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Ausgabe 29/2011

Internet: Im Schwarm

Von Takis Würger

Sie sind anonym, sie treffen sich im Internet, sie scannen Dissertationen und überführen Politiker als Fälscher: Guttenberg, Koch-Mehrin, nun den FDP-Mann Jorgo Chatzimarkakis. Wer sind diese Menschen? Was wollen sie? Was treibt sie an?

Plagiate: So jagt der Schwarm Fotos
DPA

Es gibt Menschen, die nicht wollen, dass diese Geschichte erscheint. Diese Menschen sagen, einzelne Personen seien unwichtig, Bedeutung trage allein der Schwarm.

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Es ist ein Schwarm, der Wahrheit schafft und Politiker vernichtet. Er kennt keine festen Mitglieder und wenige Regeln, aber es gibt zwei Orte, an denen er sich sammelt wie in einem Nest: die Internetseiten von GuttenPlag und VroniPlag.

Anfang Juli saß der Europaparlamentarier Jorgo Chatzimarkakis in der Talkshow von Anne Will, er sprach über seine Doktorarbeit, die er für gelungen hielt, und er sprach über VroniPlag. Er sagte, er sehe in VroniPlag ein großes Problem für unsere Gesellschaft, weil dort Anonyme auf Politikerjagd gingen.

Chatzimarkakis nennt sie Jäger. Sie nennen sich Dokumentare.

Vergangene Woche haben die Dokumentare wieder gewonnen. Die Universität Bonn hat bestätigt, dass mehr als die Hälfte von Chatzimarkakis' Doktorarbeit plagiiert ist und erkannte ihm den Titel ab. Der Schwarm hat einmal mehr seine Macht bewiesen.

Die Menschen aus dem Schwarm halten ihre wahren Namen geheim. Sie treffen sich im Internet, durchstöbern Doktorarbeiten nach Fehlern und präsentieren ihre Funde online. Sie wiesen nach, dass Karl-Theodor zu Guttenberg Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben hat, und sie deckten den Betrug auf in der Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin.

Sie weigern sich, Antworten zu geben auf die Fragen, wer sie sind und was sie antreibt. Sie bleiben unsichtbar.

Die Sache mit Herrn zu Guttenberg

Ein paar wenige reden, unter den Bedingungen, dass sie anonym bleiben und dass sie ihre Zitate lesen dürfen, bevor sie erscheinen. Einer dieser Menschen trägt ein himmelblaues Polohemd und weiße Schuhe, er geht über den Rasen eines Golfplatzes in Franken und sagt, man könne sich aussuchen, welche Geschichte er erzähle: wie er einer Engländerin das Leben rettete, wie er als Privatmann Menschen wegen Sachbeschädigung oder Diebstahl verhaftete oder wie er half, Guttenberg zu stürzen. Der Mann will Goalgetter genannt werden. Es gehe um das Projekt, sagt er, und er könne nur für sich selbst sprechen. Goalgetter ist der Gründer von VroniPlag.

Ein paar Tage zuvor sitzt ein anderer Mann in einem Café vor einem Glas Pfirsich-Eistee und verhandelt die Bedingungen für sein Interview. Man dürfe schreiben, dass er in Süddeutschland lebe, aber nicht die Stadt. Dass er Mitglied in einer Partei sei, aber nicht in welcher. Studienfach ja, Spezialisierung nein. Familienstand, nein. Name, nein. Foto, nein. Der Mann will PlagDoc genannt werden. Es gehe um das Projekt, sagt er, und er könne nur für sich selbst sprechen. PlagDoc ist der Gründer von GuttenPlag.

Er will anonym bleiben, weil er fürchtet, dass er unter Wissenschaftlern als Nestbeschmutzer gelten könnte, außerdem seien die Gegner mächtig. Wenn sein Name bekannt würde, könnte vielleicht irgendwann ein Verrückter vor seiner Haustür stehen und sich rächen wollen.

PlagDoc ist 30 Jahre alt, er schreibt gerade seine Doktorarbeit in Informatik, er ist ein freundlicher kleiner Mann mit Bäuchlein und müden Augen. Er sagt, er habe die Nacht durchgeschrieben, weil er an diesem Morgen einen wissenschaftlichen Artikel abgeben musste. Es sei knapp geworden, weil die Sache mit Herrn zu Guttenberg noch nachwirke.

Die Sache mit Herrn zu Guttenberg, sie begann in den frühen Morgenstunden des 16. Februar, so erzählt es PlagDoc.

Schatzsucher im Goldrausch

Er saß in seinem Büro an der Universität. PlagDoc arbeite gern nachts, weil er dann Ruhe habe, sagt er. Auf einer Nachrichtenseite im Internet las er die Meldung, dass ein Professor aus Bremen in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg Plagiate gefunden habe.

