Der SPIEGEL

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11. Juni 2011, 00:00 Uhr

Wahrnehmung

Die Fledermausmädchen

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Zwei Berliner Mädchen, blind geboren, lernen die Kunst der Echo-Ortung. Mit Hilfe von Schnalzlauten sollen sie fast so gut wie Sehende durchs Leben kommen. Andere Blinde nutzen die Orientierungstechnik sogar schon beim Radfahren und Bergwandern.

Juli, zweieinhalb, dreht sich vergnügt im Kreis, in der ausgestreckten Hand ihren kleinen Blindenstock. Manchmal schnalzt sie vorsichtig mit der Zunge. So kann sie mit den Ohren sehen, sagen die Eltern. Sie muss nur üben.

Frida, viereinhalb, weiß schon, wie das geht. Einen Topfdeckel, den ihr jemand auf Armeslänge vorhält, kann sie ziemlich sicher orten. Mit feinen Schnalzlauten sucht sie den Luftraum vor ihrem Gesicht ab: "Da ist er!" Auch den Umriss des Deckels findet Frida nach einigen Versuchen heraus. Der Rand ist dort, wo das Echo abreißt, wo keine Antwort mehr kommt.

Zwei Mädchen lernen gerade das Echohören, den Fledermaussinn. Beide sind blind geboren, sie leben in Berlin. Beide haben Eltern, die ihren Töchtern das übliche Dasein Blinder ersparen wollen.

"Wir haben lange gesucht nach einem guten Ersatz für das Sehen", sagt Steffen Zimmermann, Julis Vater. Mit der Echo-Ortung, glaubt er, könnten Blinde erstaunlich selbständig durchs Leben kommen.

Beim Sehen mit den Ohren kommt es auf den rechten Klang an

Neulich, im April, waren zwei Trainer aus den USA da. Sie zogen mit Juli und Frida durch die Stadt, machten erste Übungen und erklärten den Eltern, worauf es ankommt beim Sehen mit den Ohren - nicht zuletzt auf den rechten Klang: Ein scharfes, trockenes Klicken lässt die Dinge in der Umgebung am deutlichsten hervortreten.

Fledermäuse machen es ähnlich. Sie flattern, nur von Echos geleitet, unfallfrei durch belaubte Büsche; im Vorbeiflug klauben sie zielsicher ein Insekt vom Blatt. Menschen hören nicht annähernd so fein, doch bringen sie es, mit ein wenig Fleiß, überraschend weit.

Einer der Trainer, Juan Ruiz, ist ein bekannter Meister der Echo-Ortung. Auf vielen Videos bei YouTube ist zu sehen, wie der Blinde auf seinem Mountainbike über Stock und Stein dahinrumpelt. Vor dem Abstecher nach Berlin hatte Ruiz noch in Italien haltgemacht, um mal eben einen neuen "Guinness"-Weltrekord aufzustellen - im Fahrradslalom für Blinde.

In einem Fernsehstudio in Mailand war ein Hindernisparcours für ihn aufgebaut: zehn mannshohe Säulen, verteilt über eine Strecke von 20 Metern. Vor laufenden Kameras bestieg Ruiz sein Rad und kurbelte los, beständig nach links und rechts klickend. Das Publikum im Saal verfolgte gebannt, wie traumwandlerisch der Blinde seinen Weg fand. Es war, als träte eine Säule nach der anderen in sein Gesichtsfeld; Ruiz kurvte links herum und rechts herum, und nach 48,34 Sekunden rollte er über die Ziellinie. Er hatte keinen einzigen Fehler gemacht.

So was könne jeder lernen, sagt Ruiz. Seine Berliner Schülerinnen Juli Schweizer und Frida Capellmann sieht er auf gutem Weg: "Die Mädchen finden sich schon jetzt für ihr Alter sehr gut zurecht." Die kleine Juli tapst unerschrocken quer durch die Wohnung. Nun soll sie erst einmal spielerisch mit der Welt der Echos vertraut werden. Manchmal ermuntern die Eltern sie, einen Straßenpoller mittels Schnalzen aufzuspüren oder einen Ball. Noch gelingt das nicht immer.

"Wie hoch der Baum ist!"

Frida dagegen nutzt die Methode schon ganz geläufig, wie ihre Mutter Laura berichtet. Neulich in der Stadt fragte sie das Kind, woran sie wohl gerade vorbeiliefen. Frida klickte nur kurz: "Ach, 'ne Mauer." Auf dem Friedhof ließ die Mutter sie eine Regentonne orten, drei Meter entfernt. Frida lief hin, streckte die Hand aus und patschte ins Wasser. Vor einem Baum blieb Frida stehen, beschnalzte ihn von unten nach oben, den Kopf immer weiter zurückgelegt, als wollte sie sein Maß nehmen: "Wie hoch der ist!"

