AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2011

Internet Im Schwarm

DPA

3. Teil: Goalgetter sagt: "Schwarm ist eigentlich übertrieben"


Goalgetter gründete VroniPlag Ende März. Guttenberg war zu diesem Zeitpunkt längst zurückgetreten, die Schatzsucher hatten alles abgeräumt. Sie wussten, wie gut es sich anfühlt, ein Plagiat zu entdecken. Goalgetter zeigte ihnen neue Orte zum Graben.

Nach Veronica Saß stürzte sich der Schwarm auf die Arbeit des CDU-Landtagsabgeordneten Matthias Pröfrock aus Baden-Württemberg, auf die Doktorarbeit eines Hamburger SPD-Politikers und auf die Dissertation der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin. Goalgetter sagt, er wisse nicht, warum gerade diese Arbeiten durchsucht wurden, der Schwarm habe entschieden.

Er lächelt und erzählt dann, dass er Mitglied der SPD sei. Er sei allerdings eher aus Versehen Parteimitglied geworden, und er sei auch nicht mehr aktiv in der Partei, die SPD sei völlig unbedeutend für sein Engagement bei Vroniplag. Im Herzen sei er ohnehin ein sozialdemokratischer, grüner Pirat.

"Ich kann mit diesen neuen Formen, Politik zu machen, besser umgehen als mit Parteistrukturen", sagt er.

"Ich muss noch mal schnell einen raushauen"

Die Kontakte nach Berlin nützen gelegentlich noch, sagt er. Er habe zum Beispiel irgendwann einen Umschlag ohne Absender im Briefkasten gehabt, in dem sieben Ausarbeitungen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags lagen, die Guttenberg für seine Doktorarbeit verwendet hatte.

Wenn man Goalgetters wahren Namen googelt, findet man eine Website, auf der er mit der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles posiert.

Goalgetters Wangen sind ein wenig gerötet. "Ich muss noch mal schnell einen raushauen", sagt er und geht runter zum Golfplatz. Er legt einen Ball aufs Tee, zieht seinen längsten Schläger aus der Golftasche und sagt: "Stahl, Maßanfertigung." Dann schlägt er mit viel Schwung nach dem Ball und verfehlt ihn. "Der Russen", sagt er und haut noch mal. Er schlägt den Ball fast über die ganze Driving-Range und sieht sehr glücklich aus. "Ich mache immer 100 Prozent", sagt er.

Goalgetter ist nun gut gelaunt, er erzählt, dass er sich zu Beginn von VroniPlag mit verschiedenen Pseudonymen gleichzeitig angemeldet habe, damit niemand merkt, wie wenig Leute wirklich suchen. Er sagt auch, dass er früher in einer Mannschaftssportart-Nationalmannschaft gespielt habe und Deutscher Meister war, welche Sportart, dürfe man nicht schreiben, nur, dass es ein harter Sport war. Gelegentlich haut er einen Golfball ins Gras. Und irgendwann sagt er: "Schwarm ist eigentlich übertrieben. Ein Schwarm bewegt sich in die gleiche Richtung. Ich bewege mich manchmal bewusst in die andere."

Goalgetter und PlagDoc kennen sich aus dem Chat. Sie haben oft diskutiert, welche Richtung die richtige ist.

"Wir sind Informanten, nicht Akteure", sagt PlagDoc. Er selbst ist auch Mitglied in einer Partei, aber das sei unbedeutend für seine Arbeit. Er will nicht, dass man schreibt, zu welcher Partei er gehört, aber man dürfe schreiben, dass die Partei nicht im Bundestag sitze und dass er wertkonservativ sei und ökoliberal.

Als Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt verkündete, hat PlacDoc eine gewisse Genugtuung verspürt, obwohl das nie sein Ziel gewesen sei. Er war froh, dass die Schatzsuche vorbei war und dass er wieder Informatiker sein durfte. Er sitze zwar immer noch nachts in seinem Büro, sagt er, aber nun gehe es um seine eigene Doktorarbeit.

Ob man das Büro sehen könne?

Ein Doktortitel ist mehr als zwei Buchstaben auf einem Wahlplakat

"Oje", sagt PlagDoc. Der Schwarm sei doch viel mehr als er und sein Büro. PlagDocs Büro liegt zwei Straßen von dem Café entfernt, auf seinem Tisch stehen drei Monitore und zwei Eineinhalb-Liter-Flaschen Energydrink, unter dem Tisch liegen Zettel, Kabel und Sandalen. Es sieht nach harter Arbeit aus, wie das Büro eines Doktoranden. Es ist schwer vorstellbar, wie Karl-Theodor zu Guttenberg an einem solchen Schreibtisch sitzt.

