AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2011

Wahrnehmung Die Fledermausmädchen

Zwei Berliner Mädchen, blind geboren, lernen die Kunst der Echo-Ortung. Mit Hilfe von Schnalzlauten sollen sie fast so gut wie Sehende durchs Leben kommen. Andere Blinde nutzen die Orientierungstechnik sogar schon beim Radfahren und Bergwandern.

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Juli, zweieinhalb, dreht sich vergnügt im Kreis, in der ausgestreckten Hand ihren kleinen Blindenstock. Manchmal schnalzt sie vorsichtig mit der Zunge. So kann sie mit den Ohren sehen, sagen die Eltern. Sie muss nur üben.

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Heft 24/2011
Bruder Todfeind

Frida, viereinhalb, weiß schon, wie das geht. Einen Topfdeckel, den ihr jemand auf Armeslänge vorhält, kann sie ziemlich sicher orten. Mit feinen Schnalzlauten sucht sie den Luftraum vor ihrem Gesicht ab: "Da ist er!" Auch den Umriss des Deckels findet Frida nach einigen Versuchen heraus. Der Rand ist dort, wo das Echo abreißt, wo keine Antwort mehr kommt.

Zwei Mädchen lernen gerade das Echohören, den Fledermaussinn. Beide sind blind geboren, sie leben in Berlin. Beide haben Eltern, die ihren Töchtern das übliche Dasein Blinder ersparen wollen.

"Wir haben lange gesucht nach einem guten Ersatz für das Sehen", sagt Steffen Zimmermann, Julis Vater. Mit der Echo-Ortung, glaubt er, könnten Blinde erstaunlich selbständig durchs Leben kommen.

Beim Sehen mit den Ohren kommt es auf den rechten Klang an

Neulich, im April, waren zwei Trainer aus den USA da. Sie zogen mit Juli und Frida durch die Stadt, machten erste Übungen und erklärten den Eltern, worauf es ankommt beim Sehen mit den Ohren - nicht zuletzt auf den rechten Klang: Ein scharfes, trockenes Klicken lässt die Dinge in der Umgebung am deutlichsten hervortreten.

Fledermäuse machen es ähnlich. Sie flattern, nur von Echos geleitet, unfallfrei durch belaubte Büsche; im Vorbeiflug klauben sie zielsicher ein Insekt vom Blatt. Menschen hören nicht annähernd so fein, doch bringen sie es, mit ein wenig Fleiß, überraschend weit.

Einer der Trainer, Juan Ruiz, ist ein bekannter Meister der Echo-Ortung. Auf vielen Videos bei YouTube ist zu sehen, wie der Blinde auf seinem Mountainbike über Stock und Stein dahinrumpelt. Vor dem Abstecher nach Berlin hatte Ruiz noch in Italien haltgemacht, um mal eben einen neuen "Guinness"-Weltrekord aufzustellen - im Fahrradslalom für Blinde.

In einem Fernsehstudio in Mailand war ein Hindernisparcours für ihn aufgebaut: zehn mannshohe Säulen, verteilt über eine Strecke von 20 Metern. Vor laufenden Kameras bestieg Ruiz sein Rad und kurbelte los, beständig nach links und rechts klickend. Das Publikum im Saal verfolgte gebannt, wie traumwandlerisch der Blinde seinen Weg fand. Es war, als träte eine Säule nach der anderen in sein Gesichtsfeld; Ruiz kurvte links herum und rechts herum, und nach 48,34 Sekunden rollte er über die Ziellinie. Er hatte keinen einzigen Fehler gemacht.

So was könne jeder lernen, sagt Ruiz. Seine Berliner Schülerinnen Juli Schweizer und Frida Capellmann sieht er auf gutem Weg: "Die Mädchen finden sich schon jetzt für ihr Alter sehr gut zurecht." Die kleine Juli tapst unerschrocken quer durch die Wohnung. Nun soll sie erst einmal spielerisch mit der Welt der Echos vertraut werden. Manchmal ermuntern die Eltern sie, einen Straßenpoller mittels Schnalzen aufzuspüren oder einen Ball. Noch gelingt das nicht immer.

"Wie hoch der Baum ist!"

Frida dagegen nutzt die Methode schon ganz geläufig, wie ihre Mutter Laura berichtet. Neulich in der Stadt fragte sie das Kind, woran sie wohl gerade vorbeiliefen. Frida klickte nur kurz: "Ach, 'ne Mauer." Auf dem Friedhof ließ die Mutter sie eine Regentonne orten, drei Meter entfernt. Frida lief hin, streckte die Hand aus und patschte ins Wasser. Vor einem Baum blieb Frida stehen, beschnalzte ihn von unten nach oben, den Kopf immer weiter zurückgelegt, als wollte sie sein Maß nehmen: "Wie hoch der ist!"

Frida hatte schon früh ein Gespür dafür, dass die Dinge antworten, wenn sie laut ist: Beim Krabbeln patschte sie mit den Händen auf den Boden und lauschte auf den Widerhall. Später gewöhnte sie sich einen hellen, krähenden Ruf an, mit dem sie sich in Treppenhäusern, U-Bahn-Stationen oder Läden ein Bild von der Umgebung zu verschaffen schien. Seit dem Training klickt Frida lieber mit der Zunge; das gibt feinere Echos. Fremde Wohnungen werden dadurch plötzlich richtig interessant. "Da guckt sie sich erst einmal alles an", sagt die Mutter.