PlagDoc sagt, er habe sich bis zu diesem Zeitpunkt wenig mit Guttenberg beschäftigt, er fand ihn eigentlich in Ordnung.

Er klickte sich durch Blogs, sah erste Plagiatsfunde und die Einleitung von Guttenbergs Dissertation.

"Es war ein bisschen so, als hätten die Leute einen Schatz gefunden. Da schaust du dann, ob da mehr liegt", sagt er.

PlagDoc wollte mitsuchen, aber ihn störte es, dass die Suche so chaotisch verlief. Jeder entdeckte etwas und stellte es irgendwo ins Internet. PlagDoc sagt, wenn er Daten finde, dann versuche er, sie zu sortieren. Er sammelte alle Plagiate, die er finden konnte und vereinte sie in einem Dokument, auf das jeder zugreifen konnte.

Andere Plagiatssucher begannen, in dem Dokument zu arbeiten, und als es 100 Benutzer gleichzeitig waren, stürzte es ab.

Es dämmerte, PlagDoc saß immer noch am Computer, zwischendurch aß er Fast Food, das seine Kollegen ihm brachten. Er war kein Doktorand der Informatik mehr, er war PlagDoc, ein Schatzsucher im Goldrausch.

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insgesamt 348 Beiträge
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1. Plagiate-Jäger
Niamey 19.07.2011
Zitat von sysopSie sind anonym, sie treffen sich im Internet, sie scannen Dissertationen und überführen Politiker als Fälscher: Guttenberg, Koch-Mehrin, nun den FDP-Mann Jorgo Chatzimarkakis. Wer sind diese Menschen? Was wollen sie? Was treibt sie an? http://www.spiegel.de/0,1518,775009,00.html
Die Frage können sie sich selbst beantworten: Es sind gestrandete, von Neid zerfressene, arbeitslose, der Gesellschaft auf der Tasche liegende Faulenzer! Wer sonst hätte soviel Zeit sich mit solchem Mist abzugeben und noch darüber zu schreiben! Ich habe keinen Dr., ätsch! Aber ich habe im fortgeschrittenen Alter hart für den erfolgreichen Abschluss meines Studiums gearbeitet. Leistet selbst erst mal etwas und tut nicht so als hättet ihr das Rad erfunden!
2. .
RosaHasi 19.07.2011
sehr mutige und aufrichtige menschen die sich mit diesem thema beschäftigen. anderen die arbeit abnehmen und nach plagiaten zu suchen. die korruption der politischen "klasse" die eigentlich keine sein dürfte in einer demokratie, die elitären strukturen die sich gebildet haben, weil wenige auf kosten anderer nicht nur reich geworden sind sondern auch nicht mehr arm werden können. dieses ganze pack kann sich die wahrheit oft erkaufen solange andere menschen sich dem nicht in den weg stellen.
3. Inquisitoren des 21. Jahrhunderts
mbschmid 19.07.2011
Ein Unterschied besteht zwischen den Hexenjägern des Mittelalters und denen des 21. Jahrhunderts. Hexen gab und gibt es nicht, Leute die abschreiben schon. Aber die Mentalität und Bigotterie, welche die Inquisitoren zur Jagd antreibt, scheint heute wie damals dieselbe zu sein.
4. Auffällig ist schon...
anton_otto 19.07.2011
... dass die bislang Überführten der Union oder FDP angehören. Da es auch bei Grünen, SPD und Linken den einen oder die andere mit Dr.-Titel gibt, wäre es schon interessant zu erfahren, ob nicht auch dort prominente Plagiatoren zu finden sind.
5. tja
Blitztrumpf 19.07.2011
Da es heutzutage leider keinen investigativen Journalismus mehr gibt müssen Privatpersonen diese Aufgabe übernehmen. Was sie dabei antreibt ist dabei halt sehr unterschiedlich...
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Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!
Plagiate - wissenschaftliches Diebesgut
Veröffentliche oder verrecke
"Copy & paste" gilt als Trendsport bei Studenten, die sich Seminar- oder Abschlussarbeiten mitunter aus dem Internet zusammenräubern. Wie sauber aber arbeiten Professoren? "Publish or perish" verlangt die akademische Tradition: Als erfolgreich gilt, wer viele bedeutsame Fachartikel veröffentlicht. Da können auch gestandene Hochschullehrer der Versuchung erliegen, Ideen oder Texte zu klauen.
Sünder im Verborgenen
Geistiger Diebstahl bleibt der Natur der Sache nach verschwiegen und wird nur ausnahmsweise aufgedeckt. Vor allem das Internet verlockt als unendliches Dokumentengrab Hochschullehrer wie Studenten zu Grabräubereien. Heraus kommt das am ehesten durch Bestohlene, die auf den Widerhall ihres Werkes achten, oder Kollegen im selben Arbeitsbereich, häufig belesene Doktoranden. Immer wieder werden schlechte Beispiele von wissenschaftlichen Promis bekannt: aus der Philosophie und Theologie, der Mathematik und Medizin, den Rechts- wie den Wirtschaftswissenschaften.
Spielarten des geistigen Diebstahls
Ein Plagiat ist genaugenommen die geklaute Kopie eines fremden Textes, ohne Angabe der Fundstelle - von einzelnen Passagen bis zu kompletten Texten. Schwerer nachweisbar ist der bloße Ideenklau im kollegialen Austausch. Im Hochschulbetrieb ist anonymes Ghostwriting für einen anderen unzulässig, aber kaum auszurotten. Alles andere als selten ist auch die bloße "Ehrenautorschaft" eines Chefs, der sich von seinen Wasserträgern, den wahren Autoren, huckepack nehmen lässt, obwohl er bei der Publikation selbst keinen Finger gerührt hat - nach der alten Devise "Der Geist des Instituts schreibt immer mit".

