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Ausgabe 28/2011

Pharmaindustrie: "Wir bleiben im Hintergrund"

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Der CDU-Politiker und Krisen-PR-Agent Wolfgang Stock gründete an der Uni Frankfurt (Oder) "Wiki-Watch", angeblich um Wikipedia-Opfern zu helfen. Zuvor aber schrieb er im Online-Lexikon Artikel zugunsten des Pharmariesen Sanofi-Aventis um.

Wolfgang Stock hält das Online-Lexikon Wikipedia für "eine tolle Sache". Über einen Internetanschluss zu verfügen bedeute für viele Menschen, "das Wissen der Welt zur Verfügung zu haben". Deshalb findet der 52-jährige Professor es auch richtig, Wikipedia zum Weltkulturerbe der Unesco zu erklären.

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Wikipedia scheint in mehrfacher Hinsicht die große Leidenschaft des Professors zu sein: Im Jahr 2009 gründete Stock zusammen mit dem Berliner Rechtsanwalt Johannes Weberling "Wiki-Watch", ein Projekt, das im Herbst 2010 an der Universität Frankfurt (Oder) angesiedelt wurde und sich zur Aufgabe macht, "die faszinierende Wissens-Ressource Wikipedia transparenter zu machen". Schließlich wüssten die Nutzer "praktisch nichts über Wikipedia, außer ein paar Mythen".

Mit Wiki-Watch will Stock auch Betroffenen helfen, die sich im Online-Lexikon falsch dargestellt oder gar verleumdet sehen. Wiki-Watch kläre auf, "wie man sich gegen Wiki-Einträge wehren kann" und was man tun könne, "wenn ein Artikel Sie in ein nachweislich falsches, schlechtes Licht rückt und Ihre Reputation Schaden leidet".

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PR-Berater Stock: Dubiose Doppelrolle
Spätestens dieser Service hört sich aber weniger nach wissenschaftlicher Forschung an als vielmehr nach Krisen-PR. Und tatsächlich führt Stock auch eine Krisen-PR-Agentur mit dem wichtigtuerischen Namen Convincet in Berlin Unter den Linden. Hier bietet Stock "gezielte Interventionen" an und verspricht dabei "extrem schnelle und flexible Reaktion".

Während Stock an der Universität Transparenz predigt, praktiziert er bei Convincet das glatte Gegenteil: "Als Berater bringen wir uns für Ihren Erfolg ein, bleiben aber vollständig im Hintergrund. Auf unsere Vertraulichkeit können Sie sich verlassen, während unserer Zusammenarbeit und danach."

So verspricht der PR-Berater seinen zahlungskräftigen Kunden "direkte Kommunikation mit den für Sie wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungsträgern" und den "Aufbau von Vertrauen gegenüber wichtigen Stakeholdern, vor allem den Medien".

Das klingt nicht nur gut, das ist auch genau das, was Unternehmen brauchen, die in einen Skandal verwickelt sind. Stocks Versprechen sind vermutlich mehr als leere Worte, denn der Mann ist bestens vernetzt in Politik und Medien. Vor seiner Zeit als Krisen-PR-Berater war er als Journalist tätig: erst leitender Redakteur der "Berliner Zeitung", dann "Focus"-Korrespondent in Berlin, schließlich Politikchef der "Welt am Sonntag".

Zusammen mit "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und dem damaligen Bonner "Focus"-Büroleiter Ulrich Reitz hat Stock zwei Biografien geschrieben, über die CDU-Politiker Roman Herzog und Rita Süssmuth. Im Jahr 2000 trat er als Autor der ersten Biografie über Angela Merkel auf, und 2005 erfand er den Video-Podcast der Bundeskanzlerin, den er acht Folgen lang produzierte.

Seit 2010 ist Stock zudem Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes seines Wohnsitzes Woltersdorf bei Berlin. Seinen Professorentitel erhielt er von der erzkatholischen Gustav-Siewerth-Akademie als Nachfolger des dortigen Journalismus-Professors und ZDF-Historikers Guido Knopp.

Aber um wen oder was kümmert sich der Krisenberater Stock heute konkret neben seinem Uni-Projekt, mit dem er angeblich Wikipedia verbessern will?

Einer von Stocks Kunden ist Sanofi-Aventis, der fünfgrößte Pharmakonzern der Welt. Doch was Stock für Sanofi genau macht - darüber schweigen sich die Beteiligten aus. Miriam Henn, Leiterin der Sanofi-Pressestelle, räumt lediglich ein, Stocks Firma Convincet "berät uns seit Juli 2009 in Kommunikationsfragen". Krisenberatung konnte Sanofi-Aventis in den vergangenen Jahren mehrfach gebrauchen. Derzeit steht der Konzern im Verdacht, jahrelang zum Schein Medikamente nach Nordkorea geliefert zu haben, die dann in deutschen Apotheken landeten. Erst vor drei Wochen durchsuchte die Staatsanwaltschaft Verden deshalb die Sanofi-Niederlassungen in Frankfurt und Berlin und leitete gegen den ehemaligen Cheflobbyisten der Firma ein Verfahren wegen Bestechung ein. Noch schwerer traf Sanofi in den zurückliegenden Jahren aber die Kritik an seinem umstrittenen Blockbuster Lantus.

