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Ausgabe 23/2011

EZB: Zweifelhafte Werte

Von Matthias Brendel und Christoph Pauly

Die Risiken in den Büchern der EZB werden weiter verdrängt.

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REUTERS

Notenbanker Trichet: Grundlegende Reformen angemahnt

Auf der Liste der Sicherheiten der Europäischen Zentralbank findet sich eine portugiesische Anleihe aus dem Jahr 1943. Sie soll möglicherweise erst in rund 8000 Jahren zurückgezahlt werden: am 31.12.9999.

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Doch schon heute ist die bizarre Anleihe zum Beispiel für eine portugiesische Bank richtig wertvoll. Denn die kann das Papier bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheit einreichen und im Gegenzug frische Euro erhalten. Weil der internationale Kapitalmarkt für Banken aus Portugal, Griechenland und den anderen europäischen Krisenländern so gut wie geschlossen ist, sind sie auf das Geld der Zentralbank dringend angewiesen.

Viele der eingereichten Sicherheiten sind nicht wirklich sicher. Was sie tatsächlich wert sind, lässt sich schwer sagen. Und so verkommt die EZB als Hüterin des Euro langsam zur Bad Bank des Euro-Systems, bei der die Banken Europas ihre Schrottpapiere abladen.

Der SPIEGEL (21/2011) hatte in der vorvergangenen Woche berichtet, dass die EZB und vor allem die ihr angeschlossenen nationalen Notenbanken bei den eingereichten Sicherheiten der Banken nicht so genau hinschauen - und dass sie deshalb Risikopapiere in Höhe von mehreren hundert Milliarden Euro in ihren Büchern haben.

"Die Fehler wurden geprüft und dann korrigiert", bestätigte der irische Notenbankpräsident Patrick Honohan gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters den Bericht. Auch die Reaktion der EZB fiel seltsam verhalten aus. Was sollte sie auch tun? Sie kann die Risiken nicht leugnen. Wenn Banken pleitegehen und ihre Sicherheiten nicht genug wert sind, müssen zunächst die Notenbanken für den Schaden aufkommen. Wenn deren Reserven nicht ausreichen, müssen die Steuerzahler einspringen.

Nicht marktfähige Sicherheiten in Höhe von vielen Milliarden Euro

Die Dimension ist gewaltig: Für rund 480 Milliarden Euro hat die EZB strukturierte Wertpapiere, sogenannte Asset-Backed Securities (ABS), angenommen, weitere 360 Milliarden stehen als "nicht marktfähige Finanzinstrumente" in den Büchern.

Hinzu kommen noch Staatsanleihen in Höhe von vielen Milliarden Euro aus Portugal, Spanien, Griechenland und Irland, deren Wert zweifelhaft ist. Zwar werden diese auch nur zum deutlich geschrumpften Marktpreis bewertet und, abhängig vom Rating, mit einem Abschlag versehen. Doch bei diesem drücken die Notenbanken zur Not beide Augen zu.

"Es ist nicht auf Dauer unsere Aufgabe, insolvente Banken in insolventen Ländern zu retten", sagt ein besorgter Notenbanker bei der Bundesbank. Das gefährde den Ruf der EZB und am Ende auch den Euro.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet mahnte deshalb vergangene Woche bei der Verleihung des Karlspreises grundlegende Reformen an. "Eine unsolide Politik in einem Land kann zu einer Krise in einem anderen Land führen", sagte er in Aachen. Er forderte ein Vetorecht aus Brüssel gegen unvernünftige nationale Entscheidungen und träumt sogar von einem europäischen Finanzministerium.

Wie das System zum Schummeln geradezu einlädt

Seine Vorschläge wären glaubwürdiger, wenn die Notenbanken selbst solider agieren würden. Trotz einer dramatischen Schuldenkrise werden irische Staatsanleihen mit Abschlägen auf die Marktwerte versehen, wie sie auch für die viel sichereren deutschen Bundesanleihen verwendet werden.

Ein weiteres, weitgehend verdrängtes Risiko der EZB sind die sogenannten nicht marktfähigen Sicherheiten, die die Banken ebenfalls in riesigem Umfang in Frankfurt abgeladen haben. Dabei handelt es sich um Schuldscheindarlehen und andere Kreditforderungen, die an keiner Börse gehandelt werden.

Wenn der Einreicher solch einer Sicherheit pleitegeht, müsste die EZB das Pfand verwerten. Im Zweifel bliebe sie auf der vermeintlichen Sicherheit, zum Beispiel einem Darlehen für einen Windpark oder eine Feriensiedlung, sitzen.

Die EZB betont, dass diese nicht marktfähigen Sicherheiten genauso streng bewertet werden müssen wie andere Papiere auch. Doch geprüft und bewertet werden diese Papiere von den jeweils zuständigen nationalen Notenbanken. Und die dürften vor allem ein Interesse daran haben, dass die Banken ihres Landes, denen es an Sicherheiten mangelt, nicht zusammenkrachen. Eine solche Praxis lädt zum Schummeln geradezu ein.

