AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2011

Verbraucherschutz Kostenfalle für Touristen

Wer im Ausland mobil ins Internet geht, kann eine böse Überraschung erleben - wenn ihm sein Mobilfunkbetreiber eine aberwitzige Rechnung präsentiert. Doch jetzt will die Europäische Kommission den Mondtarifen Einhalt gebieten.

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Peter Szillat dachte sich nichts dabei, als er Anfang des Jahres in einem Hotel in Genf sein Notebook einschaltete. Im Fernsehen lief nichts Besonderes, also ging er über seinen UMTS-Stick ins Internet, guckte die "Tagesschau", schrieb ein paar E-Mails und sah sich noch einen Spielfilm an.

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Heft 24/2011
Bruder Todfeind

Das Abendprogramm im Hotelzimmer hätte in Deutschland nicht extra gekostet, er hat eine Flatrate.

Aber in der benachbarten Schweiz wurde es der teuerste Fernsehabend seines Lebens. Auf seiner nächsten Rechnung tauchte der Posten "Verbindungen Internet / Wap im Ausland" auf. Sein Provider berechnete ihm 1026,52 Euro - für wenige Stunden mobilen Internetempfangs bei den Eidgenossen. Immerhin hatte ihn sein Anbieter per Mail vorgewarnt; er verzeichne einen "erhöhten Verbrauch". Da waren allerdings schon Kosten von "netto 862,79 Euro" aufgelaufen.

Es gibt einen Fachbegriff für das, was der vielreisende Produktmanager für Medizintechnik da erlebte: "Bill Shock" - Rechnungsschock. Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones, Tablet-PC und Notebooks mit Datenstick wird das fast überall verfügbare mobile Internet zur Selbstverständlichkeit: Mal schnell die Mails abrufen, zur nächsten Sehenswürdigkeit navigieren, Währungen umrechnen, die Speisekarte übersetzen - gerade unterwegs ist das alles sehr komfortabel. Doch viele Flatrates und Alles-inklusive-Angebote gelten nur im Inland - auf Reisen kann der Griff zum Smartphone zu einer Kostenfalle werden.

Nach dem Frankreich-Aufenthalt eine Rechnung über 51.716 Euro

Legendenstatus hat im Netz der Fernfahrer aus Schleswig-Holstein, dem nach einem Frankreich-Aufenthalt eine Rechnung über 51.716 Euro ins Haus flatterte, zuzüglich Mehrwertsteuer. Nach Intervention des Europäischen Verbraucherzentrums Kiel senkte das Unternehmen die Rechnung auf 1000 Euro. Ähnlich erging es einem Kroatien-Reisenden, der mit dem Dienstgerät surfte: 48.000 Euro. Hier blieben nach Rabatt noch gut 30 000 Euro zu begleichen.

Neben Urlaubern, Fernfahrern und Austauschstudenten trifft die Kostenfalle in der Hosentasche auch viele Geschäftsreisende und Teilnehmer internationaler Konferenzen - einschlägige Internetforen sind voller Erfahrungsberichte, in denen sich Betroffene über "Abzocke" und "Wucherpreise" beim sogenannten Daten-Roaming echauffieren.

Denn der mobile Internetnutzer surft im Ausland nicht über das Netz des heimatlichen Mobilfunkunternehmens, sondern über das eines örtlichen Anbieters. Die Unternehmen lassen sich diese Dienste fürstlich bezahlen.

Der Fachdienst ZDNet startete erst Ende März eine "Petition für faires Datenroaming". Die Datentarife stünden "in keiner Beziehung" zu den realen Kosten, sie seien "willkürlich und exzessiv".

Die europäische Politik hat den Aufreger schon länger als Thema erkannt, den Unternehmen aber sehr lange Zeit gelassen, die Preisauswüchse selbst zu beenden. Schon 2007 setzte die EU-Kommission eine Preisdeckelung für das Roaming bei ein- und ausgehenden Telefongesprächen durch, 2009 zog sie mit Preisobergrenzen für SMS nach.

In Sachen des Rufbereichswechsels regulierte sie bislang nur den Preis, den die Mobilfunkanbieter sich für die grenzüberschreitenden Datendienste gegenseitig in Rechnung stellen dürfen: Seit dem 1. Juli vergangenen Jahres sind das 80 Cent, zum 1. Juli dieses Jahres sinkt der Höchstpreis auf 50 Cent pro Megabyte. Die EU-Politiker hatten damit die Erwartung verbunden, dass die Anbieter ihre Einsparungen an die Kunden weitergeben. Schon 2008 hatte die damals zuständige Kommissarin Viviane Reding gedroht, ansonsten selbst niedrigere Verbraucherpreise vorzugeben.

Die Gefahr des "Rechnungsschocks" besteht fort

Doch die Konzerne nutzten die neuen Regelungen offenbar vor allem dazu, ihre ohnehin schon exorbitanten Margen in diesem Segment zu festigen. Die Gefahr der "Rechnungsschocks" bestehe fort, heißt es in einem Roaming-Zwischenbericht der EU-Kommission aus dem vorigen Sommer. Kein Wunder, dass nach einem EU-Barometer für 2010 nur 19 Prozent der 26.500 befragten Europäer die aktuellen Datentarife für "fair" hielten.