Frida hatte schon früh ein Gespür dafür, dass die Dinge antworten, wenn sie laut ist: Beim Krabbeln patschte sie mit den Händen auf den Boden und lauschte auf den Widerhall. Später gewöhnte sie sich einen hellen, krähenden Ruf an, mit dem sie sich in Treppenhäusern, U-Bahn-Stationen oder Läden ein Bild von der Umgebung zu verschaffen schien. Seit dem Training klickt Frida lieber mit der Zunge; das gibt feinere Echos. Fremde Wohnungen werden dadurch plötzlich richtig interessant. "Da guckt sie sich erst einmal alles an", sagt die Mutter.

Blindenlehrer Ruiz war auch mal ein Anfänger; ihm hat der Kalifornier Daniel Kish alles beigebracht, der Pionier der Echo-Ortung für Blinde. Schon als junger Mann stieg Kish allein über steile Pfade durchs Gebirge, geleitet nur von seinem Stock und dem Widerhall, den die Umgebung auf sein Klicken hin zurückwarf. Er lernte Büsche zu erkennen und überhängende Felsen, Gatterzäune und Wegweiser (deren Inschriften er dann ertasten konnte). Zahlreichen Fernsehteams gab er Proben seiner Findigkeit. Man nennt ihn Batman, Fledermausmann.

In den letzten Jahren hat Daniel Kish etliche Helfer um sich geschart, zumeist ehemalige Schüler, die inzwischen als geprüfte Blindenlehrer arbeiten. "Wir haben bis heute 500 Blinde und 5000 Lehrer in 18 Ländern geschult", sagt Kish. Im britischen Dorset etwa arbeitete er vor zwei Jahren ein paar Tage mit dem kleinen Lucas Murray, damals sieben Jahre alt.

Heute ist der blinde Lucas ein großer Freund des Basketballs. Die Echos verraten ihm, wo der Korb hängt.

Andere Einsätze führten nach Mexiko, nach Frankreich oder in die Schweiz. Und neulich erstmals nach Berlin. "Wir hatten trotz langer Suche in Deutschland niemanden gefunden, der die Methode unterrichtet", sagt Steffen Zimmermann, Julis Vater. Die Echo-Ortung ist hierzulande nicht vorgesehen.

Bislang sind Blinde in der Regel begrenzt auf den engen Umkreis, den ihr Stock abklopft. Echos erweitern den Radius um ein Vielfaches: Eine Mauer, laut genug beschnalzt, antwortet schon aus hundert Metern. Aus fünf Metern hört man ein geparktes Auto. Selbst ein großer Bahnhof lässt sich durch ein paar Klicks in die Runde ganz gut ausloten: Dem Geübten offenbaren sich der Durchgang zu den Gleisen und das Kioskhäuschen, an dem es Obstsäfte gibt. Die Echo-Ortung ist ein Fernsinn, wie gemacht für unbekanntes Terrain.

"Bei Sehenden unterdrückt das Gehirn das Raumecho"

Vor anderthalb Jahren bekamen Julis Eltern den Befund, ihre Tochter sei, wegen eines Defekts im Erbgut, zweifelsfrei blind. Sie erinnern sich noch an das Entsetzen, das sie damals überkam - weniger vor der Blindheit selbst als vor dem Schicksal, das Blinden gemeinhin blüht. Sie sahen die Tochter, wie sie eines Tages gebeugt dahinschlurfte am Arm einer Begleitperson, vielleicht auf dem Weg in eine der Blindenschulen, in die Kinder ihres Schlages meist wegsortiert werden.

Der Vater machte sich auf die Suche. "Als ich im Internet auf Daniel Kish stieß, war klar: Das ist unser Mann", sagt Zimmermann. Fridas Eltern waren ebenfalls schnell überzeugt. Nun wollen die beiden Familien die Blindenförderung in Bewegung bringen. Ein Verein namens Anderes Sehen ist bereits in Gründung. Frida und Juli sollen von Anfang an alles lernen, was sie brauchen, und nicht erst irgendwann das Nötigste.

Bei kleinen Kindern sind Bewegungsfreude und Neugier am größten. Juli ist ein vergnügtes Mädchen mit koboldhaft munterem Mundwerk. "Juli spricht praktisch ununterbrochen", sagt Ellen Schweizer, die Mutter.

