AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2011

Biografien Sehnsucht nach dem Ende

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3. Teil: Aufzugeben sei das Schlimmste - das galt ohne Zweifel auch für das eigene Leben


Andere Frauen in ihrer Lage hätten möglicherweise irgendwann die Scheidung gesucht, aber das war für Hannelore Kohl ausgeschlossen. Aufzugeben sei das Schlimmste, hat sie in einem ihrer seltenen Interviews gesagt, das galt ohne Zweifel auch für das eigene Leben.

Zu der Einsamkeit kamen die Gerüchte über Affären. Schwan streift dieses Thema nur, dabei war es in Bonn eine Quelle ständigen Geredes und Gemurmels, als der Kanzler mit seiner Büroleiterin Juliane Weber gemeinsam ein Haus bezog. Dass auch Hannelore Kohl dort offiziell wohnte, machte die Sache nach Meinung derjenigen, die sich dafür interessierten, nicht weniger verfänglich. Am Ende sah sich Kohl gezwungen, die Wohngemeinschaft aufzulösen, auch weil ihm Freunde energisch ins Gewissen redeten. Überliefert ist die Ermahnung von Hanns Martin Schleyer: "Das Zigeunerlager muss weg, einschließlich der Marketenderin."

Man darf davon ausgehen, dass Hannelore Kohl auch frühzeitig über das Interesse ihres Mannes an einer jungen Referentin im Kanzleramt informiert war, die sich auffallend oft in seiner Nähe aufhielt. Aus dem Umfeld des Altkanzlers hieß es später immer, die Beziehung zu Maike Richter habe nach dem Selbstmord begonnen, aber Getuschel gab es schon vorher.

Das Ende der Kanzlerschaft, das Hannelore Kohl so lange herbeigesehnt hatte, brachte nur kurz die erhoffte Erholung. Mitte 1999 hatte das Ehepaar im Berliner Stadtteil Wilmersdorf zwei Etagenwohnungen gekauft, die es zu einer großen zusammenlegen ließ. Die Kinder waren aus dem Haus, alles sollte jetzt anders werden, aber dann kam die Spendenaffäre, und der ganze elende Trubel fing wieder von vorne an: die Nachstellungen durch die Presse, die Angriffe auf den abgewählten Kanzler, die sich Hannelore Kohl nur als bösartige Verleumdung erklären konnte, weil ihr Mann auch ihr gegenüber nicht mit der ganzen Wahrheit herausrückte.

Wie tief verzweifelt die Kanzlergattin in dieser Zeit war, bekam Schwan gut mit. Er hatte wenige Monate zuvor seine Arbeit an den Memoiren aufgenommen, mehrfach wurde er nun Zeuge häuslicher Debatten. Hannelore Kohl konnte nicht verstehen, warum sich ihr Mann hartnäckig weigerte, die Namen der in Frage stehenden Spender zu nennen.

Hannelore Kohls Umgang mit der Spendenaffäre

Noch einmal erwies sie sich als seine treueste Stütze: Als der Bundestag eine Strafzahlung in Höhe von 6,3 Millionen Mark für die CDU verfügte, setzte sie sich ans Telefon und bettelte das Geld in unzähligen, oft erniedrigenden Bittgesprächen wieder herbei. Diesmal ließ sie es sich auch nicht nehmen, bei der Verteidigung ihres Mannes mitzureden. Nächtelang saß sie über den Fahnen des "Tagebuchs", das als Rechtfertigungsschrift gedacht war, korrigierte, redigierte und schwächte dabei immer wieder Passagen ab, in denen der Altkanzler nach ihrem Gefühl mit seinen Kritikern, namentlich der Parteivorsitzenden Angela Merkel, zu scharf ins Gericht ging.

Für Hannelore Kohl war die Spendenaffäre wohl auch deshalb so belastend, weil sich mit ihr ein Familienschicksal zu wiederholen schien. Schon einmal hatte sie einen Fall aus großer Höhe erlebt, nach Ende des Krieges, als ihr Vater, der im Dritten Reich eine beachtliche Karriere als Fabrikdirektor gemacht hatte, plötzlich mittellos war und die Familie mit einem Hilfsarbeiterjob über Wasser zu halten versuchte.

Wie tief der Vater in die NS-Barbarei verstrickt war, lässt sich ebenfalls bei Schwan nachlesen. Bislang war kaum mehr bekannt, als dass Wilhelm Renner ein treues NSDAP-Mitglied gewesen war. Tatsächlich leitete der Ingenieur eine der größten Rüstungsfabriken des Reichs, die Leipziger HASAG, die zwischenzeitlich bis zu 60.000 KZ-Häftlinge und "Arbeitsjuden" beschäftigte. Von Schwan ausgewertete Dokumente legen den Verdacht nahe, dass Renner für den Tod vieler Zwangsarbeiter zumindest mitverantwortlich war. Als Direktor für Soziales übersah er auch deren Lebens- und Arbeitsbedingungen, die im Fall der HASAG besonders mörderisch waren.

Traumatische Erfahrung auf dem Weg nach Westen

Überhaupt scheint Renner ein überzeugter Nazi gewesen zu sein. Er war Mitglied in einer ganzen Reihe nationalsozialistischer Organisationen, sein direkter Vorgesetzter, der SS-Mann Paul Budin, war ein fanatischer Antisemit, was das Ehepaar Renner nicht daran hinderte, mit diesem auch freundschaftlich aufs engste zu verkehren. Wie viel die Tochter davon wusste, ist ungewiss, in jedem Fall zog man es vor, über das Vergangene nicht zu reden, so wie in vielen deutschen Familien. Nach der Kapitulation traten andere Sorgen in den Vordergrund, die Mangelerfahrungen der Nachkriegszeit dürften alles andere überlagert haben.

