AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2011

Verkehr Laster der Tugend

Löst sich ein Feindbild auf? Eine Studie behauptet, dass Lkw mit bestimmten Frachtgütern weniger Energie verbrauchen als die Bahn. Bald soll ihr Abgas sogar sauberer sein als die Atemluft.

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Michael Spielmann, 45, ist promovierter Umweltwissenschaftler und hat langes Hippiehaar. Der Mann besitzt eine BahnCard 100, weil er sehr oft Zug fährt.

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Heft 28/2011
Ein deutsches Drama

Ausgerechnet dieser öko-affine Forscher stellt nun ein wichtiges Dogma der Umweltbewegung in Frage. Von jeher gibt es für Grüne kein Transportmittel, das so sparsam und umweltfreundlich ist wie die Bahn. Eine ihrer Urforderungen lautet daher, Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Doch sind Güterzüge wirklich besser für das Weltklima?

Als Projektleiter des Beratungsunternehmens PE International mit Sitz in Echterdingen bei Stuttgart hat Spielmann gründlich nachgerechnet - und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Moderne Lastwagen sind besser als ihr Ruf. Je nach Beladung, Frachtgut und Strecke verbrauchen Lkw sogar weniger Energie als die Bahn. Wenn das stimmte, wäre das eine Sensation.

Verdächtig macht sich Spielmann allerdings durch seinen Auftraggeber: Bezahlt hat die Studie der Verband der Automobilindustrie (VDA). Frühere Studien zu dem Thema, die eine klare Öko-Überlegenheit der Güterzüge nachwiesen, wurden hingegen häufig von der Bahn finanziert. In gewisser Weise herrscht damit jetzt eine Art Waffengleichheit.

Bislang gab es nur die Wahrheit der Bahn und der Zughersteller, die von Umweltverbänden und Parteien kritiklos übernommen wurde. Gestützt auf Daten des renommierten Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) verweist der Verband der Bahnindustrie auf eine Klimabilanz in eigener Sache. Sie attestiert dem Lkw, verglichen mit einem Güterzug, mehr als den vierfachen Kohlendioxidausstoß pro Tonnenkilometer.

Wo Bahn und Lkw sich unterscheiden

Nachhaltigkeitsexperte Spielmann hat nun ganz andere Zahlen errechnet. In einigen seiner Modellrechnungen schneidet der Lkw besser ab als die Bahn (siehe Grafik) und in keinem Fall auch nur annähernd um Faktor vier schlechter. Ist der Laster also gänzlich auf den Pfad der Tugend gekommen?

Ganz so einfach ist es nicht. Spielmann unterscheidet verschiedene Fracht- und Zugtypen und bestätigt auch durchaus die Vorteile der Bahn bei schwerem Schüttgut wie Eisenspänen - einer Ladung indes, die ohnehin fast nur auf der Schiene oder mit dem Schiff transportiert wird. Im wachsenden Containertransport jedoch bewertet Spielmann den Lkw völlig anders, teilweise besser als die Bahn.

Spielmanns Rechnungen basieren auf dem gleichen Formelwerk, das auch die Bahngutachter verwenden. Allerdings fütterte er die Computersimulationen mit anderen Anfangswerten - wer etwas anderes eingibt, bekommt etwas anderes heraus. So orientierte sich der Umweltwissenschaftler bei der Anzahl der Leerfahrten am weit niedrigeren Wert des Speditionsverbands BGL, den er auch für plausibler hält: "Der Lkw ist flexibler, was für eine höhere Auslastung spricht."

Auch die Verbrauchswerte, welche die Bahngutachter bislang den Lastwagen zuschrieben, hält der VDA-Gutachter für antiquiert. In den alten Bahnstudien verbrauchen Lkw teilweise noch 46 Liter pro 100 Kilometer. Erst in neueren Berechnungen wurde der Wert auf 37 Liter pro 100 Kilometer herabgesetzt. Spielmann hingegen rechnet nur noch mit 30 Litern, die für moderne Laster aber durchaus realistisch sind.