Fehler auch bei der Bundesbank

Kein Wunder, dass die EZB nicht sagen will, welche Notenbanken wie viele dieser Papiere mit welchen Werten als Sicherheiten angenommen haben.

Selbst der Bundesbank unterliefen Fehler bei der Bewertung der Sicherheiten, die die Banken bei der EZB einreichen. Zwei Schuldscheine der HRE-Tochter Depfa wurden mehrere Monate lang mit einem zu niedrigen Abschlag versehen.

Auf den Fehler aufmerksam gemacht, hatte die Bundesbank eine falsche Bewertung bestritten und am 21. Februar erklärt: "Unsere internen Prozesse bei der täglichen Überprüfung notenbankfähiger Sicherheiten stellen in hohem Maße sicher, dass keine Wertpapiere fehlerhaft auf die EZB-Liste gelangen können." Eine Woche später mussten die Abschläge auf die Papiere drastisch erhöht werden.

"Die Bundesbank bedauert diesen Vorgang außerordentlich", hieß es vergangene Woche. Sie habe sich auf einen externen Datenanbieter verlassen. Der müsse nun seine "Prozesse überprüfen, um solche Vorfälle in Zukunft auszuschließen".

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insgesamt 202 Beiträge
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    Seite 1    
1. .... und dafür gibt's den Karlspreis
Klekih_petra 07.06.2011
Zitat von sysopDie Risiken in den Büchern der EZB werden weiter verdrängt. http://www.spiegel.de/0,1518,766905,00.html
So langsam kommt an's Licht, was schon immer befürchtet wurde. Die EZB hat jeden Ramsch aufgekauft. Und die Banken fruen sich über den Geldsegen und machen noch mehr Profit. Axel Weber wusste genau, warum er die EZB verließ. Chapeau !!!! Und Monsieur Trichet bekommt den Karlspreis für Verdienste um die Stabilität des Euro. Lachhaft.
2. Ezb
exxtreme2 07.06.2011
"Wenn deren Reserven nicht ausreichen, müssen die Steuerzahler einspringen." Och, ich bin mir sicher, dass der Steuerzahler einspringen wird. Denn die Rettung der EZB wird bekanntlich alternativlos werden. MfG
3. Zurück zur Rechtsstaatlichkeit!
cosmo72 07.06.2011
je näher die Politiker und die Verwaltung des Geldes am Souverän/dem Bürger angesiedelt sind und umso abhängiger von dessen Votum umso besser für Demokratie und Rechtstaatlichkeit! Die illegale und nicht legitimierte Verantwortungsübertragung an Supranationale Geschwüre wie die EU/EZB muss sofort beendet werden! Es sind Verbrechen gegen das GrundGesetz die wir hier erleben und dulden! Aber das wird sich bald ändern - deshalb auch Militär im Inneren/und Kontrolle über das Internet als Hauptforderung der derzeitigen Ausverkäufer!
4. Mich wundert, das sich noch jemand wundert
rhalpha 07.06.2011
Jetzt kommt doch nur ans Licht, was schon vor der Einführung des Euro geplant war: Die Deutschen sind wirtschaftlich zu stark, man muss ihnen die D-Mark nehmen und die Steuerzahler den Rest Europas finanzieren lassen. Dafür wurde ja Kohl überall als guter Europäer geehrt, Schröder und sein Kabinett mit schönen Pöstchen belohnt und ein Herr Trichet bekommt den Karlspreis. Die Bande badet im Schampus und lacht sich schckig über den blöden deutschen Michel. Wenn er kein Brot mehr hat soll er doch Kuchen essen. Ich warte und hoffe auf die Lösung, die die Franzosen 1789 fanden.
5. Eudssr
mitwisser 07.06.2011
Zitat von sysopDie Risiken in den Büchern der EZB werden weiter verdrängt.
Die Kriminalität ist ja nun nicht mehr überraschend. Aber die 840 Milliarden Euro dann doch :-( Aber solange die EZB 8000 jährige Anleihen im Bestand hat, kann den "Eliten" ja nichts passieren. Ich ahne, dass alsbald die Laternen nicht mehr nur zum Leuchten gebraucht werden... "Für rund 480 Milliarden Euro hat die EZB sogenannte Asset-Backed Securities (ABS), angenommen, weitere 360 Milliarden stehen als "nicht marktfähige Finanzinstrumente" in den Büchern" Defacto haben diese Kriminellen (Bruch der Verträge) Europa ruiniert und die Vermögen an die Wand gefahren.
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Grafik: Nicht marktfähige Sicherheiten bei der EZB Zur Großansicht

Grafik: Nicht marktfähige Sicherheiten bei der EZB

Die Europäische Zentralbank
EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.

Interaktive Grafik
Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.

Fotostrecke
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise