AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2011

Dokumentationen Ein Tag im Juli

Der Oscar-Preisträger Kevin Macdonald hat aus Tausenden Amateurvideos den Kinofilm "Life in a Day" zusammengestellt. Die Zukunft der Filmkunst oder eine Kapitulation vor YouTube?

Rapid Eye Movies

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Der Mond ist aufgegangen, einmal, zweimal, dreimal, Vollmond über Vietnam, über Südafrika, über Chile. Überall auf der Welt haben Menschen in dieser Nacht den Mond gefilmt, und als es hell wurde, filmten sie sich beim Zähneputzen, beim Schuheputzen, beim Kinderkriegen oder beim Sterben, ein ganz normaler Tag, beinahe jedenfalls.

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Heft 23/2011
Ehec: Die Geburt einer neuen Seuche

Der Tag war ein Samstag, der 24. Juli 2010, ein Datum, das vielleicht irgendwann als Zeitenwende gelten wird, als Beginn einer neuen Ära in der Geschichte des Kinos, möglicherweise aber auch als der Anfang vom Ende traditioneller Filmkunst. In jedem Fall ist es der Tag eines radikalen Experiments: die wohl größte Mitmach-Aktion der Filmgeschichte und zugleich der Versuch, die Gegenwart so in Bilder zu fassen, dass jeder Zuschauer darin auch sein eigenes Leben entdecken kann, mit freundlicher Unterstützung von Google.

Vor einem Jahr hatte der britische Regisseur Kevin Macdonald über das Internet-Videoportal YouTube Menschen in aller Welt dazu aufgerufen, am 24. Juli ihren Alltag mit der Kamera zu dokumentieren. Sie sollten filmen, was sie erfreut, was sie erschreckt, was ihnen wichtig ist im Leben, und ihre Aufnahmen dann an Macdonald schicken, via YouTube, einer Tochter des Google-Konzerns.

Die Resonanz war groß, fast überall. Macdonald erhielt mehr als 80.000 Videos aus 192 Ländern, 4500 Stunden Material insgesamt, darunter Aufnahmen vom tödlichen Gedränge bei der Love Parade in Duisburg und ein Propagandafilm islamistischer Extremisten aus Pakistan. Besonders viele Teilnehmer kamen aus den USA, einige der laut Macdonald besten Beiträge stammten aus der Ukraine, "keine Ahnung, woran das liegt", sagt der Regisseur.

In Ländern wie Papua-Neuguinea oder Angola verteilten die Macher über lokale Hilfsorganisationen Kameras an die Einheimischen, erklärten ihnen die Handhabung der Geräte und sammelten nach dem Dreh die Speicherkarten ein. Nur ein paar der üblichen Spielverderber machten nicht mit, Nordkorea zum Beispiel; in Staaten wie Iran gelang es Hobbyfilmern, die rigide Internetzensur zu umgehen.

Mal berührend, mal traurig, aber immer radikal subjektiv

Gemeinsam mit seinem Cutter Joe Walker stellte Macdonald aus dem Wust von Amateuraufnahmen einen Film von 90 Minuten zusammen, Titel: "Life in a Day", die Chronik eines Tages, mal berührend, mal banal, oft heiter, mitunter traurig, aber immer radikal subjektiv. In dieser Woche startet das Werk in den deutschen Kinos.

Macdonald, 43, bewegt sich seit Jahren im Grenzbereich zwischen Fakten und Fiktion. Für "Ein Tag im September", eine Dokumentation über das Attentat auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972, gewann er im Jahr 2000 einen Oscar. Macdonalds Spielfilme - "Der letzte König von Schottland" mit Forest Whitaker als Ugandas Diktator Idi Amin oder "State of Play" mit Russell Crowe als Zeitungsreporter - suggerieren Authentizität; seine Dokus, etwa das Bergsteigerdrama "Sturz ins Leere", sind spannend wie Thriller.

Besucher empfängt Macdonald im Konferenzraum der Produktionsfirma Cowboy Films im Londoner Stadtteil Soho. An den Wänden hängen Porträts von Elvis, Muhammad Ali und Winston Churchill, durchs Treppenhaus hallt Reggae, ein paar Takte aus Bob Marleys "No Woman, No Cry", immer wieder dieselben, wie von einer kaputten Schallplatte.

80.000 Videos aus 192 Ländern

"Ein Alptraum", sagt Macdonald. Nein, nicht die Musik selbst, sondern die ungeklärten Urheberrechte. Bob Marley ist das Thema von Macdonalds nächster Dokumentation, einem Projekt, an dem zuvor bereits zwei noch berühmtere Regie-Kollegen, Martin Scorsese und Jonathan Demme, gescheitert waren. Macdonald muss das Ganze jetzt zu Ende bringen. In ein paar Tagen, sagt der Regisseur, wolle der Produzent einen Rohschnitt sehen. Macdonald lacht, als könne er selbst nicht glauben, wie das zu schaffen sein soll. Der Regisseur drückt seinen linken Fuß gegen die Tischkante und kippelt mit seinem Stuhl wie ein Grundschüler.