"Die Bahn ist nicht pauschal der Maßstab für Nachhaltigkeit"

So ist der Streit der Experten eröffnet. Als Spielmanns Ergebnisse durchsickerten, reagierte die Bahn mit einem Brandschreiben und warf PE International "methodische Unzulänglichkeiten" vor. Immerhin gibt Ifeu-Experte Wolfram Knörr zu: "Die Rechnungen von PE International sind in Ordnung." Die Ergebnisse seien jedoch unter völlig anderen Randbedingungen zustande gekommen.

Inzwischen haben sich die Kontrahenten angenähert. Spielmann hat eine aktualisierte Version seiner Öko-Bilanz erstellt, in der die Bahn den Energieverbrauch und den Anteil an Leerfahrten zu ihren Gunsten korrigieren durfte. Die Ergebnisse, die der VDA Anfang dieser Woche vorstellen will, werden durch die Intervention der Bahn ein wenig verschoben. Doch die grundsätzliche Botschaft bleibt bestehen - im Energieverbrauch unterscheiden sich Bahn und Lkw weit weniger als gemeinhin angenommen. "Die Bahn", resümiert Spielmann, "ist ein vortreffliches Verkehrsmittel, aber sie ist nicht pauschal der Maßstab für Nachhaltigkeit."

Und die Lastwagen holen weiter auf. Die Effizienz der Motoren wurde in den vergangenen Jahren beachtlich verbessert. Mercedes wies in einer Demonstrationsfahrt mit vollbeladenen Schwerlastwagen kürzlich Verbrauchswerte von knapp 26 Litern pro 100 Kilometer nach. Mit einem Liter Diesel trägt ein moderner Lastwagen eine Tonne Nutzlast 100 Kilometer weit. Dieses Verhältnis von Transportleistung und Energieverbrauch ist etwa hundertmal so günstig wie das eines Pkw, der einen Menschen ins Büro befördert.

Sauberere Auspuffgase als die Umgebungsluft

Und auch die Auspuffgase der Laster werden immer sauberer - bei den modernsten Fahrzeugen sogar nahezu schadstofffrei.

Um in einer rußgeplagten Metropole für bessere Luftqualität zu sorgen, könnte es beispielsweise helfen, den neuesten Lastwagen der Marke Mercedes-Benz im Zentrum der Stadt aufzustellen und den Motor laufen zu lassen.

Das jüngste Exemplar der schweren Baureihe Actros trägt eine Art Abgas-Raffinerie an der rechten Flanke hinter dem Fahrerhaus. Sie nimmt etwa den Raum eines großen Dieseltanks ein und hat eine klar definierte Aufgabe: die chemische Totalreinigung all dessen, was aus dem Motor kommt.

Als einer der ersten Lkw-Hersteller der Welt erfüllt Mercedes bereits heute die Abgasnorm Euro VI, zweieinhalb Jahre vor ihrer verbindlichen Einführung. Es sind Grenzwerte in der Nähe des absoluten Nullpunkts, nur erfüllbar mit einem ganzen Orchester von Luftputzgeräten: Abgasrückführung, Katalysatoren, Harnstoffeinspritzung und - nun auch im Lkw unumgänglich - ein geschlossener Partikelfilter. Alle diese Geräte zusammen bewirken, was wie ein Wunder klingen mag: "Wenn Sie diesen Motor in einer Stadt mit starker Luftbelastung laufen lassen, sind die Auspuffgase sauberer als die Umgebungsluft", erklärt Daimler-Manager Manfred Schuckert.

"Die Stigmatisierung des Lkw muss beendet werden"

Schuckert arbeitet nicht für die Werbeabteilung. Der bärtige Franke ist Ingenieur und Chefstratege des größten Lastwagenherstellers Europas. "Die Stigmatisierung des Lkw", fordert er, "muss beendet werden."

Die Laster-Lobby hat sich ihre Stigmatisierung allerdings systematisch selbst eingehandelt. Lkw wurden lange verschont, ihre Abgasvorschriften erst mit jahrelanger Verzögerung gegenüber den Pkw schrittweise verschärft.

