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Ausgabe 29/2011

Archäologie: Irrgärten der Unterwelt

Von Matthias Schulz

In Bayern ziehen sich über 700 "Erdställe" durch den Boden - unterirdische Geheimgänge, deren Sinn niemand versteht. Waren es Seelengräber? Oder Gefängnisse für Dämonen? Archäologen erkunden die rund tausend Jahre alten Gewölbe, um ihren Ursprung zu enträtseln.

Barfuß stapft Beate Greithanner die saftigen Wiesen des Doblbergs empor. Im Hintergrund strahlen schneebedeckte Alpengipfel. Die Bäuerin zeigt auf ein Loch in der Erde. "Hier hat die Kuh gegrast", sagt sie, "plötzlich brach sie bis zur Hüfte ein."

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Ein Krater tat sich auf.

Am Tag nach dem Fehltritt der Kuh untersuchte Gatte Rudi die Öffnung. Neugierig schob er den Kopf hinein und zwängte sich in den finsteren Schlund. War da vielleicht ein Schatz versteckt? Der Tunnel führte schräg hinab, eng und feucht, als wäre er das Gedärm eines Riesensauriers.

Der Landwirt hörte nichts mehr, die Luft wurde stickig, er bekam Angst - und brach die Erkundung ab.

Die Greithanners aus Glonn bei München sind Eigentümer eines seltsamen Bodendenkmals. Unter ihrem Gelände verläuft ein Labyrinth, von Kennern Erdstall genannt. Es ist mindestens 25 Meter lang und stammt wahrscheinlich aus dem Mittelalter. Manche meinen, es sei als Behausung für hilfreiche Kobolde errichtet worden.

Die Geologen und Vermessungsingenieure, die Ende Juni auf Greithanners Ranch stehen, wollen es jetzt genauer wissen. Unter den Besuchern sind drei Leute vom "Arbeitskreis für Erdstallforschung". Sie tragen rote Schutzanzüge und Helme. Sie wuchten die Betonplatte vom Eingang und verschwinden in der Tiefe.

Ihr Anführer, Dieter Ahlborn, krabbelt zuerst durch den kaum 70 Zentimeter hohen Gang. Sein Kollege Andreas Mittermüller bricht die Erkundung ab. "Kopfschmerzen" - zu wenig Sauerstoff. Der Chef kriecht weiter, bis im Schein seiner Lampe ein vermodertes Stück Holz auftaucht.

Er ergreift es wie ein Juwel. Womöglich liefert es den entscheidenden Hinweis auf das Alter der künstlichen Höhle.

Oben, auf der Wiese, haben die Leute vom Landesamt für Denkmalpflege in München derweil das Gelände mit Bändern abgesteckt. Sie rollen einen dreirädrigen Wagen mit Bodenradar über das Gras. "Der Erdstall ist hinten eingestürzt", erklärt einer, "wir ermitteln seine wahre Größe."

Engstellen mit kaum 40 Zentimeter Durchmesser

Die Untersuchung ist eine Pioniertat. Erstmals interessiert sich eine archäologische Behörde in Deutschland für ein höchst seltsames Vorzeitphänomen. Von Ungarn bis Spanien ziehen sich kleine Labyrinthe durch den Untergrund. Niemand versteht ihren Sinn.

Allein in Bayern wurden gut 700 Anlagen nachgewiesen, aus Österreich sind etwa 500 bekannt. Im Volksmund heißen sie "Schrazelloch", "Erdweiblschluf" oder "Alraunenhöhle". Wichtelmänner sollen sie erbaut haben. Erdgeister, heißt es, wohnen darin. Sagen geben vor, es seien kilometerlange Fluchtwege aus Schlössern.

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"Erdställe": Geheimgänge unter bayerischem Boden
In Wahrheit sind die Tunnel oft nur 20 bis 50 Meter lang. Große Gänge kann man gebückt durchschreiten. Durch die "Schlurfstrecken" geht es nur auf allen vieren. Am berüchtigtsten sind die "Schlupfe" - Engstellen mit kaum 40 Zentimeter Durchmesser.

Was sind Roms Katakomben gegen diese bayerischen Irrgärten der Unterwelt? Der Freistaat ist durchlöchert - und keiner weiß, wieso.

Viele Erdställe gehen von frühen Siedlungsplätzen ab. Ihre Eingänge befinden sich in Küchen alter Bauernhäuser. Sie liegen in der Nähe von Kirchen und Friedhöfen - oder mitten im Wald.

Dunkel und bedrückend wie in Tierbauten ist die Atmosphäre dort. Wer sie erleben will, kann sich bei Vinzenz Wösner aus dem österreichischen Münzkirchen melden. Der Gastwirt führt öffentliche "Bekriechungen" durch.

