Von Angela Richter
Kurz nachdem die Kellner den Wolfsbarsch gebracht haben, ist der Moment dann doch da. Plötzlich steht die Frage in der Luft, was in Schweden wirklich passiert ist. Acht Augenpaare richten sich auf Julian Assange, Slavoj Zizek zupft an seinem T-Shirt. Kann man das, ihn jetzt fragen?
Der eine dieser beiden anderen ist Julian Assange, der WikiLeaks-Gründer, Informationsaktivist, der sich seit fast einem Jahr einem Strafverfahren wegen Vergewaltigung in minderschwerem Fall und sexueller Belästigung entzieht, eine Art gefallener Engel. Der andere ist der slowenische Popstar-Philosoph Slavoj Zizek, Lacan-Jünger, Hegelianer und Marxist, seine Vorträge über Philosophie, Pop und Politik, überall auf der Welt, feiert er wie Rockkonzerte.
Beide sind auf sehr unterschiedliche Art Stars des linken intellektuellen Establishments. Der eine, weil er der Welt Informationen gibt, der andere, weil er Sinn stiftet. Diese beiden Männer haben sich gemeinsam auf Ebay versteigern lassen. Zumindest für ein Mittagessen. Ein Problem könnte sein, dass der eine, Assange, nur redet, wenn es sein muss, und der andere, Zizek, berühmt dafür ist, kaum eine Sekunde schweigen zu können.
Ich habe für dieses Mittagessen etwa 1600 Euro bezahlt. Vier Tage zuvor hatte ich es ersteigert: 1600 Euro, um mit einem per Haftbefehl gesuchten Computernerd und einem dauerredenden Philosophen Mittag zu essen.
Der Supernerd ist die Steigerung des Nerds
Ich will in Hamburg auf Kampnagel ein Stück inszenieren über Supernerds, weil ich glaube, dass die Supernerds unsere Welt verändern und ihnen die Zukunft gehört.
Der Supernerd ist die Steigerung des Nerds. Ein Nerd ist ein Sonderling, dessen soziale Inkompetenz durch seine Intelligenz, sein Fachwissen, meistens seine Computerfähigkeiten, nicht ausgeglichen wird. Ein Supernerd hingegen ist genauso ein Sonderling und Fachidiot, aber er bringt es zu Starruhm. Anders als der Nerd hat der Supernerd Zugriff auf Frauen, was sowohl Assange als auch Zizek eindrucksvoll bewiesen haben (Zizek war bis vor ein paar Jahren mit einem argentinischen Unterwäsche-Model zusammen).
Ich hatte schon mehrmals versucht, mit Assange in Kontakt zu treten, erfolglos. Erst spät erfuhr ich von dieser Ebay-Auktion. Die erste Runde hatte ich verpasst, bei der zweiten schlug ich zu: Ich bekam den letzten der acht Plätze am Tisch.
Wer ein Mittagessen mit sich selbst bei Ebay versteigert, braucht offensichtlich dringend Geld. Etwa 20.000 Euro wird das Mittagessen eingebracht haben, es soll WikiLeaks zufließen, dessen Spendenkonten von Mastercard und Visa immer noch blockiert werden.
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© DER SPIEGEL 28/2011
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