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Ausgabe 28/2011

Legenden: Ein Mittagessen mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange und Starphilosoph Slavoj Zizek

Von Angela Richter

Der Internetaktivist Julian Assange und der slowenische Philosoph Slavoj Zizek sind Superstars des linken Establishments. Weil WikiLeaks in Geldnöten ist, versteigerten die beiden ein gemeinsames Mittagessen in London. Die Theaterregisseurin Angela Richter aß mit. Ein Erlebnisbericht.

Assange trifft Žižek: Supernerd und Turbo-Philosoph
Fotos
AP

Kurz nachdem die Kellner den Wolfsbarsch gebracht haben, ist der Moment dann doch da. Plötzlich steht die Frage in der Luft, was in Schweden wirklich passiert ist. Acht Augenpaare richten sich auf Julian Assange, Slavoj Zizek zupft an seinem T-Shirt. Kann man das, ihn jetzt fragen?

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Wir sind zu zehnt bei diesem Mittagessen in London, an einem geheimen Ort, in einem Hotel im Osten der Stadt. Acht Menschen sind von überallher angereist und haben viel Geld bezahlt, um mit zwei anderen Menschen essen zu dürfen.

Der eine dieser beiden anderen ist Julian Assange, der WikiLeaks-Gründer, Informationsaktivist, der sich seit fast einem Jahr einem Strafverfahren wegen Vergewaltigung in minderschwerem Fall und sexueller Belästigung entzieht, eine Art gefallener Engel. Der andere ist der slowenische Popstar-Philosoph Slavoj Zizek, Lacan-Jünger, Hegelianer und Marxist, seine Vorträge über Philosophie, Pop und Politik, überall auf der Welt, feiert er wie Rockkonzerte.

Beide sind auf sehr unterschiedliche Art Stars des linken intellektuellen Establishments. Der eine, weil er der Welt Informationen gibt, der andere, weil er Sinn stiftet. Diese beiden Männer haben sich gemeinsam auf Ebay versteigern lassen. Zumindest für ein Mittagessen. Ein Problem könnte sein, dass der eine, Assange, nur redet, wenn es sein muss, und der andere, Zizek, berühmt dafür ist, kaum eine Sekunde schweigen zu können.

Ich habe für dieses Mittagessen etwa 1600 Euro bezahlt. Vier Tage zuvor hatte ich es ersteigert: 1600 Euro, um mit einem per Haftbefehl gesuchten Computernerd und einem dauerredenden Philosophen Mittag zu essen.

Der Supernerd ist die Steigerung des Nerds

Ich will in Hamburg auf Kampnagel ein Stück inszenieren über Supernerds, weil ich glaube, dass die Supernerds unsere Welt verändern und ihnen die Zukunft gehört.

Der Supernerd ist die Steigerung des Nerds. Ein Nerd ist ein Sonderling, dessen soziale Inkompetenz durch seine Intelligenz, sein Fachwissen, meistens seine Computerfähigkeiten, nicht ausgeglichen wird. Ein Supernerd hingegen ist genauso ein Sonderling und Fachidiot, aber er bringt es zu Starruhm. Anders als der Nerd hat der Supernerd Zugriff auf Frauen, was sowohl Assange als auch Zizek eindrucksvoll bewiesen haben (Zizek war bis vor ein paar Jahren mit einem argentinischen Unterwäsche-Model zusammen).

Ich hatte schon mehrmals versucht, mit Assange in Kontakt zu treten, erfolglos. Erst spät erfuhr ich von dieser Ebay-Auktion. Die erste Runde hatte ich verpasst, bei der zweiten schlug ich zu: Ich bekam den letzten der acht Plätze am Tisch.

Wer ein Mittagessen mit sich selbst bei Ebay versteigert, braucht offensichtlich dringend Geld. Etwa 20.000 Euro wird das Mittagessen eingebracht haben, es soll WikiLeaks zufließen, dessen Spendenkonten von Mastercard und Visa immer noch blockiert werden.