Bernd Wegner, Chefredakteur des internationalen "Zentralblatt MATH", erzählt SPIEGEL ONLINE Beispiele aus dem schmuddeligen Nähkästchen der Naturwissenschaften: "Unabgeschlossene Diskussionsbeiträge, Pre-Prints, von einer öffentlichen Internetplattform kopieren und dann damit schneller als der wahre Autor in Druck gehen; oder als Gutachter fremde Arbeiten ablehnen und die dann selber, natürlich 'verbessert', zur Veröffentlichung einreichen; oder eine Arbeit auf Russisch in englischer Version als Innovation zu verkaufen - das sind die wirklich harten Fälle!"

Amtliche Aufklärung
An manchen Hochschulen werden studentische Prüfungsschriften automatisch mit einer handelsüblichen Plagiat-Software durchleuchtet. An jeder Hochschule gibt es einen Ansprechpartner für wissenschaftliches Fehlverhalten, außerdem einen bundesweit tätigen Wächterrat (www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de). Diese Prüfstellen zielen auf eine gütliche Einigung zwischen den Streitparteien. Ansonsten steht der Rechtsweg offen, ein Hinweis an den Disziplinarvorgesetzten eines Hochschullehrers und eine Straf- oder Betrugsanzeige bei der Polizei.
Der Schaden der Opfer
Der geistige Dieb betrügt an zwei Stellen - dort, wo er klaut, und dort, wo er den Text weiter verhökert. Der wahre Autor oder sein Verlag können gerichtlich durchsetzen, dass als Buch veröffentlichtes Diebesgut nicht länger im Handel bleibt. Der Verlag, der das Plagiat zurückholen und vernichten muss, kann für seinen finanziellen Schaden den Plagiator selber haftbar machen. Es bleibt der immaterielle Schaden des Bestohlenen: Sein eigener Text, etwa eine Doktorarbeit, spukt oft im Internet unter dem Namen des Diebes weiter - und wird von ahnungslosen anderen mit der falschen Autorenangabe zitiert.
Strafen für die Täter
An der Uni Münster wurde 2009 ein Examenskandidat wegen Plagiats rechtskräftig exmatrikuliert. In Nordrhein-Westfalen müssen abschreibende Studenten mit bis zu 50.000 Euro Geldstrafe rechnen. Neuerdings verfolgen Staatsanwaltschaften plagiierte Doktorarbeiten "im öffentlichen Interesse", ganz ohne Anzeige eines Betroffenen; die Strafe liegt durchweg bei drei Monatsgehältern oder 90 Tagen Haft. Beamteten Hochschullehrern drohen Disziplinarstrafen von der (gängigen) Ermahnung bis zur (theoretischen) Entlassung aus dem Dienst, Angestellten böse Briefe von der Abmahnung bis zur außerordentlichen Kündigung. Gleichwohl gilt der geistige Diebstahl unter Professoren oft noch als Kavaliersdelikt. Deswegen ist noch niemand aus dem Deutschen Hochschulverband, der Standesvertretung der Uni-Dozenten, ausgeschlossen worden.
Weitere Infos
Zum Schutze der persönlichen Autorenrechte gelten an allen Hochschulen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Rechtsprofessor Volker will neu auftauchende Missbrauchsfälle laufend auf einer eigenen Webseite dokumentieren: www.wissenschaftsplagiat.de

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