Über eine Steintreppe geht es vom Schankraum in den Mostkeller hinab. Dort gibt es eine Falltür, hinter der ein Loch gähnt. "Herzkranke lass'n wir ned eini", sagt er. Für Notfälle hält er ein Tragetuch parat, um Ohnmächtige aus der Röhre schleifen zu können.

Einen praktischen Nutzen, etwa als Wohnhöhle oder Vorratslager, können die Stollen nicht gehabt haben - schon wegen der störenden Schlupfe. Einige laufen im Winter zudem mit Wasser voll. Viehställe waren es auch nicht. Man fand keinen Kot.

Nicht eine einzige mittelalterliche Nachricht erwähnt den Bau eines Erdstalls. Ahlborn: "Die Anlagen wurden komplett totgeschwiegen."

Was die Forscher weiter erstaunt: Die winzigen Verliese sind nahezu fundleer. Besenrein, wie unbenutzt liegen sie da, als wären es Geisterorte. In einem Erdstall lag ein eisernes Pflugschar, in drei weiteren fand man zentnerschwere Mühlsteine. Das ist fast alles.

Begeistern konnten sich für dieses Geheimnis bislang nur Amateure. Der Pionier der Erdstallforschung, Lambert Karner (1841 bis 1909), war ein Priester. Seinen Büchern zufolge kroch er im Flackerlicht von Kerzen durch 400 Gewölbe mit "wunderlichen Windungen", "durch die man sich, oft nur wie ein Wurm, durchzuzwängen vermag".

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insgesamt 73 Beiträge
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1. yxcvbnm
Rodelkönig 22.07.2011
Tja, das waren dann vielleicht sowas wie die privaten Atombunker des Mittelalters. ;-) Klingt jedenfalls ziemlich interessant. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass es aus dieser Zeit, von der viele alles zu wissen glauben, immer wieder solche tollen Entdeckungen gibt bzw. völlige Neuinterpretationen bereits gemachter Funde gemacht werden müssen. Viele Grüße
2. Was stimmt nun?
Padraig 22.07.2011
Sie schreiben "Was die Forscher weiter erstaunt: Die winzigen Verliese sind nahezu fundleer. Besenrein, wie unbenutzt liegen sie da, als wären es Geisterorte. In einem Erdstall lag ein eisernes Pflugschar, in drei weiteren fand man zentnerschwere Mühlsteine. Das ist fast alles." Auf den hier gezeigten Bilder werden aber (O-Ton) "Tongefäßen, die in Erdställen gefunden wurden" gezeigt (siehe http://www.spiegel.de/images/image-238986-galleryV9-irpi.jpg). Was stimmt nun?
3. Verstecke
Teile1977 22.07.2011
Also ich würde die Tunnel auch als Verstecke definieren. Zu der Zeit war es in Europa sehr gefährlich, Raub, Mode und Totschlag an der Tagesordnung. Wer sich dan in eine sichere Höhle retten konnte hatte einen Vorteil. Und gleine Gänge lassen sich einfacher buddeln als große, und sind warscheinlich nicht so einsturzgefärdet. Warscheinlich sind aber trotzdem einige eingestürzt so das sie als nicht sicher eingestuft wurden und aufgegeben wurden (Damals machte der Burgenbau enorme Vortschritte). Ein enger Gang schreckte warscheinlich auch mögliche Verfolger ab, auch weil er leicht zu verteidigen war. Die fehlenden Ausgänge und keine Kammern am Ende wundern mich aber auch, hat man einfach mal einen Tag lang gebuddelt und dann gemeint jetzt ist es genug? Oder dachte man im Notfall könnte man sich mit den Händen nach oben durchbuddeln? Aber sehr interessant, die Dinger wurden villeicht zugeschüttet damit keine Kinder hineingehen, oder 200 Jahre später aus unwissenheit, damit keine Kobolde herrauskommen.
4. Was soll das ?
leser_81 22.07.2011
Für die kriminellen, als Seelengräber, als Fluchttunnel usw .... Warum schreibt man so viel über irgendwelche Vermutung wofür diese Tunnel gebaut worden sind ? Man weiß es zum jetzigen Zeitpunkt nicht ! Basta ! Ein sehr informativer Artikel ! Ich habe bisher noch nichts über diese Tunnen gehört. Jedoch könnte man diesen Artikel um ein gutes Stück kürzen wenn man endlich auf all die Vermutungen verzichten würde.
5. Alles Kult
archie 22.07.2011
Hier im Spiegel Online habe ich gelernt, dass alles was Archäologen nicht erklären können, vermutlich dem Kult diente. So auch hier.
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