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1. Geht es um den ?
albert schulz 13.07.2011
Zielkonflikt - Wikipedia-Autor arbeitet für Sanofi-Aventis http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,773475,00.html
2. Nicht der erste
outdoor 13.07.2011
Zitat von sysopDer CDU-Politiker und Krisen-PR-Agent Wolfgang Stock gründete an der Uni Frankfurt (Oder) "Wiki-Watch", angeblich um Wikipedia-Opfern zu helfen. Zuvor aber schrieb er im Online-Lexikon Artikel zugunsten des Pharmariesen Sanofi-Aventis um. http://www.spiegel.de/0,1518,773434,00.html
Ein Herr Häuslebauer schreibt auch munter Artikel die sich auf einen Herr Häusler beziehen, jeder seiner Artikel bezieht sich auf Herr Häuslers Studien. Ist nichts Neues das Wikipedia für Promotion genutzt wird. Egal aus welcher Richtung. In politischen Themen ist wikipedia schon lange nicht besser als ein Propagandawerkzeug, wer sich darüber beschwert, wird weg zensiert. Wikipedia ist zum großen Teil nicht mehr glaubwürdig. Wer es als einzige Quelle nutzt, selbst schuld.
3. Bur gut dass das mal rauskommt
mick3 13.07.2011
Zitat von sysopDer CDU-Politiker und Krisen-PR-Agent Wolfgang Stock gründete an der Uni Frankfurt (Oder) "Wiki-Watch", angeblich um Wikipedia-Opfern zu helfen. Zuvor aber schrieb er im Online-Lexikon Artikel zugunsten des Pharmariesen Sanofi-Aventis um. http://www.spiegel.de/0,1518,773434,00.html
Bin froh, dass so was hier aufgedeckt wird. Das Problem an WP ist eben auch, dass es Menschen ermöglicht gezielt Artikel zu manipulieren. In diesem Fall konnte WP sich dem entgegenstellen in anderen Fällen, wie Tibet oder damit verbundenen Artikeln nicht, da es da einfach an der Mitarbeit von Experten fehlt und die Propaganda Interessen einiger überwiegen. Details siehe: http://www.tibetinstitut.de/wikipedia-und-tibet.html Persönlich habe ich WP abgeschrieben und aufgehört als Editor zu arbeiten. In manchen Punkten ist es aber gebrauchbar—als vorsichtiger Erstansatz über eine Wissensgebiet. Richtig schlimm wird es wenn es um Religion, Fanatismus und sog. "Sekten" geht. Da setzt sich mitunter die fanatische Mehrheit aber nicht die Vernunft auf der Basis akademischer Quellen durch.
4. Thema verfehlt
linx 13.07.2011
Zitat von outdoorEin Herr Häuslebauer schreibt auch munter Artikel die sich auf einen Herr Häusler beziehen, jeder seiner Artikel bezieht sich auf Herr Häuslers Studien. Ist nichts Neues das Wikipedia für Promotion genutzt wird. Egal aus welcher Richtung. In politischen Themen ist wikipedia schon lange nicht besser als ein Propagandawerkzeug, wer sich darüber beschwert, wird weg zensiert. Wikipedia ist zum großen Teil nicht mehr glaubwürdig. Wer es als einzige Quelle nutzt, selbst schuld.
In dem Artikel ging es nicht um wikipedia Kritik.
5. Oh my grammar!
mick3 13.07.2011
Zitat von mick3Bin froh, dass so was hier aufgedeckt wird. Das Problem an WP ist eben auch, dass es Menschen ermöglicht gezielt Artikel zu manipulieren. In diesem Fall konnte WP sich dem entgegenstellen in anderen Fällen, wie Tibet oder damit verbundenen Artikeln nicht, da es da einfach an der Mitarbeit von Experten fehlt und die Propaganda Interessen einiger überwiegen. Details siehe: http://www.tibetinstitut.de/wikipedia-und-tibet.html Persönlich habe ich WP abgeschrieben und aufgehört als Editor zu arbeiten. In manchen Punkten ist es aber gebrauchbar—als vorsichtiger Erstansatz über eine Wissensgebiet. Richtig schlimm wird es wenn es um Religion, Fanatismus und sog. "Sekten" geht. Da setzt sich mitunter die fanatische Mehrheit aber nicht die Vernunft auf der Basis akademischer Quellen durch.
Habe bei WP mitgeschrieben oder mitgearbeitet und nicht "abgeschrieben". Hätte meinen Kommentar besser gegen lesen sollen. Leider gibt es keine Editierfunktion für Forumseinträge... (wäre ja mal ein Verbesserungsvorschlag!)
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Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.
Der Gesundheitsfonds
In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Für die rund 150 gesetzlichen Kassen setzt die Bundesregierung seit 2009 einen einheitlichen Beitragssatz fest. Zum 1. Januar 2011 wurde er von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohns erhöht. Die Arbeitnehmer zahlen davon 8,2 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber wurde unabhängig von künftigen Beitragserhöhungen auf 7,3 Prozent eingefroren.

Aus den Einnahmen des Fonds wird den Kassen das Geld dann zugewiesen. Das Volumen ist für ein Jahr im Voraus fixiert. 2011 bekommen sie 178,9 Milliarden Euro. Für jeden Versicherten erhalten die Kassen je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand Zu- und Abschläge. Krankenkassen mit älteren und kranken Versicherten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer Vielzahl an jungen und gesunden Versicherten.

Erzielen die Kassen einen Überschuss, können sie eine Prämie an ihre Versicherten ausschütten. Die Entscheidung über deren Höhe und den Zeitpunkt der Ausschüttung, monatlich oder jährlich, bleibt der Kasse überlassen.

Kassen, die mit den zugeteilten Mitteln nicht auskommen, dürfen einen Zusatzbeitrag verlangen. Er wird vom Versicherten als feste Summe gezahlt. Theoretisch können die Kassen die Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe festsetzen. Mitglieder haben aber ein Sonderkündigungsrecht, wenn Zusatzbeiträge erhoben oder erhöht werden, und können zu einer günstigeren Kasse wechseln.