In die letzten Kriegstage fällt auch eine traumatische Erfahrung, über die Hannelore Kohl ihr Leben lang nie mehr wirklich hinwegfinden sollte. Im Mai 1945 hatten sich Mutter und Tochter, die Wilhelm Renner Monate zuvor vorsorglich ins sächsische Döbeln umquartiert hatte, auf den Weg nach Westen gemacht. Irgendwo auf dem Weg wurde die damals zwölfjährige Hannelore von russischen Soldaten aufgegriffen und mehrfach vergewaltigt, so steht es jetzt erstmals offen bei Schwan.

Hannelore Kohl trug dabei neben der seelischen Wunde auch eine schwere Wirbelverletzung davon, die sie Zeit ihres Lebens quälen sollte. Ein Freund der Familie Kohl, dem sie sich später anvertraute, berichtet, das Mädchen sei bei der Vergewaltigung auf einem Stein zu liegen gekommen, der einen Wirbel gequetscht habe. Schwan schreibt, sie sei von den Soldaten "wie ein Zementsack" aus einem Fenster geworfen worden, so habe Hannelore Kohl es ihm geschildert. Ob sich dieser Sturz nach der Vergewaltigung ereignete oder möglicherweise später, blieb dabei offen. Schon der Geruch von Männerschweiß, Knoblauch und Alkohol, so berichtete sie noch Jahrzehnte danach, konnte in ihr die Erinnerung wecken, manchmal reichte der Klang russischer Stimmen.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
janne2109 16.06.2011
1. warum
müssen immer Bücher aus allem was jemand meint zu wissen gemacht werden? Der Autor stellte vor kurzem in einem Interview bei Lanz klar, dass Frau Kohl keine medizinisch gesicherte Lichtallergie hatte.Das war schon ein Satz zu viel und Frau Kohl hätte es nie gewollt. Es ist einfach übel jetzt mit der Bekanntschaft zu Frau Kohl Geld zu machen.Sie wird einen Grund gehabt haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Punkt- aus. Niemand sollte jetzt damit noch einen Reibach machen wollen.
maximixa 16.06.2011
2. leben heisst leiden
als zeitungsleser und "normaler" beobachter fiel mir schon immer das maskenhafte, irgendwie angestrengt wirkende gesicht von frau kohl auf, nicht wissend, dass sie tatsächlich so krank war. glücklich kam sie mir nie vor, ganz im gegenteil, meine vermutung wurde nun bestätigt, dass sie das übliche schicksal der nachkriegshausfrau mit vielen anderen teilte, deren einziges lebensziel die aufzucht der kinder im eigenheim, nebst gepflegtem vorgarten, zu sein hatte. ansonsten musste sie sich verleugnen und dem "haushaltsvorstand" bedingungslos unterordnen. erziehung oder besser, frühkindliche gehirnwäsche, hat sie dies auch als richtig und unabänderlich glauben lassen. dass das nicht gesund war und ist zeigte sich am ende.
Hubert Rudnick, 16.06.2011
3. Bouleward
Zitat von janne2109müssen immer Bücher aus allem was jemand meint zu wissen gemacht werden? Der Autor stellte vor kurzem in einem Interview bei Lanz klar, dass Frau Kohl keine medizinisch gesicherte Lichtallergie hatte.Das war schon ein Satz zu viel und Frau Kohl hätte es nie gewollt. Es ist einfach übel jetzt mit der Bekanntschaft zu Frau Kohl Geld zu machen.Sie wird einen Grund gehabt haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Punkt- aus. Niemand sollte jetzt damit noch einen Reibach machen wollen.
So ist nun mal die Welt, Personen die sich sonst auch im Vordergrund stehen und die sich dahindrängen sollten dann auch die Dinge veröffentlich sehen wollen, wenn es mal nicht so gut abläuft. Ich persönlich mag zwar diese Art von Journalismus nicht, mich interessieren die Boulewardgeschichten nicht, aber trotzdem ist es auch ein Teil ihrer Persönlichkeit und die lassen sich dann auch gut zu Kasse machen.
gerdwill 16.06.2011
4. erschütternd!
eine aufrührende Reportage. gut gemacht Fleischhauer!
Facette 16.06.2011
5. keine medizinisch gesicherte Lichtallergie
Zitat von janne2109müssen immer Bücher aus allem was jemand meint zu wissen gemacht werden? Der Autor stellte vor kurzem in einem Interview bei Lanz klar, dass Frau Kohl keine medizinisch gesicherte Lichtallergie hatte.Das war schon ein Satz zu viel und Frau Kohl hätte es nie gewollt. Es ist einfach übel jetzt mit der Bekanntschaft zu Frau Kohl Geld zu machen.Sie wird einen Grund gehabt haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Punkt- aus. Niemand sollte jetzt damit noch einen Reibach machen wollen.
Hallo Janne2109, wer auch nur eine Winzigkeit von Lichtdermatosen und von den Wellenlängen des Lichtspektrums wusste, war schon 2001 sicher, dass ihre Erkrankung psychisch / psychosomatisch war. Daher nichts Neues. Und immerhin war Frau Kohl eine Persönlichkeit der Geschichte. Freundliche Grüße
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