AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2011

Kirchen Die Mut-Bürgerin

Margot Käßmann ist allgegenwärtig. Ihre Bücher sind Bestseller. Sie ist der Star des bevorstehenden Kirchentags. Was heißt das für die deutsche Politik?

Von

dpa

Die Frage würde kommen, das wusste Margot Käßmann, es geht um das beherrschende Thema der vergangenen Tage, sie hat sich darauf vorbereitet. Käßmann sitzt im Untergeschoss des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann, etwa 200 Leute drängeln sich um die kleine Bühne. Oben, wo eine Leinwand aufgebaut ist, sind es noch mal so viele.

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Käßmann hat gerade Passagen aus ihrem neuem Buch "Sehnsucht nach Leben" gelesen. Es handelt von Frieden, Freiheit und dem Glauben an Engel. Das Publikum, vorwiegend Frauen aus der Generation 50 plus, hat aufmerksam zugehört. Ihr gehe es darum, Hoffnungsbilder zu malen, sagt Käßmann.

Ein Journalist redet mit Käßmann über Sehnsüchte. Dann fragt er: "Frau Käßmann, was halten Sie von der Intervention des Westens in Libyen?" Käßmann war einmal Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie trat vor gut einem Jahr nach einer Trunkenheitsfahrt zurück. Spätestens seitdem gilt sie als moralische Autorität in allen wichtigen Fragen, gerade solchen von Krieg und Frieden.

Sie hat das Geschehen in Libyen in den vorangegangenen Wochen öfters kommentiert. Es ist ein Thema, für das sie sich zuständig fühlt. Ihre Antworten waren nicht immer ganz widerspruchsfrei, auch moralische Autoritäten sind zu einer gewissen Flexibilität fähig.

Das erste Mal, als Käßmann sich äußerte, war der Bürgerkrieg bereits im Gange. Sie mochte sich nicht recht festlegen: "Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen", sagte sie. Das war eine sehr allgemeine Einschätzung, vielleicht etwas unterkomplex, aber sie würde auf alle denkbaren Entwicklungen passen.

Dann setzte Oberst Muammar al-Gaddafi den Krieg gegen das eigene Volk ziemlich phantasielos fort, er versprach, Libyen "Haus für Haus zu säubern", ein Massaker schien unmittelbar bevorzustehen. Käßmann hielt nun eine Flugverbotszone "eng begrenzt für richtig, weil man das freiheitsliebende Volk vor einem völlig irrsinnig gewordenen Diktator schützen muss". Das schien eindeutig.

Zeitgleich autorisierte der Uno-Sicherheitsrat den militärischen Einsatz gegen Gaddafi. Käßmanns Sympathie für eine Flugverbotszone verflüchtigte sich in dem Moment, als diese durchgesetzt wurde. In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.

Nun sitzt sie bei Dussmann, der Journalist hat gefragt, sie muss wieder eine Position finden. Sie sagt: "Es scheint keine Begrenzung des Militärischen zu geben, das finde ich deprimierend."



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insgesamt 374 Beiträge
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Seite 1
MeyerLansky 02.06.2011
1. Ooooch nö!
Nicht schon wieder Käßmann. So wichtig ist die Dame auch nicht, dass man über ihr Geschwurbel auch noch diskutieren müsste.
oliver twist aka maga 02.06.2011
2. ...
Zitat von sysopMargot Käßmann ist allgegenwärtig. Ihre Bücher sind Bestseller. Sie ist der Star des bevorstehenden Kirchentags. Was heißt das für die deutsche Politik? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,766248,00.html
Vermutlich nichts, denn sie hat ja selbst erklärt, dass sie nicht in die Politik geht. Als Buchautorin hat sie auch mehr Freiheiten und kann ihrer Zielgruppe - Frauen jenseits der Menopause - Mut machen. Bau- und Versatzstücke für weitere zehn, zwanzig oder dreißig Bücher dürfte sie ja bestimmt haben. ;-)
talvisota 02.06.2011
3. Mut oder scheinheilig?
Ach Frau Käßmann, sie redet gerne und viel wenn der Tag lang ist. Damals, wie „Copilot“ Schröder die Idee hatte, bewaffnete Bundeswehreinheiten nach Afghanistan zu schicken, fand sie das auch spontan ganz toll. Als dann die Soldaten von ihren Waffen Gebrauch machen mussten, um sich selbst zu schützen, fand sie das gar nicht nett und so gar nicht im Sinne der Abmachung. Es wäre wohl besser gewesen, die Soldaten hätten sich leise und unauffällig ermorden lassen, damit eine Sonntagschristin im fernen Deutschland ungetrübt weiter Multikulti predigen kann. Einfach zu blöde diese Soldaten, sie setzen immer falsche Prioritäten. Aber ganz eindeutig kann es kein Fehler gewesen sein, sie überhaupt erst dort hin zu schicken und von einer Forderung nach dem sofortigen Abzug ist auch nichts zu hören.
seine_unermesslichkeit 02.06.2011
4. ...
Auch die Käßmann ist wie viele Gutmenschen grundsätzlich unfähig, zu erkennen, dass man auch böse gegenüber dem Bösen sein muss, um es zu beenden oder wenigstens einzudämmen!
crocodil 02.06.2011
5. Ist
doch interessant, wie man bei einem so ausfüllenden Job noch 50 Bücher schreiben kann??
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