Juli kommt an den Tisch; sie hat ein Buch in der Hand. Sie befühlt das Papier und lächelt siegesgewiss. "Nini Naseweis", sagt sie. Juli weiß genau, dass es nicht etwa "Der kleine Klo-König" ist oder sonst eines ihrer gut 50 Bücher, denn ein jedes fühlt sich anders an. "Juli hält sie alle auseinander. Sie weiß auch, was drinsteht", sagt der Vater. Das blinde Mädchen ist ein Bücherwurm.

Vielleicht kommt es vom vielen Vorlesen. Die Eltern bemühten sich schon früh, Julis Vorstellungskraft mit Gestalten und Begebenheiten aus Büchern zu bevölkern. Diese erwachen nun offenbar schon durch bloßes Herumblättern zu ihrem jeweiligen Eigenleben: Dem Geraschel der Blätter entsteigen wie von selbst die zugehörigen Geschichten.

Julis Welt ist auch sonst reich an Wörtern. Sie sammelt sie überall auf, und am meisten liebt sie die schwierigen, seltenen. "Babyphase" zählt zu ihren Pretiosen, und aus dem Morgenstern-Gedichtbändchen ihres Vaters kann sie ganze Verse nachplappern, ohne etwas zu verstehen. Neulich bei der Kinderärztin zeigten ihr die Eltern mal wieder ein neues Objekt: "Guck mal, Juli, ein Stethoskop" - "Frau Hübschmann-Mehls Stethoskop", korrigierte die Kleine, erkenntlich auf den korrekten Genitiv bedacht.

"Sehende Kinder strahlen ihre Eltern an und bekommen ein Lächeln zurück", sagt der Vater. "Juli liebt es dafür, uns mit Wörtern zum Lachen zu bringen."

"Eine Beule bringt niemanden um"

Wenn es hinausgeht auf die Straße, ist Juli ein Kind wie alle anderen. Auf ihrem Laufrad stampft sie beherzt über den Gehsteig, dabei weiterquasselnd ohne Unterlass, vorbei an Pollern, kreuzenden Hunden und wackelig angelehnten Fahrrädern. Die Eltern geben sich große Mühe, nicht ängstlich zu sein. Juli soll lernen, ihre Wege allein zu finden. Sie darf auf Stühlen turnen und auf dem Spielplatz über Seilgerüste klettern. "Eine Beule bringt niemanden um", sagt der Vater. Warnrufe sind nur bei echter Gefahr erlaubt, damit das Kind nur ja keinen Schrecken vor der Welt eingeimpft bekommt.

Die Geschichte soll nicht so ausgehen, wie Julis Ausweis es schon vorwegnimmt: Ein Beamter hat dort ein "H" hineingestempelt, für "hilflose Person".

Mit diesem Papier beginnt für die meisten Blinden ein Lebenslauf von sehr bescheidenem Radius. Es gibt die Schule, später die Arbeit, und es gibt die Wege dahin, die sie auswendig lernen: nach der Bushaltestelle 120 Schritte links an den Häusern entlang, hier über die Straße und dann rechts bis zum Kopfsteinpflaster.

Mit Blinden, die auf eigene Faust ins Gebirge ziehen, tut sich die Sozialbürokratie alten Schlages schwer. Der Fledermausmann Daniel Kish (Leitspruch: "No limits") wird gern abgetan als ein Wunderknabe, ein kurioses Talent an der Grenze zum Übersinnlichen. In Deutschland traf die Echo-Ortung lange auf besonders wohlwollendes Desinteresse - toll, wenn man's kann, aber was nützt das dem Durchschnittsblinden?

Reiner Delgado etwa, Sozialreferent beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, nutzt das räumliche Hören sogar selbst. Wenn er Blindenfußball spielt, nimmt er auf dem Platz die hüfthohe Bande ringsum auch aus 20 Metern noch wahr. Wenn er zu Hause aus der Tür tritt, schnippt er gelegentlich mit den Fingern - so ruft er sich die Lage der Hochhäuser ringsum vor Augen. Aber für die Echo-Ortung, wie Kish sie propagiert, will er erst einmal Beweise sehen: "Wir brauchen eine ordentliche Studie mit einer größeren Zahl von Probanden", sagt Delgado. "Dann wird sich zeigen, ob das wirklich jeder lernen kann."