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insgesamt 46 Beiträge
ErekoseSK 12.07.2011
Dieser Žižek wirkt mir wie ein Selbstdarsteller. Das gefällt mir nicht.
Dieser Žižek wirkt mir wie ein Selbstdarsteller. Das gefällt mir nicht.
Barksdale 12.07.2011
Durch seine Veröffentlichung von sensiblen Daten zahlreicher Länder die allesamt als geheim eingestuft waren, eine Veröffentlichung die nichts als Unmut und Feindseligkeiten zwischen verschiedenen Staaten der Welt hervorgebracht [...]
Durch seine Veröffentlichung von sensiblen Daten zahlreicher Länder die allesamt als geheim eingestuft waren, eine Veröffentlichung die nichts als Unmut und Feindseligkeiten zwischen verschiedenen Staaten der Welt hervorgebracht hat , hat er sich strafbar gemacht und gehört somit vor ein Gericht.
Maccharoni 12.07.2011
Der Artikel enthält so viel Mehrwert, dass ich über seine Veröffentlichung froh bin. Der Sprachstil hebt sich ebenfalls von den eher mäßig verfassten (Spiegel)Zeitungsartikeln ab. Zur Sache: WikiLeaks ist weniger interessant wegen [...]
Der Artikel enthält so viel Mehrwert, dass ich über seine Veröffentlichung froh bin. Der Sprachstil hebt sich ebenfalls von den eher mäßig verfassten (Spiegel)Zeitungsartikeln ab. Zur Sache: WikiLeaks ist weniger interessant wegen seiner konkreten Informationen, die preisgegeben werden, sondern vielmehr wie sie beschaffen wurden. Jeder weiss, könnte wissen, wie Außenpolitik funktioniert. Überhaupt jede Politik begründet sich nicht auf Ethik oder Weltbürgertum (was sogar gefährlich wäre). Stattdessen spielt die Staatsräson eine tragende Rolle, was in Zeiten der Entwöhnung von Entscheidungsebenen und Bürgern den Eindruck erweckt, als könnten wir bei frevelhaftem Verhalten die Moralkeule schwingen. Die Frage ist, wie sehr wir ethisch sind, nur weil uns Wahrheiten aufgezeigt werden? Eine ganz andere und ästhetische Ebene ist das, wozu Assange aufruft: Kommunizieren. Wir müssen miteinander reden. Fromm nennt es "Die Kunst des Zuhörens". Nur so lässt sich der schädliche Narzissmus bändigen, eine Wesensart, auf die manche Frauen anscheinend sich sexuell hingezogen fühlen. Letztendlich läuft alles auf gesunden Selbstskeptizismus hinaus. Der Philosops / Linke scheint eine belehrende bis charmante Ader zu haben. Schwer nachzuvollziehen, was er eigentlich beim Essen wollte, ausser dem Ereignis Unterhaltsamkeit zu bieten. Unterhaltung, egal wie, halte ich für eine krankhafte Geisteshaltung unserer Zeit. Vlt kann die Autorin das in ihrem Stück mit einbinden. Denn wenn man sich fragt, warum Nerds zu sogenannten Supernerds aufsteigen, dann ist es sicherlich auch ihre starke, standhafte Natur mit Loserimage. Dieses oberflächliche Paradoxon ist in unserer Gesellschaft sicherlich unterhaltsam geworden. Ich wünsche der Autorin viel Erfolg für ihr Bühnenstück!
armagnac 12.07.2011
Zum Artikel "Hacker feiern Diebstahl Zehntausender militärischer Zugangsdaten", zu dem es leider keine Kommentarleiste gibt: Ein guter Bekannter von mir war bis 2007 als Principal für Booz Allen in China tätig. Ende [...]
Zum Artikel "Hacker feiern Diebstahl Zehntausender militärischer Zugangsdaten", zu dem es leider keine Kommentarleiste gibt: Ein guter Bekannter von mir war bis 2007 als Principal für Booz Allen in China tätig. Ende 2007 nahm er im Grand Hyatt in Shanghai an einem meeting des American Chamber of Commerce teil. Der Mann war 39 Jahre alt und kerngesund. 3 Wochen später verstarb er eines unerwarteten Todes. remember Christoph Alexander Bliss (+ 03. Dezember 2007)
Henson222 12.07.2011
Das ist schon seltsam. Auf der einen Seite ist Assange, der geheime Informationen von Firmen und Regierungen kostenlos an die Bevölkerung verteilt und er ist ein Verbrecher. Auf der anderen Seite steht dann Zuckerberg, der [...]
Das ist schon seltsam. Auf der einen Seite ist Assange, der geheime Informationen von Firmen und Regierungen kostenlos an die Bevölkerung verteilt und er ist ein Verbrecher. Auf der anderen Seite steht dann Zuckerberg, der Informationen über die bevölkerung für viel Geld an Firmen und Regierungen verkauft und er wird Mann des Jahres. Seltsame Welt...
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  • Montag, 11.07.2011 – 00:00 Uhr
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Zur Autorin
Angela Richter, 39, in Kroatien geborene Theaterregisseurin, hat zuletzt am Berliner Theater Hebbel am Ufer ihr Stück "Berghain Boogie Woogie" inszeniert, davor bei den Salzburger Festspielen "Tod in Theben" des Autors Jon Fosse. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Maler Daniel Richter, in Berlin.

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