Nun immerhin will Mercedes vorpreschen, die Vorschrift von 2014 schon heute erfüllen. Schuckert präsentiert plastische Vergleiche und Rechnungen: Je nach Wirtschaftslage produziert Mercedes 50.000 bis 70.000 Actros im Jahr; ein Lkw-Leben dauert etwa 1,2 Millionen Kilometer. Der Stickoxidausstoß eines Euro-VI-Lkw liegt um 80 Prozent unter dem eines Euro-V-Modells. Schuckert rechnet zusammen: Die Umstellung einer Jahresproduktion Actros auf die Euro-VI-Norm spart über das Leben der Fahrzeuge die jährliche Stickoxid-Emission Irlands ein.

Bei allem Fortschritt ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die Menschen den Laster lieben lernen. Auch mit atemfrischem Abgas bleibt er ein Ärgernis, das nervtötenden Lärm erzeugt und die Straßen verstopft. Der Autofahrer wird weiterhin fordern, dass endlich mehr Güter auf die Bahn kommen.

Er könnte sich aber auch die Frage stellen, warum er nicht selbst längst im Zug sitzt.



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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
maxweber 14.07.2011
1. Vorurteile
Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich Vorurteile in Luft auflösen, wenn Fakten in Spiel kommen: Die Bahn mitnichten das sauberste Verkehrsmittel. Wer zum Beispiel mit der Familie in den Urlaub fährt, ist mit einem modernen, sauberen Mittelklasse-Auto umweltfreundlicher unterwegs als mit der Bahn.
hk1963 14.07.2011
2. "Bald soll ihr Abgas sogar sauberer sein als die Atemluft."
Das glaube ich erst, wenn die Auspuffgase standardmäßig in die Fahrerkabine geleitet werden... "Wenn Sie diesen Motor in einer Stadt mit starker Luftbelastung laufen lassen, sind die Auspuffgase sauberer als die Umgebungsluft", erklärt Daimler-Manager Manfred Schuckert. Ach so, dass hört sich jetzt schon anders an. Und was ist mit "starker Luftbelastung" gemeint? Einen normale deutsche Stadt? Moskau im Hochsommer? Mumbai?
zoon.politicon 14.07.2011
3. U.a. Strassenverschleiss durch LKW nicht berücksichtigt
Zitat von sysopLöst sich ein Feindbild auf? Eine Studie behauptet, dass Lkw mit bestimmten Frachtgütern weniger Energie verbrauchen als die Bahn. Bald soll ihr Abgas sogar sauberer sein als die Atemluft. http://www.spiegel.de/0,1518,773715,00.html
Seltsame Studie. Unter vielem anderen muß berücksichtigt werden, dass der Strassenverschleiss durch LKW (habe gelesen, ein LKW verschleisse eine Strasse 160000 mal intensiver, als ein PKW) nicht berücksichtigt wurde: LKW-Räder schlagen in die kleinste Unebenheit eines Fahrbahnbelages mit hoher Wucht ein und verstärken rasch den Schaden: je tiefer der Defekt, desto höher die Wucht, mit der die LKW-Reifen einschlagen. Das Resultat kennt jeder Autofahrer, der mit seinem PKW über stärker belastete Strassen bzw. Autobahnen "hoppelt". Bei Kontrollen findet man häufig überladene LKWs, die entsprechend noch stärker schädigen. Die Kosten für die Strassenreparatur - die auch die Umwelt entspr. belastet - trägt natürlich der Steuerzahler bzw. der Autofahrer. In der Rechnung der LKW-Lobby tauchen diese Kosten nicht auf.
earl grey 14.07.2011
4. Das Feindbild bei Lastern...
Das Feindbild bei Lastern ist nicht der Verbrauch, sondern die Elefantenrennen auf der Autobahn... und das es sowieso auf den Strassen viel zu viele davon gibt. Diese einseitige Belastung eines Verkehrweges sollte abgebaut werden - von daher gehören mehr Güter auf die Bahn; egal was welcher von wem bezahlter Wissenschaftler da von sich gibt...
Schlossenteiser 14.07.2011
5. Sprücheklopferei
Die Beförderungsleistung des Straßengüterverkehrs in Deutschland ist mehr als viermal so hoch wie die des Schienengüterverkehrs. Diese Leistung auf die Schiene zu bringen ist unbezahlbar. Quelle: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Verkehr/Gueterbefoerderung/Tabellen/Content75/Gueterbefoerderung.psml
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