Nun ist Redings Nachfolgerin Neelie Kroes offenbar der Geduldsfaden gerissen. Weil alle Drohungen nicht fruchteten, greift die Kommission endlich auch beim Daten-Roaming zum härtesten Instrument, das ihr zur Verfügung steht: Sie will Preisobergrenzen verordnen.

Im Mai präsentierte Kroes ihre Vorstellungen intern. Danach sollen EU-Bürger für Daten-Roaming vom Sommer 2012 an maximal 90 Cent pro Megabyte bezahlen müssen, von Mitte 2014 soll die Obergrenze auf 50 Cent plus Mehrwertsteuer sinken. Mitte Juli will die Niederländerin ihren Gesetzesvorschlag veröffentlichen.

Ihr Ziel sei ein einheitlicher digitaler Markt Europa, in dem sich die Roaming-Kosten für alle EU-Bürger kaum von denen im Inland unterscheiden, sagt die ehemalige Wettbewerbskommissarin, die mit den Betreibern kritisch ins Gericht geht. Ab 2015 soll es nach dem Willen der Kommission so weit sein. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Bislang kostet ein Megabyte in Europa nach Erhebungen der EU-Kommission durchschnittlich noch rund 2,50 Euro. Für Angelika Niebler (CSU), Verbraucherexpertin im Europaparlament, ist das der Beweis, "dass es keinen funktionierenden Wettbewerb gibt". Sie hält die Deckelungspläne der Kommission für längst überfällig: "Die Anbieter hatten ihre Chance." Und auch die deutsche Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) begrüßt es ausdrücklich, dass "die EU diese Abzocke künftig unterbinden" will. "Wer im Urlaub keinen günstigen Auslandstarif für das Handy abgeschlossen hat, kann nach wie vor eine böse Überraschung auf der Handy-Rechnung erleben", so die Ministerin.

Da die Obergrenzen erst im kommenden Jahr in Kraft treten und zumindest im ersten Schritt noch eher üppig bemessen sind, heißt das für die Verbraucher in diesem Sommer weiterhin: Surfen am Strand kann sündhaft teuer werden.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
leser_99 15.06.2011
1. Binnenland
Zitat von sysopWer im Ausland mobil ins Internet geht, kann eine böse Überraschung erleben - wenn ihm sein Mobilfunkbetreiber eine aberwitzige Rechnung präsentiert. Doch jetzt will die Europäische Kommission den Mondtarifen Einhalt gebieten. http://www.spiegel.de/0,1518,767943,00.html
EU ist Binnenland und da sollte es keine "Auslandspreise" geben. Ich hoffe, dass Brüssel da mal energisch eingreift.
nyclion17, 15.06.2011
2. ist das so wichtig???
Zitat von sysopWer im Ausland mobil ins Internet geht, kann eine böse Überraschung erleben - wenn ihm sein Mobilfunkbetreiber eine aberwitzige Rechnung präsentiert. Doch jetzt will die Europäische Kommission den Mondtarifen Einhalt gebieten. http://www.spiegel.de/0,1518,767943,00.html
Erst die Handytarife im Ausland, jetzt die Surfgebuehren. Ist das so wichtig? Eher Luxusprobleme! Mir waere wichtiger dass in Europa, besonders in Deutschland, die überdurchscnittlich hohe Strom, Gas und Ölkosten mal geprüft werden! Na ja, da ist das Volk wieder abgelenkt und denkt es wird etwas fuer ihm getan, waehrend die Energieversorger wieder mal die Preise erhöhen!!!
Emuopa 15.06.2011
3. regionale SIM-Karte
Vor einer wünschenswerten und erforderlichen europäischen Regelung bleibt nur die Empfehlung zur Anschaffung einer regionalen SIM-Karte, die gibt es oft prepaid günstig, z.B. in Griechenland von Cosmote: 10 Tage für 15 Euro, 3 GB inclusive.
MichiD 15.06.2011
4. Vorsicht bei den Limits
Im Artikel wird ja schon als Ausnahme in Europa z.B. die Schweiz erwähnt. Und das gilt auch und gerade (in der Regel) für die Limits/"Pille fürs Handy"... Ich hab' mal bei Simyo geschaut. Der Auslandstarif ist in der EU (!) mit 0,49EUR/MB noch vergleichsweise günstig. Aber der Kostenschutz für das Ausland gilt nur für EU-Staaten, explizit nicht für die Schweiz. Die beworbene "Pille" = Kostenlimit für Sprache+Daten gilt nur im Inland, nicht für Roaming. Dennoch mag ein Prepaid-Anbeiter von Vorteil sein... sofern man nicht automatisch aufladen läßt.
will-shakespeare 15.06.2011
5. EU ist Binnenland?
Zitat von leser_99EU ist Binnenland und da sollte es keine "Auslandspreise" geben. Ich hoffe, dass Brüssel da mal energisch eingreift.
Schön wär's. In Wirklichkeit geht es doch nur um die Liberalisierung der Märkte. Von einer wirklichen europäischen Harmonisierung, die auch am Normalbürger orientiert ist, trennen uns doch Lichtjahre.
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