Von Markus Grill
Wolfgang Stock hält das Online-Lexikon Wikipedia für "eine tolle Sache". Über einen Internetanschluss zu verfügen bedeute für viele Menschen, "das Wissen der Welt zur Verfügung zu haben". Deshalb findet der 52-jährige Professor es auch richtig, Wikipedia zum Weltkulturerbe der Unesco zu erklären.
Mit Wiki-Watch will Stock auch Betroffenen helfen, die sich im Online-Lexikon falsch dargestellt oder gar verleumdet sehen. Wiki-Watch kläre auf, "wie man sich gegen Wiki-Einträge wehren kann" und was man tun könne, "wenn ein Artikel Sie in ein nachweislich falsches, schlechtes Licht rückt und Ihre Reputation Schaden leidet".
Während Stock an der Universität Transparenz predigt, praktiziert er bei Convincet das glatte Gegenteil: "Als Berater bringen wir uns für Ihren Erfolg ein, bleiben aber vollständig im Hintergrund. Auf unsere Vertraulichkeit können Sie sich verlassen, während unserer Zusammenarbeit und danach."
So verspricht der PR-Berater seinen zahlungskräftigen Kunden "direkte Kommunikation mit den für Sie wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungsträgern" und den "Aufbau von Vertrauen gegenüber wichtigen Stakeholdern, vor allem den Medien".
Das klingt nicht nur gut, das ist auch genau das, was Unternehmen brauchen, die in einen Skandal verwickelt sind. Stocks Versprechen sind vermutlich mehr als leere Worte, denn der Mann ist bestens vernetzt in Politik und Medien. Vor seiner Zeit als Krisen-PR-Berater war er als Journalist tätig: erst leitender Redakteur der "Berliner Zeitung", dann "Focus"-Korrespondent in Berlin, schließlich Politikchef der "Welt am Sonntag".
Zusammen mit "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und dem damaligen Bonner "Focus"-Büroleiter Ulrich Reitz hat Stock zwei Biografien geschrieben, über die CDU-Politiker Roman Herzog und Rita Süssmuth. Im Jahr 2000 trat er als Autor der ersten Biografie über Angela Merkel auf, und 2005 erfand er den Video-Podcast der Bundeskanzlerin, den er acht Folgen lang produzierte.
Seit 2010 ist Stock zudem Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes seines Wohnsitzes Woltersdorf bei Berlin. Seinen Professorentitel erhielt er von der erzkatholischen Gustav-Siewerth-Akademie als Nachfolger des dortigen Journalismus-Professors und ZDF-Historikers Guido Knopp.
Aber um wen oder was kümmert sich der Krisenberater Stock heute konkret neben seinem Uni-Projekt, mit dem er angeblich Wikipedia verbessern will?
Einer von Stocks Kunden ist Sanofi-Aventis, der fünfgrößte Pharmakonzern der Welt. Doch was Stock für Sanofi genau macht - darüber schweigen sich die Beteiligten aus. Miriam Henn, Leiterin der Sanofi-Pressestelle, räumt lediglich ein, Stocks Firma Convincet "berät uns seit Juli 2009 in Kommunikationsfragen". Krisenberatung konnte Sanofi-Aventis in den vergangenen Jahren mehrfach gebrauchen. Derzeit steht der Konzern im Verdacht, jahrelang zum Schein Medikamente nach Nordkorea geliefert zu haben, die dann in deutschen Apotheken landeten. Erst vor drei Wochen durchsuchte die Staatsanwaltschaft Verden deshalb die Sanofi-Niederlassungen in Frankfurt und Berlin und leitete gegen den ehemaligen Cheflobbyisten der Firma ein Verfahren wegen Bestechung ein. Noch schwerer traf Sanofi in den zurückliegenden Jahren aber die Kritik an seinem umstrittenen Blockbuster Lantus.
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© DER SPIEGEL 28/2011
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