AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2011

Ägypten Die Jungfrauen vom Tahrir

Die Armee, während der Revolution als Verbündete des Volks gefeiert, hat Demonstrantinnen zu "Jungfräulichkeitstests" gezwungen. Die Generäle sind sich keiner Schuld bewusst.

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Bevor sie erzählt, wie der Uniformierte sie und die anderen jungen Frauen schlug und trat und ihnen befahl, sich auszuziehen, sich vor glotzenden Soldaten auf den Rücken zu legen und die Beine anzuwinkeln, damit ein Mann in weißem Kittel ertasten konnte, ob sie Jungfrauen waren oder nicht, bevor sie also ihre Geschichte erzählt, zündet sich die Friseurin noch schnell eine Zigarette an und zieht den Rauch tief in ihre Lungen.

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Heft 23/2011
Ehec: Die Geburt einer neuen Seuche

Salwa Husseini Gouda, 20, ist eine kleine, zierliche Frau mit fein geschwungenen Lippen und mandelförmigen Augen. Sie sieht müde aus an diesem Nachmittag, sie trägt Jeans und ein Kopftuch, dazu ein eng anliegendes Top. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Es ist flirrend heiß, staubig und laut wie immer in der ägyptischen Hauptstadt.

"Ich habe keine Ahnung, warum sie ausgerechnet mich auf dem Tahrir-Platz verhaftet haben", sagt sie. "Ich stand in dem Moment vor einem Panzer, vielleicht war das der Grund." Sie versucht ein Grinsen. "Jedenfalls sollte man sich vor mir in Acht nehmen - ich bin eine gefährliche Verbrecherin!"

Die Männer, die Augenzeugenberichten zufolge am Nachmittag des 9. März den Tahrir-Platz stürmten, das Zentrum der ägyptischen Revolution, und anscheinend wahllos Demonstranten attackierten, trugen keine Uniformen. "Sie sahen aus wie Schlägertypen", erzählt Salwa, "sie beschimpften mich als Hure und schlugen mir ins Gesicht." Schockiert sei sie gewesen, als die Bande sie mit etwa 20 anderen Frauen ins Ägyptische Museum verschleppt und dort dem Militär übergeben habe. "Ich konnte nicht glauben, dass unsere Armee hinter diesem Angriff steckte", sagt sie. "Aber dann brachten sie uns ins Militärgefängnis, und von da an wurde es immer schlimmer."

Das Volk hatte gesiegt, und dieser Sieg gehörte auch den Frauen

An dem Tag, als Salwa verhaftet wurde, weilte Husni Mubarak, der gestürzte Staatspräsident, seit fast vier Wochen in seinem selbstgewählten Exil im Badeort Scharm al-Scheich. Das Militär, das nach seinem Abgang die Macht im Land übernahm, war noch einen Monat zuvor von den Massen auf dem Tahrir bejubelt worden. "Das Volk und die Armee sind eins", riefen sie und tanzten und feierten vor den Panzern. Mütter drückten den Soldaten ihre Babys in die Arme, um Fotos zu machen. Die Welt blickte nach Ägypten und staunte, weil dort Männer und Frauen, Muslime und Christen Seite an Seite für die Freiheit kämpften. Dann, nach 18 Tagen, war die Revolution vorbei, der Pharao verjagt. Das Volk hatte gesiegt, und dieser Sieg gehörte auch den Frauen; so sah es damals aus.

Als Salwa am 9. März im Militärgefängnis ankam, so erzählt sie, wurde sie mit zwei anderen Frauen in einen kleinen Raum geführt, wo sie sich ausziehen und ihre Kleider durchsuchen lassen mussten. Dabei habe sie bemerkt, dass ein Soldat vor dem offenen Fenster stand und die nackten Frauen fotografierte. "Ich hatte Angst, dass sie die Fotos benutzen würden, um uns als Prostituierte darzustellen."

In der Nacht wurden die Frauen in eine Zelle gesperrt; sie bekamen Wasser und Brot, das nach Kerosin stank. Am nächsten Tag stand im Flur vor ihrer Zelle eine Liege; dort, so verkündete ein Offizier, werde nun ein Arzt die Jungfräulichkeit der unverheirateten Frauen überprüfen. "Wir konnten es nicht glauben", sagt Salwa, "wir fragten, ob es nicht wenigstens eine Ärztin sein könne, aber er sagte nein. Ein Mädchen, das sich wehrte, wurde mit Elektroschocks traktiert."

