AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2011

SPIEGEL-Gespräch "Angst treibt uns voran"

Der britische Archäologe und Historiker Ian Morris über die Strukturmuster geschichtlicher Entwicklung, die Gründe für die Vorherrschaft des Westens und einen kommenden historischen Umbruch.

REUTERS

SPIEGEL: Herr Professor, in Ihrem Buch "Wer regiert die Welt?" durchstreifen Sie 15.000 Jahre Menschheitsgeschichte, um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum der Westen seine beispiellose Vormachtstellung errungen hat - und wie lange sie noch anhalten wird. Haben Sie eine Universalformel für Aufstieg und Niedergang der Zivilisationen entschlüsselt?

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Morris: Wäre mir das gelungen, so müsste die Geschichte einer Gesetzmäßigkeit folgen, nach der alles von Anfang an festgeschrieben wäre. Eine solch deterministische Auffassung liegt mir fern. Die Entwicklung ist nicht langfristig vorherbestimmt. Den grandiosesten Versuch, die Weltformel der Geschichte zu entdecken, hat bekanntlich Karl Marx unternommen: Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus. Die ostasiatischen Staaten dagegen, so meinte er, seien im Bernstein des Despotismus eingeschlossen und könnten darum den fortschrittlichen Weg des Westens nicht beschreiten.

SPIEGEL: Die Entfesselung der Produktivkräfte fand nun einmal im Westen statt. Der Westen regiert die Welt, weil die industrielle Revolution vor 200 Jahren hier begann und nicht im Osten.

Morris: Was nicht heißt, dass kein anderer Gang der Dinge möglich gewesen wäre. Zwar war der Westen dem Osten in seiner Entwicklung 14.000 Jahre lang seit der Endphase der letzten Eiszeit voraus. Aber um 540 unserer Zeitrechnung, als das Römische Reich verfallen war, zog der Osten am Westen vorbei und behielt diese Führung bis ins 18. Jahrhundert hinein. Die westliche Überlegenheit war niemals unverrückbar vorgezeichnet, auch wenn die Europäer gern an ihre kulturelle Höherwertigkeit glauben.

SPIEGEL: Ist die Geschichte also nur eine Abfolge mehr oder weniger zufälliger Ereignisse? Hatten die Briten einfach Glück, als sie die Dampfmaschine erfanden?

Morris: An das weltgeschichtliche Zufallsmodell glaube ich ebenso wenig wie an die Theorie der langfristigen Determiniertheit. Die Vertreter beider Schulen verstehen die geschichtliche Entwicklung falsch und gelangen deshalb zu den widersprüchlichsten Ergebnissen.

SPIEGEL: Was ist denn Ihre Perspektive?

Morris: Da halte ich es durchaus mit Marx, wenn er schrieb, dass die Menschen ihre eigene Geschichte machen, aber nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter gegebenen und überlieferten Umständen. Die Geschichte verläuft sehr wohl nach bestimmten Mustern. Die Menschen reagieren, wenn Druck auf ihre Lebensumstände einsetzt. Daraus folgt, wenn Sie mir die Ironie gestatten, mein eigenes Morris-Axiom: "Veränderungen werden von faulen, habgierigen, verängstigten Menschen bewirkt, die nach leichteren, profitableren und sichereren Wegen suchen, ihr Leben zu führen. Und sie wissen dabei nur selten, was sie eigentlich tun."

SPIEGEL: Faulheit, Angst und Habgier als Antriebskräfte der Geschichte? Verzeihung, das klingt trivial.

Morris: Aber das sind anthropologische Konstanten. Rund um den Erdball und quer durch die Zeiten sind sich die Menschen - nicht als Individuen, sondern als Gruppe betrachtet - ziemlich gleich. Sie experimentieren ständig herum, um sich das Leben zu erleichtern und ihr Wohlergehen zu mehren. Die größten Sprünge machen sie, wenn harte Zeiten radikale Maßnahmen erfordern. Angst treibt uns voran. Geschichte ist eine Folge von Anpassungen an die Welt, die uns vor immer neue Probleme stellt.

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
bapon1 24.06.2011
1. 14.000 Jahre??
"(...) war der Westen dem Osten in seiner Entwicklung 14.000 Jahre lang seit der Endphase der letzten Eiszeit voraus. (...)" Verstehe ich nicht. Waren nicht gerade in früher Vergangenheit andere Kulturen der noch nicht existenten europäischen Kultur voraus?? Sumer Mohenjo Daro Ägypten bevor Griechenland und Rom kamen??
47/11 24.06.2011
2. Angst ...
... ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber, das zeigt die Entwicklung der Gesellschaft in der Vergangenheit bis heute , aber sie macht die Menschen gefügig . Deshalb wurde auch " das Böse " erfunden - Teufel, Kommunisten,gelbe Gefahr , al Quaida usw -und als Instrument der Gefügigmachung benutzt .
richsorge 24.06.2011
3. lechts und rinks kann man leicht verwechseln
Zitat von sysopDer britische Archäologe und Historiker Ian Morris über die Strukturmuster geschichtlicher Entwicklung, die Gründe für die Vorherrschaft des Westens und einen kommenden historischen Umbruch. http://www.spiegel.de/0,1518,769431,00.html
Wosten und Esten. Frei nach Prof. lit. Ernst Jandl. In diesem Sinne: Lechts und links kann man leicht velwechseln
frubi 24.06.2011
4. .
Zitat von sysopDer britische Archäologe und Historiker Ian Morris über die Strukturmuster geschichtlicher Entwicklung, die Gründe für die Vorherrschaft des Westens und einen kommenden historischen Umbruch. http://www.spiegel.de/0,1518,769431,00.html
"Angst treibt uns voran." Und genau das wissen die Leute in den entscheidenden Positionen. Deswegen kriegen wir auch regelmäßig die Meldung, wir werden hier und dort bedroht (islamistischer Terrorismus), wenn das nicht eintrifft wird schlimmes passieren (Bankenrettung) etc. etc.
ralphofffm 24.06.2011
5. Dolle Sache
Das sich Liberlaismus , Demokratie udn Menschenrechte durchsetzen ist nicht so einfach ausgemacht. Tatsächlich orientieren sich ja einige Eliten im Westen am Despotismus ihrer Handelspartner. Die arabische Revolution gibt da etwas Anlass zur Hoffnung. Krieg war schon immer das Mittel von Einzelnen oder schmalen Schichten um ihre Interessen druchzusetzen. Ich hab keine Angst vor den Atomwaffen der Armeen aber vor dem einen General der seinen Macht in seinem eigensten Interesse durchsetzen will.
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