglich erhofft und nun ist der gute Lab deswegen tot. Die Reaktion der Familie ist mir als Polizeibeamten mehr als bekannt, es ist immer das Gleiche. Der eigene Sohn wird glorifiziert, während alle anderen das personifizierte Böse sind. Nicht der alte Mann ist auf den Grund und Boden des Jungen eingedrungen, hat ihn bedroht, gewürgt und geschlagen. Andersherum. Und das wurde ihm nun zum Verhängnis. So spielt das Leben, wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Sollte der Rentner angeklagt werden, würde ich noch 10 Euro spenden, für seine Verteidigung. Niemand muss sich in Deutschland in seinen vier Wänden ausrauben und mißhandeln lassen. Wenn es den Herrschaften nicht paßt - im Kosovo wird sowas sicherlich ganz anders geregelt. Oder doch nicht? Geh mal im Kosovo in ein fremdes Haus, verprügel den Opa und stehle sein Geld. Wie würde wohl die Familie denken, wäre es der eigene Opa gewesen? Dann würde der Täter für alle Zeit in Lebensgefahr schweben. Aber hier war's ja nur der Sohn, der Sunnyboy, der niemanden was zuleide tun konnte...
3. Täterfrage
Wavebreaker26 28.05.2011
Was mich an dieser Diskussion stört ist dass schon wieder nur alle Augen auf dem Täter sind, sprich dem Jungen. Ein Überfall ist sehr traumatisierend für das Opfer und da kann es halt zu Fehlentscheidungen kommen. Der Dieb hat sich aus freien Stücken für die Kriminalität entschieden, während das Opfer keine Wahl hatte. Der Rentner wird den Rest seines Lebens mit der Schuld leben müssen. Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Rentner nur "in die Luft geballert" hätte, aber das hat er nun mal nicht. Möge es eine Warnung für alle Nachwuchskriminellen sein.
4. Emigranten in Deutschland
Rübezahl 28.05.2011
Zitat von sysopNotwehr oder nicht: Ein Rentner, der in seinem Haus überfallen und ausgeraubt wird, erschießt einen der flüchtenden Täter. Die Familie des getöteten 16-Jährigen fordert jetzt die Bestrafung des Schützen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,765294,00.html
Wenn man das Gesetz heranzieht ,war es keine Notwehr mehr, weil der unmittelbare Überfall durch das Anspringen der Alarmanlage abgebrochen wurde. Der 16 - Jährige aber war kein Tugendknabe sondern ein Einbrecher ! Die Familie des Einbrechers ist auch nicht besser , so wie sie den alten Mann jetzt drangsaliert! Sicherlich wird der Fall noch vor Gericht aufgearbeitet werden.
5. Originelle Auslegung
schneemann3 28.05.2011
Leute überfallen und bedrohen ist also in Ordnung, so lange niemand der Überfallenden zu Schaden kommt? Jegliche Gegenwehr des Überfallenen ist also verboten, sogar rechtswidrig. Das ist ja mal ne nette Auslegung. Bin gespannt, wie die Sache ausgeht. Ist bestimmt wieder so ne Geschichte wos um um die Ehre von sonstjemanden geht um die Eltern nicht wahr haben wollen, dass ihr süßer kleiner Schatz doch nicht so lieb und unschuldig ist, wie sie sichs vorstellen. Freispruch!
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