Verglichen mit dem Marley-Film erscheint ihm die Produktion von "Life in a Day" im Nachhinein sehr einfach, "und dabei bin ich wirklich notorisch schlecht im Organisieren", sagt Macdonald, Vater von drei Söhnen.

Der Auftrag zu "Life in a Day" kam, vermittelt vom "Blade Runner"-Regisseur Ridley Scott, der als Produzent dabei ist, von YouTube - jenem Teil des Google-Konzerns, der bislang keinen Profit macht. Kulturell ist YouTube, seit 2005 im Netz, eine der bedeutendsten Erfindungen der vergangenen Jahre. Eine Bibliothek der bewegten Bilder, in der professionelle Musikvideos gleichberechtigt neben Handy-Aufnahmen von den Aufständen in Nordafrika stehen, Hobbyfilmchen von Katzenfreunden neben Vorlesungen von Nobelpreisträgern. Wirtschaftlich erinnert YouTube dagegen eher an ein Start-up-Unternehmen: große Visionen, keine Gewinne.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Moskva 09.06.2011
1. Tränen
Schon beim Artikellesen hatte ich mir die traurigen Szenen vorstellen können und bekam Tränen in die Augen. Das wird bestimmt ein sehr schöner Film.
nielsmeyer 09.06.2011
2. Aha!?
Da schnibbelt jemand ein paar wackelige Amateurvideos zusammen und der SPIEGEL sieht den "[...] Anfang vom Ende der traditionellen Filmkunst" gekommen, behauptet, der "24. Juli 2010 ist ein Datum, das vielleicht irgendwann die Zeitenwende im modernen Kino markieren wird." Da kann man doch nur lachen. Mit Sicherheit wird es so NICHT kommen, genauso wenig wie Kindle und iPad das Ende des Buches oder aber das Telefon das Ende des persönlichen Gespräches waren. Man fragt sich doch, wann der SPIEGEL endlich seine Kulturabteilung dichtmacht, wenn sie nur von solchen Phantasten bevölkert ist.
Gungosh 09.06.2011
3. Recherche
Mit wenigen Minuten Internetrecherche hätte man herausfinden können, dass es nur ein Experiment ist/war. Eine "Zeitkapsel", ein Film voll Usercontent aus der ganzen Welt, am selben Tag aufgenommen. Der Film ist harmlos, er ist nett, er hat Längen, und warum sollte nicht auch versucht werden, noch ein wenig Einnahmen damit zu generieren? Ich hab ihn damals auf Youtube geschaut, aber obwohl mir vieles gefallen hat, hab ich ihn nicht zuende geschaut. Trotzdem würde ich ihn auf einer 10er-Skala mit ca. 6 bewerten, ein nettes und teilweise interessantes Experiment halt. Der Film ist weder eine Positiv- noch eine Negativ-Sensation und schon gar nicht ein Meilenstein in irgendeiner cineastischen Hinsicht. Und mit ein paar Minuten mehr Internetrecherche hätte man außerdem herausfinden können, dass der Kinostart für gute Zwecke (Spendengelder) verwendet wird. Konzept: Jeder Anbieter von Tickets kann sich einen wohltätigen Zweck aussuchen, an den dann 25% jedes verkauften Tickets gehen. Auch nicht schlecht. Quelle: http://blogs.indiewire.com/thompsononhollywood/2011/06/08/life_in_a_day_and_ridley_scotts_micro_movie_mogul_initiative_raise_money_fo/ Youtube war im übrigen lediglich die Platform, die das Experiment ermöglicht und unterstützt hat.
VPolitologeV, 09.06.2011
4. t
Zitat von nielsmeyerDa schnibbelt jemand ein paar wackelige Amateurvideos zusammen und der SPIEGEL sieht den "[...] Anfang vom Ende der traditionellen Filmkunst" gekommen, behauptet, der "24. Juli 2010 ist ein Datum, das vielleicht irgendwann die Zeitenwende im modernen Kino markieren wird." Da kann man doch nur lachen. Mit Sicherheit wird es so NICHT kommen, genauso wenig wie Kindle und iPad das Ende des Buches oder aber das Telefon das Ende des persönlichen Gespräches waren. Man fragt sich doch, wann der SPIEGEL endlich seine Kulturabteilung dichtmacht, wenn sie nur von solchen Phantasten bevölkert ist.
Um Ihre Reihung fortzuführen: Das Projekt der Briten würde - zusammengeschnitten zu einem Prosawerk, auch keine Zeitenwende in der Literatur bewirken.
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