AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2011

Biografien Sehnsucht nach dem Ende

Kein zweiter Journalist hatte so engen Umgang mit Hannelore Kohl wie der Filmautor Heribert Schwan, ihm vertraute sie Dinge an, die sie selbst Freunden vorenthielt. Jetzt hat er daraus ein Buch gemacht - über das Leben, vor allem aber das Leiden der Kanzlergattin.

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Einmal füllte das Leben von Hannelore Kohl noch die Zeitungen, aber da war sie schon tot.

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Heft 24/2011
Bruder Todfeind

Irgendwann in den Abendstunden des 4. Juli 2001 hatte sie eine Überdosis Schlaftabletten genommen, dazu Morphinsulfat, das ihr vom Hausarzt gegen ihre Schmerzen verschrieben worden war. Dann legte sie sich regungslos auf den Rücken, so wie sie es sich als junges Mädchen nach der Flucht aus Sachsen angewöhnt hatte, um den Schlaf der anderen nicht zu stören.

Der Tod kam schmerzlos, zwischen 22 und 23 Uhr, ihr Mann war in Berlin, wo er einen Prozess geführt hatte. Die Haushälterin Hilde Seeber, die über einen Schlüssel zum Haus in Ludwigshafen verfügte, fand die Leiche am nächsten Vormittag im Schlafzimmer. An der Tür hing ein Zettel: "Ich schlafe und will später spazieren gehen." Auch im Tod war Hannelore Kohl noch ein umsichtiger Mensch.

Zu ihrer Trauerfeier kamen über 6000 Menschen. "Bild" hatte auf die Nachricht vom Selbstmord hin die erste Seite schwarz eingefärbt, der "Stern" seinen Andruck und Erstverkaufstag vorgezogen. Überall erschienen lange, respektvolle Nachrufe, aber schon das wäre der Toten nicht mehr recht gewesen, hätte man sie noch fragen können. Jede Form von Unehrlichkeit oder Verstellung war ihr unangenehm; nicht wenige von denen, die nun anerkennende Worte fanden, hatten ein paar Jahre zuvor noch ganz anders geurteilt.

Abgrundtiefes Misstrauen gegenüber Journalisten

Vieles war Spekulation, manches der Versuch, noch einmal ihrem Mann zu schaden. Wie ihr Leben vor dem Tod ausgesehen hatte, das wussten nur ganz wenige Menschen. Einer ist der Filmemacher Heribert Schwan, den Hannelore Kohl Mitte der Achtziger über die Arbeit für ein WDR-Porträt kennenlernte und dem sie in den Jahren vor ihrem Tod Dinge anvertraute, die sie noch nie einem Menschen von der Presse erzählt hatte. Auch Schwan bekam zunächst ihr "abgrundtiefes Misstrauen Journalisten gegenüber zu spüren", wie er sich im Gespräch erinnert, aber das Verhältnis wurde schnell enger, dabei half schon seine häufige Anwesenheit im Hause Kohl.

Nach der Abwahl von Helmut Kohl im Herbst 1998 gehörte Schwan zu einem kleinen Team von Mitarbeitern, die den Kanzler beim Schreiben seiner Memoiren unterstützten. Der mehrfach ausgezeichnete WDR-Redakteur nutzte die Zeit für ausgiebige Gespräche mit der Kanzlergattin, später begleitete er sie häufig auf ihren nächtlichen Wanderungen im Maudacher Bruch in Ludwigshafen, als eine schwere Lichtallergie keine normalen Spaziergänge mehr zuließ.

Aus den Begegnungen ist nun, gut ein Jahrzehnt später, ein Buch entstanden. "Die Frau an seiner Seite - Leben und Leiden der Hannelore Kohl" hat es Schwan genannt. Der Autor versteht es als "Vermächtnis", nicht als Vertrauensbruch, das werden Teile der Familie mutmaßlich anders sehen. Es sei Hannelore Kohl immer klar gewesen, dass die wichtigste Funktion des Journalisten im Publizieren liege, sagt er zu seiner Verteidigung. "Deshalb durfte ich ihre ungewohnte Offenheit als ein Einverständnis verstehen, eines Tages das zu veröffentlichen, was sie mir in den vielen Monaten und Wochen vor ihrem Tod anvertraute."

Es ist ein entbehrungsreiches Leben, das Schwan noch einmal aufblättert, typisch für eine Generation von Frauen, die sich noch ganz den Bedürfnissen des Mannes unterordneten und ihr Glück an seinem ausrichteten. Vor allem aber ist es ein Kanzlerfrauenleben. Das verlangt noch einmal ein ganz anderes, mitunter selbstzerstörerisches Maß an Wunschverleugnung und Disziplin.

Auch den Kindern blieb die Welt der Politik fremd

Politik erlebte Hannelore Kohl zunächst als fremde, dann als feindliche Welt. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ihr Mann nie eine politische Karriere anstreben müssen; ein Familienleben abseits der Öffentlichkeit mit einem bescheidenen, aber dafür verlässlichen Auskommen wäre ihr genug gewesen. Doch das war mit Kohl nicht zu haben, dafür war er schon als junger Mensch von dieser Welt zu eingenommen.