Blindenlehrer Ruiz war auch mal ein Anfänger; ihm hat der Kalifornier Daniel Kish alles beigebracht, der Pionier der Echo-Ortung für Blinde. Schon als junger Mann stieg Kish allein über steile Pfade durchs Gebirge, geleitet nur von seinem Stock und dem Widerhall, den die Umgebung auf sein Klicken hin zurückwarf. Er lernte Büsche zu erkennen und überhängende Felsen, Gatterzäune und Wegweiser (deren Inschriften er dann ertasten konnte). Zahlreichen Fernsehteams gab er Proben seiner Findigkeit. Man nennt ihn Batman, Fledermausmann.

In den letzten Jahren hat Daniel Kish etliche Helfer um sich geschart, zumeist ehemalige Schüler, die inzwischen als geprüfte Blindenlehrer arbeiten. "Wir haben bis heute 500 Blinde und 5000 Lehrer in 18 Ländern geschult", sagt Kish. Im britischen Dorset etwa arbeitete er vor zwei Jahren ein paar Tage mit dem kleinen Lucas Murray, damals sieben Jahre alt.

Heute ist der blinde Lucas ein großer Freund des Basketballs. Die Echos verraten ihm, wo der Korb hängt.

Andere Einsätze führten nach Mexiko, nach Frankreich oder in die Schweiz. Und neulich erstmals nach Berlin. "Wir hatten trotz langer Suche in Deutschland niemanden gefunden, der die Methode unterrichtet", sagt Steffen Zimmermann, Julis Vater. Die Echo-Ortung ist hierzulande nicht vorgesehen.

Bislang sind Blinde in der Regel begrenzt auf den engen Umkreis, den ihr Stock abklopft. Echos erweitern den Radius um ein Vielfaches: Eine Mauer, laut genug beschnalzt, antwortet schon aus hundert Metern. Aus fünf Metern hört man ein geparktes Auto. Selbst ein großer Bahnhof lässt sich durch ein paar Klicks in die Runde ganz gut ausloten: Dem Geübten offenbaren sich der Durchgang zu den Gleisen und das Kioskhäuschen, an dem es Obstsäfte gibt. Die Echo-Ortung ist ein Fernsinn, wie gemacht für unbekanntes Terrain.



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
r-le 17.06.2011
1. ...
Zitat von sysopZwei Berliner Mädchen, blind geboren, lernen die Kunst der Echo-Ortung. Mit Hilfe von Schnalzlauten sollen sie fast so gut wie Sehende durchs Leben kommen. Andere Blinde nutzen die Orientierungstechnik sogar schon beim Radfahren und Bergwandern. http://www.spiegel.de/0,1518,767941,00.html
Faszinierend, wie das Gehirn sich umstellen kann. Ich habe das mal in einem Bericht mit einem erwachsenen Blinden gesehen und war völlig überrascht. Und es freut mich, dass es den Alltag von Blinden erleichtern kann.
muhammaned 17.06.2011
2. think positve
Zitat von r-leFaszinierend, wie das Gehirn sich umstellen kann. Ich habe das mal in einem Bericht mit einem erwachsenen Blinden gesehen und war völlig überrascht. Und es freut mich, dass es den Alltag von Blinden erleichtern kann.
ein erfrischender Artikel, der zeigt, wie viele Möglichkeiten der Mensch hat, trotz aller Widrigkeiten gut durch das Leben zu kommen! Erstaunlich allerdings auch die gähnende Leere des Forums hinter einer ausnahmsweise mal positiven Meldung. Der typische Forist steckt vorzugsweise im Tränental und haut dort auf seinesgleichen ein, als sich an Dingen zu erfreuen, die zeigen, das es auch anders geht ...
MünchenerKommentar 17.06.2011
3. Interessant ...
... was es alles gibt. Warum gibt es das Ganze eigentlich nicht schon längst für alle Blinde als technische Lösung: Ein kleines Kästchen, das mit Ultraschall funktioniert und regelmäßig Schallwellen in die Umgebung abstrahlt, das Echo analysiert und dann auf einer Art Braille-Display anzeigt. Das Display müsste so eine Art ebene Fläche auf der Oberseite des Kästchens sein, auf der viele kleine in konzentrischen Kreisen angeordnete Stifte entweder nach oben geschoben werden können oder im Kästchen verschwinden. Wenn ein Stift auftaucht, heisst das, das in einer bestimmten Entfernung in der entsprechenden Richtung ein Hindernis ist. Wenn man die Hand dann auf die Stiftfläche legt, kann man die Umgebung fühlen.
NeZ 17.06.2011
4. "Faszinierend"
Habe mal im amerikanischen Fernsehen einen Bericht über einen blinden Jungen gesehen, der mit dem Reporter eine Kissenschlacht gemacht hat. Faszinierend.
yomow 17.06.2011
5. Interessant
Sehr Interessant. Ich wusste bisher nicht, dass es diese Methode gibt. Wieder was gelernt und schön zuhören, dass Blinde sich so das Leben deutlich besser gestalten können.
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