"Es war schrecklich demütigend"

Was zwischen dem 9. und 13. März im Militärgefängnis von Heikstep geschah, nordöstlich von Kairo, beschäftigt nun mehrere Menschenrechtsorganisationen. Amnesty International forderte die Behörden auf, "die schockierende und erniedrigende Behandlung von Demonstrantinnen zu stoppen". Das Europäische Parlament verurteilte "die erzwungenen Jungfräulichkeitstests" als Folter.

Die Psychiaterin Mona Hamed vom Nadeem Center für die Rechte von Gewaltopfern hat die Aussagen mehrerer Frauen, die am 9. März verhaftet wurden, dokumentiert - auch die von Salwa. Ihr Fazit: "Das Neue daran ist, dass diesmal nicht die Polizei oder die Staatssicherheit hinter der Aktion steckt, sondern das Militär." Die Jungfräulichkeitstests seien eine Botschaft an die Bevölkerung, die Armee wolle die Bewegungsfreiheit der Menschen kontrollieren. Werde eine Demonstrantin verprügelt oder verhaftet, könne ihre Familie das vielleicht noch akzeptieren - nicht aber, wenn sie der Prostitution beschuldigt werde. "Das ist eine unvorstellbare Erniedrigung für die Frau und ihre Familie", sagt Hamed.

Salwa wehrte sich nicht. Der Mann im weißen Kittel habe ihr mit der Hand zwischen die Beine gefasst, erzählt sie; es habe nicht lange gedauert. Er habe ihr gestattet, eine Decke über sich zu legen, um sich vor den Blicken der Soldaten, die im Flur herumlungerten, zu schützen. "Es war schrecklich demütigend", sagt Salwa. Nach der Prozedur hätten alle Frauen ein Formular unterzeichnen müssen, auf dem stand, ob sie Jungfrauen waren. Als der Arzt bestätigt habe, dass ihr Jungfernhäutchen intakt sei, hätten die Soldaten sie mit neuen Anschuldigungen konfrontiert. Zwei Tage später sei sie von einem Militärgericht wegen angeblichen Waffenbesitzes, Sachbeschädigung und Missachtung der Sperrstunde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden.

insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
blaudistel 08.06.2011
1. Na da wissen die Ägypter doch jetzt
schon was sie von den Generälen zu erwarten haben. Und wir auch gleich mit ... Erinnert mich - leider - an den Film "Z"! Leider haben alle die vor der Machtübernahme durch das Militär warnten Recht behalten ... Ich wünsche den Frauen ganz viel Kraft. Ich bewundere sie - mit jeder Faser!
Betonia, 08.06.2011
2. x
Zitat von sysopDie Armee, während der Revolution als Verbündete des Volks gefeiert, hat Demonstrantinnen zu "Jungfräulichkeitstests" gezwungen. Die Generäle sind sich keiner Schuld bewusst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,766906,00.html
Schlimm. Kommt in Ägypten kein scharfer Protest aus den eigenen Reihen?
flower power 08.06.2011
3. und unser
Zitat von sysopDie Armee, während der Revolution als Verbündete des Volks gefeiert, hat Demonstrantinnen zu "Jungfräulichkeitstests" gezwungen. Die Generäle sind sich keiner Schuld bewusst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,766906,00.html
AM begrüsste die Revolution als Befreiung. Auch Erika war ganz verrückt entzückt. Na ja, was sie nun dagegen unternehmen werden? Aussitzen, ruhig bleiben, an sich abprallen lassen, wer sich bewegt, der verliert. So könnte es aussehen.
syracusa 08.06.2011
4. ägyptische Revolution: weiter machen
Zitat von sysopDie Armee, während der Revolution als Verbündete des Volks gefeiert, hat Demonstrantinnen zu "Jungfräulichkeitstests" gezwungen. Die Generäle sind sich keiner Schuld bewusst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,766906,00.html
Tja, dass das ägyptische Militär nicht die Interessen des Volks verteidigt, sondern seine eigenen Pfründe, musste man schon vor Mubaraks Sturz befürchten. Liebe Ägypter: Eure Revolution ist noch nicht zu Ende!
Thorbjoern, 08.06.2011
5. Müpf, müpf
Es wäre schön, wenn Sie bei einem Artikel über diese mutigen Menschen nicht mit der albernen westdeutschen 1970er-Fossilvokabel "aufmüpfig" ins Lächerliche ziehen würden. Es geht hier micht um Fahrpreiserhöhungen oder Studiengebühren.
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