GuttenPlag und VroniPlag haben die Menschen in diesem Land daran erinnert, dass ein Doktortitel mehr ist als zwei Buchstaben auf einem Wahlplakat. Die Guttenbergs von morgen werden sich genau überlegen, ob sie promovieren. Das ist das Verdienst des Schwarms, egal ob die Menschen anonym bleiben, Golf spielen oder Mitglied einer Partei sind.

Auf dem Golfplatz in Franken packt Goalgetter seine Sachen zusammen. Er wird wohl diese Nacht wieder Stunden bei VroniPlag verbringen. Er hat einige harte Bälle rausgehauen an diesem Tag, er lässt sich auf eine weiße Bank fallen und schaut über die fränkische Hügellandschaft. Er überlege, ob er sich outen solle, sagt er, seine wahre Identität preisgeben. Eine Wochenzeitung habe angeboten, dass sie ein Streitgespräch mit ihm und Jorgo Chatzimarkakis drucken würde, sagt er. Aber er habe gesagt, dass er nur mitmache, wenn der Chefredakteur moderiere, darunter mache er es nicht. Inzwischen habe er abgesagt.

Er sagt auch, dass er viele Screenshots gemacht habe von GuttenPlag und VroniPlag, die er auf seinem Computer speichert. Damit er seinen beiden Söhnen später zeigen kann, wer er einmal war.

Lesen sie im Werkstattbericht: Wie der Autor Takis Würger die Plagiatsjäger überzeugte, mit ihm zu sprechen

insgesamt 332 Beiträge
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Seite 1
Niamey 19.07.2011
1. Plagiate-Jäger
Zitat von sysopSie sind anonym, sie treffen sich im Internet, sie scannen Dissertationen und überführen Politiker als Fälscher: Guttenberg, Koch-Mehrin, nun den FDP-Mann Jorgo Chatzimarkakis. Wer sind diese Menschen? Was wollen sie? Was treibt sie an? http://www.spiegel.de/0,1518,775009,00.html
Die Frage können sie sich selbst beantworten: Es sind gestrandete, von Neid zerfressene, arbeitslose, der Gesellschaft auf der Tasche liegende Faulenzer! Wer sonst hätte soviel Zeit sich mit solchem Mist abzugeben und noch darüber zu schreiben! Ich habe keinen Dr., ätsch! Aber ich habe im fortgeschrittenen Alter hart für den erfolgreichen Abschluss meines Studiums gearbeitet. Leistet selbst erst mal etwas und tut nicht so als hättet ihr das Rad erfunden!
RosaHasi 19.07.2011
2. .
sehr mutige und aufrichtige menschen die sich mit diesem thema beschäftigen. anderen die arbeit abnehmen und nach plagiaten zu suchen. die korruption der politischen "klasse" die eigentlich keine sein dürfte in einer demokratie, die elitären strukturen die sich gebildet haben, weil wenige auf kosten anderer nicht nur reich geworden sind sondern auch nicht mehr arm werden können. dieses ganze pack kann sich die wahrheit oft erkaufen solange andere menschen sich dem nicht in den weg stellen.
mbschmid, 19.07.2011
3. Inquisitoren des 21. Jahrhunderts
Ein Unterschied besteht zwischen den Hexenjägern des Mittelalters und denen des 21. Jahrhunderts. Hexen gab und gibt es nicht, Leute die abschreiben schon. Aber die Mentalität und Bigotterie, welche die Inquisitoren zur Jagd antreibt, scheint heute wie damals dieselbe zu sein.
anton_otto 19.07.2011
4. Auffällig ist schon...
... dass die bislang Überführten der Union oder FDP angehören. Da es auch bei Grünen, SPD und Linken den einen oder die andere mit Dr.-Titel gibt, wäre es schon interessant zu erfahren, ob nicht auch dort prominente Plagiatoren zu finden sind.
Blitztrumpf 19.07.2011
5. tja
Da es heutzutage leider keinen investigativen Journalismus mehr gibt müssen Privatpersonen diese Aufgabe übernehmen. Was sie dabei antreibt ist dabei halt sehr unterschiedlich...
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