Je höher ihr Mann stieg, desto mehr verfestigte sich bei Hannelore Kohl die Abneigung gegen alles Politische. Das Desinteresse bekam etwas Demonstratives, ihre Missbilligung färbte auf die Familie ab. Die beiden Söhne Peter und Walter wurden konsequent vom Parteiengeschäft ferngehalten. Wenn der Vater nicht im Hause war, und das war ja meist der Fall, unterband die Mutter alle Gespräche über Politik. Kam er dann am Wochenende, schlich er auf leisen Sohlen ins Arbeitszimmer, wo er ungestört telefonieren und Akten sichten konnte.

So blieb auch den Kindern die Welt der Politik fremd und bedrohlich. Niemand erklärte ihnen, warum ihr Leben so anders verlief als das der Mitschüler und Spielkameraden. Als Heranwachsende wussten sie weniger über die Arbeit des Vaters als der befreundete Sohn eines Fernfahrers, der in der Nachbarschaft wohnte, wie Walter Kohl selbst in seinen Erinnerungen festhielt. "Wer sich während der Zeit von Helmut Kohls Kanzlerschaft mit den Söhnen etwa über die Bedeutung von Parteien für die Stabilität der Demokratie unterhalten wollte, stieß auf Unkenntnis, Unverständnis oder gar Ablehnung", schreibt Schwan. Kohl hat sich später öfter über die mangelnde politische Bildung seiner Kinder beklagt. Natürlich hätte es der Vater in der Hand gehabt, dies zu ändern, aber das unterließ er - aus Bequemlichkeit, aber wohl auch, um Streit mit der Mutter zu vermeiden.



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Seite 1
janne2109 16.06.2011
1. warum
müssen immer Bücher aus allem was jemand meint zu wissen gemacht werden? Der Autor stellte vor kurzem in einem Interview bei Lanz klar, dass Frau Kohl keine medizinisch gesicherte Lichtallergie hatte.Das war schon ein Satz zu viel und Frau Kohl hätte es nie gewollt. Es ist einfach übel jetzt mit der Bekanntschaft zu Frau Kohl Geld zu machen.Sie wird einen Grund gehabt haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Punkt- aus. Niemand sollte jetzt damit noch einen Reibach machen wollen.
maximixa 16.06.2011
2. leben heisst leiden
als zeitungsleser und "normaler" beobachter fiel mir schon immer das maskenhafte, irgendwie angestrengt wirkende gesicht von frau kohl auf, nicht wissend, dass sie tatsächlich so krank war. glücklich kam sie mir nie vor, ganz im gegenteil, meine vermutung wurde nun bestätigt, dass sie das übliche schicksal der nachkriegshausfrau mit vielen anderen teilte, deren einziges lebensziel die aufzucht der kinder im eigenheim, nebst gepflegtem vorgarten, zu sein hatte. ansonsten musste sie sich verleugnen und dem "haushaltsvorstand" bedingungslos unterordnen. erziehung oder besser, frühkindliche gehirnwäsche, hat sie dies auch als richtig und unabänderlich glauben lassen. dass das nicht gesund war und ist zeigte sich am ende.
Hubert Rudnick, 16.06.2011
3. Bouleward
Zitat von janne2109müssen immer Bücher aus allem was jemand meint zu wissen gemacht werden? Der Autor stellte vor kurzem in einem Interview bei Lanz klar, dass Frau Kohl keine medizinisch gesicherte Lichtallergie hatte.Das war schon ein Satz zu viel und Frau Kohl hätte es nie gewollt. Es ist einfach übel jetzt mit der Bekanntschaft zu Frau Kohl Geld zu machen.Sie wird einen Grund gehabt haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Punkt- aus. Niemand sollte jetzt damit noch einen Reibach machen wollen.
So ist nun mal die Welt, Personen die sich sonst auch im Vordergrund stehen und die sich dahindrängen sollten dann auch die Dinge veröffentlich sehen wollen, wenn es mal nicht so gut abläuft. Ich persönlich mag zwar diese Art von Journalismus nicht, mich interessieren die Boulewardgeschichten nicht, aber trotzdem ist es auch ein Teil ihrer Persönlichkeit und die lassen sich dann auch gut zu Kasse machen.
gerdwill 16.06.2011
4. erschütternd!
eine aufrührende Reportage. gut gemacht Fleischhauer!
Facette 16.06.2011
5. keine medizinisch gesicherte Lichtallergie
Zitat von janne2109müssen immer Bücher aus allem was jemand meint zu wissen gemacht werden? Der Autor stellte vor kurzem in einem Interview bei Lanz klar, dass Frau Kohl keine medizinisch gesicherte Lichtallergie hatte.Das war schon ein Satz zu viel und Frau Kohl hätte es nie gewollt. Es ist einfach übel jetzt mit der Bekanntschaft zu Frau Kohl Geld zu machen.Sie wird einen Grund gehabt haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Punkt- aus. Niemand sollte jetzt damit noch einen Reibach machen wollen.
Hallo Janne2109, wer auch nur eine Winzigkeit von Lichtdermatosen und von den Wellenlängen des Lichtspektrums wusste, war schon 2001 sicher, dass ihre Erkrankung psychisch / psychosomatisch war. Daher nichts Neues. Und immerhin war Frau Kohl eine Persönlichkeit der Geschichte. Freundliche Grüße
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