Dabei haben zahlreiche Versuche längst gezeigt, dass sogar Sehende schon nach kurzer Zeit Objekte in ihrer Umgebung mit verbundenen Augen orten konnten. Und so mancher Blinde brachte sich die Technik mangels Anleitung einfach selbst bei. Der Marburger Gymnasiast Dave Janischak, heute 15, kam bereits als Vierjähriger von allein darauf. Damals gab es in seiner Tagesstätte einen geistig behinderten Jungen, der tagein, tagaus mit der Zunge schnalzte. Aus kindlicher Bosheit fing Dave an, ihn nachzuäffen - und schon bald war es, als gingen ihm die Ohren auf: Er hörte den Raum um ihn herum. "Plötzlich wusste ich, wo die Türen waren", sagt er, "und ob sie offen waren oder zu." Seine Schnalzer waren wie schwache Lichtblitze, mit denen er die Umwelt ausleuchten konnte.

Bei Sehenden jedoch beherrscht der Gesichtssinn die Wahrnehmung. Dem Gehör ist im Lauf der Evolution eine eher untergeordnete Aufgabe zugewachsen: Es konzentriert sich auf Dinge, die selbst ein Geräusch machen - auf den hungrigen Jaguar, der sich durchs Unterholz heranschleicht, oder den Gast auf der lärmigen Party, der einem von fern etwas zuruft. Gerade beim Orten von Schallquellen aber verwirrt das Echo nur, da es ja aus verschiedenen Winkeln zurückgeworfen wird. "Bei Sehenden unterdrückt das Gehirn deshalb das Raumecho", sagt der Münchner Neurobiologe Lutz Wiegrebe. "Es wird als Störgeräusch automatisch herausgerechnet." Dennoch ist die Information nicht verloren. "Man kann schnell lernen, sie zu nutzen", sagt Wiegrebe. "Für Blinde wäre das sicher sinnvoll."

Gänzlich fremd ist die Technik ohnehin kaum einem Blinden. Der eine klopft mit dem Stock auf den Gehweg, um eine Toreinfahrt zu finden; der andere schnalzt in einem fremden Badezimmer mit den Fingern, um das Waschbecken zu orten, das sich durch ein hohles Echo verrät.

Das Klopfen des Stocks klingt freilich, je nach Untergrund, sehr verschieden; beim Fingerschnippen wiederum ändern sich von Fall zu Fall Richtung und Abstand zum Ohr. Das Gehirn muss sich jedes Mal umstellen. Das Klicken mit der Zunge dagegen erzeugt einen ungleich genaueren Raumeindruck - Schallquelle und Ohr bilden praktisch eine Einheit; mit zunehmender Übung automatisiert sich daher ihr Zusammenspiel.

Und doch ist das Klicken vielen Blinden erst einmal unangenehm. Der Marburger Blindenlehrer Reinhard Eiler ermuntert seine Schüler öfters dazu, bislang mit wenig Erfolg. Blinde leben in ständiger Furcht, Blicke auf sich zu ziehen. Weil sie nicht sehen, wer sie gerade anstarrt, nehmen sie leicht das Schlimmste an.

Blinde Kinder gehen gewöhnlich selten aus dem Haus

Die Einübung in resignierte Demut beginnt oft schon früh. Blinde Kinder gehen gewöhnlich selten aus dem Haus. Und wenn, dann bleiben sie meist an der Hand der Eltern. "Ganz verkehrt", sagt Blindenlehrer Eiler. "Da schalten die einfach ab. Leider wachsen viele Kinder immer noch sehr überbehütet auf."

Die Pädagogen diskutieren bereits länger, ob die Klickmethode, früh eingeübt, da nicht hilfreich wäre - bislang folgenlos. "Aber wenn jetzt auch die Eltern danach verlangen", sagt Eiler, "dann ändert das natürlich die Lage."

Heißt das nun, dass die Ideen des Fledermausmannes Kish Einzug halten an deutschen Blindenschulen? Werden die Lehrer künftig auch in der Echo-Ortung unterrichtet? "Eindeutig ja", sagt Jürgen Nagel, zuständig für die Lehrerausbildung bei der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Er hatte einen Beobachter zu den Berliner Trainingstagen geschickt - der Mann war offenbar beeindruckt.

Juli und Frida werden erst einmal mit den Eltern üben. Frida mit ihrem Forscherdrang kommt rasch voran. Auch Juli schnalzt gelegentlich schon von allein. Das Wort gefällt ihr, "snalzen" sagt sie.

Auf dem Laufrad zum Beispiel, das weiß Juli, könnte sie Hindernisse schon im Voraus orten. Aber unterwegs ist immer viel los, und alles will kommentiert werden. Plötzlich ist da doch ein Poller, der aber ihren Redefluss nur für eine Schrecksekunde unterbricht: "Oh", ruft Juli, "wieder nicht gesnalzt!"

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